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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Gestank
Eingestellt am 03. 02. 2010 17:47


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nemo
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Im zwanzigsten Jahrhundert lebte in Deutschland ein Mann, der zu den hinterhĂ€ltigsten und widerlichsten Gestalten dieser an hinterhĂ€ltigen und widerlichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier in aller AusfĂŒhrlichkeit erzĂ€hlt werden. Er hieß Kai-Justin Kröte, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer genialer Scheusale seiner Zeit wie Osama Bin-Laden, George Busch oder Mahmud Ahmadinedschad, nicht ganz so oft in der Bildzeitung stand, dann sicher nicht, weil er diesen berĂŒhmten Bösewichten an GrĂ¶ĂŸenwahn, Menschenverachtung, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hĂ€tte, sondern weil sich seine FĂ€higkeiten auf ein Gebiet beschrĂ€nkten, welches in der Klatschpresse keine Spuren hinterlĂ€sst: auf das ekelerregende Reich des Gestanks.

Schon bei seiner Geburt, am 17. Juli 1983, trieb er seiner Mutter und dem anwesenden Pflegepersonal die TrĂ€nen in die Augen. Doch nicht der Freude lag dies zu Grunde, sondern einem Körpergeruch, der so abartig war, dass die Hebamme bewusstlos zu Boden ging und sogar der hartgesottene Arzt gegen einen WĂŒrgreflex ankĂ€mpfen musste.
Seiner Mutter, eine Prostituierte aus Köln-Kalk, war das kleine stinkende BĂŒndel Leben zu wider und sie steckte es am nĂ€chsten Morgen in die Babyklappe des Haus Adelheid in Nippes.
So kam es, dass der kleine Kai-Uwe Kröte schon in jungen Jahren die harte Schule des Lebens durchschritt. Er lebte in Heimen, meist in Zimmern, die mit DuftbĂ€umen behangen waren, und die gelegentlichen Versuche ihn an Adoptiveltern zu vermitteln, scheiterten klĂ€glich an der Tatsache, dass es zwar blinde und taube Menschen gab, doch Anosmie – der Verlust der RiechfĂ€higkeit – nur wenig verbreitet war. So wuchs er als EinzelgĂ€nger auf, von seinen Mitbewohnern und MitschĂŒler aufgrund der Abartigkeit seines Geruchs gehĂ€nselt, von den Heimbetreuern verabscheut, ohne die Liebe und Geborgenheit, die ein Kind braucht um zu einem ganzheitlichen Menschen zu reifen.
Obwohl er seine Verbitterung nie nach außen hin zeigte, fraß sie sich wie ein KrebsgeschwĂŒr in sein Inneres und umhĂŒllte nach und nach sein Herz mit Schichten aus Hass und Verachtung.

Aus dem Kind wurde ein Teenager und aus dem Teenager ein junger Mann.Er trug seine stinkende BĂŒrde inzwischen mit einer inneren KĂ€lte, die sogar einen EisbĂ€ren hĂ€tten erfrieren lassen, und auch die Tatsache, dass seine Nachbarn regelmĂ€ĂŸig die Polizei riefen, weil sie dachten, in Krötes Wohnung wĂŒrde eine verwesende Leiche liegen, ertrug er mit der stoischen Ruhe eines James-Bond-Bösewichts. Nicht nur seine Persönlichkeit hatte sich in den letzten Jahren entwickelt, auch sein Gestank hatte sich verĂ€ndert, verĂ€nderte sich eigentlich stĂ€ndig.
Je nach GemĂŒtslage roch er nach faulendem Fisch, nach verwesendem Fleisch oder nach einem Tilsiter KĂ€se, den man drei Tage in die Sonne gelegt hatte. Wie er immer auch gerade roch, der Gestank umhĂŒllte ihn wie eine Glocke, die sogar in zwanzig Schritt Entfernung noch fĂŒr Unbehagen sorgte. Auch Körperhygiene oder der Einsatz von großen Mengen an ParfĂŒms oder Deodorants Ă€nderten nichts an dieser Tatsache, machten den Gestank sogar noch unertrĂ€glicher, da er nun mit einer weiteren unpassenden Note verfeinert wurde, der Menschen in seiner NĂ€he beinahe in den Wahnsinn trieb. Er selbst war nicht in der Lage seinen Duft wahrzunehmen, weil sein Körper sich schon frĂŒh daran gewöhnte. FĂŒr ihn hatte sogar fremder Gestank eine gewisse Schönheit.

