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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Frührentner
Eingestellt am 23. 08. 2001 16:48


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Breimann
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Der Frührentner
Das gelbe Staubtuch flog über die glänzend polierte Tischplatte, verfing sich im filigranen Fuß des bronzenen Kerzenständers, stoppte kurz vor dem schweren hölzernen Barockengel, und wischte ehrfurchtsvoll über dessen Haupt und Gesicht.
Dann tanzte das Tuch über die hölzerne Umrandung der wuchtigen Sessel mit den großflächigen roten Blumenmustern. Die schweren, klobig und erdrückend wirkenden Altdeutschen Möbel, rotbraun im Ton, mit ihrem Glanz protzend, quetschten sich an kurzen Wänden, beanspruchten fast jeden freien Platz im düsteren Wohnzimmer.
Das Rückgrat schmerzte und Ria dehnte sich nach hinten, presste eine Hand stützend auf die Wirbelsäule, wischte mit dem Rücken der anderen Hand, die das gelbe Staubtuch hielt, den Schweiß vom Halsausschnitt. Seit zwei Tagen reinigte sie die Wohnung gründlich, sorgfältiger als je zuvor. Sie wollte nicht, das man ihr was nachredete.
Ria betrachtete ihren Mann, der im Fernsehsessel saß. „Eigentlich liegt er mehr, als dass er sitzt“, dachte sie verächtlich und schaute auf den tonnenförmigen Bierbauch des Mannes, der sich aus der Unterhose quetschte. Ihr Mann lag reglos da starrte auf den monströsen Fernseher und lauschte konzentriert den Gesprächen.
„Was hat der sich verändert! Seitdem er nicht mehr arbeitet, ist alles schlimmer geworden, als es so schon war. Seit sechs Monaten hockt er vom Frühstück bis spät in der Nacht vor der Kiste und spielt mit der Fernbedienung.“
Sie schürzte verächtlich und angewidert die Lippen, als sich Bernhard, den sie seit dreißig Jahren Bernd rief, den fast kahlen Kopf kratzte.
„Ich hasse dich!“, dachte sie und murmelte halblaut „Ich verlasse dich!“, was aber von Herrn Fliege übertönt wurde, der gerade in wehleidigem Ton die Doppelmoral der Gesellschaft anprangerte und dabei Herrn Krüger anklagend ansah.
Meistens trug ihr Mann ganztägig einen rotweiß gestreiften Morgenmantel, aber wenn es so heiß war wie heute, lief er nur in gerippter Unterhose und Unterhemd herum - an den Füßen trug er, wie üblich, braune Socken.
Sie schüttelte den Kopf, als es ihr nicht gelang, sich vorzustellen, wie ihr Mann vor dreißig Jahren ausgesehen hatte; die Bilder waren längst verwischt.
Sie wusste, was gleich kommen musste, spürte ein leichtes Ziehen im Unterleib und das Atmen fiel ihr schwer. Seufzend bückte sie sich über die Anrichte, ließ das Staubtuch fliegen, streckte sich und entstaubte den wuchtigen Bilderrahmen, der das Seewasser vor dem Auslaufen hinderte, den eleganten, langhalsigen Schwan einsperrte.
Die Arbeit fiel ihr nicht leicht, ihre Figur war schwer und füllig; der große Busen quetschte sich weißhäutig aus dem Ausschnitt. Ihr groß geblümter Kittel lag eng an, zeigte freigiebig die in Jahren angesammelten Fettrollen und Speckpolster. Aber ihr Gesicht war noch immer hübsch, ihre braunen Augen mochten früher manchen Mann verwirrt haben. Sie pflegte sich täglich, legte Creme auf, die sie aus dem Drogeriemarkt billig erstand. Das Geld sparte sie vom Haushaltsgeld ab, den Cremetopf versteckte sie unter ihrer Unterwäsche.
„In diesen dreißig Ehejahren sind unsere Gefühle zusammengefallen und unsere Figuren auseinander gegangen“, hatte sie kürzlich zu ihrer Schwester gesagt. Da war kein Vorwurf, kein Selbstmitleid zu hören gewesen.
Sie warf noch einen Blick auf den Hinterkopf ihres Mannes, bevor sie auf den Balkon ging, kurz nach unten schaute, dann das Staubtuch über der Brüstung mit harten Knallgeräuschen ausschlug.
Heute würde es anders weitergehen als sonst, da war sie sich sicher. Es war vorbei mit der Zeit der Lämmer! Sie wollte bockig werden, zustoßen, sich wehren. Das hatte sie seit drei Wochen bewegt und gequält. Heute würde sie es wagen! Noch nie hatte sie einen solchen Mut, einen derartigen klaren Willen verspürt, wie jetzt. Vor drei Wochen etwa hatte sich in ihrem Kopf etwas bewegt, waren alle Ängste, Unsicherheiten, Abhängigkeitsgefühle - und auch die ständigen Schuldgefühle – weggewischt worden.
An einem Tag wie diesem, als Bernd sie wegen des zu warmen Biers angebrüllt, eine halbe Stunde lang angeschrienen hatte, da hatte es angefangen, da hatte sie begriffen, das sich etwas ändern musste. Es hatte gedauert, bis sie dieses neue Gefühl verstand und den Weg fand, um damit fertig zu werden.
Sie war noch keine sechzig, aber sie fühlte sich oft wie hundert. Wenn sie sich dagegen ihre Schwester ansah, die seit zwei Jahren Witwe war und das Leben genoss! Die war schon sechzig und sah aus wie fünfzig. Die ging ins Kino, ins Theater und ab und zu sogar tanzen.
„Männer? Na klar! Ich muss sie ja nicht heiraten, es klappt auch so ganz gut“, hatte sie Ria lachend erklärt, die rot wurde, als sie sich das „Lotterleben“, wie Bernd das nannte, vorstellte.
