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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Fotograf
Eingestellt am 22. 12. 2003 12:46


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KultUrknall
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Der Fotograf

Ich schwenke die Schale mit dem Entwickler und das einzelne wei├če Papier gleitet in der schwappenden Fl├╝ssigkeit hin und her. Langsam erscheint das Bild, ganz langsam. Erst die dunklen T├Âne als graue Schatten, sp├Ąter die Hellen. Von unten aufgenommen, k├Ânnte man die Unsicherheit in Lauras L├Ącheln sehen. Ich fotografierte sie von schr├Ąg oben. Auf Hochzeitfotos ist kein Platz f├╝r so etwas. Ich w├╝rde den Mann neben ihr gerne herausschneiden, Laura und ihr gl├Ąsernes L├Ącheln isolieren. Ich habe eigentlich schon immer in Bildern gedacht, die Welt eingegrenzt. Die Wirklichkeit ist chaotisch und verwirrend, aber wenn man ihr einen Rahmen verleiht, kann man sie ordnen. Wenn man Dinge ausschneidet und einrahmt, ergeben sie vielleicht einen Sinn.

Ich habe Laura w├Ąhrend meines Designstudiums kennen gelernt. Es war auf einer Party und sie kam, als ich l├Ąngst gehen wollte. Ich habe an diesem Abend kein Wort mit ihr gewechselt, aber ein Foto habe ich gemacht. Sie trug ihre Haare damals noch lang, offen und durcheinander. Auf dem Foto beugt sie sich zu einer Freundin her├╝ber, ihr Gesicht gl├╝ht vom Alkohol und der Hitze. Ihre gr├╝nen Augen sind fast v├Âllig geschlossen und Zigarettenqualm schwebt vor ihrem Gesicht. Ich habe ihr dieses Foto nie gezeigt, obwohl es das Beste von ihr ist.
Damals erfuhr ich durch Zufall, dass sie neben ihrem Studium in einer Galerie arbeitet. Nach einigen Schwierigkeiten besorgte ich mir dort einen Job als Fotograf. Ich fotografierte die neuen Gem├Ąlde, die Fotografien, die Skulpturen und manchmal fotografierte ich Laura. In ihrem schwarzen Hosenanzug, die Haare m├╝hsam in einen Zopf gezw├Ąngt, vielleicht mit etwas Make-up auf dem Gesicht. Sie hat nie absichtlich gel├Ąchelt, wenn ich die Kamera auf sie gerichtet habe. Ich mag keine Menschen, die auf Fotos immer gl├╝cklich aussehen wollen. Sie verzerren die Gegenwart, bel├╝gen die Zukunft. Laura sah auf Fotos selten gl├╝cklich aus.
Vor einem halben Jahr tauchte dann der Ring auf. Ich hatte ihn w├Ąhrend der Aufnahme gar nicht bemerkt, pl├Âtzlich erschien er wabernd im Licht der Dunkelkammer. Wie aus dem nichts. Nicht viel mehr als ein unscharfes Detail. Zuerst hielt ich ihn f├╝r einen Fehler, vielleicht ein Staubkorn auf der Linse. Sie sah nicht aus, wie eine verlobte Frau. In den folgenden Wochen, habe ich viele Fotos von ihr gemacht - Gro├čaufnahmen von ihrem Gesicht, von ihren feinen, wei├čen Fingern - aber der Ring blieb. Wie eine ewige Bildst├Ârung, wie ein gef├Ąlschtes L├Ącheln.

Ich mag keine Hochzeiten, aber ich wollte heute unbedingt der Fotograf sein. Wollte sehen, wie sich alles entwickelt - Laura, die Bilder, das Staubkorn auf ihrem Finger. Manche Fotos brauchen viel Zeit im Entwickler um richtig klar zu werden. Als Fotograf muss man warten k├Ânnen, ein Gef├╝hl f├╝r das richtige Timing haben. Ich nehme das entwickelte Bild aus der Schale, fixiere das frische Paar. Alles ist stechend klar.

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Minds Eye
Guest
Registriert: Not Yet

Ein beklemmender Text. Erinnert mich an "One Hour Photo" oder so.
Die Fotografie als Paradoxon. Distanz und N├Ąhe. Die Intimit├Ąt von Fremden. Pr├Ąchtig.
Gru├č,
ME.

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Rodolfo
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Registriert: Dec 2003

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Die Wirklichkeit im Rahmen

Neben dem Leben stehen. Als Beobachter. Als Fotograf (Zeichner, Maler, Dichter?). Schauen, wie sich das entwickelt. Das ist doch der Punkt. Manchmal glaube ich, dass wir weniger Beobachter, mehr Teilnehmer sein sollten. Also, rauf auf die B├╝hne, die Leben heisst!

Danke f├╝r diesen Beitrag, diesen Anstoss, diesen Denk- Anstoss.

Betroffen: Rodolfo
__________________
Nur die Berge stehen ewig, nur der Fluss fliesst immer weiter...

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