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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Gemeine Hausratz
Eingestellt am 24. 09. 2003 02:00


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knychen
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Der Gemeine Hausratz


Als die Eheleute Josef und Wilhelmine Rombach gegen Ende des Jahres 1899 begannen, den Gasthof „Zum Kreuz“ in Sankt Peter im Schwarzwald zu erbauen, ahnten sie nicht, dass mit einem der ersten Spatenstiche die Wohnhöhle eines kleinen possierlichen Tierchens vernichtet wurde, welches bis dato als ausgestorben in Mitteleuropa galt.
Das Tier flĂŒchtete zunĂ€chst unter einen Stapel Bauholz, kroch dann jedoch aus dem BedĂŒrfnis nach WĂ€rme in den Schnappsack eines welschen Zimmerergesellen und gelangte so in den Rohbau des Hauses. Es mag Zufall gewesen sein oder eine intuitive Intelligenz, den Sinn einer Sache zu erfassen; das Tierchen suchte sich als kĂŒnftigen Lebensraum genau den Kellerraum aus, in dem Josef Rombach eingedenk seines erlernten Berufes spĂ€terhin einen Backofen setzen ließ. So war der neue Bewohner wenigstens vor KĂ€lte geschĂŒtzt.
Bevor wir uns jedoch weiter mit diesem ungewollten Haustier beschÀftigen, möchte ich erklÀren, um was es sich bei dem Tierchen handelt.

Dieses wirbellose Tier ist der Gemeine Ratz, lat. ratios ratios, aus der Gattung der marsupalia metatheria, also der versteckt lebenden Beuteltiere aus der Familie der Raubbeutler.
Der Ratz ist in der Wahl seines Lebensraumes, der ErnÀhrung und der Fortpflanzung ein Wunderwerk der Evolution. Er hat Nischen besetzt, die anderen Lebewesen nicht einmal andeutungsweise ein Auskommen bieten. Er hat eine Fortpflanzungsmethode entwickelt, die eine direkte Reaktion auf das Nahrungsangebot darstellt und kann andersherum bei wenig oder gar keiner Nahrung jahrzehntelang in Starre verfallen.

Das Aussehen.
Wenn wir ĂŒber das Aussehen des Ratzes sprechen, können wir uns leider nur auf teilweise sehr alte Augenzeugenberichte und einige bildliche Darstellungen in BĂŒchern des Mittelalters stĂŒtzen. Aber allein schon der weit verbreitete Kraftausdruck „Hergottssack-RATZ-kruzitĂŒrken“ weist auf eine frĂŒhere ganzeuropĂ€ische Verbreitung des Ratzes hin. In der Neuzeit wurde kein Ratz mehr gesehen.
Das mag jedoch ĂŒberwiegend an seiner perfektionierten FĂ€higkeit sich zu tarnen liegen.
Ein ausgewachsener Ratz Ă€hnelt in Form und GrĂ¶ĂŸe einem Drei-Pfund-Brot und besteht lediglich aus einem Magensack. Dieser Magensack hat nur eine Öffnung, die beliebig erweiterbar ist. Durch Zusammenziehen und Erschlaffen kann der Ratz so gut wie jede GrĂ¶ĂŸe erreichen. Diese FĂ€higkeit, kombiniert mit dem so genannten Pigment Color Change and Move (PCMC), lĂ€sst den Ratz aussehen wie beispielsweise eine Handtasche, wie einen Werkzeugkasten, eine Spielzeugkiste - wie auch immer. Was aber in dem verwandelten Ratz verschwindet, bleibt vorerst verschwunden.

