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Leselupe.de > Fantasy und Märchen
Der Fluss des Lebens
Eingestellt am 05. 08. 2019 01:03


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Aerath
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2019

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Die Sonne schien durch das hoch in der Wand gelegene Fenster. Durch die √Ėffnung in der dicken Mauer drangen leise Ger√§usche in das gro√üe und √ľberraschend helle Zimmer. Gel√§chter, herangetragen vom frischen Fr√ľhlingswind, das Knarren h√∂lzerner Karren auf dem gepflasterten Hof, ein bellender Hund. Die Laute tropften in das Zimmer wie Sirup und das Licht lie√ü den Staub wie Diamanten glitzern. Es wurde nun wirklich Fr√ľhling. Trotzdem fr√∂stelte er. √úber seinem dicken Gewand trug er einen Pelz und auf den Knien eine dicke Decke. Wie ein alter Mann, dachte er fast am√ľsiert.

Als er seine H√§nde betrachtete erinnerte er sich pl√∂tzlich wieder ‚Äď knorrig, mit blauen und hervortretenden Adern, verkr√ľmmte Finger von der Arthritis, die Haut d√ľnn, fast durchscheinend und voller Altersflecken. Ja richtig, er war alt. Lustlos schob er den Fr√ľhst√ľcksbrei mit seinem L√∂ffel hin und her. Grau und schleimig, genauso wie er es nicht mochte. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse, trank einen Schluck des furchtbar leichten Bieres aus dem silbernen Pokal, √ľberlegte kurz und verlangte dann Wein. Ein sch√ľchterner Junge in einer albernen Uniform goss ihm ohne weiteres Z√∂gern dunklen, k√ľhlen Traubensaft in den Becher. Der letzte hatte immer geh√ľstelt oder sonst irgendwie zu verstehen gegeben, was er davon hielt, schon am Morgen Wein zu trinken. Ha! Er war nicht fast 80 Jahre alt geworden, um jetzt vern√ľnftig zu werden.

Zu tun gab es hier sowieso nichts. Nicht wirklich. Nichts, wof√ľr man einen klaren Kopf brauchen w√ľrde. Er trank einen gro√üen Schluck Wein und wartete, dass der Alkohol seinen Magen w√§rmen w√ľrde. Vielleicht sollte er von diesem warmen, gew√ľrzten Wein trinken, der jetzt so in Mode war. Dar√ľber dachte er einige Minuten nach und blickte dann hoch zum Fenster. Eine kleine Schar von V√∂geln hatte sich auf dem Sims niedergelassen und stritt w√ľtend um irgendeine Brotkrume oder ein Insekt. Die winzigen Tiere waren ganz aufgeregt, plusterten sich auf und zwitscherten zornig. Unweigerlich musste er lachen √ľber die Ernsthaftigkeit, mit der die Tierchen einen albernen Krieg ausfochten.

Und wie so oft in letzter Zeit war es, als ob man eine T√ľr zu seiner Erinnerung aufgesto√üen h√§tte, Erinnerungen an l√§ngst vergangene, ferne Zeiten. Das geschah in letzter Zeit immer √∂fter, ein Wort, ein Gegenstand, irgendetwas und die Erinnerungen umsp√ľlten ihn, rissen ihn mit sich und trugen ihn in die Vergangenheit.
Pl√∂tzlich war er nicht mehr in dem gro√üen Raum mit dem Pfostenbett, dem gro√üen Kamin, dem ger√§umigen Tisch und den Truhen, sondern stand im schneidenden Wind, die Schultern gegen die K√§lte hochgezogen. Er glaubte zu sp√ľren, wie seine d√ľnnen Hausschuhe aus Leder sich mit kaltem Wasser vollsogen und der Schlamm an ihnen kleben blieb. Er war inmitten eines unglaublichen Gedr√§nges, √ľberall waren Menschen, die Dinge hin und her trugen, mit wichtigen Minen huschten Schreiber in ihrer typischen schwarzen Kleidung, beladen mit Schriftrollen mal hierhin, mal dorthin. Pferde wurden √ľber den Matsch gef√ľhrt und alle Bauern und H√§ndler der Umgebung waren da, priesen schreiend oder wild gestikulierend auf ihre Waren hin, Gem√ľse, Stoffe, Fleisch, Messer, H√ľte, alles was man sich nur vorstellen kann. Eine ganze Stadt aus gro√üen und kleinen Zelten, manche so gro√ü wie ein stattliches Haus aus edlen Stoffen, andere nicht mehr als graue, l√∂chrige Planen.

Im Hintergrund ragten √ľber der Zeltstadt die T√ľrme des gro√üen Tempels der Hauptstadt in die H√∂he und daneben die Residenz des Kaisers. Der Himmel war grau und im Westen braute sich ein Sturm zusammen. Er konnte die Spannung in der Luft regelrecht schmecken. Ja, das war ein schrecklicher Sturm gewesen, damals in dieser verh√§ngnisvollen Nacht 936.

Unschl√ľssig stand er herum, dann ging er umher. Seltsam, er war sich sicher, dass er sich nicht an so etwas erinnern konnte. Nicht, dass es irgendwo in seinem Ged√§chtnis verschwunden w√§re, nein, er war sicher, dass er w√§hrend des Reichstages niemals dort entlanggelaufen war, wo er nun entlangging. Das war neu. Sonst war es immer so, als beobachte er die Welt durch die Augen seines j√ľngeren Ichs. Jetzt war er ein Besucher in einer erinnerten Welt. Er konnte herumlaufen, sich frei bewegen. Leute bemerkten ihn nicht, oder sie nahmen keine Notiz von ihm. Es war nicht etwa so, dass sie durch ihn hindurchgingen. Nein, es war als schienen sie ihm auszuweichen, im Platz zu machen. Hin und wieder, da sah ihn auch jemand direkt an, zumindest schien es so. Vielleicht starrten sie auch ins Nichts. Es war ihm √ľberraschend egal.

Er griff nach einem Apfel. Er konnte das Obst tats√§chlich in die Hand nehmen, er war kalt und feucht. Die H√§ndlerin schien dagegen nicht zu bemerken, dass sie gerade bestohlen wurde. Nat√ľrlich dachte er gar nicht daran, zu bezahlen. Das machten auch sonst immer andere f√ľr ihn. Er biss in den Apfel. Das war seltsam. Es f√ľhlte sich an, als ob er in einen Apfel bei√üen w√ľrde, aber es schmeckte nach nichts. Als er ausspuckte, sah er, dass sich das, was vom Apfel √ľbriggeblieben war in etwas Graues, Schleimiges verwandelt hatte. Er war irritiert, warf den Rest der Frucht zu Boden und ging weiter durch den k√ľhlen Nachmittag.

Stimmen drangen aus einem besonders gro√üen Zelt, etwa im Zentrum der Zeltstadt. Es war eher eine Halle aus Stoff, mit Fahnenmasten an seinem Eingang und Wachen davor. Er konnte sich gut an das Zelt erinnern. Er schritt rasch, die Schultern gegen den aufziehenden Regen hochgezogen, auf das Zelt zu ‚Ķ und wurde fast von einem Pferd √ľber den Haufen geritten. Er blieb erschrocken stehen und das gro√üe, braune Tier starrte ihn mit panischem Blick an, die N√ľstern zittern und es scharrte nerv√∂s mit den Hufen. Der Reiter schien ihn aber gar nicht zu bemerken. Er t√§tschelte dem Tier den Hals und sprang dann ab, die Z√ľgel einem schon herbeigeeilten Burschen √ľbergebend. Er blickte auf ‚Äď und sah sich. Er war tats√§chlich ein gutaussehender Mann - gewesen. Das konnte er jetzt ganz ohne Stolz oder Selbstlob sagen. Man hatte kaum die Gelegenheit sich selbst zu betrachten. Er hatte sich selbst gesehen, im Wasser, in der Spiegelung eines silbernen Tellers, aber so vor sich zu stehen war etwas ganz anderes.

Er war gro√ü ‚Äď und so jung, gerade 25 Jahre alt, ein unerfahrener, aber muskul√∂ser T√∂lpel, mit einem beeindruckenden Bizeps, der, wie seine Brustmuskeln, fast den ledernen Wamst zerriss. Lange, schlanke und starke Beine, kr√§ftige H√§nde, ein dichter, kurzer und pechschwarzer Vollbart, schwarzes, langes, volles Haar, strahlend blaue Augen. Selbst durchn√§sst vom Regen und bespritzt mit Schlamm nach dem langen Ritt war er eine beeindruckende Gestalt und er verstand pl√∂tzlich, warum ihn immer alle den ‚ÄěSch√∂nen Grafen‚Äú genannt hatten.

Fast ver√§rgert blickte er an sich herunter, sah den langen wei√üe Vollbart, die klauenartigen H√§nde und fast verlegen strich er √ľber seinen kahlen Kopf.
‚ÄěGeh da nicht rein!‚Äú br√ľllte er pl√∂tzlich, einer seltsamen Eingebung folgend.
Z√∂gerte der Junge, also er? Blickte er kurz in seine Richtung? Der junge Mann sch√ľttelte den Kopf und trat dann in das Zelt ein. Idiot! Wutschnaubend st√ľrzte er sich hinterher, die Wachen nahmen keine Notiz von ihm.

Im Innern waren sie alle schon versammelt. Oh, wie er sie hasste! Da sa√ü Herzog Giselbert, dieses verlogene St√ľck Dreck, wie immer l√§chelnd, freundlich und mit mehr Kuhschei√üe im Kopf, als man auf jedem Misthaufen finden konnte. Herzog Eggerbrecht, ein fettes Schwein, st√§ndig am Fressen und Saufen ‚Äď und Schwitzen. Er konnte den s√§uerlichen Gestank bis hierher riechen, schlecht √ľberdeckt von Kr√§utern, Herzog Gieswein, eine Kreatur ohne R√ľckgrat! Und nat√ľrlich Herzog Rodelgart, immer zur√ľckhaltend, immer h√∂flich, ganz der Edelmann der alten Schule ‚Äď und nebenbei der gr√∂√üte Intrigant des ganzen Reiches.

Noch mehr Herz√∂ge, Grafen, Ritter, Vizegrafen, Freiherrn, das ganze adlige Pack. Die Herz√∂ge bildete eine eigene Gruppe in dem Zelt, es war als trenne sie eine unsichtbare Grenze von den Grafen, den Rittern und anderen Leuten im Zelt. Nur der Erzhohepriester und zwei Erzbisch√∂fe, Enrich von Buera und Gusbert von Katzstein, hatten sich unter die Herz√∂ge gemischt. Er sah, wie sich Rodelgart erhob und sein j√ľngeres Ich freundlich begr√ľ√üen, zu freundlich. Er legte ihm einen Arm um die Schultern und f√ľhrte ihn zu den anderen Herz√∂gen. Der junge Er verneigte sich artig und er wollte ihn wieder anschreien.

‚ÄěLauf weg! Lauf weg! Die wollen dir nichts Gutes! Hau ab!‚Äú
Er sparte sich den Atem. Sie f√ľhrten den jungen Grafen zu einem Tisch, schenkten ihm Wein ein und redeten auf ihn ein. Nicht zu offensichtlich, immer mal wieder ein Wort hier, ein Wort da. Oh ja, er konnte sich genau an das Gift erinnern, dass sie in seine Ohren getr√§ufelt hatten. Er konnte sich an jedes Wort erinnern. Er war damals so jung gewesen, so dumm und naiv ‚Äď und idealistisch. Wann hatte er das verloren? Schon in dieser Nacht? Oder erst einige sp√§ter? Gar erst vor kurzem? Er wusste es nicht.

