Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95254
Momentan online:
284 Gäste und 6 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Gefrorene
Eingestellt am 05. 12. 2014 21:14


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
wowa
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jan 2013

Werke: 26
Kommentare: 28
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um wowa eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Gefrorene

Linda hat einen neuen Job mit Dienstwagen und Fahrer. „UnabhĂ€ngig, motiviert, vielsprachig“ stand in der Stellenbeschreibung. Genau das ist Linda und noch einiges mehr. Ihr Vertrag lĂ€uft ĂŒber ein Jahr. „Dann ist der Laden abgewickelt,“ sagt ihr Chef. Er hat die Firma selbst erst vor kurzem ĂŒbernommen. Ihr VorgĂ€nger hat gekĂŒndigt. WĂ€re interessant, mit dem zu reden. Linda hat keine Wahl. Dem Chef geht es ausschließlich um die AltfĂ€lle. „Nur die haben Potential,“ sagt er, „den Rest schalten wir ab.“

Zwei Wochen spĂ€ter im sonnigen Monaco ist Linda auf dem Weg zu ihrem ersten KundengesprĂ€ch. Am Pförtnerhaus gibt sie ihre Karte ab, sie wird abgepiept, gescreent, ihre Sachen geröntgt und dann knirscht weißer Kies unter ihren Weißwandreifen. Der Verwaltungssitz der Handelsgesellschaft liegt auf einer kleinen Anhöhe. Linda wird erwartet.
Nach den Floskeln kommt sie zur Sache.
„ Meine Herren, eines der GeschĂ€ftsfelder meiner Firma ist das Einfrieren von Menschen. HĂ€ufig geschieht das im Zusammenhang mit einer zu Lebzeiten des Klienten unheilbaren Krankheit, z.B. Krebs. NaturgemĂ€ĂŸ haben unsere VertrĂ€ge lange Laufzeiten, doch leider lĂ€ĂŸt die Zahlungsmoral der Hinterbliebenen gelegentlich zu wĂŒnschen ĂŒbrig, zumal unser Verfahren recht aufwĂ€ndig ist und betrĂ€chtliche Kosten anfallen. Stets, wenn ein Vertrag auslĂ€uft und die Frage im Raum steht: Auftauen, d.h. zum Leben erwecken oder abschalten, also begraben, diskret und auf Wunsch anonym, intensivieren wir unsere Recherchen mit dem Ziel, unsere Vertragspartner um eine Entscheidung zu bitten und sie gegebenenfalls an die Einhaltung ihrer Vertragspflichten zu erinnern.“

