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Der Fall Kachelmann(2)
Eingestellt am 23. 12. 2010 19:54


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Herbert Schmelz
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Der Fall Kachelmann(2)
Zwischenbilanz einer Wahrheitssuche

Alice Schwarzer glaubt an ein ‚Tatgeschehen’, das vom Opfer als Vergewaltigung durch den Freund beschrieben wird. Der bittere Beigeschmack dieser Klage entfaltet aus meiner Sicht nachhaltige Wirkungen. Ankläger und Gericht verleihen dieser Version jedenfalls das Gewicht einer realen Wahrheit. Sie haben bisher keine Zweifel an der Opferzeugin und ihren Aussagen geäußert und überhaupt Jörg Kachelmann bis heute nicht entlastet, wo immer es um eine günstigere Chance für die Abwehr einer mindestens 5-jährigen Gefängnisstrafe wegen schwerer Vergewaltigung ging. Während der ungewöhnlichen Untersuchungshaft wäre genügend Zeit für andersartige Lösungen des Falles gewesen. Der Strafprozess jedoch erhöht die Risiken, gemessen an einem vernünftigen Ergebnis des moralischen Konflikts. Und mit der Ausweitung der Risiken steigen auch die gesellschaftlichen Kosten, die bekanntlich nicht nur in Währungseinheiten gemessen werden.

Für den erkennenden Beobachter ziehen Anklage und Gericht am gleichen Strang. Aber selbst eine interne Justizintrige kann nicht ausgeschlossen werden, in der ehrgeizige Staatsanwälte und Richter aus Borniertheit oder vorauseilendem Gehorsam vermeintlicher moralischer Autorität gegenüber Gerechtigkeit geringer beachten. Für Kenner der Materie ist Revision eines Urteils vorprogrammiert, das keinen Freispruch Kachelmanns beinhaltet. Überzeugende Beweise oder Entlastungen gibt es bisher nicht, weshalb die Nervosität zunimmt. Welche Erkenntnisse das Strafverfahren auch immer noch bereit hält, die magere These Alice Schwarzers ist nicht von der Hand zu weisen, dass der Fall K. nur ein Beispiel ist für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, die sich mit der „Frage der sexuellen Gewalt innerhalb einer Beziehung“ beschäftigt. Der Frage schon, aber die sexuelle Gewalt selbst bleibt in diesem Fall seltsam tabuisiert.

Es sollte allgemein klar sein, dass die von Schwarzer aufgeworfene 'Frage' nicht identisch mit der Wirklichkeit ist, auf die sie von ihr bezogen wurde. Auch die 'Beziehung' zwischen den Geschlechtern ist nicht einfach reines Naturphänomen oder Privatsache. Sexuelle Praxis kann daher -einschließlich dessen, was als legitime bzw. illegitime Gewalt gilt- von vornherein nur mit Macht, Kontrolle und dem materiellen Überleben verbunden sein, eben mit der Gesellschaft, auf deren Boden die Individuen sich wirklich betätigen.

Wie wir erfahren, beschränkt sich die Auseinandersetzung nicht auf die unmittelbar Beteiligten vor Gericht, sondern spielt sich in der Öffentlichkeit, auf großen und kleinen virtuellen Bühnen ab. Ob nun auf allen Seiten mit Halbwahrheiten operiert wird, Aussagen zu passenden Geschichten gemodelt werden, sei nicht entscheidend. Entscheidend sei, was letztlich geglaubt werde. Interessant an dieser religiös motivierten Überzeugung ist ihr scheuer Blick auf eine inszenierte Vergewaltigung, die zu einer inquisitorischen Anklage führen musste. Inzwischen kann in dieser virtuellen Realität sogar als gleichgültig empfunden werden, ob eine Vergewaltigung tatsächlich stattgefunden hat oder nicht.

