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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Geist
Eingestellt am 28. 05. 2013 12:01


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Susanne Kolbach
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Registriert: May 2013

Werke: 9
Kommentare: 1
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Seit ein paar Tagen fühlte sie sich beobachtet, wenn sie sich in der Küche befand. Wenn sie am Herd stand, drehte sie sich um, eine Gänsehaut am Körper, aber da war nichts. Sie war vollkommen alleine. Und trotzdem hatte sie den Eindruck, als würde sich ein Blick in ihren Nacken bohren. Sie war dann froh, wenn ihr Mann von der Arbeit kam und erwähnte das Thema nicht, da es ihr zu absurd vorkam.

Sie saß dann mit ihm am Esstisch und beobachtete das Fenster, das auf eine Terrasse hinausging. Sie wohnten noch nicht lange hier, etwa zwei Monate, diese Wohnung im Industriegebiet war einfach ein Traum. Sie ging nach hinten hinaus, die Terrasse befand sich auf einem Werkstattgebäude und dahinter war eine riesige Grünfläche, die einmal ein Park werden würde. Morgens frühstückten sie hier und sie kam sich dann vor wie auf dem Land.

„Was ist denn, Eva?“ fragte ihr Mann, als er ihrem Blick folgte, der am Fensterrahmen hängengeblieben war.
„Nichts. Ich habe nur nachgedacht.“ erwiderte sie fast schuldbewusst. Wenn sie ihm gesagt hätte, worüber sie nachdachte, hätte er sie für verrückt erklärt. Sie hielt das Gefühl, beobachtet zu werden, ja selbst für ein Hirngespinst. Vielleicht war der Stress mit dem Umzug zuviel. Wir sollten mal wieder in Urlaub fahren, dachte sie.

Ein paar Tage später beobachte sie Wilfried dabei, wie er nachdenklich durch die Wohnung ging, immer wieder zwischen Wohnzimmer und Schlafzimmer hin und her. Auf ihre Nachfrage hin sagte er, es wäre nichts und er lächelte. Sie kannte ihn gut genug, um zu erkennen, wann es ein echtes und wann es ein falsches Lächeln war. Er fühlt es auch, dachte Eva. Er sagt nur nichts, aus dem gleichen Grund wie ich.

Als sie am Sonntag aufwachte, bemerkte sie, dass Wilfrieds Blick auf ihr ruhte.
„Was ist denn?“ fragte sie erstaunt. Wilfried war nicht der Mensch, der morgens noch im Bett liegen blieb. Er stand sofort auf und war wie auf Knopfdruck gut gelaunt. Heute war er das nicht.
„Ich muss Dir etwas sagen, Eva. Du wirst mich für völlig bescheuert halten. Aber nachts habe ich immer das Gefühl, es setzt sich jemand auf das Bett. Zuerst dachte ich, es sei die Katze, aber die liegt dann friedlich da.“ sagte er kläglich.
„Die Katze merkt also nichts. Eigenartig.“ sagte Eva nachdenklich.
„Was bemerkt sie nicht?“
„Dass es hier – spukt. Einen anderen Ausdruck habe ich dafür nicht. Komm mal mit.“ forderte sie ihn auf und er folgte ihr in die Küche.
„Stell dich an den Herd, den Rücken zur Tür.“ befahl sie ruhig. Er tat, wie sie es verlangte.
„Meine Güte. Was ist das?“ fragte Wilfried, als er bemerkte, wie sich seine Nackenhärchen aufstellten.
„Das fühle ich. Und Du also auch. Ich dachte schon, ich sei etwas überreizt.“ In ihr machte sich ein Gefühl breit, eine Mischung aus Erleichterung und Entsetzen.
„Und was machen wir jetzt? Wir haben einen Geist in unserer neuen Wohnung.“ sagte Wilfried und drehte sich mit großen Augen um.
„Wir sagen es niemandem. Nachher werden wir noch irgendwo eingewiesen.“ flüsterte Eva und machte eine entsprechende Handbewegung, die besagte, in ihrem Kopf sei nicht alles in Ordnung.

„Was könnte es denn sein? Ob hier jemand gestorben ist?“ fragte Wilfried beim späteren Frühstück.
„Ist möglich. Aber ich habe immer das Gefühl, ich werde von außen beobachtet. Wenn, dann ist er draußen gestorben.“ antwortete Eva überzeugt. „Vielleicht war hier mal ein Friedhof, bevor sie ein Industriegebiet draus gemacht haben?“
„Nein. Hier war nichts.“ sagte Wilfried. Er war zwanzig Jahre älter als Eva und kannte das Gebiet noch, bevor es mit Gebäuden überzogen wurde. „Hier war eine Kiesgrube.“
„Schade.“ Eva war richtig enttäuscht.
„Du findest es schade, nicht auf einem alten Friedhof zu wohnen? Ich verstehe Dich nicht.“ Wilfried schüttelte den Kopf.
„Es wäre eine einfache Erklärung. Ich werde mal ein wenig nachforschen, was er denn will, unser Geist.“
„Willst du ihn fragen?“ grinste Wilfried.
„Ich befrage die einschlägige Literatur.“ Sie gab ihm einen gutmütigen Klaps.