Jetzt sah er ganz klar, dass sein Leben hier und heute endet ‚Äď nein geendet hatte. Pl√∂tzlich war es dunkle um ihm, die Gestalten verblassten zu Schatten in einer Welt aus Rauch, er h√∂rte Stimmen, sah sich bewegende Schemen, aber er konnte nicht erkennen. Dann pl√∂tzlich wurde alles wieder klar. Er lehnte sich ersch√∂pft mit dem Kopf gegen eine k√ľhle S√§ule. Er war nicht mehr im Zelt, es war nicht mehr der gleiche Tag.

Eine m√ľde Sonne fiel durch die Fenster in den gro√üen Saal, der voller Menschen war. Es war ein langer, hoher Raum, der, wenn er leer war, riesig wirkte, jetzt aber fast zu klein war, um alle die Menschen aufzunehmen. Ganz am Ende der Halle, in einer Art Apsis, hatte man ein h√∂lzernes Podium aufgebaut, dar√ľber ein Baldachin im kaiserlichen Rot, einer Farbe wie frisches Hirschblut. Zwei gro√üe Throne standen unter dem Baldachin. Auf dem kleineren sa√ü eine √§ltere schlanke Dame, elegant gekleidet, zur√ľckhaltend, immer ein wenig traurig war ihr Blick, ihre ganze Gestalt strahlte Melancholie aus. Damals hatte er das nicht verstanden, hatte es niemand verstanden. Sie war die Kaiserin, die wohl am meisten beneidete Frau im ganzen Reich. Jetzt wunderte es ihn eher, dass sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht schon l√§ngst auf einem Fenster des Palastes gest√ľrzt hatte.

Neben ihr, auf dem gro√üen Thron, sa√ü der vom Gewicht seines Amtes niedergedr√ľckte Kaiser Henrich. Das war ganz w√∂rtlich zu verstehen. Die Krone, die er auf seinem Kopf trug, wog eine Tonne. Und sie war ihm ein wenig zu gro√ü, so dass er den Kopf ganz gerade halten musste, damit das schreckliche Ding nicht polternd auf dem Boden in tausend Splitter zerbrach. Es sah aus, als sinke sein ganzer Hals unter dem Gewicht der Krone in seinen Rumpf. Auf den schwachen Schultern des alten Kaisers ‚Äď sah er auch so alt aus? Er war sogar noch √§lter, stellte er mit Entsetzen fest ‚Äď lag der schwere goldges√§umte Umhang und in seinen H√§nden, klauenartig wie seine eigenen, die beiden schweren und unpraktisch langen Zepter.

Der Raum war erf√ľllt vom Raunen und Fl√ľstern der Anwesenden. Es waren gut und gerne dreihundert Personen anwesend, die meisten Grafen, die Herz√∂ge, die Gemahlinnen, dazu der Hofstaat, die Minister, Bisch√∂fe und da in der Ecke, von ihm aus gesehen links von dem Thronaufbau, standen die ausl√§ndischen Gesandten. Er hatte damals schon gedacht, dass die eigentlich bei dieser Zeremonie nichts zu suchen hatten. Er fragte sich heute, ob einige dieser arroganten Ausl√§nder vielleicht sogar die Wahl beeinflusst hatten. Hatte man erwartet, dass ein schwacher Kaiser ein leichterer Verhandlungspartner war? Er hatte die aerathischen Gesandten kennen gelernt und bem√ľhte sich jetzt, sich an den Namen des Mannes zu erinnern, der da neben dem Thron stand. Schon damals waren ihm diese Leute suspekt gewesen.

Mani, ja, so hatte er gehei√üen. Ein √§lterer Herr, gro√ü, d√ľrr, mit einem Gesicht wie ein Raubvogel. Stets in wei√ü gekleidet, kahl rasiert, stark geschminkt und umgeben von einer Wolke aus wei√ü gekleideten Dienern, Schreibern und Kosmetikern. Immer eine Spur zu f√∂rmlich, rechthaberisch, arrogant. Mani hatte einen Tonfall, der nicht zu einem Gesandten passen wollte. Er sprach, als mei√üle er seine Worte in Stein, keine Vorschl√§ge, sondern Handlungsanweisungen. Da gab es dann aber auch noch die buntgekleideten Gesandten der H√§ndlerstaaten im Osten und die den Hesstiern gar nicht so un√§hnlichen Luchta aus dem Nordwesten.

Er sah, wie Bewegung in die Menge kam und sich der Kaiser umst√§ndlich, die ihm angebotene Hilfe ignorierend, aus dem Thron hievte. K√∂pfe wurde gesenkt, R√ľcken gebeugt und der Hoftag wurde offiziell er√∂ffnet. Die Stimme des Kaisers klang br√ľchig und rau, die d√ľnne Stimme eines ersch√∂pften alten Mannes. Rodelgart trat vor, wie immer der perfekte H√∂fling, bescheiden und unterw√ľrfig. Er erkl√§rte umst√§ndlich und geschwollen, dass die Kieser ihn zum Sprecher erw√§hlt h√§tten und dass es auf diesem Reichstag nur ein Thema geben sollte:
‚ÄěUnd so sind wir in gemeinsamer Entscheidung zu dem Schluss gekommen, dass es f√ľr das Reich und den Thron das Beste w√§re, wenn wir heuer einen Thronfolger bestimmen sollten, der eurer gn√§digsten kaiserlichen Majest√§t der einst, in ferner Zukunft nachfolgen solle!‚Äú

Der Kaiser grinste ein ganz humorloses Grinsen. ‚ÄěNoch sind Wir nicht kalt, meine Herren Herz√∂ge! Ist es Tradition, einen Nachfolger zu w√§hlen, w√§hrend der alte Mann noch auf dem Thron sitzt?‚Äú
Der Erzhohepriester trat vor und verneigte sich. ‚ÄěMajest√§t, wie Ihr wisst gibt es kein festgelegtes Prozedere und viele Herrscher bestimmten schon vor ihrem Tod ihren Nachfolger. Es geht um Kontinuit√§t, darum, eurem Nachfolger die M√∂glichkeit zu geben, von eurer Weisheit zu lernen, ihn die Gesch√§fte der Regierung eingef√ľhrt zu werden ‚Ķ und ‚Ķ ‚Äě

Der Kaiser winkte ab. ‚ÄěSchon gut, schon gut. Wir sind nicht mehr jung, man wird nur nicht gerne daran erinnert, dass man verwelkt und verd√∂rrt wie eine Pflanze im Winter! Bringen wir das Theater hinter uns!‚Äú

Jetzt musste er fast lachen. Henrich wusste, dass er keine Wahl hatte, er hatte versucht seinen Sohn Rogerich zum Thronfolger zu ernennen, war aber gleich zweimal bei Wahlen durchgefallen. Seitdem war nicht nur der Prinz verbittert, sondern auch der Vater. Henrich war vielversprechend gestartet als Kaiser, damals 928, obwohl er nicht mehr jung gewesen war. Ein t√ľchtiger Graf, der seine L√§ndereien zu bl√ľhendem Wohlstand gef√ľhrt hatte, dessen T√∂chter in die edelsten H√§user eingeheiratet hatten und der 917 endlich den ersehnten Erben Rogerich bekommen hatte. Ein freundlicher, allseits beliebter Edelmann, ein begeisterter J√§ger, fromm, ehrlich und ehrenhaft. Im Thronkrieg gegen Riudolf II. hatte er sich um die Bev√∂lkerung gesorgt und die Gegner ehrenhaft behandelt. Getragen von einer Welle der Sympathie hatte man ihn zum Kaiser gew√§hlt und er hatte Riudolf II. vom Thron gefegt.

Aber wer siegen kann, der kann nicht immer herrschen. Ihm fehlte der Biss der alten Kaiser, ihr Machtstreben. Er war gefangen in einem Wertesystem des Adels und der Loyalität. Es stellte sich heraus, dass er zu leichtgläubig war, es allen recht machen wollte, schon bei der kleinsten Opposition gegen ihn einknickte und der Aufgabe des Kaisers nicht gewachsen war. Er hatte nicht die finanziellen Mittel, die er braucht und so stand er bald bei den Herzögen in der Kreide.

Jetzt zeigte der scheinbar so √ľberforderte Mann eine √ľberraschende Klarsicht. Er wusste, dass er bei der Thronfolge nichts mehr zu entscheiden hatte und ahnte sicherlich, dass man einen Nachfolger w√§hlte, weil man mit seinem baldigen Tod rechnete. Sicherlich sollte der Neue dann auch schon Aufgaben √ľbernehmen. Und Henrich wusste ganz sicher, dass man wieder einen Kandidaten w√§hlen w√ľrde, der es den Herz√∂gen leicht machen w√ľrde, ihre eigenen Interessen durchzusetzen.

Er sah jetzt Rogerich, der am Fu√üe des Podestes stand. Ein junger, aufbrausender Mann. Trotz seiner Jugend von gerade 20 Jahren war er ein H√ľhne, noch gr√∂√üer als er selbst, ein breiter R√ľcken und Berge von Muskeln. Es hie√ü, er trainiere jeden Tag und esse Unmengen von Eiern, Linsen, Bohnen und Gefl√ľgel. Er trug, ganz un√ľblich f√ľr einen Prinzen, das Haar ganz kurz geschoren, so dass sein Kopf nur mit einem grau-blauen Schatten bedeckt war, dazu einen schwarzen, Schnurrbart. Rogerich war eine beeindruckende Figur, aber auch das Zentrum von Getuschel und Gerede bei Hofe. Er war ungew√∂hnlich, das war interessant, aber auch das Ziel von Spott. Dass er seine Zeit nur mit anderen jungen M√§nnern verbrachte, die wie er regelrechte Muskelpakete waren und den Prinzen in Haar und Bartmode imitierten, n√§hrte Ger√ľchte, dass Rogerich mit diesen Freunden mehr als nur trainierte und jagen ging.

Er sah den Hass in den Augen des jungen Mannes, der sich um seine eigene Thronfolge betrogen f√ľhlte, sah wie sein Kiefer mahlte, die Muskeln traten an seinem fast kahlen Sch√§del hervor wie bei einem Bullen. Er hatte die F√§uste geballt und es wirkte, als wolle er gleich nach vorne st√ľrmen, w√§hrend Rodelgart wieder sprach und gestikulierte. Irgendwann deutete er auf ihn. Also nicht ihn sondern Ihn, sein j√ľngeres ich. Wieder hatte er das Bed√ľrfnis zu schreien, nach vorne zu st√ľrmen und sich selbst vom Unvermeidlichen abzuhalten. Er stand aber da wie angewurzelt. Er konnte h√∂ren, was die Leute neben ihm sprachen, das Wispern und Fl√ľstern, das Tuscheln hinter vorgehaltener Hand. Es hatte sich seit der Nacht im Zelt bereits herumgesprochen, dass die Kieser den sch√∂nen Grafen auserkoren hatten. Viele Frauen sprachen √ľber den sch√∂nen Mann, sein langes Haar, seine hochaufragende Gestalt. Einige der M√§nner raunten, man habe eben wieder einen schwachen Kandidaten ben√∂tigt, es waren vor allem die jungen Adligen, die S√∂hne, die offenbar wirklich auf ihn bauten. Er war einer von ihnen, endlich ein junger Kaiser. Er w√ľrde sich durchsetzen, was auch immer das hei√üen sollte.

