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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Fluch der Gier
Eingestellt am 30. 12. 2017 15:27


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ThomasQu
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Der Fluch der Gier

Mein Plan nahm schon Konturen an, kaum dass ich Christina kennengelernt hatte.
Sie besa├č schmale Lippen und einen ├╝berheblichen Zug um den Mund, wann immer sie lachte oder sprach. Das sah nicht sehr anziehend aus. Somit war sie leichte Beute und Carlo hatte mir gesteckt, dass sie verm├Âgend war. Wie verm├Âgend, das habe ich erst nach und nach festgestellt.
Ich forderte sie an diesem Abend zum Tanzen auf, s├Ąuselte in den Monaten danach immer wieder von Liebe und ein Jahr sp├Ąter hielt ich um ihre Hand an. Ihre Freunde wurden meine Freunde und ich passte mich ganz Christinas Leben an.
Meine Rolle hatte ich mir klar definiert: Ich wollte als treu, ehrlich und bescheiden wahrgenommen werden, und dieses Image musste perfekt sein.
Wir wohnten in einer Villa mit Blick auf den W├Ârthsee, s├╝dwestlich von M├╝nchen. Meinen Beruf als Versicherungskaufmann hatte ich aufgegeben. Bis jetzt war alles gutgegangen, doch ich durfte nichts ├╝berst├╝rzen.

Im zweiten Jahr unserer Ehe entdeckte ich meine Vorliebe f├╝r die Berge. Ich verpasste keine Gelegenheit, Christina von der herrlichen Landschaft und der wunderbaren Fernsicht vorzuschw├Ąrmen. Endlich war es soweit, sie begleitete mich auf eine Tour.
Es hatte in der Nacht zuvor geregnet. Der Weg war glitschig und an der Stelle, die jetzt vor uns lag, sehr schmal. Ich lief dicht hinter ihr, links der steile Abgrund. Sie drehte sich zu mir um, lachte ihr widerliches Lachen und wollte sich an meiner Hand abst├╝tzen. Ich zog sie zu mir heran, fasste sie an Schulter und H├╝fte und stie├č sie ansatzlos in die Tiefe. Ihr Schrei war gellend - bis sie zum ersten Mal aufschlug. Danach war es still.

Die Verh├Âre waren anstrengender als ich dachte. Wieder und wieder musste ich erz├Ąhlen, wie sie vor meinen Augen auf einem glatten St├╝ck Fels ausglitt und hinabst├╝rzte. Doch ich war gut vorbereitet, hatte keine Vorstrafen, keine Aff├Ąren, spielte den trauernden Ehemann und letztendlich konnte man mir nichts nachweisen. In unserem Bekanntenkreis und in Christinas Familie war jeder bereit, seine Hand f├╝r mich ins Feuer zu legen. So wurde ich Erbe eines Millionenverm├Âgens, bei einer Scheidung h├Ątte ich gar nichts bekommen.
Ich war scharf auf schmutzigen Sex, schnelle Autos und den Jet Set. Auf all das hatte ich an Christinas Seite verzichten m├╝ssen. Aber noch war die Sache nicht ausgestanden. Ich musste damit rechnen, weiterhin von der Polizei beobachtet zu werden, und solange die Lebensversicherung nicht ausbezahlt war, war die Sache auch nicht abgeschlossen. Also musste ich meine Rolle noch eine Zeitlang weiterspielen.

Vier Wochen nach Christinas Tod leistete ich mir den ersten Luxus und buchte f├╝r eine Nacht ein exklusives Callgirl. Das glaubte ich, mir erlauben zu k├Ânnen.
Monique und ich lagen in meinem Bett und tranken Champagner, als sich pl├Âtzlich die Schlafzimmert├╝r ├Âffnete und Christina in ihrer Wanderkluft hereinkam, quer durch das Zimmer lief, sich umdrehte und wieder hinausging.
Ich war vor Entsetzen wie gel├Ąhmt und zu keiner sexuellen Handlung mehr f├Ąhig. F├╝r mich war der Anblick so real, als w├Ąre sie lebendig gewesen. Monique hatte niemanden bemerkt.
Ich zahlte sie aus und bestellte ihr ein Taxi. Im Wohnzimmer sch├╝ttete ich mir randvoll Whisky in ein Wasserglas. An Schlaf war nicht zu denken. Vermutlich war ich doch nicht so taff und abgebr├╝ht, wie ich zu sein glaubte. Ich schob alles auf meine ├╝berreizten Nerven und fiel, nachdem die Flasche leer war, in einen unruhigen Schlummer.