Sie probierte alles aus, was die Literatur so riet. Sie sprach mit dem Geist, fragte ihn freundlich, ob sie ihm irgendwie helfen könnte, ließ die Fenster offen, vielleicht wollte er einfach nur rein und raus, wie es ihm gefiel. Sie stellte merkwürdige Gegenstände in alle vier Ecken aller Zimmer, um ihn dazu zu bewegen, sich eine neue Bleibe zu suchen, aber nichts veränderte sich. Beim Kochen hatte sie immer noch ein Prickeln auf dem Rücken und wenn sie fertig war, war ihr kompletter Körper mit einer Gänsehaut bedeckt.

So geht das nicht weiter, dachte sie missmutig, als sie abends zu Bett ging. Und dann hatte sie einen merkwürdigen Traum. Es fing damit an, dass sich jemand zu ihr ins Bett legte und sich an ihre Rückseite kuschelte. Ein Mann, er roch gut und hatte warme Haut. Er küsste sie auf die empfindliche Stelle hinter dem Ohr, sie fühlte seine warmen Lippen, als er begann, ihr etwas zuzuflüstern, was sie nicht verstehen konnte. Sie fühlte seine Hand auf ihrer Brust, zärtlich und leicht, er hörte nicht auf zu flüstern. Sie fühlte sich so gut und geborgen wie noch nie zuvor und der Traum nahm erst ein Ende, als der Wecker klingelte.
So ging das einen ganzen Monat lang und sie fand nach einiger Zeit den Geist nicht mehr unangenehm, ganz im Gegenteil. Er war nicht böse, er war nett und zärtlich und er tat ihr irgendwie leid. Wahrscheinlich wartete er auf seine Geliebte, die nicht mehr kommen würde. Und weil sie fort war, kuschelt er sich einfach an Eva.

Am 1. Mai hatten sie und Wilfried Langeweile und er schlug vor, einen Spaziergang zu machen. Wenn man auf der Straße abbog, kam man in eine Art Feldweg, der auf einer Straße parallel zu der ihren endete. Hier bogen sie nach links ab, es war furchtbar warm und Eva hatte gar keine Lust, so weit zu laufen. Ihre Schuhe drückten und sie schlich missmutig hinter Wilfried her, der immer gut zu Fuß war. Eva dachte die ganze Zeit an ihre schönen Träume und sie freute sich auf ihr Bett, denn heute würde sie wieder von diesem duftenden, jungen Mann träumen, dessen Gesicht sie noch nie gesehen hatte, denn auch in ihrem Traum war es dunkel.

Sie kamen an einem Baggersee vorbei, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Er war abgezäunt, der Zaun war rostig und nur noch teilweise vorhanden, vergammelte Warnschilder wiesen darauf hin, das Gelände nicht zu betreten. Sie stand eine Weile da, starrte auf das Wasser und den großen Bagger darin und sah unten einen Mann stehen, schlank und groß. Er drehte ihr den Rücken zu. Er sah auf die glitzernden kleinen Wellen und schien ganz entrückt zu sein. Sie warf einen Blick auf Wilfried, der unbeirrt weitergegangen war. Kurzerhand stieg sie über den rostigen Zaun und arbeitete sich vorsichtig nach unten zum See.

„Hallo? Entschuldigung?“ rief sie, um den Mann, der dort stand, nicht zu erschrecken. Der drehte sich um. „Ah, Schatz.“ lächelte er. Er mochte um die sechzig sein, vielleicht etwas älter, aber nicht viel, etwa so alt wie Wilfried. An seiner Haut konnte sie erkennen, dass er sich immer viel draußen aufgehalten hatte.
„Ich?“ fragte Eva und drehte sich um, um zu sehen, ob ihr jemand gefolgt war.
„Ich muss mir Dir reden.“ sagte der Mann. Er zeigte schöne Zähne, als er lächelte. Ob ihm die Kiesgrube gehört? fragte sich Eva. Der Mann trug sehr gepflegte Kleidung, was sie dann eigentlich nicht erwartet hätte.
„Wirklich?“ fragte sie verwirrt. Aber sie war nicht besonders irritiert, denn sie hatte ja bereits einen Geist in der Wohnung.
„Ja. Ich habe nachgedacht, Schatz.“ Seine Stimme hörte sich traurig an, hoffnungslos. „Es tut mir so leid.“ setzte er dann hinzu.
„Was denn?“
Ich habe mich folgendes gefragt: Wie werde ich leben, wenn Du aus meinem Leben bist, aus meinen Gedanken und aus meinem Fühlen? Wie kann ich leben, ohne Dich zu fühlen? Wie wird es sein, wenn all das Großartige, was Du für mich bist, immer weiter wegrückt in die Ferne, bis es ganz verschwindet und Du einfach nicht mehr da bist für mich?
Heute noch ist es unvorstellbar, dich zu verlieren in mir, dass da nur noch Schwärze ist, wo Du einst so bunt und lebendig warst. Ich werde dich für ewig verlieren, wird es mir überhaupt bewusst sein, wenn ich mir selbst nicht mehr bewusst bin? Hat es für die Welt eine Bedeutung, dass wir dann nicht mehr in Gedanken verbunden sind?
Ich werde dich vergessen, einfach so, jeden Tag ein bisschen mehr, niemand kann es aufhalten. Wie lange wirst du dich an mich erinnern, an den, der ich mal war und es seit gestern nicht mehr ist? Was werde ich dir noch bedeuten, wenn sich dein Leben dem Ende neigt? Werde ich dir wichtig gewesen sein oder bin ich nur noch eine undeutliche Kontur in deinen Gedanken?“ Er sah sie traurig an und griff nach ihren Händen.