Er wollte ihnen höhnisch zurufen:
‚ÄěUnd wie soll er ‚Ķ also ich ‚Ķ das euerer Meinung nach machen? In meiner Grafschaft leben weniger Menschen als in der Hauptstadt, meine Hausmacht ist schwach, ich habe fast kein Geld, meine Truppen sind winzig und ich habe √ľberhaupt keine Ahnung davon, was ein verdammter Kaiser eigentlich den ganzen Tag macht!‚Äú

Aber es war ‚Äď nat√ľrlich ‚Äď schon zu sp√§t. Er sah, wie die H√§nde der Kieser gehoben wurden, oh ja, ganz fantastisch, ein einstimmiges Ergebnis. Er fragte sich bis heute, wie Rodelgard es geschafft hatte, tats√§chlich alle Kieser zu √ľberzeugen. Und jetzt, da sah er es und es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Der Herzog drehte sich, fast unmerklich, zu Mani um, der hinter ihm stand und der Gesandte nickte ihm zu. Nat√ľrlich. Aerath hatte nicht nur Truppen im √úberfluss ‚Äď das Imperium hatte mehr M√§nner st√§ndig unter Waffen, als Hesstien Einwohner ‚Äď sondern vor allem Gold. Alles dort war Gold. Ein Sprichwort aus Hesstien sagte: ‚ÄěEs gibt in Aerath mehr Gold als Staub‚Äú ‚Äď und als ganz junger Mann, mit 16 Jahren, hatte er seinen Vater einmal auf einer diplomatischen Mission in das Imperium begleitet

‚Ķ w√§hrend er daran dachte, verschwamm die Halle und es wurde warm, ja hei√ü. Als h√§tte allein der Gedanke an die Reise ihn in der Zeit zur√ľckgeworfen. Das war heute aber eine interessante Zeitreise. Statt der Decke der Halle mit den Bannern der gro√üen H√§user spannte sich nun ein blauer Himmel √ľber ihm. Das Blau war so ganz anders als zu Hause, es hatte etwas seltsam Metallisches, fast als w√§re der Himmel aus Eisen geh√§mmert. Keine einzige Wolke stand am Himmel, daf√ľr war die Sonne hier so glei√üend, so hell und so unfassbar hei√ü, dass ihm der Schwei√ü ausbrach. Er streifte das Fell ab und lie√ü es achtlos auf den gefegten Boden fallen. Wie schon bei dem Traum (Traum?) auf dem Reichstagsfeld, konnte er sich auch jetzt nicht erinnern, bei seinem Besuch in der Stadt tats√§chlich hier gewesen war. Er war irgendwo in dieser riesigen Stadt. Mehr als eine Million Menschen bev√∂lkerten diesen Ort, der gr√∂√üer war, als so manche Grafschaft seiner Heimat. Er musste jetzt genauso staunen, wie damals, vor fast 70 Jahren. Es gab so gut wie keinen M√ľll auf den breiten, gepflasterten Stra√üen und die H√§user waren alle in ein strahlendes, glei√üendes und makelloses Wei√ü getaucht. √úberall waren Menschen, ein regelrechtes Geschiebe und Gedr√§nge.

Er schien auf einer Art Marktstra√üe gelandet zu sein. √úberall waren St√§nde aufgestellt und dort, einige Meter die Stra√üe hinunter, hatte man Stofft√ľcher zum Schutz vor der Sonne zwischen den H√§usern gespannt, die nie mehr als drei Etagen hatten. Frauen, M√§nner und Kinder dr√§ngten sich zwischen den Geb√§uden, begutachteten die auslegten Waren, dr√ľckten pr√ľfend das Obst, rochen am Fisch oder betrachteten Tonperlen und Stoff. Viele H√§ndler verbrannten Weihrauch in kleinen Schalen an ihren St√§nden und der schwere Geruch vermischte sich mit dem atemberaubenden Duft von Jasmin, von Parf√ľm√∂len und frittierten Speisen.

Er wanderte durch die Menschen und betrachtete mit ziemlicher Freude vor allem die Frauen. Scham kannte man hier offensichtlich nicht. Die Frauen trugen entweder Kleider aus bunten Stoffen oder mit Perlennetzen belegt, die leise und erotisch klapperten, aber den Busen freilie√üen oder unter breiten Tr√§gern zumindest hervorblitzen lie√üen, oder sie waren wohlhabender, dann trugen sie feinste wei√üe Gew√§nder, die so fein gewebt waren, dass sie fast v√∂llig durchsichtig waren. Da ging gerade eine Gruppe dieser aufreizenden Blumen, kichernd, mit schwarzen Locken und roten Lippen, die in der Sonne gl√§nzten. Ihre dunklen Brustwarzen dr√ľckten sich gegen den d√ľnnen Stoff, Arm- und Fu√üreife klirrten bei den Gesten, Lachen, klar wie ein Fr√ľhlingsmorgen, und der Duft! Die jungen Frauen dufteten wie Geb√§ck, wie frische Blumen, wie ein Spaziergang durch einen Sommergarten‚Ķ Hinter ihnen Dienerinnen und Diener. Hier hatten die Frauen auch m√§nnliche Diener, die Kosmetikk√§sten mit sich schleppten und Sonnenschirme, kleine Schemel und Wedel. Die jungen Frauen schwebten an ihm vorbei und er w√ľnschte sich sehr sehnlich, wieder jung zu sein ‚Äď und real.

Er seufzte und setzte dann seinen Weg fort, vorbei an Fisch, Fleisch und allerlei Waren, bis er in den nasenbet√§ubenden Gew√ľrzmarkt kam. Verlaufen konnte man sich hier eigentlich nicht. Er wusste, dass die gro√üen Stra√üen alle irgendwann zum zentralen Platz der Stadt f√ľhren w√ľrden ‚Äď und eilig hatte er es ja nun wirklich nicht. Was, wenn er jetzt einfach abbiegen w√ľrde‚Ķ einfach mal raus aus dem Zentrum, rein in die wirkliche Stadt? Das hatte er sogar als Kaiser immer gerne gemacht. Niemand wusste eigentlich, wie der Kaiser aussah, Krone ab, Mantel an und zack ging es durch die Gaststuben und Stra√üen der Hauptstadt! Und da war die Chance √ľberfallen zu werden sehr viel h√∂her als in diesem √§therischen Traum von einer Stadt. Also bog er einfach ab und lachte dann. √úberfallen. Er konnte wohl in dieser Vision, in der er scheinbar unsichtbar war, kaum √ľberfallen werden.
Die Gassen waren hier enger, aber genauso sauber. Es war angenehm k√ľhl, Hunde lagen hechelnd im Schatten und Katzen streiften umher. Stimmt. Katzen. Hier war alles voller Katzen. Kreischende Kinder platschten in einer Art Holzwanne voller Wasser und √§ltere Frauen sa√üen auf B√§nken vor den H√§usern und schwatzen. Er konnte einen Blick in die Eing√§nge werfen. So ganz anders als zu Hause. Ein kleiner Vorraum m√ľndete in einen Hof mit einem Garten und die R√§ume dahinter √∂ffneten sich zu diesem kleinen Paradies. Im Innern waren die H√§user bunt bemalt, mit Bildern der G√∂tter, der Familien und vor allem mit Pflanzen und Tieren. Er √ľberwand seine antrainierte Scheu und ging einfach in eines dieser H√§user hinein. Er war √ľberrascht, wie k√ľhl es war. Es gab einen kleinen, dunklen Flur, rechts einen Treppenaufgang und schon nach wenigen Schritten stand er in dem kleinen Garten mit einem Wasserbecken und Blumenbeeten. In dem Becken lag ein junger, nackter Mann und auf St√ľhlen unter der Veranda sa√ü ein √§lteres Paar und trank Wein aus Glasbechern. Das waren wohl keine armen Leute, ganz sicher nicht, aber er wusste, dass es ganz normale Leute waren. Die wohlhabenden lebten ganz woanders, nahe am Palast und deren H√§user‚Ķ du meine G√ľte. Er hatte damals den Mund gar nicht mehr zubekommen. Aber schon dieses Haus w√ľrde selbst den reichsten Herz√∂gen vor Neid den Geifer vor den Mund treten lassen. Er wusste, es gab hier eine Toilette und ein richtiges Badezimmer, nicht einfach einen Diener, der einem eine Schale kaltes Wasser brachte und einmal in der Woche eine kleine Holzwanne mit lauwarmem Wasser f√ľllte.

Obwohl er f√ľr niemanden zu sehen war, kam er sich doch wie ein St√∂renfried vor und wollte nicht weiter in das Leben dieser Menschen eindringen. Er verlie√ü das Haus und ging weiter in das Gewirr der kleinen Gassen. Je weiter er sich von der Hauptstra√üe entfernte, desto kleiner wurden die H√§user und hier und da br√∂ckelte auch der wei√üe Putz von den W√§nden. Wirklich Armut sah er aber nicht. Gab es hier keine Armen? Oder wohnten die nur die nur au√üerhalb der Stadt?
Er wollte gerade weitergehen, als es ihm vorkam, als verschwamm kurz die Stra√üe vor seinen Augen und er schloss sie benommen. Als er sie wieder √∂ffnete war er nicht mehr in der kleinen, engen Gasse sondern stand in einer Masse von Menschen auf einem titanischen Platz, der sicherlich halb so gro√ü war wie die Hauptstadt seines Kaiserreichs. Hinter ihm standen H√§user, hier endete der Stra√üenmarkt. Zu seiner Linken ragten die riesigen Tort√ľrme eines Tempels aus. Die beiden T√ľrme verj√ľngten sich nach oben und waren √ľber und √ľber mit Reliefs geschm√ľckt, die bemalt und mit Edelsteinen und Gold belegt waren. Vor dem enormen Tor standen Statuen, die einen der g√∂ttlichen Herrscher des Landes zeigten, weit ausschreitend, die Arme streng an die Seiten gelegt, die H√§nde zu F√§usten geballt. Der schlanke, sportliche K√∂rper stramm und aufgerichtet. Am Kinn ein langer Bart unter einem jugendlichen Gesicht mit vollen Lippen und Mandelaugen. √úber der Stirn eine hochaufragende Kobra und dar√ľber eine der zahlreichen Kronen, die die Herrscher hier trugen. Gleich vier der sicherlich 30m hohen Statuen standen vor dem Tor, an dem ganze B√§ume als Fahnenstangen standen. Neben den Statuen zwei schlanke, steinerne Nadeln, bedeckt mit der seltsamen Schrift des Landes und ganz mit Gold bedeckt.

Ihm schwindelte als er den Kopf in den Nacken legte, um ihre Spitzen zu betrachten. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wem dieser Tempel geweiht war. Der Sonne? Oder doch dem Gott der Handwerker, der hier der Stadtgott war? Rechts gab es einen identischen Tempel, ebenfalls mit Tort√ľrmen, Flaggenmasten, Statuen und 40 Meter hohen Goldnadeln. Die Tore beider Tempel waren ge√∂ffnet und man sah den aus Silber geh√§mmerten Fu√üboden hinter den ganz mit Gold belegten T√ľrfl√ľgeln, die allein sicherlich 15 Meter hoch waren. Von seinem Besuch wusste er, dass hinter diesen Toren ein weiter, s√§ulenumstandener Hof lag, mit noch mehr Statuen und Steinnadeln, und noch mehr T√ľrmen. Dahinter lagen S√§ulenhallen, mehr H√∂fe, Hallen und dann, irgendwann, das eigentliche Tempelhaus. Anders als zu Hause durfte die Stadtbev√∂lkerung aber nur diesen Vorhof betreten, der eigentliche Tempel war tabu.

