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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Gutachter
Eingestellt am 28. 12. 2011 05:59


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Simmias
Hobbydichter
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Der Gutachter
15.09.2010

In Zeiten wie diesen hat es der Gutachter schwer.
Ist eine wichtige Entscheidung zu treffen, die l√§ngst getroffen ist, h√§lt man es f√ľr ratsam, einen Gutachter hinzuzuziehen. Dem Gutachter wird die Problematik erkl√§rt, man bem√ľht sich sachlich zu bleiben, das sei ja grade der Sinn des Gutachtens. Trotzdem gelingt es dem Gutachter selten, in beil√§ufigen Kommentaren nicht doch etwas Zielsetzung zu erahnen. Er nimmt sie zur Kenntnis, unbeeindruckt und keinesfalls √ľberrascht von dieser Unprofessionalit√§t, denn zu erkennen war sie bereits in der Einladung zum Dinner. Man br√§uchte, um dies und das zu zeigen, eine objektive Einsch√§tzung hier und da zu, eigentlich sei offensichtlich, dass es sich so und so verhalte, aber hilfreich sei neutrales, unvoreingenommenes letztes Wort.

Auch ohne diese Einladung weiß der Gutachter Bescheid.
Immer informiert hat er zu jeder Problematik Statistiken und Einsch√§tzungen parat, zudem kennt er die Leute, denn wer etwas auf sich h√§lt, hat sich schon mit ihm bekanntmachen lassen, und so lebt es sich als Gutachter recht gut. Doch folgt jedem √∂ffentlichen Gutachten auch eine √∂ffentliche Entscheidung und der Gutachter h√∂rt von ihr, nicht selten wird sie mit eben seinem Gutachten begr√ľndet, was ihm durchaus schmeicheln k√∂nnte, aber von Zeit zu Zeit denkt er an diese und jene Sitzung, zu der er eingeladen war, und diese laufen recht √§hnlich:

Zun√§chst wird ein jeder begr√ľ√üt.
Diese vermeintlich kurze Prozedur zieht sich l√§nger hin, als man es f√ľr eine reine Formalit√§t erwartet, denn es sind viele Mitglieder anwesend und wenn es um Fu√üball geht, sieht man auch G√§ste, doch sie sind noch teilnahmslos, zu trocken ist ihnen eine Sitzung wie diese. Das geht dem Vertreter der verschiedenen Fanclubs keineswegs √§hnlich. Er ist hei√ü auf die Diskussion, hat sich schon lange auf diesen Moment vorbereitet. Leider musste er aufgrund der begrenzten Redezeit einige Punkte zusammenstreichen, Punkte, die er zuvor in trauriger M√ľhseligkeit als wichtiger eingestuft hatte als die vielen weiteren, die ihm von tausenden Fans in w√ľtender Schrift zugespielt worden waren, nicht zu vergessen, dass auch hier schon von den einzelnen Vorst√§nden gek√ľrzt worden war.

Viel gelassener sitzen die Komitees der Sponsoren in ihren Sesseln.
Man kann nicht verallgemeinert sagen, dass sie gelangweilt wirken, denn einige beobachten interessiert das Geschehen oder unterhalten sich in den bunten Treiben untereinander, auch wenn man in ihren stets souver√§nen Gesichtern nicht erkennen kann, in welcher Form oder gar √ľber welche Themen. Anderen jedoch scheint nicht bewusst zu sein, sich unter Menschen zu befinden, denn wenn sie sich nicht gerade am Buffet befinden, lehnen sie sich zur√ľck und scheinen zu tr√§umen. In ihren gen√§hrten Gesichtern meint man einen wissenden Ausdruck wahrzunehmen. Und w√§hrend der Fanvertreter gehetzt seine Unterlagen sortiert, w√§hrend die G√§ste untereinander leise tuscheln, ruft der Pr√§sident in aller Ruhe Name f√ľr Name aus dem Kreis der Sponsoren auf, einander wird zugenickt, denn man kennt sich.

Der Präsident trägt die geballte Verantwortung auf seinen Schultern
An seiner Stelle m√∂chte man nicht sein, nur seltenst gelingt ihm das Kunstst√ľck, am Ende des Tages alle Parteien zufrieden nach Hause zu entlassen. Wie k√∂nnte er auch? Er versteht doch die Probleme und Sorgen der Fans, so albern sie auch sein m√∂gen, aber schlie√ülich ist er auch nur ein Mensch, verheiratet obendrein und das Herz seines Sohnes schl√§gt mit aller Kraft f√ľr den Verein. Doch muss er f√ľr eben diesen Verein sorgen und die Sponsoren sitzen im Raum und sie rechnen in Geld und fordern Ausbau und Umbenennung des Stadions, Werbung auf den Trikots und bei weiterhin fallenden Ums√§tzen die Rechte auf den Teamnamen, wenn dadurch auch Tradition und W√ľrde des Vereins verloren gingen. Wie kann er das nur vor den Fans rechfertigen, ja selbst der Fanvertreter ahnt davon noch nichts und er hat ohnehin schon genug Kritik und Forderungen f√ľr drei Sitzungen vorbereitet, das sieht der Pr√§sident ohne aufzustehen. So graut es ihm vor der Verk√ľndung, er wei√ü, dass es f√ľr die Fans weiterhin teurer wird und dass er die Sponsoren gew√§hren lassen muss.

