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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Geschenk- Gutschein
Eingestellt am 24. 12. 2017 17:50


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Galaxius
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

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Normalerweise mag ich es nicht, Geburtstag zu feiern. Das erinnert mich immer so an die vergangene Zeit und das bevorstehende Ende.

Im Herbst des Lebens kommt man schnell in sentimentale Stimmungen.
Aber es gibt auch Geburtstage, die man feiern muss.
Der fĂŒnfzigste ist so ein Tag.
Ein halbes Jahrhundert ist man nun schon auf Erden und kann auf eine ansehnliche Strecke des Weges zurĂŒck blicken. Sentimentalisten wie ich bekommen da weiche Knie.
Also feierte ich letzte Woche den FĂŒnfzigsten.
Es war eine schöne Feier, zu der die ganze Familie und viele Freunde kamen.
Doch auch der schönste Geburtstag geht zu Ende und am nÀchsten Morgen bleibt nur der Kater.
Die eine oder andere Flasche Wein war wohl doch nicht so bekömmlich.
Ich liege also auf meiner Couch, die Sprudelflasche in Griffweite und gebe mich dem Schmerz des Kopfes hin, auf dem Haupt eine mit zerstoßenem Eis gefĂŒllte WĂ€rmeflasche.
Genau in diesem Moment des grĂ¶ĂŸten Selbstmitleides kommt die beste aller Ehefrauen ins Wohnzimmer und schwenkt ein StĂŒck Papier freudig in der Hand.
„Dein Bruder hat dir einen Gutschein geschenkt“, trompetet sie mir entgegen.
In Gedanken sehe ich mich schon in meinem geliebten Elektronik-Katalog blÀttern und die besten Artikel ankreuzen.
Doch es ist ein Gutschein fĂŒr ein Training im Fitness-Studio!

Mein Bruder war schon immer listenreich.
Ich erinnere mich immer noch, als wÀre es gestern gewesen, wie er im Nachbargarten Flieder abgeschnitten hat, um ihn am Muttertag der Mutter zu schenken, wÀhrend ich daneben stand und nichts hatte.
Der Gutschein des Studios steckt in einer WerbebroschĂŒre.
Darin sind schöne junge Menschen abgebildet, die scheinbar mĂŒhelos auf LaufbĂ€ndern joggen oder lĂ€chelnd schwere Gewichte stemmen. Alle RĂ€ume sind freundlich und hell und die GerĂ€te sind blitzblank und funkeln in der Sonne.
Bevor ich mich entscheiden kann, verrĂ€t mir meine liebe Ruth, dass sie schon mal einen Termin fĂŒr mich ausgemacht habe.
Also steckt sie mit meinem Bruder unter einer Decke.
Sicher hat meine Liebste gelÀstert, dass ich gerne auf dem Sofa liege und die Seele baumeln lasse.
Eigentlich will ich mich nicht aufraffen, in dieses Studio zu gehen. Sicher sind da die im Prospekt gezeigten jungen Menschen und mein in die Jahre gekommener Revue-Körper ist nicht mehr der allerstraffeste. Irgendwie wirkt die Erdanziehungskraft negativ auf meine Frontpartie. Wenn ich vor dem Spiegel stehe und den Körper straffe und die Luft anhalte, kann man noch den athletischen Körper von einst vermuten. Schließlich war ich in jungen Jahren sportlich aktiv.
Doch Ruth lÀsst nicht locker.
Und so stehe ich mit meiner Sporttasche, auf der „Olympia MĂŒnchen 1972“ steht, ziemlich unsicher vor dem Anmeldetresen und werde von der hĂŒbschen dunkelhaarigen Dame gemustert. Ich bin sicher, sie war 1972 noch nicht geboren.
Neugierig schaue ich mich um.
Soweit das Auge reicht, stehen Maschinen in dem angrenzenden Raum, auf denen sich ĂŒberwiegend Frauen bemĂŒhen, im Takt der aus den Kopfhörern schallenden Musik zu laufen und die zu FĂ€usten geballten HĂ€nde an den Haltestangen mitschwingen lassen.
Durch eine Glasscheibe sehe ich in einen anderen Raum. Dort stehen wiederum Frauen wie die Soldaten in Reih und Glied vor niedrigen Trittbrettern und springen abwechselnd mit dem rechten und dem linken Bein darauf herum. ZusĂ€tzlich reißen sie die Arme nach oben und klatschen die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammen. Ihnen gegenĂŒber hat sich eine Trainerin aufgebaut, die die Übungen vormacht.
Als kurz die TĂŒr zu diesem Raum aufgeht, höre ich sehr laute, rhythmisch stampfende Musik, zu der sich alle bewegen.
Außerdem fĂ€llt mir auf, dass ĂŒberall Spiegel aufgehĂ€ngt sind. Die Damen auf den Laufmaschinen können sich von allen Seiten im Spiegel bewundern und auch die Stampfgruppe wird ausgiebig bespiegelt.
Als ich neulich mit meiner Enkelin Viktoria im Spiegelkabinett war, habe ich mich nicht so oft gesehen wie hier.
Die Dame an der Anmeldung fragt mich nach Namen und den weiteren Personalien. Und jetzt wird’s intim: Sie will wissen, wie schwer ich bin. Da hilft nur eine kleine NotlĂŒge. Doch ohne zu zögern, wird die angegebene Zahl notiert.
Jetzt hat die junge Frau an der Theke genug ĂŒber mich erfahren. Sie bittet mich ihr zu folgen, sie möchte mir alles zeigen.
Bereitwillig folge ich ihr und erkenne, dass nach dem Maschinenpark ein großer Raum anschließt, in dem Kraftstationen aufgestellt sind.
Hier sind ĂŒberwiegend MĂ€nner an den GerĂ€ten. Einige können beeindruckende Muskelberge vorweisen und bewegen Gewichte, die jenseits meiner Vorstellung liegen.
Ich folge der Frau und wir kommen in den Sauna-Bereich. Hier sind viele Schwitzkabinen und Tauchbecken. Es riecht nach Franzbranntwein und Latschenkiefernöl.
Direkt im Anschluss gehen wir durch den Ruheraum, der an einen japanischen Garten erinnert. Der Raum ist lichtdurchflutet und wirkt dadurch viel grĂ¶ĂŸer. An den WĂ€nden stehen Liegen und in der Mitte des Raumes ist ein Springbrunnen, in dessen Wasserschale ein paar Goldfische schwimmen. Ein sehr friedliches Bild.
Jetzt kommen wir zu den Massage-RĂ€umen In den Kabinen kann man sich von Fachpersonal durchkneten lassen.
Zum Schluss sind wir jetzt an den Umkleiden. Hier bekomme ich eine Plastik-Karte, mit der ich meinen Spind verschließen kann. Mir wurde die Nummer 22 zugeteilt.
Tief beeindruckt ziehe ich meine Turnsachen an und begebe mich wieder an die Anmeldung.
Am Tresen der Anmeldung wartet ein junges MÀdchen auf mich. Sie ist höchstens 20 Jahre alt und könnte eigentlich meine Tochter sein.
Sie wird mir als Karin vorgestellt und ist meine persönliche Trainerin.
Ich muss schon sagen, mein Herr Bruder hat sich da was Feines ausgedacht. Sehr gediegen ist das hier alles. Das Personal ist nett und alles wirkt sehr sauber. Ich bin beeindruckt.
Doch noch mehr beeindruckt mich Karin. Sie ist sehr um mich bemĂŒht und bittet mich nun auf ein Laufband.
Noch ehe ich es mich versehe, hat sich das Band in Bewegung gesetzt und ich muss mich anstrengen, nicht herunter zu fallen.
Aber schon nach kurzer Zeit habe ich mich an das Tempo gewöhnt und ich kann sogar lÀcheln.
Das deutet Karin als Signal, das Band schneller laufen zu lassen.
Inzwischen komme ich aber immer mehr außer Puste. Zu allem Überfluss macht sich jetzt ein leichtes Ziehen in der Seite bemerkbar.
Ich kann gerade noch so mithalten.
Als hÀtte sie ein Einsehen, schaltet sie das Band wieder aus.
Aber nur, um mich an das nÀchste GerÀt zu stellen.
Dort soll ich den Trizeps trainieren, verrÀt sie mir.
ZunÀchst bin ich auch noch in der Lage, dieses GerÀt zu bedienen. Sie hat es mir vorgemacht und es sah wirklich einfach aus.
Aber je öfter ich die Übung mache, desto schwerer wird es.
Um mich nicht zu blamieren, schaffte ich die geforderten Übungen unter großer Anstrengung.
Und die wurde noch grĂ¶ĂŸer, weil ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen.
Am Ende der Trainingsstunde war ich zwar richtig durchschwitzt, aber auch glĂŒcklich, weil ich die Tortur ĂŒberstanden habe. Unter der warmen Dusche konnte ich schon die ersten Muskeln spĂŒren.
Am nĂ€chsten Tag spĂŒrte ich es deutlich: Ich habe Muskelmasse zugelegt!
Ich spĂŒrte Muskeln, von deren Existenz ich bisher keine Ahnung hatte.
Die nÀchste Trainingseinheit kam am nÀchsten Abend.
Karin lĂ€chelte mich an, als wĂŒsste sie von meinen Schmerzen.
Aber Gnade ist wahrscheinlich ein Fremdwort fĂŒr sie.
Außerdem kam mir ihr LĂ€cheln, das mich gestern noch aufgemuntert hatte, heute irgendwie schĂ€rfer vor. Ich hatte auch das GefĂŒhl, sie lĂ€sst mich lĂ€nger laufen. Das Laufband wird wahrlich nicht mein Freund.
Zur Abwechslung machte ich heute Übungen fĂŒr die Bauchmuskulatur.
Welch eine Qual.
Auf einer SchrĂ€gbank musste ich kopfunter liegen und aus dieser Haltung in sitzende Position ĂŒbergehen.
Wieder machte ich den Fehler, freundlich zu lÀcheln.
Was Karin wieder missverstand und mir eine Hantelscheibe in die Hand drĂŒckte. Mit dieser wurde die Übung deutlich schwerer.
Mir tat nicht nur der Bauch weh.
Vom Laufband hatte ich mir eine wunde Stelle an der Ferse zugezogen. Und das Seitenstechen wurde auch immer schlimmer. Ich weiß nicht, wie ich das alles ĂŒberstand. Auch die warme Dusche konnte die Schmerzen nicht vertreiben.
Am nĂ€chsten Tag konnte ich nur unter Schmerzen laufen. Dazu hatte ich ĂŒberall Muskelkater und mir taten die Arme weh. Aber das interessierte Karin, die Kalte, nicht.
Wie kann ein Mensch nur so herzlos sein.
Sieht sie nicht, wie ich leide?
Nein, sie kann nur das verflixte Laufband schneller stellen und noch mehr Gewichte auflegen.
Langsam fing ich an, Karin zu hassen.
Wie sie mich honigsĂŒĂŸ anlĂ€chelt und sich im Innern ergötzt, wie ich mich abmĂŒhe.
Sie ist ein Biest!
Nein, eine Teufelin!
Ich bin ihr ausgeliefert, und sie erfreut sich an meinem Leiden.
Morgen gehe ich nicht mehr in dieses Studio.
Ich lege mich auf mein Sofa.
Auch wenn Ruth noch so sehr bettelt, ich bleibe liegen.
Ich kann mich ja sowieso kaum bewegen.
Und mein Bruder war schon immer ein Fiesling.


__________________
Die Zukunft kann man nicht
vorhersagen.
Man muss sie gestalten.

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