Entscheidend ist also nicht der bekannte, öffentlich inszenierte Fall, sondern dass der Staat an der Moralschraube dreht und ein Verhalten bestrebt ist negativ zu sanktionieren, welches die Konflikte in unserer Gesellschaft gefährlich verschärfen könnte, würde es in den handelnden Subjekten zur anerkannten Verhaltensmaxime.

Das elementare Verhalten von Menschen aus Fleisch, Blut und Gehirn ist vorerst eben noch nicht künstlich konstruiert und damit nicht der selbst kontrollierbaren subjektiven Empfindungen beraubt. Ungehemmte, ungeregelte Promiskuität gilt aus Sicht einer antiaufklärerischen Ideologie bei uns noch als moralisch schädlich. Sie wird Jörg Kachelmann in Wahrheit angelastet, obwohl die Anklage vornehm schweigend diesen wesentlichen Punkt der herrschenden Moral übergeht. Vielleicht meint die Anklage, den Fall mit einem esoterischen Vorverständnis sexueller Gewalt beherrschen zu können. Wir wissen jedoch, dass praktisch ausnahmslos alle Gesellschaften das Sexualleben ihrer Mitglieder regulieren. Aber der Mannheimer Ankläger unterstellt um seiner Vorurteile willen ein unreguliertes Sexualleben.

Dieser zunächst verborgene, aber sogleich skandalisierte Zusammenhang ist einsichtig, da vor lauter Vergewaltigung die noch in den Kinderschuhen steckenden 'neuen' Sitten des Sexuallebens einfach an den Rand gedrückt werden. Tatsächlich sind auf den Gebieten des Eigentums- und Erbrechts, des Arbeitsmarkt-, Vertrags-, Familienrechts wirkungsvolle Entscheidungen bedroht in dem Maße, in dem ein wirklich freieres Sexualverhalten einen stabilen gesellschaftlichen Konsens findet. Die Entwicklungen zu mehr sexueller Freiheit und Gleichberechtigung der Geschlechter geraten, trotz einiger sinnvoller Reformen, andauernd in Widerspruch mit dem geltenden Rechts- und Moralsystem.

Wer auch hier ein Körnchen Wahrheit sucht, und es schließlich findet, muss vermeiden, den triebhaften Teil des Sexuallebens zu idealisieren. Denn selbst in der zivilisierten Kulturgesellschaft leben Aggression, Friedensliebe und die Ökonomie samt Finanzen scheinbar widerspruchslos zusammen. Der K. und die W. waren ein Jahrzehnt sexuell befreundet und wahrscheinlich auch frustriert. Sie haben sich Gedanken gemacht und Pläne geschmiedet. Von Kachelmann ist ein ‚Fehler’ eingestanden worden: Er habe bei seinen vielseitigen Sexualbeziehungen der Sabine W. nicht rechtzeitig deutlich gemacht, dass sie auf Dauer keine Chancen bei ihm habe.

Der Angeklagte hat seine juristische Zurückhaltung nun aufgegeben, weil sie ihn einengte und ihm schadete. Er kündigte seinen Verteidigerwechsel in der Bild-Zeitung rechtzeitig an, indem er selbstkritisch auf den moralischen Mainstream einschwenkte und auf das „Durcheinander in meinem Liebesleben“ verwies. Künftig möchte er „monogam leben“ und seine Unternehmerrolle nicht mehr im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit wahrnehmen.