So hat er aus Erfahrung Diskussionen zu Beginn der Tagesordnung gelegt.
Diskussionspunkte, bei denen es um Verbesserungsvorschl√§ge geht. Ihrer gibt es genug und hier soll sich der Fan in Rage bringen, austoben und der Pr√§sident kann ihn durch freundliche Blicke und dahingesagte Versprechen gn√§dig stimmen. Und er tut es, nickt von Zeit zu Zeit wenn die Fans jubeln, bejaht die Probleme auf widerw√§rtigste Weise und bald wird es ihm peinlich, doch er bleibt ernst, denn seine Pers√∂nlichkeit erlaubt kein Wanken, auch wenn die Rede lange dauert, unendlich lange. Die Fans klatschen und er kann einigen den Blickkontakt nicht verwehren, wenn ihr in ihren Augen diese kindliche Hoffnung sieht. Und schlie√ülich ist ihr Zorn bes√§nftigt, sie sind ihre Probleme losgeworden. Was k√∂nnen wir als Fans schon mehr tun, m√ľssen sie denken. Die Vorschl√§ge sind gesagt und haben sich damit f√ľr ihre Umsetzung beworben, alles weitere liegt nicht in ihrer Macht, immerhin scheint der Pr√§sident ein verst√§ndnisvoller Kerl zu sein.

Dann wird √ľber das Relevante des Abends gesprochen.
Ein Komitee stellt kurz und knapp ihr Konzept vor und der Pr√§sident ist erf√ľllt von Schuldgef√ľhlen als er den fassungslosen Blick des Fanvertreters sieht und er blickt mitleidig auf dessen gestammelte Versuche, in seiner zunehmenden Resignation die herzlose Ungerechtigkeit der Sponsoren zu verfluchen. Diese wenden sich bereits ab, sie wissen was nun passiert, sie wussten es schon vorher. Sobald der Pr√§sident ihren Konzept zugestimmt hat, ist die Sitzung f√ľr sie zuende, es wird allm√§hlich Zeit, denn das Buffet ist getilgt, ohne es h√§tte sich ein Gro√üteil unter ihnen diese Veranstaltung gar nicht erst angetan. Der Pr√§sident beteuert nun in offensichtlich gespielter √úberraschung, dass eine solche Entscheidung nicht heute, nicht ohne viel √úberlegung getroffen werden k√∂nne, es gehe um zentrale Objekte der Vereinszukunft, die auch die Fans betrifft, und er habe in den letzten Stunden zu gen√ľge erfahren, was diese wirklich bewege. Wenn nun einige klatschen, f√§hrt er traurig l√§chelnd fort, es sei hingegen auch in ihrem Sinne, dass den Verein mit schwarzen Zahlen zu f√ľhren und hier k√§men Sponsoren ins Spiel, au√üerdem habe ein pr√§chtigeres Stadon auch Vorteile f√ľr sie und er listet weitere Vorteile auf und kommt zu dem Schluss, man wolle einen Gutachter hinzuziehen.

Der Gutachter ist eine g√∂ttliche Erscheinung f√ľr den Pr√§sidenten.
In diesem Moment gibt er die Verantwortung ab, er wird sich im abschlie√üenden Urteil auf den Gutachter beziehen k√∂nnen. Mit Gl√ľck √ľberzeugt dieser ohnehin schon einzelne Fans durch Argumentation, andere, leichtgl√§ubigere durch eine Statistik und wenn der Gutachter weit geht, bes√§nftigt er sogar das Unterbewusstsein der wildesten von ihnen durch Prophezeihungen. Aber in jedem Fall erlaubt es dem Vorstand, in der kurz anhaltenden Stimmung der Nachdenklichkeit die Entscheiung zu verk√ľnden, die Sitzung zu schlie√üen. Sofort und ohne Skrupel, dann trottet ein jeder nach Hause und schon morgen denkt niemand mehr daran, solange es nur kein Widerstand in der heutigen Sitzung gibt.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf bittet er den Gutachter nach vorne.
Er bedankt sich schon im Vorraus bei ihm, vorbildlich sei es, seine Zeit heute f√ľr Fans, Sport und die Zukunft des Vereins zu opfern. Und damit letzte Bedenken in Vergessenheit geraten, folgt eine kurze Pause um die Technik zu installieren, denn so kurzfristig konnte man nicht auf den Gutachter vorbereitet sein, schlie√üt der Pr√§sident und √ľbergibt das Mikrofon. Warum der Gutachter vorbereitet ist, fragt sich der Fanvertreter nicht mehr, er hat schon mit dieser Sitzung abgeschlossen, blickt geschlagenzu den G√§sten hin√ľber, fast entschuldigend. Sie tr√§umten von neuen Tranfers, Jugendf√∂rderung, billigeren Jahreskarten, sie tr√§umen immernoch, denn es wurde ihnen versprochen.

Auch der Gutachter blickt nun in die Runde.
Was er zu sagen hat ist nicht wahr, aber notwendig. Oder wird er vielleicht heute sagen, dass der Verein nur durch seine Fans √ľberleben kann? Dass die Popularit√§t des Vereins, die die Sponsoren lockt, nur durch die Fans aufrecht erhalten werden kann. Soll er aus sich herausschreien, dass der Pr√§sident, bei aller Vernunft die er heute bewiesen hat, nun endlich Interesse an den Fans zeigen muss? Ihnen einmal nachgeben sollte? Dass, wenn er diese Sponsoren vergrault, genug andere warten? Sich darum schlagen ihr Logo auf der Brust dieses Clubs zu drucken?

W√ľrde das etwas √§ndern? Denkst du etwa der Gutachter h√§tte auch nur ein kleines bisschen zu sagen? Es w√§re sein letztes Gutachten, er kann doch gar nichts gegen sie tun!
Er erkennt es, wenn er in diese Runde blickt. Und jede Nachricht in den Zeitungen erinnert ihn daran. Ja, der Gutachter hat es schon schwer!

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