Das alles war für sie undenkbar. Bernd würde sie vom Balkon werfen, wenn sie solche Wünsche wie Kino und Tanzen äußern würde. Das Leben konnte – und durfte – so nicht enden! Dann hatte sie überlegt, hatte Pläne gemacht – meist unmögliche Pläne, wie sie sich eingestand – und danach mit ihrer Schwester gesprochen.
„Das darf doch nicht wahr sein! Das lässt du dir gefallen? Du bist ein Lamm, ein blödes noch dazu! Ria, du musst da raus. Wenn dir die Bude auf den Kopf fällt, oder wenn dein Mann dich verrückt macht, komm zu mir – für einige Wochen wenigstens!“, hatte Helma angeboten – und zeitlich eingeschränkt.
Sie fuhr mit dem Lappen über das Leder des Fernsehsessels und zuckte zusammen, als der Kopf unter ihr herumflog.
„Du gehst mir auf den Wecker, Alte! Dein Putzfimmel macht mich wahnsinnig! Verschwinde aus dem Wohnzimmer; ich will in Ruhe fernsehen!“
Es musste schon ewig lange her sein, dass er statt „Schätzchen“, „Liebling“, „Rialein“, fast nur noch das abwertende „Alte“ benutzte; sie konnte sich nicht mehr daran erinnern - und das Wort verletzte sie jedes Mal. Auch damit war Schluss!
„Ach ne? Der feine Herr fühlt sich belästigt? Darf ich seine beschissenen Unterhosen und stinkenden Socken waschen gehen? Ist das genehm? Oder soll ich dem hohen Herrn ein kühles Bier bringen?“
Sie baute sich vor ihm auf, die Hände in die Hüften gestemmt, den Kopf hoch erhoben.
Bernhard glotzte sie fassungslos an. Das war ihm in all den Jahren noch nicht passiert. Seine Alte wagte es, ihn so anzusprechen? Was war in die gefahren?
„Biste bekloppt? Hast wohl zu viele Schundromane gelesen, was? Ich werde dir beibringen, wie du mit mir zu sprechen hast, das sag ich dir! Mach man so weiter!“
Ja, das war´s, was ihn erregte, was er nicht abkonnte. Er hasste es, wenn sie sich Bücher aus der Stadtbibliothek auslieh - und er hasste jeden Widerspruch. Er selber las nie, außer der Bildzeitung, die sie ihm morgens vom Bäcker mitbrachte. Sie ging auf den Fernseher zu, ohne ihren Mann zu beachten, lächelte, als sie daran dachte, wie das in Zukunft gehen würde mit dem Frühstück.
Dann zischte ihr Staubtuch über die Scheibe des Fernsehers, polierte den fein gekämmten Kopf des Herrn Fliege, fuhr über die offen gezeigten Brüste seiner Gesprächspartnerin aus dem horizontalen Gewerbe. Dabei prickelte es auf Rias nacktem Arm, die Haare richteten sich auf und es knisterte laut, als sich die Spannung entlud.
„Biste jetzt völlig übergeschnappt? Du gehst jetzt weg von der Kiste und lässt das Wedeln gefälligst sein! Sonst muss ich andere Seiten aufziehen! Mach deinen Scheißputz, wenn ich nicht in der Wohnung bin!“
„So, so! Wenn der Herr nicht in der Wohnung ist! Wann ist das? Nächste Woche? Nächstes Jahr? Du hängst doch nur vor der Glotze, außer am Sonntag morgen, wenn du zu deinem Frühschoppen gehst. Dann darf ich Staubputzen, ja? Mach dich nicht lächerlich! Damit ist Schluss! Ich lass mich von dir nicht mehr behandeln wie eine Putze! Ich hab hier auch Rechte! Und ich sage dir jetzt was: Ich geh weg für einige Zeit! Ich lasse dir diese Bude ganz alleine. Du kannst ungestört fernsehen, kannst essen wann und was du willst, du kannst abwaschen, kochen, putzen, waschen und bügeln wie es dir gefällt. Jetzt ist es vorbei mit dem Kommandieren!“
Bernhard schlug sich mit der Linken auf die rechte Schulter und nickte heftig. „Ich hab mich gerade gelobt“, sagte er mit erklärendem Unterton. „Ich hab mich gebremst, denn eigentlich hättest du jetzt eine Tracht Prügel verdient.“
„Du schlägst mich nicht! Ich lass mir nichts mehr gefallen. Das kannst du auch deinen Sonntags-Saufkumpels erzählen!“
Bernhard sah seine Frau aus zusammengekniffenen Augen an. Er durfte solche Widerreden nicht dulden. Das würde ausufern und er würde zum Pantoffelhelden werden.
„Bernd, du musst aufpassen, jetzt, wo du ganz zu Haus bist. Die Weiber wollen uns einspannen, uns zu Packeseln und Dienstboten degradieren! Da musste sofort gegen angehen! Die Weiber sind alle gleich! Pass bloß auf, mein Alter!“, hatte Karl nach der sechsten Runde Kölsch beschwörend gesagt.
Bernhard hatte damals überheblich gelacht, hatte an sein Schäfchen gedacht, dass mit dem Mittagessen auf ihn wartete. Er war an dem Tag noch eine Stunde später nach Hause gekommen als sonst und hatte auf ihre Reaktion gewartet. Sie hatte nur geseufzt und festgestellt, dass es aber spät geworden sei.
„Aufstand der Mäuse?“, hatte er drohend gefragt und Ria hatte still ihre Suppe gelöffelt. Aber heute hatte sie wohl der Teufel geritten; er musste dem ein Ende machen.
„Wie? Was sagst du da? Dafür hab ich dreißig Jahre am Band gestanden und geschuftet wie ein Tier? Das erlaubst du dir gegen deinen Ernährer und Ehemann? Du willst mir wohl meinen verdienten Ruhestand versauen, was? Pass auf, Alte! Nicht mit Bernhard Krüger! Dem hat noch keiner den Marsch geblasen!“
„Dann wird´s Zeit! Du warst, bist und bleibst ein Nörgler! Warum haben sie dich denn gezwungen, mit sechsundfünfzig in die Rente zu gehen? Der Karl ist fast sechzig und der geht noch jeden Tag! Die wollten dich nicht mehr! Du bist denen genau so auf den Geist gegangen wie mir! Du bist jetzt seit sechs Monaten in Rente und du führst dich auf, als wenn alle Welt – besonders natürlich ich – an deinem Elend schuld wäre. Aber da liegst du falsch! Ich mach jedenfalls deine Tyrannei nicht mehr mit, lieber Bernd. Ich geh jetzt auch, und dann kannst du sehen, wo du bleibst! Du bist ein armes Würstchen und nicht der Herrgott! Das muss man dir mal sagen!“