Womit wir zur ErnÀhrung kommen.
Der Ratz frisst nicht etwa diese materiellen Dinge, die er in seinem Körper und gleichzeitig einzigem Organ deponiert. Es geht dem Tier nur darum, den Benutzer des Gegenstandes zu einer ergebnislosen Suche zu veranlassen.
Aus Erfahrung weiß nĂ€mlich der kleine RĂ€uber, dass irgendwann im Verlauf der Suche unfromme FlĂŒche zwischen zusammen gebissenen ZĂ€hnen hervorgestoßen werden oder, ein Festessen fĂŒr den Ratz, es aus dem Vorwurf heraus, der Lebenspartner hĂ€tte den gesuchten Gegenstand weggerĂ€umt, zu einem an Worten reichen und an Logik armen Streit kommt.

Jeder kennt Dialoge wie diesen:
„Schatz, wo sind meine Manschettenknöpfe?“
„Da, wo sie immer liegen, Liebling!“
„Da liegen sie aber nicht. Jedenfalls nicht im obersten Schubfach.“
„Lass mich mal nachsehen!“
„Aber ich hab schon zweimal alles ausgerĂ€umt. Denkst du, du siehst mehr wie ich?“
„Da liegen sie doch. Im oberen Schub, wie immer zwischen den Socken und den TaschentĂŒchern!“
„Vorhin waren sie nicht da- ich bin doch nicht blöd.“
Wer solche Dialoge des Öfteren in seinem Lebensbereich gehört, der hat erstens mit Sicherheit einen Ratz und zweitens diesem ein leckeres mehrgĂ€ngiges MenĂŒ geliefert.
Denn der Dialog, der ja an dieser Stelle noch nicht zu Ende ist und sich als Spannungsbogen durch den ganzen Abend und noch weiter ziehen kann, erzeugt schlechte Schwingungen am Ort des Geschehens. Und die schlechten Schwingungen, die Streitworte, das TĂŒrenknallen und auf den Tisch Hauen und das GerĂ€usch von klatschenden Ohrfeigen, all das ist die Nahrung fĂŒr den Ratz.
Den vorher entwendeten Gegenstand legt er nach erfolgter Nahrungsaufnahme an der zehnmal durchsuchten Stelle wieder ab.

Die Unterarten des Ratzes
Eigentlich ein Neutrum, wird ein Ratz dem Geschlecht seines bevorzugten Wirtsmenschen zugeordnet und somit in ratios masculus, ratios femineus und die eher harmlose Art ratios infantilis bei Kindern eingeteilt.
Ratios masculus treibt sein Unwesen mit Vorliebe in Bastelkellern, CD-Sammlungen, Werkzeugen und WĂ€schefĂ€chern. Er ist die robusteste Form des Ratzes, muss er doch manchmal Jahre und lĂ€nger warten, bevor sich die Gelegenheit zum Entwenden eines benötigten Gegenstandes als Erfolg versprechend erweist. Zumal MĂ€nner eine ergebnislose Suche schnell zum Anlass nehmen, im nĂ€chsten Baumarkt ein aktuelleres Modell zu erwerben oder halt die Socken einen Tag lĂ€nger zu tragen. DafĂŒr sind die FlĂŒche krĂ€ftiger, die ein Mann ausstĂ¶ĂŸt, wenn sich der vermeintliche Hammer in ein krummstieliges MiststĂŒck verwandelt. Das ist dann deftige Hausmannskost, was sich an dem maltrĂ€tierten Daumen vorbei aus den Mundwinkeln quetscht.
Anders der ratios femineus. FĂŒr die WortĂ€stheten unter ihnen als Rechtfertigung: Ich bleibe der Einfachheit halber bei dem mĂ€nnlichen Artikel.
Die beliebtesten WohnplĂ€tze der frauenfixierten Ratze sind natĂŒrlich KĂŒche, Schmuckkasten, UnterwĂ€schefach und Handtasche der Frau. FĂŒr so manchen Mann ein unerfĂŒllter Traum, im ReizwĂ€schefach seiner Angebeteten zu hausen, wird es fĂŒr die betroffene Dame doch recht schnell zum Alptraum, wenn das raffinierte Nichts von Slip fĂŒr den so lange vorbereiteten Abend einfach spurlos verschwunden ist. Da stimmt ja dann das ganze Make-up nicht mehr und ĂŒberhaupt.
Übelste VerdĂ€chtigungen wurden da schon laut gedacht.
Oder die Morddrohungen an bislang unbekannte Zweckentfremder, wenn sich im ganzen Haus plötzlich keine vernĂŒnftige Schere mehr befindet.
Auch das langsam in Jammer umschlagende Gemurmel, sollten die AutoschlĂŒssel selbst nach zehnminĂŒtigem Kramen nicht in Hand- und Hosentasche auftauchen, ist ein Genuss fĂŒr den Ratz.
Nicht zu Unrecht kann man den ratios femineus als den Genießer unter den Ratzen bezeichnen.
ratios infantilus ist die anspruchsloseste Spezies. Da Kinder bekanntlich das Chaos beherrschen, ist ihnen jeglicher Ordnungssinn suspekt und somit nicht zugĂ€nglich. Die KreativitĂ€t, einen fehlenden Gegenstand durch einen Gedachten zu ersetzen, tut ein Übriges und nur wenn wenigstens zwei Kinder beisammen sind, ist fĂŒr Nahrungsnachschub des meist auch sehr kleinen kindlichen Ratzes gesorgt.
Eine Unterart vergaß ich noch zu erwĂ€hnen, was vielleicht schon direkt auf ihn hinzuweisen scheint, nĂ€mlich den ratios memoria, verantwortlich fĂŒr kurzzeitig entfallene Namen, Telefonnummern und, sehr ergiebig fĂŒr den Erinnerungsratz, fĂŒr vergessene Daten wie Hochzeitstag, Geburtstag usw.