Nach ein paar Tagen, in denen ich mich etwas beruhigt hatte, fuhr ich erstmals wieder in den Tennisclub. Als eine Ampel vor mir auf Rot schaltete und ich den Wagen abbremste, sah ich Christina unter den Fu├čg├Ąngern, die vor mir die Stra├če ├╝berquerten. Mit starrem Blick lief sie an mir vorbei und ihr kleiner Wanderrucksack wippte beim Gehen auf ihrem R├╝cken.
Irgendwie habe ich es geschafft, heil im Vereinsheim anzukommen. Meine H├Ąnde zitterten so sehr, dass ich kaum die Kaffeetasse halten konnte. Die fesche Claudia lud mich ein, neben ihr im Mixed zu spielen, aber ich lehnte ab, das h├Ątte wohl nichts gebracht, und nach einer Stunde machte ich mich auf den Heimweg.
Zu Hause packte mich erneut die Verzweiflung. Was sollte ich tun, wenn sich diese Visionen h├Ąuften? Einem Arzt oder Psychologen konnte ich mich nicht anvertrauen.
Wenn nur endlich diese Geschichte ausgestanden w├Ąre und ich ein Maklerb├╝ro damit beauftragen k├Ânnte, die Villa zu verkaufen. Irgendwo an der Mittelmeerk├╝ste w├╝rde ich neu anfangen, mir einen edlen Sportwagen zulegen und ein rassiges Motorboot, Mitglied im Yachtclub werden, Golf spielen ÔÇŽ
Ein Schrei riss mich aus meinen Gedanken und hallte durch das ganze Haus. Genau der Schrei, den Christina ausstie├č, als sie in den Abgrund st├╝rzte. Auch der Aufprall war deutlich zu vernehmen.
Mein Herz h├Ąmmerte mir jetzt bis zum Hals und ich war kurz davor, zu kollabieren. Mit M├╝he gelang es mir, meine Atmung zu stabilisieren. Auch ich wusste, dass Aktionismus nichts bringt, trotzdem lief ich durch alle Zimmer. Was ich vorzufinden hoffte, wusste ich nicht, eine Ursache f├╝r den Schrei war jedenfalls nicht zu entdecken.

Auf dem Weg zur├╝ck bemerkte ich pl├Âtzlich ein zusammengefaltetes St├╝ck Papier, das jemand durch den Haust├╝rschlitz geschoben haben musste. Ich faltete es auf.

Ich wei├č, dass du deine Frau ermordet hast und ich kann es auch beweisen. Du h├Ârst wieder von mir.

Heftiger Schwindel erfasste mich jetzt und mein Magen krampfte sich zusammen. Ich musste mich minutenlang an der Haust├╝re abst├╝tzen. Dieser Brief war keine Vision, sondern Realit├Ąt. Vorsichtig tappte ich damit ins Wohnzimmer und lie├č mich in meinen Sessel fallen. Erinnerungsfetzen rasten mir durch Kopf. Wo sollte ich denn einen Fehler gemacht haben? Aber ich konnte einfach keine klaren Gedanken mehr fassen.
Der Brief war handschriftlich verfasst! Klar, der Erpresser kann sich sicher sein, dass ich ihn nicht auffliegen lasse. Ich wendete das Papier hin und her. Irgendetwas kam mir bekannt vor. War das nicht Carlos Handschrift? Mein alter Schulfreund Carlo?
Blinde Wut packte mich! Dieses Dreckschwein!
Ich nahm einen t├╝chtigen Schluck aus der Whiskyflasche, setzte mich in mein Auto und fuhr los.

