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Leselupe.de > Anonymus
Der Geduldsfaden
Eingestellt am 03. 10. 2005 18:58


Autor
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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Du kannst eine Geschichte erzĂ€hlen, die sich tagtĂ€glich zutrĂ€gt oder du kannst eine Geschichte erzĂ€hlen, die sich nicht tagtĂ€glich zutrĂ€gt. Woher du aber die Annahmen nimmst, welche der Geschichten tagtĂ€glicher Natur sind und welche Geschichten es nicht sind, das ĂŒberlĂ€sst das Leben dir. Oder sagen wir es genauer. Es ist deine Sicht der Dinge, wie du das Leben in seinem tagtĂ€glichen Fluss interpretierst. Du kannst Geschichten, die den Charakter von AlltĂ€glichkeit tragen, ausblenden, indem du dir suggerierst, es gĂ€be solche Tage nicht. Oder du nimmst es einfach hin, dass es die AlltĂ€glichkeit genauso wie das Besondere gibt und lĂ€sst dich darauf ein, was letztlich hervorbricht.

Das Kino war ĂŒberfĂŒllt, deswegen schickte mich die Kassenfrau mit einem Hinweis der kommenden AuffĂŒhrungen fort. Dabei hatte sie eine lĂ€chelnde Miene aufgezogen, die mich glauben lassen sollte, was sie sagte.

Als ich ein paar Schritte gegangen war, glaubte ich ihr kein Wort mehr. Doch inzwischen hatte sich die Traube um das Kassenschalterloch vor der Frau so weit verdichtet, dass es mir unmöglich geworden war, ihr meinen Unglauben zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen schimpfte ich sie in Gedanken eine LĂŒgnerin, was mir sehr gut tat, denn es war die einzige Wahrheit, die ich hier gelten lassen konnte. Auf offener Straße hatte man mich zurĂŒckgewiesen, obwohl ich gemeint hatte, dass diese weltliche Niedertracht mir gegenĂŒber sein Ende gefunden hatte. Doch in Form dieser Frau hatte alles wiederum seinen Anfang genommen und in mir stieg die Wut auf.

Sie hatte dieses LĂ€cheln dazu benutzt, mich ruhig zu stellen, denn sicherlich hatte sie vermutet, dass ich einer dieser Rebellen war, die sich nichts bieten ließen. Diese Frau hatte den Auftrag, sich meinen WĂŒnschen zu widersetzen wie es auch in anderen Situationen meines Lebens eingetreten war. Statt Biologie studierte ich das Fach der Geologie - man hatte mich bereits in der Schulzeit darin bestĂ€rkt, der KĂ€fergeschichte endlich abzuschwören, denn ich hatte vergessen, wie es war, allein zu sein. Meine ZimmerwĂ€nde fĂŒllten selbstgebaute HolzkĂ€stchen, in denen sich in verschiedenen GrĂ¶ĂŸen die KartoffelkĂ€fer von zehn Sommern aneinanderreihten. Als man mir jedoch meine einseitige BeschĂ€ftigung antrug, begann ich das Zweifeln, bis mich schließlich das GelĂ€chter der anderen in die leblose Welt der Steine fĂŒhrte.

Ich deutete die Absage der Frau am Kinoschalter als Angriff und beschwerte mich mittels eines eingeschriebenen Briefes zwei Tage darauf. Tagein und tagaus hatte ich morgens am Fenster gestanden, um dem Briefboten dabei zuzusehen, ob er an meinem Hause Halt machte oder aber weiterfuhr. Letzteres trug sich nun seit mehr als vier Wochen zu und ich musste annehmen, dass mir eine Antwort versagt bleibt. In schlaflosen NĂ€chten widerfuhr mir nicht selten der Gedanke, dass ich mich in der Anschrift geirrt hatte, obwohl ich mehrmals vor der Absendung meines Schreibens an jenem Kino vorbeigelaufen war, um zu prĂŒfen, in welcher Straße und mit welcher Hausnummer das Kino verzeichnet war.

Dass man mir keine Antwort hatte zukommen lassen, wertete ich schließlich nach langer Zeit des Wartens als erneuten Angriff auf meine Person. Eine Person, die sich zur Wehr setzte, denn ich war mir einfach sicher gewesen, dass man hĂ€tte eine Lösung des Problems herbeifĂŒhren können an jenem Abend, als man mich fortschickte. Noch viel immenser beschĂ€ftigte mich die Tatsache der TĂ€uschung, die mir zuteil wurde, als die Frau am Schalter mich lĂ€chelnd nach Hause geschickt hatte.

Ich war schließlich nicht ohne Grund an diesem Tage zum Kino gelaufen. Nicht umsonst hatte ich mich willentlich fĂŒr einen Kinobesuch entschieden. Doch nichts anderes war geschehen, als dass man meinen Willen anzweifelte und mich nicht zuletzt meiner Vorstellungen beraubte, der des Kinos als auch der meines Innersten.

Ich schreibe an einem zweiten Brief, den ich persönlich vortragen werde. Er wird jene Ungerechtigkeit zum Erliegen bringen, die ich keinem Menschen dieser Welt zumuten wĂŒrde. Ich feile an den Worten und ich feile an der Aufmachung meines Anliegens, denn eines ist gewiss. Man wird mich erhören, daran besteht kein Zweifel.

Du kannst eine Geschichte erzĂ€hlen, die zweifellos an der RealitĂ€t vorbeigeht. Du kannst eine Geschichte erzĂ€hlen, die zweifellos die RealitĂ€t widerspiegelt. Die Deutung von Fakten ĂŒberlasse nicht dem Zufall.

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Denschie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo a.,
irgendwie hatte ich mir nach dem vorwort mehr
erhofft. tut mir leid, aber es ist nicht
ansatzweise spannend, wenn auch flĂŒssig erzĂ€hlt.
vielleicht zu hoch fĂŒr mich.
lg, denschie

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Hoi Denschie,

was letztlich bleibt, ist ganz dem Leser ĂŒberlassen.

Danke Dir fĂŒrs Lesen.

PS.: Im Übrigen fĂ€llst Du mir hier in der Leselupe auf. In positiver Weise, weil hindurchschimmert, dass Du ehrlich bist. Das freut und ist von Bedeutung.





















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Denschie
Guest
Registriert: Not Yet

hey a., ich meinte das "vielleicht zu hoch fĂŒr
mich" auch ernsthaft und nicht als floskel.
tatsÀchlich könnte ich mir vorstellen, dass dein
text assoziationen auslöst, fĂŒr die mir gerade
das nötige wissen fehlt.

danke fĂŒr dein nettes p.s.!

vg, denschie

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Penelopeia
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2002

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Sehr schöner Text! Vom Grundgestus her natĂŒrlich Kafka. Aber trotzdem kein Plagiat.

LG

P.

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