Kaum zu erkennen gegen den Mittagshimmel stiegen Wolken von Weihrauch √ľber den Gottesh√§usern auf und der Duft von tausenden von geopferten Blumen vermischte sich mit dem schweren Geruch vom Blut der Opfertiere und dem alles √ľbert√ľnchenden Weihrauch. Am anderen Ende des Platzes, wohin er sich auf den Weg machte, gab es auch ein riesiges Geb√§ude. Eine Mauer, so wei√ü, dass er die Augen zusammenkneifen musste, umfasste den Palastbezirk, der eher eine Stadt war, als die Wohnung des Herrschers. Die hohe Umfassungsmauer wurde immer wieder von T√ľrmen durchbrochen und es gab ein gigantisches Tor, dessen T√ľrfl√ľgel stets ge√∂ffnet waren. Er wusste, dass hier rechtgesprochen wurde und sich die Einwohner des Reiches direkt mit Bitten an den lebenden Gott wenden konnten. Zu diesem Zweck standen Statuen des Herrschers, seiner Mutter und seiner Frau aus purem Gold vor dem Palasttor. Hier legte man die Bitten nieder und opferte Blumen, Brot, Wein und Fleisch. Jetzt traten M√§nner aus dem Tor. Er reckte den Hals, um besser sehen zu k√∂nnen und dr√§ngte dabei recht r√ľcksichtslos durch die Menge.

Eine Schar wei√ügekleideter Gestalten, M√§nner und Frauen wurden vom Palast ausgespuckt, nat√ľrlich begleitet von Dienern, Wedeltr√§gern und Sonnenschirmen. Er glaubte Mani zu erkennen, den alten Intriganten, wenn auch noch viel j√ľnger. Dazu andere Hofbeamte, die er nicht mehr zuordnen konnte. Die M√§nner trugen Per√ľcken, ebenso die Frauen und alle waren sie stark geschminkt. Nur eine Abordnung der Priester war an ihren kahlen K√∂pfen und dem Fehlen von glei√üendem Goldschmuck von den anderen zu unterscheiden.
Plötzlich sah er seinen Vater, dessen Gefolge und sich selbst. So jung. Noch ohne Bart, das Haar bis zu den Schultern mit diesem dämlichen Pony den damals alle jungen Männer bis zu ihrer Schwertleite trugen. Er sah, wie er voller Ehrfurcht die unfassbare Pracht, den unbegreiflichen Reichtum anstarrte. Das Gefolge seines Vaters, der immerhin in offizieller diplomatischer Mission des Kaisers selbst unterwegs war, bestand aus 20 Rittern und etwa doppelt so vielen Bediensteten, Schreibern und zwei Priestern. Frauen waren nicht dabei, bemerkte er jetzt. Und jetzt, von außen betrachtet, wirkten sie ziemlich Fehl am Platze, in ihren Wamsen und den Lederhosen, den Stiefeln und mit den langen Haaren und Bärten. Er schämte sich plötzlich fast.

Die Einwohner, die gekommen waren, um das Spektakel zu betrachten waren sicher nur gekommen, um Barbaren zu sehen, die Wilden aus dem Norden. Das wurde ihm jetzt ganz pl√∂tzlich klar. Sie hatten ihnen zugewunken, aber das Lachen, das war keine Freundlichkeit gewesen, man hatte sie ausgelacht. Sie waren eine Lachnummer. Sie kamen aus einem Land, das man f√ľr unterentwickelt hielt, f√ľr b√§uerlich und r√ľckst√§ndig und albern. Ein Land voller arroganter Grafen, Herz√∂ge und machtloser Kaiser mit einem l√§cherlichen Ehrenkodex und ohne Toiletten. Wo M√§nner B√§rte trugen statt Kajal und sich die Frauen in Schichten und Schichten von Stoff wickelten, T√ľcher um ihre Haare legten und furchtbar langweilig waren. Das schlimmste an dieser Erkenntnis war, dass er zugeben musste, dass die Menschen hier mit ihrer Einsch√§tzung auch noch Recht hatten. Er hatte damals die H√∂flinge verachtet, die so verweichlicht wirkten, die jungen M√§nner mit ihren geschorenen K√∂pfen und Per√ľcken, ihren durchscheinenden Kleidern und beh√§ngt mit Schmuck wie die Gottesmutter h√∂chstpers√∂nlich. Sie hatten ihn von oben herab behandelt, diesen Ausl√§nder, der keine Fremdsprache sprach und lieber Bier als Wein trank (nun ja, immerhin das hatte sich ver√§ndert).

Er hatte den Hof arrogant, speichelleckerisch, unterw√ľrfig gegen√ľber den Oberen gefunden, ja geradezu verdorben mit all den halbnackten M√§nnern und Frauen, den Festm√§hlern mit nackten T√§nzerinnen und T√§nzern, mit jungen Kerlen, die ungeniert mit anderen M√§nnern rummachten, vor aller Augen. Jetzt wusste er, dass sie im Kaiserreich einfach r√ľckst√§ndig waren, pr√ľde, langweilig und wahrscheinlich tats√§chlich ziemlich l√§cherlich. Sie waren doch tats√§chlich mit einer Forderung des Kaisers gekommen, hierhin, an diesen Ort.

Er beeilte sich und schloss sich der Gruppe an, die zum Palasttor zog. Ein Herold des Kaisers √ľbergab einem Herold des Herrschers von Aerath ein Beglaubigungsschreiben, es wurden H√∂flichkeiten ausgetauscht und dann wurde Vater vor den Wesir gef√ľhrt. Er konnte sich erinnern, dass er damals gedacht hatte, dass m√ľsse der K√∂nig sein und seinem Vater war der Gedanke wohl auch gekommen, denn alle verneigten sich tief vor dem rundlichen, gro√üen Mann mit dem seltsamen Gewand, das bis unter seine Achseln reichte. Ein seltsamer, steifer und rechteckiger Sonnenschirm wurde √ľber seinen Kopf gehalten und hinter ihm standen zwei Diener mit gro√üen F√§chern aus Federn, die sie leicht hin und her bewegten. Der stattliche Mann nahm seinen Vater bei beiden H√§nden und nickte seinem j√ľngeren Ich zu. Dann begleitete er die Gruppe in den Palast hinein. Doch der Weg in dieses Labyrinth aus H√∂fen. G√§rten und Hallen verschwamm vor seinem Auge und obwohl er dieses Mal vorbereitet war, musste er sich doch kurz an eine S√§ule lehnen, als er die Augen wieder √∂ffnete.
Die Szene erinnerte ein wenig an seine Wahl zum Kaiser, auch jetzt war er in einem Saal, der voller Menschen war. Auch hier gab es eine Art Apsis mit einem Thron am Ende des Saales, aber damit endeten auch schon die √Ąhnlichkeiten. Der Saal war viel gr√∂√üer, wohl gr√∂√üer als der ganze Palas in der kaiserlichen Burg, mehr als 100 Meter lang. 33 S√§ulen trugen ein Dach, an dem Geier flogen und den Namen des K√∂nigs, der tief in das duftende Holz geschnitten war, besch√ľtzten.

Die Menschen im Saal waren alle in wei√ü gekleidet, Per√ľcken und Schminke, Unmengen von Parf√ľm. Die Stimmung war ausgelassen, man scherzte und lachte und er sah seinen Vater und sich am anderen Ende der Halle, ganz vorne bei den Stufen, die zum Thron hinauff√ľhrten. Er bahnte sich seinen Weg durch die duftende Wolke von Menschen. Als er sich fast erreicht hatte, einen jungen Mann mit weit aufgerissenen Augen und alberner Frisur, dem der Schwei√ü auf der Stirn stand, ert√∂nten von seiner rechten Seite Trompeten. Er blickte in die Richtung, vier M√§nner bliesen in lange, silberne Instrumente und eine gro√üe T√ľr wurde von zwei Dienern ge√∂ffnet. Der Saal dahinter lag im Halbdunkel und nun str√∂mte eine regelrechte Prozession aus dem D√§mmer. M√§nner mit Standarten, langen Stangen mit goldenen Bildnissen von G√∂ttern in Tiergestalt, singende, r√ľckw√§rtsgehende Priester, die den Boden mit Wasser besprengten und sangen, Weihrauchtr√§ger und dann, abgeschirmt durch Wedeltr√§ger und begleitet von seiner K√∂nigin und seinen √§ltesten T√∂chtern, der K√∂nig. Ein gro√üer Mann, sportlich, aber nicht mehr ganz jung. Er trug einen Schurz, an dem ein schweres goldenes Geh√§nge baumelte. Seine F√ľ√üe klackerten in den goldenen Sandalen und auf seiner Brust lag ein Pektoral, das mehr wert war, als die Steuereinnahmen eines Jahres in Hesstien, goldene Ringe an den Fingern, schwere goldene Ohrringe und auf dem Kopf eine hohe blaue Krone, ges√§umt mit Gold. Ein Herold rief etwas in der seltsamen Landessprache und die Menge sank auf den Boden, presste die Stirn auf die k√ľhlen Fliesen. Nur die Menschen in den ersten Reihen verneigten sich tief, die K√∂pfe zwischen den nach vorne ausgestreckten Armen. Er sah keinen Grund sich zu verbeugen, ein Vorteil als unsichtbarerer Geist. Und immerhin war er auch Kaiser, auch wenn ihm schon das Wort absurd vorkam in dieser Umgebung.

