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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Fensterplatz
Eingestellt am 03. 09. 2001 23:04


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Rebecca
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2001

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Krebs war die Diagnose. Er war niedergeschmettert. An diesem Tag mu├čte er wieder einmal zur Chemotherapie ins Krankenhaus. Er mu├čte sich das Zimmer mit einem Mann teilen, dem gerade die Niere entnommen wurde. Das war doch keine gr├Â├čere Sache. Aber dieser Kerl hatte das Bett am Fenster bekommen. Verdammt, warum hatte er nicht diesen Platz bekommen, schlie├člich war er todkrank. Er mu├čte sterben, hatte Krebs. Das war ein Grund diesen Platz zu beanspruchen. Der andere erz├Ąhlte ihm, wie das Leben sich vor dem Fenster abspielte. Doch das war keine Entsch├Ądigung. Er dachte, da├č es sch├Ân w├Ąre rauszusehen und die Leute zu
beobachten. Er wollte diesen Platz unbedingt haben.

Jeden Tag erz├Ąhlte der andere von den V├Âgeln und dem Eichh├Ârnchen, das t├Ąglich zu Besuch kam. Nachts erz├Ąhlte er von den Sternen, die silbrig in der Dunkelheit gl├Ąnzten, und von den Menschen, die ihre Verwandten und Freunde besuchten. Er wurde traurig. Freunde, Familie, das waren gute Dinge. Die hatte er auch mal, aber das war lange her. Wenn man ├Ąlter wird, sterben die meisten einfach weg. Er war allein und hatte keine Familie mehr. Menschen zu beobachten w├Ąre ein Trost gewesen, aber ein anderer hatte den Fensterplatz. Er mu├čte diesen Mann loswerden und wollte sehen, was dieser sieht. Er wollte ein wenig mehr als nur die Einsamkeit. Das Leben war nicht besonders zimperlich mit ihm umgegangen.

Seine Frau starb bei der Geburt seiner Tochter. Die war gerade sechs Jahre alt, als ein betrunkener Autofahrer sie ├╝berfuhr und ihm ins Gesicht lachte. Jetzt lag er auch noch an der T├╝r und konnte nicht hinaussehen. Was f├╝r ein beschissenes Leben, dachte er. Doch er konnte nichts machen. Die Einsamkeit und die schreckliche Langeweile zerfra├čen ihn. Der andere hingegen war immer gut gelaunt und erz├Ąhlte ihm von den Dingen, die drau├čen passierten. Der geno├č es auch noch, ihn zu dem├╝tigen. Er konnte sein Gerede nicht mehr mitanh├Âren, immer das Gleiche Tag f├╝r Tag.
"Mich interessieren Ihre Erlebnisse in Afrika nicht, und auch nicht wie Sie mit dem Krokodil gerungen haben", schnauzte er den anderen an.
"Schon gut. Ich sage ja schon nichts mehr. Ich dachte nur..."
"Ja, denken ist nicht gerade Ihre St├Ąrke. "
Aber dann eines Nachts kr├╝mmte sich der andere schmerzerf├╝llt in seinem Bett und schnappte nach Luft. Das war der Moment der Entscheidung. Ein Leben f├╝r einen Fensterplatz? Er h├Ątte den Klingelknopf leicht erreichen k├Ânnen. Aber warum? Nur damit er ihm weiter zuh├Âren mu├čte, wie der vom Krieg und Reisen erz├Ąhlte, oder ihm vorschw├Ąrmte, wie wundervoll es war, Leute zu beobachten. Nein. Ignorieren, einfach nicht darauf reagieren." Ich habe geschlafen, Herr Doktor. Ich habe ihn leider nicht geh├Ârt. Ich habe geschlafen. Ich habe ihn nicht geh├Ârt." , w├╝rde er einfach sagen. Niemand k├Ânnte mir einen Vorwurf machen. Es war nicht meine Schuld, dachte er und schlo├č die Augen. Der andere r├╝hrte sich nach kurzer Zeit nicht mehr. Es war still. Eine Totenstille herrschte. Er drehte sich um. Der andere lag ruhig in seinem Bett. Pl├Âtzlich scho├č es ihm durch den Kopf: Er bewegt sich nicht mehr. Wahrscheinlich ist er tot. Ich habe ihn umgebracht.
Mein Gott, ich habe einen Menschen get├Âtet. Aber ich habe doch nur geschlafen. Es ist nicht meine Schuld, nicht mein Fehler. Es war ein Unfall.
Doch er h├Ątte ihn retten k├Ânnen, ein Knopfdruck nur. Diese Nacht schlief er nicht.
Am n├Ąchsten Morgen wurde das Nachbarbett ger├Ąumt und frisch bezogen. Der andere war in dieser Nacht erstickt. Der Arzt fragte ihn, ob er etwas geh├Ârt oder bemerkt hatte.