Eines schicksalhaften Tages dann, wurde er sich seiner wahren Bestimmung gewahr. Damals arbeitet er bei der MĂŒllabfuhr - das war der einzige Beruf, der einem Mann von solchem Gestank ĂŒberhaupt ĂŒbrig blieb – und wurde dazu verdonnert eine Ladung BiomĂŒll auf einen MĂŒllkippen-Lastwagen zu verladen. WĂ€hrend der sĂŒĂŸliche Geruch von verwesendem organischem Material um ihn herum schwirrte, wie ein MĂŒckenschwarm, sah er einen wohlgekleideten Mann, der mit erhobenem Haupt und schnuppernd ĂŒber die Anlage des Kölner Abfallwirtschaftsbetriebes schlenderte. Kröte beobachtete den Mann eine Weile, bis dieser immer noch schnuppernd auf ihn zukam. Keine zwei Meter vor ihm blieb er stehen. In seinem Gesichte keine Spur von Abscheu oder Ekel, sondern nur ein freundliches warmes LĂ€cheln.
Der Name des Mannes war Hans Rohweiler. Doch in der Scherzartikel-Branche nannten ihn alle voller Respekt: Stinkbomben Hannes.
Dem gebĂŒrtigen Wuppertaler war es gelungen ein Stinkbomben-Imperium aufzubauen, das inzwischen ein weltweites Monopol bei der Produktion und dem Verkauf dieser kleinen Scherzartikel besaß. Sein Gesicht zierte schon etliche Wirtschaftsmagazine und man sagte ihm sogar nach mit dem US-MilitĂ€r an einer im Krieg einsetzbaren Stinkbombe zu arbeiten.
Kröte Potential – und vor allem sein Geruch – fiel im sofort in die Nase und er fragte den jungen Mann, ob er fĂŒr ihn arbeiten wolle.

Von diesem Tag an war seine BĂŒrde zu einer Gabe geworden, die bei der Entwicklung noch ĂŒbelriechender Stinkbomben große NĂŒtzlichkeit bewies. Kröte entwickelte fĂŒr Rohweiler eine eigene Reihe stinkender Spielzeugfiguren und diese „Stinkies“ wurden ein weltweiter Erfolg.
Die kleinen PlastikmĂ€nnchen mit Namen „FĂ€ulnis-Frank“ oder „GĂŒlle-GĂŒnther“ wurden den SpielzeughĂ€ndler förmlich aus den HĂ€nden gerissen.
Doch wer dachte, dass Kröte nun glĂŒcklich war und das Leid der vergangenen Jahrzehnte einfach bei Seite schieben konnte, muss sich eines Besseren belehren lassen. Tief in seinem Herzen verpflanzt, keimte die Saat des Hasses weiter in ihm.
Jetzt aber, mit dem Erfolg, wurde dieser Samen mit Selbstbewusstsein und dem GefĂŒhl von Macht gegossen. Eine Macht, die er nutzen wollte, um es der Menschheit heimzuzahlen, die ihn jahrelang schikaniert hatte.

Als er Anfang dreißig wurde, hatte er nicht nur eine angesehene Stellung im Unternehmen Rohweilers inne, sondern auch ein umfassendes Fachwissen in der Gewinnung und Verarbeitung des Gestanks. Jetzt war es endlich an der Zeit seine Rache in die Tat umzusetzen. Trotz seines Erfolges hatte Kröte so gut wie keine Freunde und auch Frauen hielten sich nicht gerne in seiner Gegenwart auf. Er hatte also viel Zeit, die in der Erforschung von Geruchsbindung investierte. Eines Tages entdeckte er eine Möglichkeit um Geruchstoffe an Proteine zu binden. Das wurde die Grundlage fĂŒr seinen perfiden und bösartigen Plan. Ein Drittel der menschlichen Proteine werden von Kollagen ausgemacht, das unter anderem auch als Strukturproteinen fĂŒr die Haut dient.
Erste Experimente an Ratten und MĂ€use liefen sehr erfolgreich und er schaffte es tatsĂ€chliche den Geruch so an die Tiere zu binden, dass sie entweder nach Kot, SchwefelsĂ€ure oder anderen unliebsamen DĂŒften rochen. Nun wollte er es auch an Menschen ausprobieren.
Sein erstes Opfer war eine junge Studentin, die sich nebenbei als Model verdingte. Kröte lauerte ihr eines Nachts auf. Im Schatten einer Gasse versteckt, konnte er ihren blumigen Duft riechen, der ihn ganz Wahnsinnig machte. Es war spĂ€t nachts und niemand, sah wie Kröte sie vor ihrer HaustĂŒr ĂŒberwĂ€ltigte. Er schleppte sie in eine angrenzende Gasse und verabreichte ihr eine eigene Gestankskreation, die das arme Ding von nun an ihr Leben lang begleiten wĂŒrde. FĂŒr sie hatte er etwas Besonderes kreiert. Er nannte es „Eau de Haustier“, eine abscheuliche Mischung aus konzentriertem Geruch von Hundefutter und dem stechenden Odeur von Katzenurin. FĂŒr seine grĂ€ulichen Taten suchte er sich immer solche Opfer aus, die außergewöhnlich vortrefflich rochen oder solche, die ihn an die Peiniger seiner Kindheit und Jugend erinnerten.
Er war beinahe jede Nacht unterwegs und legte irgendwem seine BĂŒrde auf. Mal roch das Ziel seines Grolls nach Erbrochenem, mal nach einer verwesenden Leiche, aber immer war der Geruch so verdichtet, dass es das Leben dieser Leute zerstörte. Manch einer nahm sich sogar das Leben.