Sie hatte nicht gewusst, dass er noch so flink war. Sie konnte nicht mehr reagieren, als er auf sie zuflog. Der erste Schlag traf sie mitten ins Gesicht; sie taumelte rückwärts vor den Fernsehapparat, der sich mit einem Quietschton in die Schrankecke schob. Die nächsten Schläge trafen sie wahllos an Kopf und Körper. Er schlug blind auf Augen, Ohren und Nase. Er fasste ihren Kittelausschnitt und riss die Zurückweichende näher heran.
Er war furchtbar kräftig, das wusste sie; die harte Arbeit hatte ihm die Muskeln gestärkt. Seine knochigen Fäuste bohrten sich in ihren Körper, trafen die Rippen und fegten sie von den Beinen. Als sie halb ohnmächtig zu Boden stürzte, sich instinktiv an ihm festklammern wollte, da roch sie seinen muffigen Schweiß; da erst wurde ihr übel. Sie ließ los und stürzte haltlos; mit ihrer rechten Seite schlug sie auf die Tischkante. Dann erst schrie sie auf; es war der erste Ton, den sie von sich gab, seitdem er sie schlug.
Er stand breitbeinig über ihr; unter dem gerippten Unterhemd hob und senkte sich die dicke Altmännerbrust in hohem Tempo. Er stierte sie an, betrachtete ihr zerschlagenes Gesicht, das hellrote Blut, das aus Mund und Nase lief; er fixierte ihre ängstlich geweiteten Augen.
„Du dreckiges Weibsstück!“, grunzte er, überrascht von seiner Tat und seinen Gefühlen. Er hatte eine irrsinnig Lust und Befriedigung verspürt während des Schlagens, war wie berauscht gewesen. Es zuckte in seinen Fäusten; er spürte das Triumphgefühl des Siegers über einen Schwächling; es machte ihn schwindelig. Er musste sich zurück halten, spürte den Trieb, jetzt weiterzumachen; die Schwachheit des Opfers reizte ihn. Aber in seinem Unterbewusstsein rührte sich etwas, das ihn stoppte, ihn abmahnte; er war kein Schläger.
Während er noch starrte und nach Luft rang, seine reglos daliegende Frau betrachtete, stieg ganz langsam das schlechte Gewissen an die Oberfläche. Aber das konnte er nicht zulassen; das durfte nicht sein! Er war daran nicht schuld! Sie hatte den häuslichen Frieden zerstört; bis jetzt war doch alles prächtig gewesen.
„Du hast mich dazu gebracht! Du, du hast mich so lange gereizt, bis ich nicht mehr konnte. Es ist deine Schuld! Was passiert ist, war nur deine Schuld!“, sagte er gepresst und warf sich schnaufend in seinen Fernsehsessel.
Ria blieb mit geschlossenen Augen liegen; sie horchte in sich hinein, versuchte klar zu denken. Der Schmerz in der geprellten rechten Seite war schlimm, die Nase tat weh und die Augen brannten; im Mund spürte sie hässlichen Blutgeschmack. Aber sie triumphierte! Sie spürte ein richtiges Glücksgefühl; sie hatte ihn besiegt, diesen Maulhelden und Despoten – sie hatte ihn verletzt und aus der Reserve gelockt; er hatte sich an einer schwachen Frau vergriffen.
Ihr Kittel war zerrissen, etliche Knöpfe abgerissen. Sie stand auf, zog den Kittel über dem langen Unterhemd fest zusammen und ging ins Badezimmer. Sie betrachtet ihr Gesicht im Spiegel, und dann begann sie plötzlich zu zittern. Ihre Augen schwollen bereits an; das Blut im Gesicht trocknete; die grauen Haare hatten sich aus dem Knoten gelöst, hingen wirr in den Blutbahnen.
Der Schock traf sie hart. Er hatte sie geprügelt! Zum ersten Mal in ihrem Leben war sie verprügelt worden; und sie hatte gespürt, dass es um ein Haar schlimmer gekommen wäre.
Sie wusch und kämmte sich sorgfältig, rieb das brennende Gesicht mit Niveacreme ein, packte ihre Kulturtasche, zog im Schlafzimmer das braune Kostüm an, packte den Koffer voll mit der bereitliegenden Wäsche, dazu Strümpfe, Nachtwäsche, ein paar Blusen und zwei Kleider. Zum Schluss holte sie aus dem Schuhschrank im Flur drei Paar Schuhe, drückte alles zusammen in den kleinen Koffer und setzte sich matt, mit hängenden Schultern, oben drauf.
Sie betrachtete „ihr Reich“, wie sie es oft mit einem gewissen Stolz genannt hatte, wenn sie nicht ganz so unglücklich war. Sie wusste, dass sie nie mehr in diese Wohnung zurück kommen würde, außer um ihre restlichen Sachen zu holen. Nach dieser Prügelei war alles anders geworden. Sie hatte ihn nur umerziehen, ihn strafen und belehren wollen; sie hatte gehofft, dass er sie um Verzeihung bitten würde. Mit dem hier, da hatte sie einfach nicht gerechnet.
Der Entschluss für immer weg zu gehen wuchs in ihr heran wie eine gut gegossene Blume in der Sonne. Nicht mehr nur ein paar Wochen, nein, sie würde für immer gehen; das beschloss sie in diesem Augenblick. Ihre Schwester hatte Platz genug, sie konnte ihr im Haushalt helfen und sie würden gut miteinander auskommen - wie früher, das wusste sie einfach. Alles andere würde sich zeigen.
Aus der Strumpfschublade holte sie das kleine Stofftäschchen mit dem gesparten Geld. Es würde für die erste Zeit reichen, dann müsste man sehen. Bernd würde nicht so billig davon kommen, das schwor sie sich. Sie ging in den Flur, rief ein Taxi, nahm den Koffer in die Linke, legte mit der Rechten den Hausschlüssel auf die Garderobe und knallte die Tür hinter sich zu.