"Nein, tut mir leid. Ich habe fest geschlafen und nichts bemerkt. Ich mache mir schreckliche Vorw├╝rfe deswegen. Der arme Mann. Ich habe ihn sehr gemocht. Er war ein so guter Gespr├Ąchspartner" , log er den Arzt bei der Visite an. Er fragte ihn, ob er nicht ans Fenster d├╝rfte. Der Arzt nickte. Die Pfleger schoben ihn r├╝ber.Jetzt konnte er endlich hinaussehen und die Leute beobachten. Das stand ihm auch zu. Er hatte es geschafft, er hatte den Platz bekommen. Wie herrlich. Aber was sah er dort. Kein Park, keine Menschen, kein Leben. Nur eine dreckige, alte Mauer, die ihn anstarrte. Wieso nur? Warum immer er? Er war ein todkranker Mann, der sich nur w├╝nschte, etwas zu sehen , was gar nicht da war. Hatte er einen Menschen auf dem Gewissen, nur um eine Mauer anzustarren? Er hatte wegen einer Mauer get├Âtet. Schuld ├╝berkam ihn. Angst und ein schreckliches Gef├╝hl dr├Ąngten sich in seinen Kopf. Er konnte weder essen noch schlafen. Seine Gedanken kreisten nur noch um diese Nacht. Ein Knopfdruck nur, es w├Ąre so einfach gewesen. Warum hatte er es nicht getan? Schlie├člich wanderten seine Finger zum Knopf und dr├╝ckten ihn.
Wenige Minuten sp├Ąter kam eine Schwester ins Zimmer. Doch was sollte er ihr sagen? Etwa: Schwester, ich habe gestern nacht einen Menschen get├Âtet? Das war wohl kaum das Richtige. Panik ├╝berkam ihn. Er w├Ąre am liebsten fortgelaufen. Aber er war zu schwach. Die Schwester l├Ąchelte freundlich und fragte: " Kann ich etwas f├╝r Sie tun? " Ihm stockte der Atem, und er zitterte vor Angst. Dann meinte er nur: " Nein. Nichts. "

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Esrih
Guest
Registriert: Not Yet

Antwort

quote:
Urspr├╝nglich ver├Âffentlicht von Rebecca

..es ist das Todesbett, jetzt ist er an der Reihe, auch er wird sehen.

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gladiator
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2001

Werke: 10
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Hmm....

...eigentlich eine gute Idee, und auch gut erz├Ąhlt. Trotzdeem f├╝hle ich mich als Leser unbefriedigt.

Nur eine dreckige, alte Mauer, die ihn anstarrte. Wieso nur? Warum immer er?
Hier hatte ich erwartet, da├č der Krebskranke erkennt, da├č der Nierenkranke (oder so) ihn mit seinen L├╝gen von der sch├Ânen Aussicht aufheitern wollte. Oder wollte er sich nur ├╝ber ihn lustig machen?

Der geno├č es auch noch, ihn zu dem├╝tigen.
War das wirklich so? Oder ist es nur die verquere Sicht des Protagonisten?

Fragen, die ein Text nicht aufwerfen sollte.

Au├čerdem ist mir das Ende zu langgezogen, ich h├Ątte bei der Entdeckung der Mauer aufgeh├Ârt.

Gru├č
Gladiator
__________________
Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

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Ingwer
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-I-

Ich finde den Absatz, der erz├Ąhlt, wie der Bettnachbar stirbt zu ausformuliert- das nimmt ein wenig Spannung, finde ich.
Besser w├╝rde mir zum Beispiel gefallen, wenn der Krebskranke tr├Ąumen w├╝rde, wie er den anderen umbringt (oder sich einfach in den Gedanken hineinsteigert), und nach erneutem Einschlafen und Aufwachen morgends dann feststellt, dass alles wahr geworden ist.
W├╝rde sehr nachdenklich machen- fast schon philosophisch:
Ist es der Wille, der z├Ąhlt oder die Tat?
Meiner Meinung nach w├╝rde das die glatte Geschichte ein wenig kantiger machen- und mehr zum Nachdenken anregen.

Nur eine Idee.

Liebe Gr├╝├če
Ingwer

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