Sein Vater und sein j√ľngeres selbst verbeugten sich eher etwas linkisch, denn diese tiefe Form der Unterwerfung kannte man zu Hause nicht. Sein Vater war ziemlich schlecht vorbreitet gewesen, stellte er jetzt fest. Er hatte keine Dolmetscher mitgebracht und offenbar auch keinen erfahrenen Protokollmeister. Das r√§chte sich nat√ľrlich jetzt. Die Prozession um den K√∂nig hatte den Thron erreicht, die Prinzessinnen setzten sich auf eilends aufgeklappte Schemel zu F√ľ√üen des Herrschers, seine Gemahlin auf einen kleinen goldenen Sessel, den man ebenfalls mit sich f√ľhrte. Der K√∂nig selbst nahm Platz auf dem schlichten, steinernen Thron. Er traute sich jetzt, unsichtbar wie er war, sogar, die Stufen hinaufzugehen. Bilder von Feinden waren auf den Stufen eingraviert, aber seine Aufmerksamkeit galt den T√∂chtern des K√∂nigs, in ihren durchsichtigen Gew√§ndern, den √ľppigen Per√ľcken. Sie dufteten und sogar im Traum sp√ľrte er, dass sich in seinen Lenden etwas regte, was er seit Jahren vermisst hatte.
Ach ja, der K√∂nig hatte w√§hrend des ganzen Aufenthaltes nicht ein Wort mit ihnen gesprochen, dass hatte er fast vergessen. Stattdessen beugte sich ein spezieller Diener, ein Wiederholer, zum K√∂nig hinunter, der ihm etwas zu raunte, dass der Wiederholer dann laut nachsprach. Ein Dolmetscher √ľbersetzte seinem Vater und ihm, ein ziemlich langwieriges Prozedere. Nach einigen umst√§ndlichen Begr√ľ√üungsfloskeln trat sein offensichtlich ver√§ngstigter Vater vor, verneigte sich steif einige Male und winkte dann einen Diener aus seinem Gefolge heran. Man hatte nat√ľrlich Geschenke mitgebracht. Damals waren die ihm unfassbar kostbar erschienen: ein goldener Stirnreif, besetzt mit Edelsteinen f√ľr die K√∂nigin, Fibeln aus Gold mit Almandinen f√ľr die T√∂chter und einen kostbaren Bogen und ein mit Gold verziertes Schwert f√ľr den K√∂nig. Jetzt wusste er, dass sich der Kaiser f√ľr diese Geschenke fast verschuldet hatte, im Angesicht dieses Thronsaals wirkten sie wie j√§mmerlicher Tand. Der K√∂nig w√ľrdigte sie auch erwartungsgem√§√ü keines Blickes, die Prinzessinnen betrachteten aber durchaus mit einiger Freude die gro√üen runden Gewandnadeln, auch wenn sie diese schon aus praktischen Gr√ľnden sicher niemals tragen w√ľrden‚Ķ

Warum war er eigentlich wieder hier? Wollte ihm die Mutterg√∂ttin jetzt die eigene Unzul√§nglichkeit besonders unter die Nase reiben? Wollte ihm das Schicksal zeigen, dass er l√§cherlich war, dass sein ganzes Reich l√§cherlich war? Das erschien ihm doch sehr unfair. Aber richtig. Und trotzdem. Jetzt war er trotzig, wie es nur ein alter Mann sein kann. Er hatte doch das Beste gegeben, sich immer bem√ľht! Hesstien war eben nicht Aerath, der Kaiser nicht der Gottk√∂nig der Nachbarn. Mit dessen Mitteln h√§tte doch jeder regieren k√∂nnen! Pah! Der Herrscher hier war so heilig, der konnte nicht mal selbst sprechen. Er konnte ein Schwert f√ľhren, naja, jetzt vielleicht nicht mehr, aber prinzipiell. Er konnte sich kaum vorstellen, wie dieser in Gold geh√ľllte Gott da auf diesem Thron ein Schwert in der Hand halten w√ľrde. In Hesstien zogen die Kaiser selbst in den Krieg, wenn es n√∂tig war! War das gut? Und zogen die K√∂nige hier nicht auch an der Spitze ihrer Truppen‚Ķ ach egal. Nein, Hesstien war ein M√§nnerland, wo man noch ein Held sein konnte, das hier war ein Beamtenland, wo alles geordnet war, Gesetze alles regelten und M√§nner sich schminkten und Per√ľcken trugen. Er blickte in die Menge, die jetzt v√∂llig still war und mit gesenktem Kopf dastand. In Hesstien sagte man seine Meinung, auch wenn das manchmal √Ąrger bedeutete. Aber wie widersprach man denn bitte einem Gott? Er dachte daran, dass man ihm freigestellt hatte, ins Exil nach Aerath zu gehen und er hatte es erwogen, hatte sp√§ter immer wieder geflucht, es nicht getan zu haben. Stattdessen sa√ü er in dieser zugigen Burg im Nichts.

Aber jetzt sah er sie, eine Gruppe von Ausl√§ndern, die ganz am Rand standen, zwar nah beim Thron, doch isoliert. Abgesetzte F√ľrsten und K√∂nige, fremdl√§ndische Prinzen, zum Nichtstun verdammt, bel√§chelt und gehalten wie exotische Tiere im ausgedehnten k√∂niglichen Zoo. Nicht, dass er besonders viel zu tun h√§tte dieser Tage, aber man behandelte ihn mit Respekt und in seinem Heim war er noch immer der Herr. Hier w√§re er ausgeliefert gewesen, verstrickt in all die komplizierten h√∂fischen Intrigen, Spielball von Menschen wie Mani. Nein Danke. Er drehte sich wieder zu seinem Vater um, der gerade ein Schreiben √ľberreicht bekam‚Ķ Sein Vater, der Held seiner Jugend, reduziert auf die Rolle eines unterw√ľrfigen Boten ‚Ķ

Und w√§hrend er sich noch einmal den Saal anschaute, den er niemals in seinem Leben vergessen w√ľrde, den in Gold gekleideten Gott auf seinem Thron, da erf√ľllte pl√∂tzlich ein ganz anderer Duft seine Nase. Er schloss die Augen. Ja, Moos, Bl√§tter, feuchtes Gras. Das war viel besser als Weihrauch und Jasmin. Genie√üerisch bl√§hten sich seine N√ľstern und er schloss die Augen. Als er sie wieder √∂ffnete, war er nicht mehr in der titanischen Halle, statt S√§ulen ragten hier Tannen auf, hoch und dunkel, der Himmel war kaum zu sehen. Er war mitten in einem Wald. Nein, nicht in irgendeinem Wald. Er kannte diese Gegend. Es war der Wald von Korzelbach, ein ausgedehnter, dunkler und dichter Wald, voller Wild, Sagen, M√§rchen und Hexen. Er h√∂rte Pferde und laute Rufe und blickte sich um. Da hetzte eine Jagdgesellschaft durch den Wald, folgte einem kapitalen Hirsch. Er erkannte sofort, wer da jagte.

Sein Vater, einige Jahre gealtert, aber noch immer sehr stattlich, zusammen mit Hedelgord, seinem Waffenmeister, Rogebert, dem Herrn seiner Leibwache und einigen Burgm√§nnern, dahinter, auf Theudowald, seinem treuen Pferd, sa√ü er. Auch er war √§lter, um die 20 sch√§tzte er. Nein, er musste noch etwas j√ľnger sein, denn er trug die alberne Topffrisur, wie ein Pilz um seinen Kopf mit rasierten Seiten und Nacken, die die M√§nner nach der Schwertleite erhielten und bis zu ihrem 20. Geburtstag trugen. Er wurde von einigen j√ľngeren M√§nnern begleitet, manche erkannte er sofort, so Richwald, seinen sp√§teren Kanzler, armer Kerl, warum hatte er ihn blo√ü mit da reingezogen? Thudogard, sp√§ter sein Schatzmeister und noch einige andere, deren Leben er ruiniert hatte ‚Äď und die er mehr liebte als seine Frau. Treue M√§nner, treue Freunde!

Da! Der Hirsch war getroffen, seine Vorderläufe knickten ein. Die Pferde waren schon fast heran. Er fieberte regelrecht mit, auch wenn er wusste, dass der Hirsch gleich erledigt war. Er erinnerte sich an diesen Tag. Seltsam, denn sie waren so oft auf die Jagd gegangen, hatten so viele Hirsche erlegt. Aber an diesem Tag war alles anders gewesen, irgendwie perfekt. Sein Vater, sonst immer sehr streng, war bester Laune, sie hatten Wein getrunken und viel gelacht. Sie hatten den Hirsch erlegt, er hatte ihn erlegt, und man hatte die Beute triumphierend nach Hause auf die Burg gebracht. Am Abend hatte es ein Fest gegeben und alle waren sturzbetrunken in ihre Betten gefallen, er erinnerte sich noch an den tadelnden Blick seiner Mutter und Großmutter und musste sogar heute noch grinsen. Die Männer hatten den Hirsch mittlerweile erlegt, es gab viel Gelächter, großspuriges Männergerede und noch mehr Schulterklopfen.

Die M√§nner setzten sich kurz zusammen auf den Boden, tranken schrecklichen Wein aus Lederschl√§uchen, der in der Kehle brannte, und a√üen etwas Brot und harten K√§se. Kein Goldgeschirr, kein Parf√ľm, keine aufblitzenden Brustwarzen junger Frauen, naja, zugegeben, das letzte h√§tte wohl niemanden sonderlich gest√∂rt. Er war jetzt ganz nah an den M√§nnern, die nach Schwei√ü, Schmutz und Leder rochen. Das war sein Leben, h√§tte sein Leben sein k√∂nnen, sollen. Er war ganz nah an der Gruppe von lachenden Kerlen und jetzt wusste er wieder, warum er sich so genau an diesen Tag erinnern konnte. Nach einigen Runden wurde der Weinschlauch abgesetzt und die Knappen machten ein Feuer. Man hatte schon einige Hasen erlegt und die w√ľrden jetzt gleich zubereitet werden, eine Tradition seines Vaters. Am Abend w√ľrde es dann Hirsch geben ‚Äď nat√ľrlich nicht den von heute, der musste ja erst abh√§ngen. Die Gruppe zerfaserte sich ein wenig, einige der M√§nner k√ľmmerten sich um die Pferde, sammelten Holz oder sprachen in kleinen Gruppen miteinander.

Sein Vater fasste sein j√ľngeres ich an der Schulter und er stand auf. Die beiden gingen ein wenig in den Wald hinein. Sein Vater hatte ihm an diesem Tag gesagt, dass er heiraten m√ľsse, sehr bald. Er hatte ihm umst√§ndlich erkl√§rt, wie stolz er auf ihn war und dass er einmal ein guter Graf sein w√ľrde. Damals hatte er nicht gewusst, dass sein Vater krank war, niemand hatte es gewusst, au√üer den √Ąrzten und vielleicht Mutter. Kurz nach dieser Unterredung, die ihm damals seltsam vorgekommen war, sein Vater war nicht der Typ f√ľr gro√üe Worte, hatte er ihn t√§glich zu sich gerufen und ihn mit der Arbeit eines Grafen vertraut gemacht. Er hatte stundenlang Rollen gew√§lzt, Abrechnungsb√ľcher studieren m√ľssen und sie waren Stunden und Stunden durch die kleine Grafschaft geritten, hatten die drei anderen kleinen Burgen besucht, die in eher schlechtem Zustand waren, hatten die D√∂rfer und Weiler besichtigt und auch einige der kleinen, abgelegenen H√∂fe, die drei Kl√∂ster und nat√ľrlich auch die einzige gr√∂√üere Ortschaft Bulmka, etwa 10 Kilometer s√ľdlich ihrer Stammburg. Damals f√ľr ihn ein lebendiger und gesch√§ftiger Marktfleck, heute ein Provinznest. Er hatte mit Dorf√§ltesten gesprochen, mit Marktfrauen, Bauern, M√∂nchen und Tagel√∂hnern, Hirten und Handwerkern. Sein Vater war ein gesch√§tzter und geachteter Mann, er galt als streng, aber gerecht. Todesurteile gab es in seiner Grafschaft so gut wie nie und auch die Verbrechensrate war nicht sehr hoch. Es gab Armenspeisungen, die man aus der Tasche des Grafen bezahlte. Und in alle diese Aufgaben, die Verwaltung der Burg und der wenigen Rittermannschaften, der D√∂rfer und W√§lder, in die Buchhaltung und auch die Rechtsprechung war er eingewiesen worden. Geschichtsunterricht hatte er auch erhalten, zum ersten Mal in seinem Leben. Stammb√§ume, Wappen, Leitspr√ľche der wichtigsten Familien. Der Wald wurde dunkler und immer dunkler und pl√∂tzlich sah er sich selbst von hinten, einige Jahre sp√§ter, genau genommen drei Jahre sp√§ter.