Linda macht eine Pause von ein, zwei Sekunden und lĂ€ĂŸt ihre Worte wirken. Ihr Französisch ist perfekt, sie ist gut in Form. Die drei MĂ€nner ihr gegenĂŒber schweigen. Sie fixiert den deutlich Ă€ltesten, einen hageren Typ um die sechzig mit schlohweißem, vollen Haar und fĂ€hrt fort:
„ Ihr Großvater, Monsieur, ließ sich vor fĂŒnfzig Jahren einfrieren. Ihr Herr Vater unterschrieb den entsprechenden Vertrag und Sie sind sein Rechtsnachfolger.“
Linda schiebt dem Hageren ein vergilbtes SchriftstĂŒck ĂŒber den Tisch.
„ Nach unseren Informationen starb ihr Herr Vater vor fĂŒnfzehn Jahren. Seit dem gingen bei uns keine Zahlungen mehr ein.“
Sie klappt ihren Laptop auf und zeigt den Anwesenden ein Foto.
„ Dieses Bild Ihres Großvaters wurde letzte Woche aufgenommen. Die Konturen sind naturgemĂ€ĂŸ ein wenig verwischt, denn immerhin liegt unser Klient seit nunmehr fĂŒnfzig Jahren in diesem glĂ€sernen Sarkophag. Gleichwohl wirkt er vital und alle Organe einschließlich des Gehirns sind intakt. Im Falle seines Auftauens hĂ€tte er gewiß noch einige schöne Jahre vor sich.“
Die Stille im Raum ist mit den HĂ€nden greifbar. Der Alte sitzt sehr aufrecht in seinem Sessel und schaut Linda aufmerksam an. Um seine Lippen, so scheint ihr, spielt ein ironisches LĂ€cheln. Schließlich sagt einer der beiden andern:
„ Um welche Summe handelt es sich?“
„ Die laufenden Kosten pro Jahr liegen bei einer halben Million €, hinzu kommen Verzugszinsen von fĂŒnfunddreißig Prozent. Wir können demnach von einem Betrag um die zehn Millionen € ausgehen.“
Die Katze ist aus dem Sack, das Meeting kommt in die entscheidende Phase, Linda spĂŒrt ein leichtes Kribbeln unter der Kopfhaut.
„ Mademoiselle Linda,“ erstmals ergreift der Alte das Wort. Er spielt mit ihrer Karte, seine Stimme ist ĂŒberraschend hoch und von einer kristallenen KĂ€lte, „ es ist bewĂ€hrte Praxis dieses Hauses, nur mit tatsĂ€chlichen Entscheidern in Kontakt zu treten. Wir werden also demnĂ€chst ihren Chef besuchen mĂŒssen.
Was Sie betrifft: Monaco und der Vatikan unterhalten seit Jahrhunderten ausgezeichnete Beziehungen. Der Vatikan hat ein problematisches VerhĂ€ltnis zu Frauen, besonders zu renitenten Frauen. In den Katakomben gibt es einen Zellentrakt, schon sehr lange, dort bekommen Sie Lebensmittel, GetrĂ€nke, auch Alkohol und sitzen so lange ein, bis Sie tot sind.“
Eine Mitarbeiterin betritt den Raum, legt eine Dokumentenmappe auf den Tisch und verschwindet. Der Alte schaut kurz hinein, nickt und wendet sich wieder an Linda. Er lÀchelt.
„ Alternativ zu dieser unerfreulichen Perspektive haben Sie jetzt die Möglichkeit, Ihren Job zu kĂŒndigen. Sie werden beim Verlassen unseres Hauses im unteren Empfangsbereich eine AufwandsentschĂ€digung entgegennehmen können, die Ihnen diesen Schritt angemessen vergĂŒtet. Im ĂŒbrigen: Sie sind allein. Ihr Fahrer ist bereits gefahren.“
Er schiebt ihr die Papiere ĂŒber den Tisch.
„ Unterschreiben Sie !“
Linda tut es.
„ Gut. Ihren Laptop und Ihr Handy werden wir auswerten. Nennen Sie uns jetzt alle erforderlichen Zugangscodes.“
Linda gibt ihm die Daten. Das Kribbeln unter ihrer Kopfhaut hat sich zu einem veritablen Juckreiz entwickelt. Sie fĂŒhlt sich wie das berĂŒhmte Kaninchen. Sie mĂŒĂŸte sich dringend mal kratzen.
„ Gut,“ der Alte erhebt sich, „ gehen Sie jetzt. Und denken Sie daran: Falls wir uns noch einmal begegnen, wird das fĂŒr Sie existentielle Folgen haben.“

Linda verlĂ€ĂŸt das Meeting und geht hinunter zum Pförtnerhaus. Ihre High-heels sind dafĂŒr nicht gemacht, der Weg zieht sich, sie fĂŒhlt die Augen in ihrem RĂŒcken. Unten an der Schranke geben ihr die MĂ€nner zwanzigtausend € in bar, verlangen eine Quittung und fotografieren sie bei der Unterschrift. Es ist ihr egal. Mit Monaco ist sie sowieso fertig.
SpĂ€ter, in Frankreich im TGV, in bequemen Schuhen, schĂŒttelt sie ein wildes Lachen. Die Nummer mit dem Vatikan war wirklich gut. Das alte Monster konnte kleinen MĂ€dchen richtig Angst machen. Respekt.
Andererseits, ihr Job war ein Minenfeld und frĂŒher oder spĂ€ter wĂ€re sie an den Falschen geraten, keine Frage. Die Leute mögen es nicht, auf diese Art abgezogen zu werden. Sie hatte GlĂŒck und zudem noch etwas Geld abgegriffen. Schon merkwĂŒrdig, daß der Alte ihr einen Haufen Kohle hinterherschmeißt. SentimentalitĂ€t? Erinnerung an die eigenen AnfĂ€nge? Vielleicht.
Alles in allem ist Linda mit dem Tag zufrieden. Sie lehnt sich zurĂŒck, schließt die Augen und beinah im gleichen Moment taucht sie ab in einen phantastischen Traum.
Lassen wir sie schlafen.



Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung