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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Gullydeckel
Eingestellt am 26. 01. 2003 15:02


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casagrande
???
Registriert: Mar 2002

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Kommentare: 26
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Der Gullydeckel


Seit einigen Jahren hatte ich Gullydeckel aus den verschiedensten Orten abgedruckt. Eine Ausstellungen stand bevor und darum zögerte ich nicht, als sich die Gelegenheit bot, nach Nigeria zu reisen, um dort neue Objekte zu drucken.
Vor dem BahnhofsgebĂ€ude, dort, wo eigentlich der Haupteingang ist, der aber nur zu einem versperrten kleinen Vorplatz fĂŒhrt, hinter dem dann die Zufahrtsstraße mit einem Markttreiben ist, dort finde ich einen Kanaldeckel. Den ersten in Lagos. Es gibt so gut wie keine Gully hier. Eine PatronenhĂŒlse gleich daneben, ein ungewöhnlicher Fund, so mitten in der Stadt.
Als ich mein Equipment auspacke, Papier und Druckerfarbe und Druckerrolle, sammeln sich schon die ersten Interessierten. Bis ich mit meiner Arbeit fertig bin ist es ungewöhnlich ruhig. Man verfolgt gespannt, was da wohl heraus kommt. Es hĂ€ngen sicher mehr als sechzig oder siebzig Leute an dem Absperrgitter um etwas zu sehen. Ich bin stark an Berichte ĂŒber die englischen Royals erinnert.
Noch zu sagen, der Kanaldeckel ist kein lokales Erzeugnis, wahrscheinlich in den fĂŒnfziger Jahren, als der Bahnhof gebaut wurde, aus England importiert. Es steht “NEEDHAM STOCKPORT” drauf.
Dass das den einzige Kanaldeckel ist, hĂ€ngt wohl damit zusammen, dass es keine Wasser- oder Abwasserleitungen gibt. Fast jedes Haus hat einen eigenen Brunnen gebohrt und pumpt dort das Grundwasser herauf. Dass das klappt ist erstaunlich. Eigentlich mĂŒsste der Grundwasserspiegel so stark absinken, dass die Brunnen leer fallen. Aber die Lagune ist nah. Die Filterfunktion des Bodens reicht offensichtlich. Das Wasser schmeckt nicht salzig oder brackig. Störend, zumindest fĂŒr mich, ist der Umstand, dass das Abwasser auf demselben Grundstuck versickert wird. Das bedeutet, dass die Stadt, einfach gesagt, auf Scheiße steht. Und dass das versickernde Abwasser nicht die daneben liegenden Wasserbrunnen verseucht, ist unvorstellbar. Unappetitlich, aber wohl eine Tatsache.
Zur Absperrung des Vorplatzes zur Straße und zum FußgĂ€ngerbereich dienen, statt der in Europa eingesetzten Poller hier ÖlfĂ€sser, die mit Beton gefĂŒllt sind. Und, damit sie nicht ganz so provisorisch aussehen, ist oben ein Kegel. Und ĂŒberall Schilder “NO PARKING”und“DO NOT URINATE HERE”.
Am Bahnhof selbst ist nicht viel los. Ein zweistöckiger langgestreckter Bau, uninteressant. Das Eingangsgitter ist offen, ich gehe hinein, wie andere auch. Ein trister Bahnsteig auf dem ich erst entlang schlendere. Ich mache einige Photos, klettere ĂŒber die Geleise und schaue mir einen abgestellten Waggon von innen an und notiere, wie die vergammelte Garnitur aussieht. Dann stelle ich mich zum Zeichnen hin und skizziere die Anlage. Als ich zum Auto zurĂŒck will kommen zwei Typen herangeschlendert. Einer in Jeans, einer in einer schwarzen Montur. Sie halten mich an bevor ich das Tor erreiche und fragen mich, was ich mache.
"Ich skizziere, warum?".
"Wir sind Polizei" und einer der Beiden, der in Jeans, zeigt mir seinen Polizeiausweis und will wissen, wie ich heiße. Ich gebe ihm die Kopie meines Passes. Er fordert mich auf, mit auf die Polizeistation zu komme. Was bleibt mir ĂŒbrig? WĂ€hrend wir die zweihundert Meter zur Station gehen erklĂ€rt der Zivilpolizist:
"Es ist verboten ohne Genehmigung hier herein zu kommen!"
"Wo steht das?"
"Jeder weiß das!"
Nichts dagegen zu sagen, dieses Argument gilt immer! In der Station keift der andere Typ, der in der schwarzen Polizeikluft:
"Du kommst hierher, gehst ohne Genehmigung herein und zeichnest. Du meinst, weil du ein Weißer bist, darfst du alles!"
Ich finde, dass es sinnlos ist, hier herum zu labern, sage aber trotzdem:
"Aber es steht weder ein Schild irgendwo, noch ist ein Bahnhof ein Ort, zu dem man eine Genehmigung braucht, um ihn zu betreten. Was sollen die Passagiere machen? Brauchen die vor jeder Fahrt eine Genehmigung auf den Bahnhof zu gehen?"
Aber er entgegnet souverÀn:
"Heute ist Sonntag, da fahren keine ZĂŒge!"
"Als ich hereinkam, da fuhr ein Zug!"
Sagt daraufhin ein UnterlÀufer aus dem Hintergrund:
"Das war ein Test."
Hoffnungslos, die wollen Geld! Der Zivilheini fordert mich auf:
"Komm hinter den Tresen!"
"Nein, so nicht! Erst möchte ich meinen Fahrer draußen informieren, der wartet dort auf mich"
"Du hast einen Fahrer? Wo ist er? Welches Auto?"
"Draußen vor dem Gitter, ein blauer Peugeot 504."
Und der schwarze Sheriff geht hinaus um den Fahrer zu holen.
Inzwischen wollen der Zivile und die ganze Schar von Teekochern und AufrÀumern, die hier herum hÀngen, meine Skizzen sehen
"Du bist KĂŒnstler?"
"Ja, und ich war interessiert an dem alten GebÀude, darum habe ich es gezeichnet."
Warum erzÀhle ich das? Interessiert doch kein Schwein! Die wollen was anderes sehen.
Einer der Subalternen fordert mich auf:
"Was hast du dabei?"
Und ich:
"UngefÀhr zehn Dollar"
"Nein, kein Geld, was ist in deinen Taschen? Lege alles auf den Tresen!"
Ich weigere mich die zwanzig Taschen meiner Maljacke vor diesen Fuzzies auszuleeren.
Der Fahrer, Williams, kommt auf den Platz vor der Station gefahren, steigt aus und – schlĂ€gt erst sein Wasser ab. Wie ein Hund, der sein Revier markiert. Das regt niemanden auf, alle finden es völlig normal. Nur ich staune darĂŒber.
Der schwarze Sheriff schlurft in die Station herein und schreit mich an:
"Du bist ohne Genehmigung in den Komplex eingedrungen und ich werde dich jetzt einsperren!"
Seine Stimme ĂŒberschlĂ€gt sich:
"Ich sperre dich jetzt, JETZT, ein und werde deine Botschaft darĂŒber informieren. ICH SPERRE DICH JETZT EIN!!!"
Was ein Idiot! Aber was sollÂŽs, er ist in der besseren Position.
Der Zivile fordert Williams auf, sich hinzusetzen. Ich setze mich auch. Wir sind noch immer direkt am Ausgang. Irgendwie habe ich ein besseres GefĂŒhl, einen Schritt von der Freiheit entfernt zu sein, als hinten den dunklen Gang entlang in irgend einem BĂŒro Der Zivile will den Chef holen. Vielleicht ist der besser, hoffe ich.
Es ist eine einfache Überlegung. Heute ist Sonntag, alles geschlossen. Morgen ist Nationalfeiertag. Auch alles zu. Das heißt, ich mĂŒsste mich zwei Tage in einem GefĂ€ngnisloch vergnĂŒgen und darauf warten, bis sich ein so genanntes MissverstĂ€ndnis dann aufklĂ€rt. Als solches wĂŒrden es die Leute dann ausgeben. Ich kann auf das VergnĂŒgen gerne verzichten! Aber die Polizisten wissen das auch.
Der Sheriff setzt sich hinter den Tresen und mampft sein Essen. Sieht aus wie Spaghetti mit Tomatensauce. Andere Delinquenten werden gebracht und in die hinteren RÀume geleitet. Williams wird von einigen der Herumlungerer verhört:
"Du hast ihn hergebracht! Wie lange ist er schon in Nigeria? Warum hast du ihn herein gehen lassen? Du weißt doch, dass man dazu eine Genehmigung braucht!" Das Ganze ist fĂŒr mich, sicher nicht fĂŒr Williams. Der muss mitspielen.
Williams windet sich. VerstĂ€ndlich, er ist als Nigerianer einerseits auf ihrer Seite, andererseits kann er wirklich nichts zu meinem „Vergehen“. Und falls doch, dann kriegen sie ihn noch eher an den Haken. Es geht noch eine Weil in diesem Ton weiter, dann kommt der Chef. In Joggingdress. Er fordert mich auf, ihn in sein BĂŒro zu begleiten, Williams soll auch mitkommen.
Das BĂŒro ist ein trister Raum, blau gestrichen – alle Polizeistationen in Afrika scheinen blau gestrichen zu sein! – mit zwei abgenĂŒtzten Schreibtischen. Am zweiten ist ein Kollege mit drei "Verbrechern" zu Gange. Der Chef bietet uns einen Platz an und beginnt:
"In unseren Land sind andere Gesetze als anderswo. Und gerade wegen der Situation, du weißt USA, mĂŒssen wir besonders auf die Sicherheit achten!"