Sein Haar war jetzt schon lang und er trug einen Bart. Das t√§gliche Training mit der Waffe und im Ringen hatte sein Kreuz breit werden lassen und erwirkte stark und jung und angespannt wie ein Bogen. Neben ihm stand seine Frau, die er ein Jahr zuvor geheiratet hatte, Huldgard von Erselbrach, die Tochter eines anderen Grafen, die eine reiche Mitgift in die Ehe gebracht hatte und verfeinerte Lebensformen. Sie kam zwar nicht aus einer h√∂hergestellten, aber doch aus einer reicheren Familie im S√ľden des Landes, wo viel feinere Lebensformen gepr√§gt wurden. Schnell war sie zum Vorbild f√ľr alles in Sachen Mode, Musik und Inneneinrichtung geworden. Jetzt trug sie schwarz, ihr Kopf, ihr Gesicht, waren bedeckt von einem schwarzen Schleier, der sie ein wenig wie ein Gespenst aussehen lie√ü. An seiner linken Seite stand seine Mutter, ebenfalls in schwarz gekleidet, tief gebeugt, mit zitternden Schultern. Sie waren in der Gruft der Burg, Kerzen erhellten den einfachen Steinkasten, in dem sein Vater lag, ausgemergelt, bleich, mehr Skelett als Mann. Eingesunkene Wangen, tiefe schwarze Schatten unter den Augen, das Haar d√ľnn und sch√ľtter. Seine d√ľrren Finger hielten sein Schwert √ľber seiner Brust. Ein Priester sang einen Psalm, in dem die Gro√üe Mutter gebeten wurden, sich ihres Sohnes zu erbarmen. Wenn sein Vater keinen Platz in ihrem himmlischen Palast bekommen w√ľrde, wer denn dann?

Das hatte er sich damals gefragt und fragte es sich auch heute. Irritiert bemerkte er, dass ihm Tr√§nen in den Augen standen. L√§cherlich, ein alter weinender Mann. Er hatte nicht einmal damals geweint. Ja er hatte gebr√ľllt wie ein Stier, Dinge zerbrochen, war mit seinem Pferd so lange geritten, bis das Tier vor Ersch√∂pfung fast zusammengebrochen war, aber er hatte nicht geweint. Jetzt zerriss ihm der Anblick seiner vor Trauer bebenden Mutter fast das Herz. Die besten Freunde seines Vaters standen rechts und links neben dem noch immer offenen Sarkophag, fast verdeckt von den tiefen Schatten, und warteten auf das Ende des Psalms, um den Deckel zu schlie√üen. Knirschend schoben sie ihn an seinen Platz und nach einem letzten Aufschluchzen seiner Mutter, drehten sie sich um und gingen hinaus aus der Gruft, wieder hinauf ans Licht dieses traumhaft sch√∂nen Tages mitten im Sommer. Ja, er w√§re ein guter Graf gewesen, ein guter Herr f√ľr seine Untertanen, aber er hatte dazu einfach keine Zeit gehabt, denn da war ja etwas dazwischen gekommen ‚Ķ

Und wieder war es, als rase er durch Raum und Zeit und wieder war es die Hauptstadt, als er die Augen √∂ffnete, wieder ein Raum voller Menschen. Nicht irgendein Raum, es war der Haupttempel und da, vorne am Altar standen die wichtigsten Priester zusammen mit dem Erzpriester, alle in ihren pr√§chtigsten Roben, dann, unterhalb der Stufen die hinauff√ľhrten zum Altar, all die Herz√∂ge und Grafen, alle fein herausgeputzt, ihre Gemahlinnen, die mit allem glitzerten, was ihre Schatullen hergaben, dahinter die Abgesandten anderer Nationen. Er erkannte Marduk-kabit-aŠłęŠłęńďŇ°u, den dritten Sohn des Summum-K√∂nigs, in der seltsamen steifen Robe mit seiner Gemahlin Puabi, ihr langes schwarzes Haar aufget√ľrmt zu einer kunstvollen Frisur, in der bei jedem Atemzug goldene Bl√§tter zitterten. Er konnte sich gut an das charmante P√§rchen erinnern, die ein Land repr√§sentierten, mit dem man zwar traditionell gute Beziehungen pflegt, das aber wie Aerath √ľber eine uralte und strahlende Kultur verf√ľgte. Trotzdem waren die beiden so ganz anders als das P√§rchen, dass neben ihnen stand, Prinzessin Iunit und Huya, Hohepriester des Mentschu. Iunit war die Schwester des K√∂nigs von Aerath, schlank, wundersch√∂n und etwa so nahbar wie der Mond. Sie blickte √ľber die Menge und ihr Blick war pr√ľfend, absch√§tzig. Er glaubte, dass sie die Nase r√ľmpfte und tats√§chlich ‚Äď immer wieder presste sie ein kleines wei√ües parf√ľmiertes Tuch vor ihr Gesicht. Bl√∂de Kuh, dachte er so offen, wie ein alter Mann, der als Geist durch seine eigenen Erinnerungen reist, es eben denkt. Aber sch√∂ne Br√ľste. Er musste fast grinsen. Der Prinzessin war es offensichtlich trotz Hochsommers zu kalt ‚Ķ

Er erkannte einige Luchtaprinzen und Grafen, er wusste nicht mehr genau wer welches Land repr√§sentierte, mit denen hatte er aber ziemlich viel getrunken. Die blonden, gro√üen M√§nner mit ihren Frauen mit milchwei√üer Haut, wiegenden H√ľften, riesigen Br√ľsten und goldenen Haaren vertrugen Unmengen. Sie lachten laut, gerne und liebten gutes Essen, sch√∂ne M√§dchen und die Jagd. Sie waren den Hesstiern nicht un√§hnlich, nicht nur was Kleidung und K√∂rperbau anging.
Prinzessin Willemjine von Gildberg war ebenfalls anwesend, eine gro√üe Frau mit dem Gesicht eines Pferdes, das nur aus Z√§hnen zu bestehen schien, die aber alle zum Lachen brachte und fluchte und trank wie ein Mann. Da wohl ein Gesandter aus dem S√ľden, mit dunklem Haar, dunklem Bart und dunkler Haut, oder war der aus dem Westen? Nein, kein Sooraj, der sa√ü da dr√ľben und sah aus, als sei er am Morgen in eine Schatulle mit Diamanten gest√ľrzt.

Dazu Ehreng√§ste aus Hesstien, B√ľrgermeister, Priester, verdiente B√ľrger, Beamte, alle fein herausgeputzt und aufgeregt. Und dann drehte alle den Kopf nach hinten, zum Hauptportal. Fanfaren und er sah sich selbst zusammen mit seiner Mutter, seiner Frau, wie sie den Tempel betraten. Seine Gattin fein herausgeputzt in einem prunkvollen dunkelblauen Kleid, dass √ľber und √ľber bestickt war mit Perlen, Edelsteinen und silbernen F√§den, hinter ihr Hofdamen, die den blauen Hermelinmantel hielten. Ihr Haar war hochgesteckt und er sah, wie wundersch√∂n sie war. Seine Mutter elegant und schlicht in schwarz, dass sie nach dem Tod ihres Mannes stets trug, er selbst in dem schlichten wei√üen Gewand, dass alle Kaiser traditionell vor der Kr√∂nung trugen. Kein Schmuck, nur die goldenen Kr√∂nungsschuhe waren schon an seinen F√ľ√üen. Vor dem Trio ging ein Herold mit einem langen wei√üen Amtsstab. Hinter ihnen die Inhaber der gro√üen √Ąmter, der Reichsmundschenk, der Reichsobermarschall, der Reichsschatzmeister, alle in den schweren Zeremonialroben mit Ketten und seltsamen H√ľten. Rogerich war darunter, der Reichsoberhauptmann, der als Amtszeichen ein gro√ües Schwert vor sich hertrug. Er sah nicht besonders zufrieden aus.
Er erinnerte sich, d
ass er damals von der W√ľrde der Zeremonie ganz ver√§ngstigt gewesen und erkannte die Anspannung im Gesicht seines j√ľngeren Ichs. Die Kr√∂nung war ein hoch komplexes Ritual, mehr ein Theaterst√ľck, ein Tanz, als ein religi√∂ser und politischer Akt. Er hatte die ganze Zeit bef√ľrchtet, dass er irgendetwas falsch machen w√ľrde, dass man ihn als den Trottel vom Land entlarven w√ľrde, der er eigentlich war. Seine Frau hatte stundenlang mit ihm geprobt, wieder und immer wieder, sie hatte ihn abgefragt und, wie auch immer sie das angestellt hatte, den Erzkronenmeister √ľberredet, ihm den schweren Kr√∂nungsmantel und die unpraktische Krone schon zwei Tage vorher in seine Gem√§cher zu bringen. Stundenlang war er mit dem schweren Ding auf dem Kopf herumgelaufen, immer √§ngstlich, sie k√∂nnte herunterfallen.

Und dann war doch alles gut gegangen. Er sah, wie sein j√ľngeres ich auf dem alten Steinthron der Barolinger Platz nahm und die Zeremonie ihren Lauf nahm. Sie dauerte ewig und war erm√ľdend, also lief er ein bisschen im Tempel herum. Die Stimmung war ein wenig wie auf einer Beerdigung und so f√ľhlte er sich jetzt auch. Das Ritual, dass aus dem ‚Äěsch√∂nen Grafen‚Äú einen Kaiser von der Gottesmutter Gnade machen w√ľrde sprach von Treue, von Macht, dem Gehorsam der Untertanen ‚Äď sagte aber nichts √ľber finanzielle Probleme, alte Machtanspr√ľche der Herz√∂ge, von Eidbruch, Intrigen und Krieg, den Realit√§ten, mit denen er sich hatte auseinandersetzen m√ľssen.

Er kannte den Ausgang der Kr√∂nung, das war langweilig. Also ging er hinunter in die Krypta. Dort lagen sie alle. Die alten K√∂nige der Warowinger, die das Reich von Hesstien erschaffen hatten und doch ein so unr√ľhmliches Ende genommen hatten, von den eigenen Hausmeiern abgesetzt und hingerichtet, dann die gro√üen Kaiser der Barolinger, in prunkvollen Sarkophagen, machtbewusst waren sie gewesen ‚Äď und auch tats√§chlich ziemlich m√§chtig. Trotzdem konnte er sie nicht leiden, denn letztendlich waren sie auch schuld an seiner miserablen Lage gewesen. Und da lag auch Riudolf II, der Ketzer-Kaiser. Der war 927 von seinem eigenen Vorg√§nger vom Thron gest√ľrzt worden, verstrickt in einen uns√§glichen Konflikt mit der Kirche. Henrich hatte sich pers√∂nlich ganz gut mit ihm verstanden, hatte sein Vater ihm erz√§hlt, Deswegen hatte Henrich auch durchsetzen k√∂nnen, dass Riudolf hier, im Tempel, mit allen kaiserlichen Ehren bestattet worden war. Oh, da im Nebenraum lagen die Erzhohepriester, diese widerlichen Heuchler. Er ging hinein und spuckte, mit ziemlicher Genugtuung, der Grabstatue von Klobert ins Gesicht. Dieser Hurenbock, verlogenes St√ľck Dreck. Rogerich hatte ihn hier beerdigen lassen, das hatte er in seinem Exil erfahren und sich schon damals furchtbar aufgeregt.