Als die Wohnungstür mit einem satten Geräusch ins Schloss fiel, sprang Bernhard auf. Er rannte durch alle Räume und sah, dass der Urlaubskoffer weg war – und Ria auch! Er sprintete zur Balkonbrüstung und sah das Taxi abfahren; Ria konnte er nicht mehr sehen.
„Die macht´s wirklich!“, staunte er. Bis zuletzt hatte er nicht daran geglaubt, hatte die Drohung für einen unbeholfenen Erpressungsversuch gehalten.
„Die Kuh fährt zu ihrer Schwester! Meinetwegen! Soll sie doch; ich werd sie nicht zurück holen; die kommt von ganz alleine zurück. Selbst die dümmste Kuh weiß, wo ihr Stall ist!“
Die Schlägerei hatte ihn mehr mitgenommen, als er glauben wollte. Alles war aus seinen ruhigen Bahnen gerissen. Wie betäubt zog er sich die Cordhose und das geblümte Kurzärmelige an, schlüpfte in die Schuhe und marschierte ohne ein konkretes Ziel los. An der Ecke, in der „Alten Post“, seiner Stammkneipe, war es dunkel und kühl. Außer dem Wirt saßen nur zwei fremde Männer da. Es war zu früh für die Stammkundschaft.
Der Wirt stellte ihm sofort ein frisch gezapftes Kölsch hin und nickte.
„Na? Wie geht´s?“
Bernhard winkte ab, er wollte keine Unterhaltung. Er trank das Bier aus, warf zwei Mark auf den Tresen und ging wieder raus. In der Fußgängerzone war Hochbetrieb. Der Sommerschlussverkauf lief und aus den Geschäften strömten Paare und einzelne Frauen, alle bepackt mit riesigen Plastiktüten. Zwei dunkelhaarige, braune Jungen drehten ihre Räder durch die Menge, ohne aus dem Sattel zu steigen. Die hatten ihm gerade noch gefehlt. Er spürte den Druck anwachsen; er brauchte ein Ventil. Bernhard machte sich breit, versperrte den Jungen den Weg, griff sich beide Lenker und schnauzte sofort los.
„Na, ihr Pack? Könnt wohl nicht lesen? Oder gilt das nicht für Ausländer, he? Radfahren ist hier verboten!“
„Bist du Hilfspolizist?“, fragte der größere der beiden Jungen aufmüpfig.
„Dir werd ich gleich zeigen, wie man mit eurer Sorte umgehen muss!“, schrie Bernhard Krüger, hob die rechte Hand und holte weit aus.
„He! Was willst du? Willste dich an meinem kleinen Bruder vergreifen, Opa?“, fragte eine Stimme mit fremdem Akzent. Im selben Augenblick erhielt er einen heftigen Schlag auf den rechten Arm. Er schrie auf und drehte sich um. Hinter ihm standen zwei junge Männer, muskelbepackte Arme quollen aus schwarzen, hautengen T-Shirts.
„Verschwinde, oder ich ruf die Polizei!“, gurgelte Bernhard, zitternd vor Wut.
„Du Arsch! Kinder willste verprügeln, Opa? Ich zeig dir mal, wie man mit Leuten von deiner Sorte umgeht!“
Die Schläge trafen ihn mit solcher Wucht, dass er taumelte. Die Männer schlugen gezielt, treffsicher, hart und routiniert. Er hörte sein Nasenbein brechen, schmeckte das Blut im Mund. Sein Kopf dröhnte und als er am Boden lag, spürte er die harten, schmerzhaften Tritte in den Seiten, aber dann war er plötzlich weg, tauchte in tiefe Schwärze.