Das fĂ€ngt gut an! Ich gebe ihm recht, habe volles VerstĂ€ndnis fĂŒr das Vorgehen, entschuldige mich. „Woher hĂ€tte ich wissen können“ und so weiter. Ich zeige ihm die Skizze des Bahnhofes und auch die anderen Zeichnungen aus dem Zeichenblock. Dann leere ich meine Jackentaschen, er muss vor den Anderen doch als Chef dastehen! Darum mache ich das, in vorauseilendem Gehorsam, ohne seine Aufforderung. Stifte, Radierer, Bleistiftspitzer, Farben, Papier und den Photoapparat. Was ein GlĂŒck, ich hatte eben das letzte Bild auf dem Bahnhof verschossen und konnte jetzt vorfĂŒhren, dass der Apparat kaputt war. Auslöser geht nicht, Filmtransport funktioniert auch nicht.
Er fordert mich auf, alles wieder einzupacken, schaut sich meine Passkopie an.
"Aus Deutschland?"
Und dann erzĂ€hlt er, dass er in Frankfurt in der Polizeiausbildung war. Die Sache scheint gelaufen. Jetzt nur noch mit möglichst geringem Reibungsverlusten hinaus. Meine innere Anspannung nimmt deswegen aber nicht ab. Maximal bin ich zehn Dollar los! Oder, bei einer falschen Reaktion oder einem falschen Wort fĂ€ngt die ganze Scheiße wieder von vorne an.
Aber er kommt mir noch mehr entgegen:
"Was ist dein bevorzugter Fußballklub?"
Bayern MĂŒnchen passt und nachdem ich auch noch Okocha weiß, der bei Schalke spielt, da ist alles klar. Er weiß, wer sonst noch von den Nigerianern im Ausland spielt, bei welchem Verein, alle Details der Bundesliga. Und ich setze noch drauf, dass Nigeria in der Fußballweltmeisterschaft der Jugend ins Endspiel kam. Und dass die Nigerianer gegen Frankreich sicher gewinnen wĂŒrden – das Spiel ist heute Nacht – und dann bekĂ€men alle nigerianischen Spieler einen Auslandvertrag, alle wĂŒrden aufgekauft und reich werden. Ich bin zwar kein Fußballfan, aber in dieser Situation werde ich einer. Gut, dass ich gestern die deutschen Nachrichten mit dem Sport gesehen habe.
Und so quatschen und lachen wir eine Weile recht entspannt. Dann stellt er seine Hand, die flach auf dem Tisch gelegen hatte aufrecht. Zu viel Aufwand den Arm zu bewegen! Und ich nehme erleichtert seine Pfote.
"Ich werde zukĂŒnftig in Nigeria weder links noch rechts schauen, ohne Genehmigung"
Schlusslachen und Abgang.
Er hĂ€lt Williams noch fĂŒr ein Wort zurĂŒck. Ich warte draußen in der Sonne. Wahrscheinlich etwas blass, ging mir ganz schön an die Nerven. Nach einigen Minuten kommt Williams nach und will mir spĂ€ter erzĂ€hlen, was der Chef noch wollte. Erst nur weg.
Das geht nicht so einfach, denn zwischenzeitlich ist das Tor, durch das er kam, mit Kette und zwei VorhĂ€ngeschlössern verrammelt. Ein Junge holt den schwarzen Sheriff um das Tor aufzusperren. Der kommt auch aus seiner Bude, doch als er uns sieht, fordert er grimmig, das andere Tor zu benutzen. Keine Ahnung, wo das sein soll, aber fragen nĂŒtzt auch nichts. Der Sheriff wĂŒrdigt uns keines Wortes mehr. Wir kurven suchend herum, mein Kommentar:
"Die wollen, dass ich wirklich alles hier sehe!"
Irgendwo, nachdem wir einen halben Kilometer an den Schienen entlang auf dem Bahnsteig und dann auf dem Bahndamm geholpert sind, können wir die Schienen ĂŒberqueren und kommen aus dem BahnhofsgelĂ€nde hinaus in das Eisenbahnerwohngebiet. Eine völlig versiffte und herunter gekommene Gegend. Sicher dĂŒrfen wir hier auch nicht herumfahren! Nach einigen weiteren Kilometern dann wieder ĂŒber die Schienen zum Haupteingangstor des WohngelĂ€ndes und bei der Doppelwache grĂŒĂŸend hinaus.
Williams informiert mich ĂŒber die Worte des Chefs:
Normalerweise wird der Weiße eingesperrt und der Fahrer in die Firma geschickt, damit die das Geld, das in solchen FĂ€llen gezahlt werden muss, schicken kann. So lĂ€uft das! Und Williams soll zusehen, dass so etwas nicht nochmals passiert.
Das Gesicht ist fĂŒr alle gewahrt.
Und werÂŽs nicht glaubt, der kann sich die Kanaldeckel im Netz ansehen – Hier klicken - oder in der Polizeistation nachfragen. Die freuen sich ĂŒber jeden Weißen!

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Gerhard Kemme
Guest
Registriert: Not Yet

Der Gullydeckel

@ casagrande, hi Forum!
Na, das hĂ€tte der Ich-ErzĂ€hler mal in Hamburg machen sollen. Am besten mit Grossuhr daneben: ZeitabhĂ€ngige progressive Niederschlags-Wahrscheinlichkeit. Die Schilderung wirkt auf mich wohltuend verfremdet und ĂŒberraschend.
MfG Gerhard Kemme

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