Er sah ihn vor sich, vor seinem inneren Auge (was war das jetzt, eine Erinnerung in der Erinnerung? Heute war ja wirklich mal ein au√üergew√∂hnlicher Tag), in seiner albernen Robe, mit dem albernen Hut, wie er geifernd von der Kanzel sein Pamphlet ‚ÄěZur wahren unt reynen Machte der Kirche und der Beschrenkigung der Macht des Kaysers‚Äú verk√ľndete. Er, der Kaiser, hatte sich doch nur auf alte Gesetze gest√ľtzt, als er ein Mitspracherecht bei der Ernennung von Klerikern, insbesondere der Bisch√∂fe, eingefordert hatte. Und da Klobert sich dem offensichtlich nicht hatte beugen wollen, hatte er ihn kurzerhand abgesetzt und durch den ihm treu ergebenen Giselher ersetzt. Das war doch wohl sein Recht, er war der verdammte Kaiser!
Aber nein, Klobert war zu Rogerich geflohen, diesem aufbrausenden und rachs√ľchtigen Hundesohn. Und dann hatte der abgesetzte Priester doch tats√§chlich die Nerven gehabt, ihn, den Kaiser, zu exkommunizieren. Er trat gegen die Statue, die bedrohlich wackelte, aber dann war er pl√∂tzlich wieder im Thronsaal des Palastes.
Da sa√ü er auf dem Thron, es war das Schicksalsjahr 945, acht Jahre war er damals schon Kaiser, er war 32 Jahre alt, aber jetzt konnte er bei seinem j√ľngeren Ich schon die Spuren des Alters erkennen, die das Amt in sein Gesicht gegraben hatten. Graue Str√§hnen an der Schl√§fe des ganz pl√∂tzlich d√ľnner werdenden Haares und auch im Bart. Er hatte Schatten unter den Augen und wirkte magerer als noch zur Zeit seiner Kr√∂nung. Aber w√§hrend der Saal voller besorgter Menschen war, ein Bote hatte gerade verk√ľndet, dass Klobert Liudolf exkommuniziert und f√ľr abgesetzt erkl√§rt hatte, sah er sich selbst laut lachend.

‚ÄěSo ein Popanz. Was glaubt der eigentlich, wer er ist?‚Äú.
‚ÄěMajest√§t, wir sollten das nicht auf die leichte Schulter nehmen. F√ľr die Bev√∂lkerung hat so etwas eine gro√üe Bedeutung, denkt nur an das Schicksal des ungl√ľcklichen Rogerich‚Äú warf Richwald, sein treuer Kanzler ein.

Es gab einiges zustimmendes Raunen und Gemurmel unter den Anwesenden Beamten und Ministern, auch die treuen Priester waren wohl der Meinung, dass eine direkte Konfrontation mit dem Klerus keine gute Idee wäre. Ha!

‚ÄěMajest√§t, wie ihr wisst, hat sich eine neue Heilige Allianz geformt, Amalbert von Rietzelstein hat die Herz√∂ge von Ambach, Frundsstein und Herslag um sich geschart, dazu einige Grafen. Sie haben zu den Bannern gerufen und marschieren in diesem Augenblick zu Burg Hutzling. Wenn sich denen wieder ein Bauernheer anschlie√üt wie damals, haben wir so gut wie keine Chance!‚Äú

‚ÄěIch sehe das anders, Euer Majest√§t‚Äú warf sein Schatzmeister Thudogard ein, der zwar wegen seines Amtes dicklich geworden war und nur noch selten selbst das Schwert schwang, seiner ritterlichen Herkunft aber stets treu geblieben war. ‚ÄěWir m√ľssen zuschlagen. Amalbert ist ein Feigling und hat keinerlei strategische Erfahrung. Er ist seinem Vater erst im letzten Jahr ins Amt gefolgt und ist noch ganz gr√ľn hinter den Ohren. Egelbrecht von Ambach mag √ľber ein wenig mehr Erfahrung verf√ľgen, aber er ist pleite. Das ist der einzige Grund, warum er Rogerich nachl√§uft wie ein H√ľndchen. Seine Truppen sind schlecht ausger√ľstet und es sind kaum sechshundert Mann, davon h√∂chstens vierzig Ritter. Thindrad von Frundsstein ist der Neffe von Egelbrecht, der l√§uft also nur deswegen √ľberhaupt mit. Pleite ist der genauso wie sein Oheim, noch dazu ein Aufschneider, den ich schon dreimal im Tjost besiegt habe. Um den m√ľssen wir uns genauso wenig Sorgen machen. Problematisch ist nur Barol von Herslag. Der ist ein z√§her Hund und Hutzling ein Biest von einer Festung. Sind die da erst mal dring, haben wir es schwer. Ich denke, es w√§re daher am besten, schnell zu zuschlagen, bevor sie sich in der Burg verschanzen k√∂nnen!‚Äú

Er l√§chelte. Sein treuer alter Freund war der sch√§rfte Geist an seinem Hof gewesen. Es war tragisch, dass er auf diese Weise hatte sterben m√ľssen. Er kannte alle gro√üen H√§user, ihre Eink√ľnfte, ihre St√§rken und Schw√§chen. Trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen, hatte er bei Hofe nicht viele Freunde. Er stand hoch in der Gunst eines Kaisers, dessen Launen er zu bef√∂rdern schien, statt sie abzumildern.

Jetzt, mit dem Abstand der Jahrzehnte, wusste er, dass sie Recht gehabt hatten. Es tat weh, das zugeben zu m√ľssen. Er hatte die angeschlagene Macht und das Ansehen des Kaisertums wiederherstellen wollen und daher geglaubt, seinen Willen notfalls mit Gewalt durchzusetzen. Thudogard hatte ihn immer best√§rkt und zusammen waren sie ein ungest√ľmes und scheinbar erfolgreiches Gespann. Immer selten hatte er auf seinen Kanzler geh√∂rt, diesen Mann mit dem Hang zur M√§√üigung und zum Ausgleich. Eigenschaften, wegen denen er damals einmal ausgew√§hlt worden war. Es war nutzlos, jetzt eingreifen zu wollen. Es war alles bereits passiert. Das hier war nur Blick zur√ľck, Geschichte als Objekt in einem Schaukasten, und nicht die Realit√§t, seine wahre Realit√§t. Er musste sich daran immer wieder erinnern, denn er sp√ľrte den k√ľhlen Boden, roch die brennenden Kerzen.

W√§re die Schlacht auf dem Feld von Oltzenb√ľck damals nicht gut ausgegangen, vielleicht h√§tte er dann auf seinen Kanzler geh√∂rt. Pl√∂tzlich ersch√∂pft lehnte er sich an eine S√§ule. Der Feldzug war aber nicht verloren gegangen, ganz im Gegenteil. Es war sein gr√∂√üter Triumph gewesen, der im Nachgang aber den Geschmack von Blut und Untergang in sich getragen hatte. Die Herz√∂ge waren so schwach gewesen, wie von seinem alten Freund prophezeit und Rogerich hatte nur zugesehen, wie seine Verb√ľndeten vom kaiserlichen Heer zerschmettert wurden. So ein Triumph! So ein glorreicher Sieg! Vier Herzogt√ľmer waren als Krongut an ihn gefallen, er war der m√§chtigste Kaiser seit der Zeit der Barolinger gewesen ‚Äď und der reichste. Seit Generationen war er der erste Herrscher seines Landes, der sich nicht in Aerath hatte verschulden m√ľssen. Wer h√§tte gedacht, dass auch dieser Umstand einmal zu seinem Verh√§ngnis beitragen w√ľrde? Er schloss die Augen und h√∂rte wie sein j√ľngeres Ich den Marschbefehl erteilte.

Als er die Augen wieder √∂ffnete war er noch immer im Thronsaal, aber es war nicht mehr dasselbe Jahr. Er wusste genau welches Jahr es war ‚Äď und welcher Tag. Fast exakt f√ľnf Jahre trennten sein nun schon nicht mehr ganz so junges Ich, dass auf dem Thron sa√ü, von den Mann, der den Befehl zum Angriff auf die Herz√∂ge gegeben hatte. Er war m√ľde, seine Augen ger√∂tet. Die Burg erzitterte unter unsichtbaren Faustschl√§gen. Er war allein in dem gro√üen Saal, in dem der gro√üe Deckenleuchter aus Bronze langsam hin und her schwang. Nur wenige Tage zuvor hatte es in der Halle von betrunkenem Gel√§chter geschallt und war Wein in Str√∂men geflossen.

Seine Gemahlin hatte ihm 950 endlich den lange erwarteten Erben geschenkt, Lindwart. Die am Hofe weilenden Reichsf√ľrsten hatten ihn ohne gro√ües Z√∂gern bereits an seinem Geburtstag zum Erben gew√§hlt. Wieder ein Triumph, wieder ein neuer Aufstieg des Kaisertums aus dem Elend der letzten Jahrzehnte. Dann war alles schief gegangen. Rogerich. Dieser Misthund, dieser Dreckskerl. Er hatte die Stadt angegriffen, wie aus dem Nichts. Noch heute fragte er sich, wie er das eigentlich bewerkstelligt hatte. Skrupellos hatte er die Gemeinde bei der Taufe im gro√üen Tempel angegriffen. Er wurde von seiner Garde gerettet, ebenso der kleine Prinz, aber seine geliebte Gattin und zwei seiner Neffen waren Rogerich in die H√§nde gefallen. Ihm schauderte noch heute, wenn er daran dachte. Das elende Schwein hatte die beiden jungen M√§nner schrecklich verst√ľmmelt in die Kaiserburg geschickt, um ihn zur Aufgabe zu zwingen. Sie lebten noch, immerhin. Sie lebten heute noch, Schatten ihrer selbst, in seiner Burg. Aufgeben war keine Option. Er hatte einen Ausfall versucht, aber nichts erreicht. Bei den K√§mpfen brachen Feuer aus, √ľberall in der Stadt, sogar im gro√üen Tempel. Und Rogerich, der sah zu, wie die Hauptstadt brannte. Am dritten Tag der K√§mpfe √ľberbrachte ihm ein Bote noch eine Aufforderung zu kapitulieren ‚Äď und den Kopf seiner Frau in einem Korb.

Noch heute rannen ihm Tr√§nen √ľber die faltigen Wangen und versickerten in seinem wei√üen Bart, wenn er nur daran dachte. Trotzdem, niemals w√ľrde er aufgeben. Niemals. Einen Tag sp√§ter starb Lindwart, ermordet oder weil es weder Mutter noch Amme f√ľr ihn gegeben hatte, auch das wusste er bis heute nicht. Das Weinen sch√ľttelte jetzt sein j√ľngeres Ich und ihn gleicherma√üen. Und niemals war an diesem Tag. Seine Hauptstadt brannte, tausende Unschuldige verloren ihr Leben, seine geliebte Frau war tot, sein Erbe war tot, sein Traum, von einem starken Kaisertum war tot. Er war innerlich tot. Er sah sein j√ľngeres Ich, die Krone zwischen den H√§nden durch den Saal gehen. Er ging nicht hinterher. Das brauchte er wei√ü G√∂ttin nicht sehen, um sich zu erinnern. Er hatte eine kleine Ansprache gehalten, an die wenigen Getreuen, die noch da waren, darunter seine Freunde aus Kindheitstagen. Es hatte Tr√§nen gegeben und dann hatte man das Tor ge√∂ffnet. Er hatte Rogerich die Reichsinsignien aush√§ndigen lassen und der hatte ihm versprochen, nein geschworen, dass er und seine Freunde geschont werden w√ľrden. Noch am gleichen Tag hatte man ihn, stark bewacht, in seine Heimatburg gebracht. Erst Wochen sp√§ter erfuhr er, dass man seine letzten beiden treuen Minister hingerichtet hatte ‚Äď als Hochverr√§ter. Auch ihre Familien waren bestraft worden, enteignet und aus ihren H√§usern geworfen. Er hatte versucht, sie ausfindig zu machen, doch ohne Erfolg.