Helma und Ria saßen im Straßencafe und tranken Cappuccino. Heute war es kühler, die Sonne war nicht zu sehen. Trotzdem trug Ria eine riesige Sonnenbrille, die ihr Helma geliehen hatte.
„Dann sehen die Leute wenigstens deine grünblauen Augenränder nicht. Braucht ja nicht jeder zu wissen, dass du Prügel bezogen hast. Hier wird schon genug getratscht.“
Ria genoss diese erste Woche bei Helma wie einen lang ersehnten Urlaub. Ja, sie durfte bleiben; sie konnte sich eine kleine, eigene Wohnung in Helmas Haus einrichten. Morgen würden sie beide zu einem Anwalt gehen und Geld einklagen,
„Das Schwein muss Unterhalt zahlen; darauf hast du ein Recht!“, hatte ihre Schwester gesagt und alles in die Wege geleitet.
„Bloß gut, dass wir beide keine Kinder kriegen können“, seufzte Helma. „Für dich ist das jetzt viel einfacher – und ich hab Platz für dich im Haus!“
„Trotzdem! Vielleicht wär alles anders gekommen. Manchmal hätte ich schon was gebraucht zum lieb haben.“
„Du bist und bleibst ne Glucke!“, seufzte Helma ergeben.
Ria zuckte die Achseln, blickte verlegen auf die herrenlose Zeitung, die auf dem Nachbartisch lag, im leichten Wind ihre Blattränder anhob. Gedankenverloren griff sie sich das Lokalblatt und las die dicken Überschriften der ersten Seite.
„Hier, guck mal! Bei uns im Dorf! Heute biste nirgends mehr sicher.“
Und sie las vor: „Harmloser Rentner in der Fußgängerzone brutal zusammengeschlagen. Opfer schwer verletzt. Die Täter waren Ausländer, die ohne Anlass auf den Spaziergänger, der als friedlicher Bürger bekannt ist, einschlugen und sogar den am Boden liegenden Mann mit ihren schweren Stiefeln traten. Das Opfer musste schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Die Polizei ermittelt!“
„Stell dir das vor! Das bei uns im Dorf!“, sagte Ria empört.
„Die sollten lieber schreiben, wie ein wütender Rentner seine harmlose Ehefrau zusammenschlug, ihr die Niere verletzte und die Nase brach. Das Opfer ist als friedliebend bekannt!“, sagte Helma und lachte.
„Ach du! Das hier war doch was ganz anderes - meins wird schon wieder. Wie sehen meine Augen aus?“, fragte sie und setzte die Brille ab.