Jetzt kann man verstehen, dass in Mannheim seit einigen Verhandlungstagen Bambule angesagt ist. Im ausgehenden Mittelalter gab die Inquisition dem Beschuldigten prinzipiell keine Chance, es sei denn, sie war sich untereinander uneinig. Das bürgerliche Gericht als Bestandteil der verfassten Gewaltenteilung hat nur wenige legale Möglichkeiten, seine eigenen Absichten geheim zu halten. So wurden jetzt über die seriöse Presse einige Knaller hinter den geschlossenen Türen des Gerichtssaals bekannt. Eine Entlastungszeugin, die Jörg Kachelmann offensichtlich in positiver Erinnerung hatte, wurde von einer Richterin mit Suggestivfragen bedrängt, die der neue Anwalt Ks’ als unwürdig und unappetitlich bewertete, da sie auf die Erzeugung eines illegitimen Schuldbeweises zielten. Offensichtlich verstärkt sich weiter der Verdacht, dass die Staatsanwaltschaft gezielt Informationen streut, um in der Öffentlichkeit ein Bild des ‚im Sinne der Anklage’ schlechten Sozialcharakters Ks’ zu erzeugen. Das gehört auch zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung, von der Alice Schwarzer sprach.

Ob das Opfer Sabine W. freiwillig, aus einer gewissen Berechnung heraus, in die Rolle des Pseudonyms schlüpfte, ob sie nur entsprechend ‚beraten’ wurde, das ist auch eine Frage der Fairness ihr selbst gegenüber. Wie Repräsentanten düsterer Machtverhältnisse vorzufahren und mit dem aufgeschlagenen Buchtitel vorm Gesicht*, der den inszenierten Schuldspruch schon insinuiert, im Garageneingang des Gerichts zu verschwinden, das nimmt dieser Frau, die sich als Opfer eines männlichen Gewaltausbruchs fühlt, doch etwas von ihrer Würde und ihrer Autonomie.

Manche Beobachter mögen Gründe haben, diesen Punkt anders zu bewerten. Und auch ich kann mir vorstellen, dass die für sie positiven Gutachten leicht implodieren, wenn sie im weiteren Prozessverlauf nach allen Regeln anwaltlicher Verteidigungskunst auseinander genommen werden. Man wird hier daran zu denken haben, dass die Verschiebung des Prozessendes vom Oktober auf den Dezember 2010 und dann auf März 2011 vielleicht noch nicht das letzte Wort war. ‚Endloser Prozess’ ist wohl das richtige Wort für ein unangemessenes, manipulatives Verfahren, in dem sich der Staat selbst verfangen hat.

Das eingangs wiedergegebene Szenario einer Vergewaltigung, die vom Beschuldigten in Abrede gestellt wird, passt nicht. Passender ist, dass zwischen den beiden Kontrahenten schon seit geraumer Zeit eine verdeckte Trennungsauseinandersetzung stattgefunden hat, die in Schwetzingen plötzlich eskalierte. Die wechselseitigen Vorhaltungen, Vorwürfe waren intensiv, beleidigend und voller Frust. In einer derartigen Auseinandersetzung rechnen beide nicht nur isoliert mit ihrem bisherigen Sexualleben ab, sie formulieren auch ihre materiellen Ansprüche und ihre moralischen Positionen. Wenn Zorn und Rachegelüste bereits den Beischlaf beeinträchtigten, so war der blinde Gewaltausbruch im geeigneten Moment nur die logische Folge. Hat Jörg K. Sabine W. erniedrigend geschlagen, haben sie sich beide gekeilt, so kann unmöglich eine Vergewaltigung stattgefunden haben – schon gar nicht in der vor Gericht geschilderten Form, für die es nur eine ungenügende öffentliche Anschauung gibt.

*DER SOZIOPATH VON NEBENAN - ist eine Täterkonstruktion, die den skrupellosen Täter unterstellt. Das verständnislos sich fühlende Opfer soll psychisch gestärkt werden. Möglich, dass die Anwälte der Nebenklägerin -und/oder sie selbst- sich diese Inszenierung als erfolgversprechend ausgedacht haben.

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Ernst H.Stiebeling,EHS

Version vom 23. 12. 2010 19:54
Version vom 26. 12. 2010 14:11
Version vom 26. 12. 2010 15:18
Version vom 27. 12. 2010 09:59
Version vom 04. 01. 2011 23:11
Version vom 20. 01. 2011 18:38
Version vom 20. 01. 2011 19:26

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