Eva war sprachlos. Ob ich träume? fragte sie sich. Ich komme hier an den unbekannten See und ein Fremder sagt zu mir solche Dinge? In einer so gepflegten Sprache, fast wie abgelesen. Sie wusste gar nicht, was sie tun sollte. Sie schielte nach oben zur Straße, Wilfried war nicht zu sehen. Und als sie in den Augen des Mannes ein paar Tränen schimmern sah, umarmte sie ihn spontan und drückte ihn an sich. Wie traurig musste er sein!

In dieser Nacht schlief sie besonders gut in der Umarmung ihres nächtlichen Geistes. Der ältere Herr ging ihr nicht mehr aus dem Kopf, der sich nach ihrer spontanen Umarmung wieder zum Wasser drehte und sie anscheinend vergessen hatte. Sie war die Böschung wieder hochgekrabbelt und war Wilfried hinterher gelaufen, der gar nicht bemerkt hatte, dass sie fehlte.

Am nächsten Tag, als Wilfried bei der Arbeit war, zog sie sich bequeme Schuhe an und spazierte wieder zu dem Baggersee. Aber diesmal war der Mann nicht dort. Aus der kleinen Hütte streckte jemand den Kopf. „Hallo?“ rief er Eva zu und sie zuckte schuldbewusst zusammen, denn sie befand sich ja auf einem fremden Grundstück.
„Ist der ältere Herr heute nicht da?“ fragte sie.
„Warten Sie, ich komme hinaus.“ sagte der junge Mann mit einem freundlichen Lächeln. Kurze Zeit später stand er vor ihr, in einem dreckigen Arbeitsanzug, staubigen Haaren und einem neugierigen Blick.
„Ich habe mich gestern mit ihm unterhalten.“ erklärte Eva.
„Das ist unmöglich. Vater redet nicht mehr. Er ist dement. Manchmal hole ich ihn aus der Pflegeeinrichtung, weil er hier sein ganzes Leben verbracht hat. Und Sie sind sicher, er hat mit Ihnen gesprochen?“
„Ja. Dort unten.“ Eva zeigte auf den Rand des Baggersees.
„So beweglich ist er nicht mehr. Das ist ja seltsam.“ Der junge Mann sah sie prüfend an.
„Vielleicht war er es nicht.“ Eva befand sich schon auf dem Rückzug, sie hatte irgendwie das Gefühl, den Mann zu verraten. Dann fiel ihr etwas ein. „Wie heißt er denn, ihr Vater?“
„Friedrich Adamski.“ Der Mann zeigte auf das Firmenschild.
„Kam er aus Polen?“ fragte sie und kam sich unverschämt vor.
„Ja. Als ganz junger Mann. Damals war dort noch das Gebäude.“ Er zeigte über den Baggersee auf die Bauten, in denen sie eine Wohnung bewohnte.
„Aha. Dann einen schönen Tag.“ sagte Eva und drehte sich abrupt um. Jetzt wusste sie, warum sie ihren nächtlichen Besucher nicht verstand. Er sprach polnische Koseworte in ihr Ohr.
„Ach, einen Moment noch. Wo kann ich ihn besuchen?“ rief sie dem Mann nach.
„Herz-Jesu-Stift.“ rief er zurück und ging wieder in die Hütte.

Und so kam es, dass Eva keinen Geist mehr in ihrer Wohnung beherbergte. Sie besuchte Friedrich jeden Tag, der zwar dann jedes Mal die Worte wiederholte, die er zu ihr am Baggersee gesagt hatte, aber immer ruhig war und sie sehnsüchtig ansah, wenn sie ihm über die Wange streichelte. Und nachts würde sie versuchen, ihn zu verstehen. Sie hatte sich ein Wörterbuch gekauft und übte eifrig. Sie wollte unbedingt wissen, was er ihr zuflüsterte, ihr, der Frau, die er für seine Liebe hielt. Nachts, wenn er sich daran erinnerte, wie er als junger Mann war und wen er damals liebte. Und vielleicht würde sie ihren Namen erfahren, wenn sie ihn besser verstand. Dann könnte sie ihn fragen.

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