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kruschtl
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Lieber Breimann, "nette Leute", wirklich, und mit dem Effekt mit dem Staubtuch finde ich gut eingeführt, lässt sich doch so die Idylle des Gelsenkirchener Barocks gut und aus der Bewegung heraus beschreiben. Auch das Erschrecken beider über die Eskalation kommt deutlich heraus, also nicht so eine schwarz-weiße Einbahnstraße. Und am Ende auch ein Überraschungseffekt mit Fragezeichen über die Wahrnehmung bestimmter Dinge in den Medien.
Mich verwirrte dann der Effekt mit dem Frauennamen: erst Rosi, dann Ria (??) was wohl beides eine Abkürzung von Rosemarie sein könnte - Versehen oder irgendeine geheime Absicht dahinter?
Ich stutzte auch etwas über den Anlaß der Frühverentung und gehe davon aus, dass Rosi/Ria hier nur aus Wut daran denkt, dass die sozusagen personenbedingte Gründe hat - man kennt es ja ind er Regel eher als eine ganz und gar unpersönliche "soziaverträgliche" Maßnahme. Könnte das nicht auch noch mal aus seiner Sicht geschildert werden - immerhin ist es ja vom Titel her sozusagen der Schlüssel zur Entwicklung der Handlung.
Viele Grüße, Kruschtl