Im M├╝nchner Rotlichtviertel lie├č ich alte Beziehungen spielen und besorgte mir eine Waffe. Damit machte ich mich auf den Weg zu Carlo.
Die Eingangst├╝re des Mehrfamilienhauses war nur angelehnt. Ich ging hinein und stieg die Treppe hoch in die erste Etage. Auch die Wohnungst├╝r stand einen spaltbreit offen, wie seltsam.
Vorsichtig dr├╝ckte ich sie auf. ├ťberall war es dunkel. Mit gezogener Pistole betrat ich den Flur. Da, aus dem Wohnzimmer war ein schwacher Lichtschimmer zu erkennen. Ich dr├╝ckte die Klinke herunter, ├Âffnete die T├╝r und konnte nicht glauben, was ich sah.
Auf der Couch sa├čen Carlo und daneben das Callgirl Monique. Christina, oder besser eine Frau, die ihr verbl├╝ffend ├Ąhnlich sah auf der anderen Seite des Sofas. Im Sessel erkannte ich den Kommissar, der die Verh├Âre mit mir geleitet hatte.
Einer der beiden uniformierten Polizisten, die ich erst jetzt bemerkte, entriss mir die Waffe und der andere legte mir Handschellen an.
Der Kommissar kl├Ąrte mich ├╝ber meine Rechte auf, teilte mir mit, dass ich unter starkem Tatverdacht st├╝nde, meine Frau Christina umgebracht zu haben und warf mir noch hinterher, dass ungew├Âhnliche Verbrechen auch ungew├Âhnliche Ermittlungsma├čnahmen zur Folge haben.

Ja, und seitdem sitze ich. Wegen unerlaubtem Waffenbesitzes und versuchten Mordes bin ich angeklagt, zum Thema Christina werde ich jeden Tag verh├Ârt und ich wei├č nicht, wie das alles noch ausgehen wird.


Version vom 30. 12. 2017 15:27
Version vom 31. 12. 2017 22:25

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Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

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Hallo Thomas!

Ein Krimi von ThomasQu: Das hat mich neugierig gemacht. Leider muss ich sagen, dass ich recht entt├Ąuscht bin.

Das Thema: Junger Mann heiratet reiche Frau und ermordet sie, um an ihr Erbe zu kommen", ist nicht besonders originell, k├Ânnte aber mit ├╝berraschenden Elementen noch ganz interessant variiert werden. Der Mord selber: sooo einfach! Dann die angeblichen Visionen: Schon an dieser Stelle habe ich an eine Doppelg├Ąngerin gedacht, eine bisher nicht in Erscheinung getretene Zwillingsschwester etwa„die den M├Ârder auf diese Weise in den Wahnsinn treiben oder zu einem Gest├Ąndnis zwingen will. W├Ąre ganz spannend gewesen. Ist aber nur eine Polizistin, die zuf├Ąlligerweise eine gro├če ├ähnlichkeit mit der Toten hat: Das ist zuviel Zufall. Und dann die Erpressung: Wozu sollte die gut sein, wenn das Ganze doch ein Komplott der Polizei war, wie sich zum Schluss herausstellt? Und als Letztes: Der Beweis, dass unser Mann der M├Ârder was, ist immer noch nicht erbracht. Ganz abgesehen davon, dass solch eine Polizeiaktion v├Âllig an der Realit├Ąt vorbei geht.
Schade!

Gru├č, Hyazinthe



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Maribu
???
Registriert: Jun 2012

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Der Fluch der Gier

Hallo ThomasQu,

eine spannende Geschichte, die noch besser unter dem Forum
"Krimis und Thriller" platziert w├Ąre!
Der Pro ist ja ein widerlicher Typ, hatte von Anfang an den Plan,
Christina aus dem Weg zu r├Ąumen. - Aber auch die Abgebr├╝htesten
bekommen irgendwann Gewissensbisse oder zumindest Halluzinationen.
Dass Christina nicht nur als Vision, sondern auch als Doppelg├Ąngerin auftaucht, ├╝berrascht.
Offenbar war das Callgirl Monique von der Polizei auf ihn angesetzt worden.
Die Verbindung zu dem Schulfreund Carlo erschlie├čt sich mir allerdings nicht. Und wieso hat er dessen Handschrift erkannt? Haben die sich nach Ende der Schulzeit Briefe geschrieben?

Freundlichen Gru├č
Maribu

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