F√ľnfundvierzig Jahre war das nun her. Er ging durch den Palast, in den jetzt die Leute Rogerichs str√∂mten. F√ľnfundvierzig Jahre. Er hatte in seinem Exil wieder geheiratet, er hasste das Alleinsein. Aber wahre Liebe war es nie gewesen zu Irseltraud, auch wenn sie ihm schon zwei Jahre nach seinem Sturz einen weiteren Sohn geschenkt hatte, einen pr√§chtigen Jungen. Rogerich setzt sich gerade triumphierend auf den Thron, die Krone in den H√§nden. Nicht einmal der Schweinhund wagte es, sie sich vor der Salbung auf sein verr√§terisches Haupt zu setzen.

Hinter ihm stand eine Frau. Sie war pl√∂tzlich erschienen. Nicht dramatisch, kein Rauch, kein Glitzern in der Luft, es war so, als habe sich einfach die Materie an dieser Stelle zusammengefunden, verdichtet. Er sp√ľrte ihren Blick auf seinem Gesicht und das erschreckte ihn. Sie sah nicht in seine Richtung, nicht durch ihn hindurch, sondern mitten in seine Augen. Dann l√§chelte sie und kam auf ihn zu. Unmerklich wich er Schritt zur√ľck, doch etwas an dieser Frau kam ihm seltsam vertraut vor, so als ob er sie schon seit ewigen Zeiten kennen w√ľrde. Obwohl es ihm noch immer kleine Schauer √ľber den R√ľcken jagte, dass sie sehen konnte, begriff er, dass von dieser Frau keine Gefahr ausging. Sie hatte ihn erreicht und, ohne ein Wort zu sagen, griff nach seiner Hand. Ihre Haut war warm und weich. Sie l√§chelte noch immer und er musste nun ebenfalls l√§cheln. Seltsam wie vertraut ihm diese Frau war. Es war ein Erkennen, das weit √ľber √Ąu√üerlichkeiten hinausging. Es erschien ihn, als schwinge seine Seele beim Anblick dieser Frau.
‚ÄěLiudolf, es wird Zeit!‚Äú

Das war alles, keine Erkl√§rungen. Sie ging und er folgte, noch immer seine Hand in der ihren. Und der Saal um ihn herum verlor an Kontur und Farbe. Sie schritten gemeinsam durch ein Tor, dass es niemals in diesem Palas gegeben hatte und standen dann, ganz pl√∂tzlich, unter einem schwarzen, sternenlosen Himmel, auf einer Art Ebene und da, in der Ebene, gab es einen breiten Fluss, der wie fl√ľssiges Obsidian glitzerte.

‚ÄěWo sind wir hier?‚Äú Er fand seine Stimme wieder, die seltsam klang, so als g√§be es keinen Hall, dort wie sie nun waren. Es gab auch keinen Wind, keine Ger√§usche, selbst ihre Schritte auf dem schwarzen Gestein verursachten keinen Klang.
‚Äě√úberall und nirgendwo, immer und nie!‚Äú
Das war keine sehr befriedigende Antwort, doch sie hatten das Ufer des Flusses erreicht und Liudolf starrte hinein. Er sah Bilder, Fetzen von Bildern, sich selbst, als Kind, weinend auf dem Schoß seiner Mutter. Liudolf sah sich jagend mit Freunden im Wald, im Bett mit seiner Gattin, in Aerath, in seinem Palast, bei der Krönung. Alles. Er sah alles. Sein ganzes Leben.
‚ÄěIst das ‚Ķ?‚Äú
‚ÄěJa Liudolf, es ist der Strom deines Lebens. Jeder Moment, jede Stunde, jeder Tag, alles, immer.‚Äú
‚ÄěIch kann hier meine Vergangenheit sehen? Und meine Zukunft?‚Äú
‚ÄěWer hier ist, f√ľr den gibt es keine Vergangenheit mehr ‚Äď und keine Zukunft, Liudolf. Zeit ist ein Konzept f√ľr die Lebenden. Was ist denn das Gestern? Es ist das morgen von vorgestern und das Jetzt in seinem Moment. Jeder Moment ist zugleich vergangen, gegenw√§rtig und zuk√ľnftig. Es kommt immer nur auf die Perspektive an.‚Äú
‚ÄěIch kann hier also beliebig jeden Moment meines Lebens sehen?‚Äú

Erst nachdem er diese Worte ausgesprochen hatte, wurde ihm klar, was die Frau eigentlich gesagt hatte.
‚ÄěMoment, hei√üt das ich bin ‚Ķ‚Äú
‚ÄěJa, Liudolf, das bist du. Schau, dort gibt es noch mehr Fl√ľsse, da am Horizont. Es gibt Millionen und Abermillionen und jeder steht f√ľr ein Leben. Ja, du kannst dir jeden Augenblick deines Lebens betrachten, immer wieder und wieder. Aber ich kenne deine Gedanken, jeder Mensch denkt sie. Du kannst nichts ver√§ndern, alles geschieht, ist geschehen und wird geschehen sein, jetzt, gleichzeitig. Niemand vermag den Strom seines Lebens aufhalten.‚Äú
‚ÄěDann war alles vorherbestimmt? Ich konnte nichts tun? Alles musste passieren, wie es geschehen ist? Ist das das Schicksal, dass die Gottesmutter f√ľr mich vorherbestimmt hatte?‚Äú

Er wusste nicht, ob ihn dieser Gedanke w√ľtend, traurig oder gar zufrieden machen sollte. Dann war alles K√§mpfen letztlich umsonst gewesen, alles Leid, all die Trauer, aber auch die Freude √ľber scheinbar richtige Entscheidungen. Alles war vorherbestimmt gewesen. Doch die Frau nahm ihm diese Illusion.

‚ÄěVorherbestimmt? Nein Liudolf, die Mutter gibt dir das Wasser, du suchst dir dein Flussbett. Es mag sein, dass sie Steine in deinen Weg legt, um die du links oder rechts herum flie√üen musst, aber letzten Endes sind es deine Entscheidungen, die den Weg deines Lebens bestimmen. Denk an den Tag des Reichstages. Du musstest den Vorschlag nicht annehmen. Die Mutter gab dir die M√∂glichkeit, aber es lag an dir, zuzustimmen oder abzulehnen. Es war allein deine Entscheidung, Liudolf. Du wolltest Kaiser sein und du wurdest Kaiser.‚Äú
‚ÄěAber meine Frau, es war doch nicht meine Entscheidung, dass meine Frau get√∂tet worden ist!‚Äú
‚ÄěMach dich nicht d√ľmmer als du bist, Kaiser. Entscheidungen haben Konsequenzen. Bleib bei dem Bild, dein Leben sei ein Gew√§sser. Eine Entscheidung ist ein Stein, den du ins Wasser wirfst und der Kreise zieht, mal weite mal enge. Nein, nat√ľrlich war das nicht deine Entscheidung, aber es war die Konsequenz daraus. Du hast dich entschieden, auf Konfrontation mit Rogerich zu gehen. Das f√ľhrte letztlich zum Tod deiner Frau.‚Äú
‚ÄěWarum zeigst du mir das eigentlich alles, wozu diese Traumreisen, warum dieser Ort hier?‚Äú
‚ÄěIch kenne den Grund nicht, ich bin die Botin, nicht die Mutter. Aber so ergeht es jedem, nicht jedem vor seiner Reise hierher, aber alle enden hier. Dann k√∂nnen sie sich entscheiden: Sie k√∂nnen hier verweilen und in der Vergangenheit bleiben. Sie k√∂nnen wieder und wieder anschauen, was sie im Leben erreicht oder verloren haben. Viele bleiben hier. Andere streifen das Gestern ab. Sie gehen weiter, √ľber die Ebene.‚Äú
‚ÄěWas erwartet mich dort?‚Äú

Sie l√§chelte. Er hatte mit dieser Antwort gerechnet. Seltsam, er hatte gedacht, dass man nach dem Tod ganz ausgeglichen w√§re, ganz ohne Emotionen, klarer, wacher. Aber er f√ľhlte sich immer noch m√ľde und er war immer noch ein bisschen w√ľtend. Eher dar√ľber, dass er offensichtlich im Morgenmantel am Fr√ľhst√ľckstisch gestorben war. Au√üerdem war das Wissen, dass man alles in seinem Leben selbst verursacht hatte nicht unbedingt sehr hilfreich. Es war doch sch√∂n, wenn man von Schicksal oder dem unergr√ľndlichen Plan der G√∂ttin reden konnte. Und alt war er auch!‚Äú

‚ÄěEs gibt hier keine Zeit, Liudolf!‚Äú, erinnerte sie ihn l√§chelnd.
Er verstand es sofort und als er an sich herunterblickte musste auch er l√§cheln. Ja, viel besser! Da war er wieder, der sch√∂ne Graf, gro√ü, muskul√∂s, mit wallenden schwarzen Haaren und dem dichten kurzen Vollbart. Er reckte seine nicht mehr schmerzenden Glieder. Er hatte Lust auf ein Abenteuer. Er war immer ein Abenteurer gewesen. Die Blicke zur√ľck waren sch√∂n ‚Äď manchmal. Er hatte aber eher das Gef√ľhl, dass diese Fl√ľsse, in die sich die Verstorbenen versenkten, die wahre H√∂lle waren. Nicht das Gew√∂lbe voller Feuer, von dem die Priester sprachen. Das eigene Leben wieder und wieder zu betrachten, die geliebten Menschen zu sehen, aber sie nicht zu erreichen, falsche Entscheidungen immer wieder zu sehen. Er schauderte. Nein, das w√ľrde nicht seine Ewigkeit sein.

‚ÄěEine gute Entscheidung, wenn du mir diese Bemerkung erlaubst, Liudolf!‚Äú Und damit war sie ebenso unspektakul√§r verschwunden, wie sie erschienen war.

Liudolf blickte noch einmal in den Fluss seines Lebens. Dann marschierte er los, √ľber die schwarze Ebene, unter einem schwarzen sternenlosen Himmel. Er hatte keine Angst.
Der Diener in der d√ľmmlichen Uniform war nur kurz aus dem Raum gegangen, das beteuerte er immer wieder. Niemand gab ihm die Schuld, wieso auch. Als man Liudolf fand, sa√ü er zusammengesunken an dem Tisch in einer Kemenate, ein leichtes L√§cheln umspielte sein Gesicht.

Der neue Kaiser veranstaltete ein großes Staatsbegräbnis im Tempel der Hauptstadt, wo der abgesetzte Monarch neben seinem Erzfeind und Widersacher Rogerich bestattet wurde. Sein Herz aber beerdigte man in einem Steinsarg in seiner Burg, direkt neben den Gräbern seiner Mutter und seines Vaters.





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