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Breimann
???
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irren ist menschlich

und so entstehen Fehler. Ursprünglich war Rosi gewollt, später habe ich´s in Ria geändert und es "händisch", also ohne die WORD-Ersatzkomponete gemacht. Die zwei Rosis sind mir dabei durchgeschlüpft - und inzwischen ausgetauscht.
Danke für den Hinweis, lieber kruscht.
Ich habe mich gefreut, die Nummer 1 bei deinem Posting zu sein.
Ja, natürlich kann man sich jede Menge Gründe denken, die diesen armen Mann zum Frührentner gemacht haben könnten. Da bieten unsere Nachrichten und Zeitungen täglich genug Stoff. Aber Ria, die sicher die wahren Gründe kennt, sticht ihren Mann, will ihn verletzen. Ich wollte keine echten Gründe nennen; sie wären für die Geschichte unerheblich.
Vielen Dank und liebe Grüße
eduard
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Ralph Ronneberger
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Hallo Eduard,

ich finde es schade, daß diese trefflich geschriebene Geschichte (bis auf eine Reaktion) hier so sang und klanglos untergegangen ist. Es gibt hier viele (vielleicht sogar zu viele) rührende oder im Weltschmerz schwelgende, sowie wütende als auch schlicht ergreifend geschriebene Geschichten, in denen Menschen (oft oder meist Frauen) in ihrem nicht selten selbst gewählten Lebenskäfig sitzen und mehr oder weniger geistreich über ihr Schicksal klagen. Im Laufe der Handlung zerfließen sie mehr und mehr im Selbstmitleid oder steigern sich in eine furchbare Wut, wo dann oft in Selbstentleibung oder in der des Entleibung des eigenen Partners der einzige Ausweg gesehen wird. Deine Ria ist anders. Sie versucht i h r Leben aus eigener Kraft noch einmal zu packen, was ihr auch ohne die Schläge sicherlich gelungen wäre. Die Prügel-Szene ist aber nicht überflüssig, sondern hat auf jeden Fall ihren Platz. Im Übrigen ist sie dir beeindruckend gelungen. Ich muß kruschtl unbedingt beipflichten, wenn er/sie schreibt: Auch das Erschrecken beider über die Eskalation kommt deutlich heraus, also nicht so eine schwarz-weiße Einbahnstraße."

Schön zu lesen, wie sich ein unterdrückter Mensch aus eigener Kraft zu befreien vermag. Ich muß Abbitte leisten, denn die Inga aus der "Schwarzen Katze" hat mich zu der Annahme verleitet, dir wäre auch nur das zwar bemitleidenswerte, aber zu inaktive Handeln vertraut. Hier belehrst Du mich eines anderen.

Gruß Ralph

PS.: Übrigens die Sache mit dem in der Fußgängerzone von brutalen Ausländern zusammengeschlagenen harmlosen Frührentner ist ein zusätzliches Bonbon. Kompliment, wie geschickt Du das eingefädelt hast.

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Breimann
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Wenn, lieber Ralph,