Die Fortpflanzung
Das Problem der Fortpflanzung hat der Ratz fĂŒr sich elegant durch eine simple Magensackteilung gelöst. Sobald das Nahrungsangebot in seinem Umfeld das Aufnahmevermögen ĂŒbersteigt, bilden sich am Äußeren des Magensackes in Sekundenschnelle winzige AusstĂŒlpungen, die durch AbschnĂŒrung sektiert werden und an Ort und Stelle zurĂŒckbleiben. Der Zufall entscheidet dann, welcher Unterart der Jungratz in Zukunft angehören wird.

Was wurde nun aus dem Ratz des Gasthofes „Zum Kreuz“?
Als ihm das Geschimpfe ĂŒber verbrannte HandflĂ€chen und zwischen Kuchenblechen gequetschten Fingern nicht mehr ausreichte, begann er das Haus zu erkunden und stellte schnell fest, welches Vermehrungspotential in einem offen gefĂŒhrten Haushalt steckt. Tagestouristen trugen ebenso erbsengroße Abkömmlinge mit nach Haus wie die SchlafgĂ€ste. Als der Backofen ĂŒberhaupt nicht mehr genutzt wurde, war der Hausratz sogar darauf angewiesen, seinen Nachkommen auf dem Wege der zufĂ€lligen Verteilung ein Leben zu ermöglichen.
Das Stammtier hĂ€lt dem Hause bis heute jedoch unverbrĂŒchliche Treue.
Und wer weiß, vielleicht ist es gerade die symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Ratz, die den Menschen erst zu dem gemacht hat, was er vermeintlich ist- zum höchstentwickelten Wesen der Erde.
Denn wo wÀren wir ohne Ordnung in unserem Leben.
Zu einem gut und solide gefĂŒhrten Haus gehört nun einmal ein guter und solider Hausratz.
Einer, der die Schwachstellen aufzeigt und die Betroffenen nach Lösungen suchen lÀsst.
Einer, der die KreativitĂ€t fördert und den Gast des Hauses spĂŒren lĂ€sst, dass auch Unmögliches zumindest versucht wird.
Und wer auf dem Heimweg aus dem Koffer oder der Jackentasche ein leises Schmatzen wie von Kindermund vernimmt, der sollte versuchen, sich mit ratios ratios, dem „Ordnungstierchen“, zu arrangieren.
Es schont die Nerven.