Eines Tages, als sein Rachedurst ein wenig versiegt war, entstand in Krötes vom ewigen Gestank vernebelten Gedanken eine GeistesblĂŒte, von solcher Schönheit, dass er ganz aufgewĂŒhlt war und begann zu weinen. Was wĂ€re wenn er seinen eigenen Geruch verĂ€ndern wĂŒrde? Warum war er darauf nicht schon frĂŒher gekommen?
Völlig von diesem Einfall verblendet sammelte Kröte wohlriechende Noten, um einen Duft zu kreieren, den die Menschheit so noch nie gerochen haben wĂŒrde. Doch das gestaltete sich schwieriger als erwartet, denn Kröte war es gewohnt mit Übelriechendem zu arbeiten. Das liebreizende und blumige lag einfach nicht in seiner Natur. Doch nach und nach entdeckte er die Reinheit des Lavendels, die jungfrĂ€uliche Zartheit des Veilchens und die fruchtige SĂŒĂŸe der CassisblĂŒte. Er entwarf einen Duft, der eines Engels wĂŒrdig war, der vergessene Götter wieder in das Bewusstsein der Menschen rĂŒcken konnte, der so schön war, dass Kröte einen ganzen Tag und eine ganze Nacht vor Freude weinen musste. Er wusste, dass die Anwendung seiner Kreation ihm ein ganz neues Leben bescheren wĂŒrde.

Als er am nĂ€chsten Morgen in die Köln Arcaden flanieren ging, etwas dass er noch nie gemacht hatte in seinem Leben, war er von der Reaktion der Menschen ganz ergriffen. Erstarrt vor Ehrfurcht, blieben die Leute stehen und blickten ihn an, als wĂ€re er ein Wesen von göttlicher Gestalt. Doch dann schlug ihre Ehrfurcht in Begierde um. Sie fĂŒhlten sich zu diesem Engelswesen hingezogen. Ein starker Sog ging von ihm aus, eine reißende Ebbe, gegen die kein Mensch sich stemmen konnte. Immer nĂ€her kamen sie, mit begehrenden Blicken und machen einem lief sogar das Wasser im Mund zusammen. Was dann folgte ist ein Ereignis, das in seiner ganzen Grausamkeit nur aus dem wahren Leben oder dem kranken Geist eines Autors entspringen kann: sie rissen Kröte zu Boden und aßen in auf. Es dauerte nur ein paar Minuten und von Kai-Justin Kröte waren nur noch ein paar abgenagte Kochen ĂŒbrig.
Als die zum Kannibalismus getriebenen Menschen am Abend auf ihren Sofas und Sesseln saßen, umspielte ein sanftes LĂ€cheln ihr Gesicht. Sie wussten zwar, dass sie etwas Schlimmes getan hatten, doch in ihren Seelen schwankte es auf einmal so angenehm heiter.
Immerhin, so redeten sie sich ein, hatten sie es aus Liebe getan.

__________________
:nemo

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steyrer
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Hallo nemo!

Jetzt kommt Patrick SĂŒĂŸkinds Parfum also endlich zu Leselupenehren - wenn auch leicht bearbeitet.

Nun denn: Der Name Kai-Justin Kröte ist recht erheiternd und so geht's auch weiter. Richtig bös' ist Dein Antiheld ja nicht, jedenfalls verbraucht er keine Jungfrauen.

quote:
Er hieß Kai-Justin Kröte, und wenn sein Name im Gegensatz zu den Namen anderer genialer Scheusale seiner Zeit wie Osama Bin-Laden, George Busch oder Mahmud Ahmadinedschad, nicht ganz so oft in der Bildzeitung stand, dann sicher nicht, weil er diesen berĂŒhmten Bösewichten an GrĂ¶ĂŸenwahn, Menschenverachtung, kurz an Gottlosigkeit nachgestanden hĂ€tte, sondern weil sich seine FĂ€higkeiten auf ein Gebiet beschrĂ€nkten, welches in der Klatschpresse keine Spuren hinterlĂ€sst: auf das ekelerregende Reich des Gestanks.

Das ist ein sehr schöner langer Satz. Bravo! Aber bitte: Die Herren Bin-Laden, Ahmadinedschad und Bush sind alle miteinander nicht gottlos. Sie haben, ganz im Gegenteil, zu viel Gottesfurcht abbekommen.

quote:
Als er am nÀchsten Morgen in die Kölner Arcaden flanieren ging

Da fehlt was.

quote:
doch in ihren Seelen schwankte es auf einmal so angenehm heiter.

Das ist sehr hĂŒbsch formuliert.

quote:
Immerhin, so redeten sie sich ein, hatten sie es aus Liebe getan.

Das da weniger.

Fazit: Relativ stilsicher geschrieben, aber Literatur ist das - sorry - keine.

Schöne GrĂŒĂŸe
steyrer

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