man als Autodidakt, als Anfänger, solchen Zuspruch bekommt, dann ist das wie ein Vitaminstoß, Anschub für weitere Arbeit.
Ich freue mich darüber - wer täte das nicht. Und ich bin oft betrübt darüber, wie die Geschichten schon nach ein paar Tagen über den Rand in den fast unerreichbaren Abgrund stürzen. Wenn sie von der Seite 1 verschwinden, findet man sie ja nur noch, wenn man sich über den Autoren-Namen eine Zusammenstellung machen lässt (übrigens meine oft praktizierte Vorgehensweise, um Stücke eines Autors in den Vergleich zu ziehen).
Ich habe auch manchmal bei meinen Erzählungen oder Geschichten das Gefühl gehabt, dass meine Figuren entschlossener eine Wende herbei führen sollten. Ich weiß nicht; vielleicht liegt es daran, dass ich zu viel erlebt habe, zu viel Mittelmaß, das nicht ausreicht, um eine solche aktive Wendung zu erreichen. Aber natürlich braucht der Leser sie und es gibt diese Menschen ja auch. Ich werde jetzt verstärkt mein Augenmerk darauf richten.
Allerdings - es ist schon komisch - meine fast fertige Geschichte "Die abgelegte Geliebte" hat eine solche Schlusskomponente - du wirst sehen (auch frühere Geschichten hatten sie - manchmal).
Übrigens: Ist das das Problem, das du mit meinen Geschichten oft hast, wie du kürzlich schriebst?
Liebe Grüße
eduard
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Ralph Ronneberger
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Hallo Eduard,

Du schreibst: "Ich habe auch manchmal bei meinen Erzählungen oder Geschichten das Gefühl gehabt, dass meine Figuren entschlossener eine Wende herbei führen sollten. Ich weiß nicht; vielleicht liegt es daran, dass ich zu viel erlebt habe, zu viel Mittelmaß, das nicht ausreicht, um eine solche aktive Wendung zu erreichen. Aber natürlich braucht der Leser sie und es gibt diese Menschen ja auch. .....Übrigens: Ist das das Problem, das du mit meinen Geschichten oft hast, wie du kürzlich schriebst?"

Ja, Eduard - Du hast es erkannt. Hinzu kam noch mein Eindruck, Du würdest deine Figuren, im Bestreben sie möglichst genau zu charakterisieren, zu stark überzeichnen bzw. sie aus einem ganz bestimmten Schubfach ziehen. Inzwischen habe ich schon so viel von dir gelesen, daß ich mein zu rasch gefälltes Urteil (oh, wie geschwollen rede ich denn hier eigentlich daher?) längst revidiert habe. Bei dir (in deiner Eigenschaft als Autor) kann man nicht pauschalisieren. Man muß auf jede Geschichte eingehen. Und da habe ich noch Nachholbedarf. Als Du hier ankamst, warst Du für mich das, was wir hier auf der Lupe einen "Vielposter" nennen. Da das die Leser und Kommentatoren überfordert, klickt man ihn nach den ersten ein oder zwei Geschichten nicht mehr an. Tja - und in diesem Fall ist mir dadurch (und natürlich durch meine mehrwöchige Lupenabstinenz) viel durch die Lappen gegangen. Aber einiges wird sicherlich noch nachgeholt.

Liebe Grüße
Ralph

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Breimann
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Lieber Ralph,
ich habe einen regen Email-Kontakt. Dabei wird auch meine Schreibe diskutiert. Mehrfach wurde ich dazu beglückwünscht, dass ein Ralph Ronneberger meine Erzählungen / Geschichten liest und sie so beurteilt, wie es bisher durchweg geschehen ist. Ich hatte dieses Gefühl schon sehr schnell und habe das auch in einer Antwort an dich bereits ausgedrückt.
Zu den Personenbeschreibungen: Du schreibst: >.. zu stark überzeichnen bzw. sie aus einem ganz bestimmten Schubfach ziehen.< Ich sehe das schon als eine meiner Eigenarten, die aus dem wirklichen Leben kommen. Ich beobachte, registriere und speichere alle wesentlichen Eigenarten der Menschen ab, denen ich begegne. Ich mache mir später oft Notizen, skizziere meine Eindrücke. Und manchmal finden diese Leute sich dann in einer Geschichte wieder. Also, das aus der Schubladeziehen stimmt im wahrsten Wortsinn. Im übertragenen Sinn, das schreibst du ja auch, bin ich eigentlich kein „Schubladenzieher“!
Ich bin sehr froh darüber, dass ich eine Resonanz bekomme. Ich bin nicht mobil, kann nicht zu Lesungen und Diskussionsrunden fahren, der PC-Platz ist meine einzige Kommunikations-Möglichkeit. In dieser Mitteilung steckt auch ein Grund für meine Vielschreiberei. Urte schrieb mir kürzlich, ich solle langsamer machen. Aber das kann ich nicht. Ich muss mich immer sputen!
Danke und liebe Grüße
eduard

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