__________________
kny

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Parsifal
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Ratz

Hallo knychen,

danke fĂŒr die köstliche Beschreibung! Ich glaube, in meiner Wohnung lebt eine Unterart von Ratios ratios - nĂ€mlich Ratios domesticus, der verwandt ist mit Ratios vulgaris, eine hierorts durchaus bekannte Spezies. Eine gewisse Verwandtschaft scheint zu den Nasenhopflingen zu bestehen, die wiederum von Nasobema lyrikum abstammt. Ich werde mich gleich ein bißchen in die Systematik vertiefen.

Liebe GrĂŒĂŸe
Parsifal

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knychen
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tja

manchmal muß man die leute eben erst mit der nase darauf stoßen, daß sie erkennen, was sie da haben.
ĂŒber eine weitere unterart gab es in den 70-gern sogar mal ein fachbuch. ist im kinderbuchverlag der ddr erschienen und hieß "der gnatz".
lebt in menschenansammlungen und bringt wildfremde menschen beispielsweise dazu, kleineren mitmenschen verschwitzte achseln ins gesicht zu pressen und existiert wirklich, behaupte ich einfach mit meinen einmeterfĂŒnfundsechzig.
gruß aus berlin von knychen
__________________
kny

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Parsifal
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Ratzen

Im Verlag Gustav Fischer, Stuttgart, erschien 1957: "Bau und Leben der Rhinogradentia". Anlaß dieses Buches war Morgensterns Gedicht "Auf seinen Nasen schreitet einher das Nasobem". Das Buch ist ganz in der Art eines Lehrbuches der Zoologie gestaltet, mit Querschnitten, Darstellung der Muskulatur usw, Fußnoten und 2 1/2 Seiten Literaturnachseisen. Vielleicht kannst Du es antiquarisch auftreiben.

VG
Parsifal

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knychen
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recherche

hallo,
habe soeben bei zvab.com recherchiert, die angebotenen exemplare sind mir aber zu teuer. werde auf trödelmĂ€rkten die augen offen halten. danke fĂŒr den tipp und gruß. knychen
__________________
kny

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Zwillingsjungfrau
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Ratz und Steinlaus

Lieber Kny,

deine Geschichte vom Ratz hat mir gefallen, sie hat mich schmunzeln lassen. Auch wir haben in unserem Haushalt einen Ratz. Wir haben unseren Ratz mangels Kenntnis seiner Existenz bisher „Versteckteufel“ gennannt. Doch nun werde ich ihn kĂŒnftig mit Namen anreden. „Herr Ratz“ hört er sicherlicher lieber.

In unserem Haushalt lebt ĂŒbrigens auch eine sehr seltene und scheue Steinlaus (wissenschaftlich Petrophaga lorioti). Wenn es im Haus still ist, versucht dieses Tierchen hin und wieder mit mir Kontakt aufzunehmen. Beispiel, ich sitze mit einem Buch in meinem Sessel, da kratzt es neben mir, die kleine Steinlaus nimmt Kontakt auf. Nun kratze ich am Stein unter der Fensterbank mit meinen Fingern, warte, dann kommt die Antwort „Schraaab, schrabschrab, schraab“. Das Tierchen ist sehr gelehrig. Jetzt versuche ich, ihm das Morsealphabet beizubringen. Wenn eine erste Unterhaltung begonnen hat, lasse ich es dich wissen.

Falls du bei deinen RundgĂ€ngen ĂŒber die TrödelmĂ€rkte irgendwo ein weiteres Exemplar der Steinlaus entdeckst, so erwerbe sie bitte fĂŒr mich, ich könnte meiner Steinlaus die Einsamkeit nehmen und möchte eine Zucht aufbauen.

Mit lieben lachenden GrĂŒĂŸen
Ingrid

__________________
Verantwortlich ist man nicht nur fĂŒr das, was man tut, sondern auch fĂŒr das, was man nicht tut.
Laotse

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