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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Gutmensch, der Dummmensch und der Unmensch (Glosse)
Eingestellt am 19. 05. 2001 22:23


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Kyra
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Der Gutmensch, der Dummmensch und der Unmensch


Ein kleiner Vergleich, der fortgesetzt werden kann.


Der Gutmensch
Der Gutmensch spĂŒlt seine Joghurtbecher aus, bevor es sie in den RecyclingmĂŒll wirft. Damit verbraucht er möglicherweise mehr Energie als der Ignorant, der sie in den unsortierten MĂŒll wirft. Er sammelt Kleidung fĂŒr Bosnien und spendet an seriöse Organisationen.

Der Gutmensch geht zu Lichterketten gegen AuslĂ€nderhass. Er liebt das tĂŒrkische Ehepaar mit dem frischen Obst und dem guten Lammfleisch. Er liebt aber nicht die Kinder dieses Ehepaars, die mit tiefer gelegten BMWs und wummernden Lautsprechern durch die Spielstrasse heizen. Dem Gutmenschen ist das Privileg der Geburt in einem reichen Land bewusst und er hat deshalb ein etwas schlechtes Gewissen.

Der Gutmensch liebt die Freiheit, aber die sollte doch in vernĂŒnftigen Grenzen bleiben. Er hasst Anarchie und zertrampelte Wiesen mit Coladosen.

Der Gutmensch sammelt Unterschriften fĂŒr BĂ€ume, Wale und SpielplĂ€tze. Da er aber vielleicht Beamter ist oder werden möchte, unterschreibt es keine Listen die politisch zu links sind. Aber auch wenn er nichts mit Beamten im Sinn hat, heißt er nichts Gut, was radikal sein könnte. Ausgewogenheit steht auf seiner Fahne geschrieben.

Der Gutmensch fĂ€hrt ein sparsames Auto, fliegt aber doch gerne zweimal im Jahr in ferne Regionen, um sich vom Sterben des Regenwaldes und dem Alkoholproblem der Nordamerikanischen Indianer zu ĂŒberzeugen.


Der Dummmensch

Der Dummmensch findet den Gutmenschen einfach nur komisch.
Der Dummmensch sortiert seinen MĂŒll nur wenn das kontrolliert wird. Er spendet selten etwas, höchstens um seinen Verein zu unterstĂŒtzen oder eine Mark fĂŒr einen Wanderzirkus.

Dem Dummmenschen sind AuslĂ€nder gleichgĂŒltig solange es nicht zu viele werde. Wann es zu viele sind, macht er an seinem Umfeld und Fernsehberichten fest. Der Dummmensch will nicht dass AuslĂ€nderwohnheime angesteckt werden, hat aber in geringem Maß VerstĂ€ndnis dafĂŒr. Der Dummmensch glaubt, ein Recht auf den Ort zu haben, an dem er zufĂ€llig geboren wurde. Er ist Patriot.

Der Dummmensch fĂŒhlt sich frei, weil seine Gedanken oder BedĂŒrfnisse kaum an Grenzen stoßen. Er ist zufrieden. Der Dummmensch hat aber eine unterschwellige Angst vor zuviel Freiheit, da er ahnt, dass sie mit Unbequemlichkeiten einhergehen könnte.

Der Dummmensch unterschreibt nur ungern etwas. Zum einen ist er grundsĂ€tzlich der Meinung, dass er nichts ausrichten kann, zum anderen interessieren ihn Probleme, die mehr als 50 km weit weg sind, nur sehr selten. Es sei denn, der ADAC sammelt Unterschriften fĂŒr „Freie Fahrt fĂŒr freie BĂŒrger“, hier ist er gerne bereit als mĂŒndiger BĂŒrger seine Meinung kundzutun.

Der Dummmensch fĂ€hrt gerne einen Wagen, den er sich gerade eben leisten kann. DafĂŒr verzichtet er schon mal zwei Jahre auf seinen Urlaub und macht es sich in „Balkonien“ so richtig schön. Wenn er aber wegfĂ€hrt, möchte es ans Meer, das Wetter soll sonnig sein und die Speisen bekömmlich. Der Dummmensch freut sich, wenn er andere Deutsche trifft und schließt mit ihnen Freundschaften.

Der Unmensch

Der Unmensch durchschaut sie beide. Sowohl den Gutmenschen, als auch den Dummmenschen weiß er fĂŒr seine Interessen zu nĂŒtzen. Er denkt weiter, wĂ€gt ab, ob es ihm mehr nĂŒtzt, Dinge zu verbrauchen oder zu schonen. Die ZeitrĂ€ume, in denen er plant, beziehen seine Kinder mit ein, mehr aber auch nicht.


Der Unmensch lehnt AuslĂ€nderhass strikt ab. Er will eine saubere Lösung. Schon das Wort Abschiebung gefĂ€llt ihm nicht, zu negativ. Wann es zu viele AuslĂ€nder werden, bemisst er einzig an Kosten. Wenn die Kosten zu hoch sind, mĂŒssen gesetzliche Regelungen geschaffen werden. Dem Unmenschen ist die ZufĂ€lligkeit der Geburt durchaus klar, aber wenn er es gut getroffen hat, wird er seine Heimat verteidigen, als wĂ€re er ein Patriot.

FĂŒr den Unmenschen ist der Begriff der Freiheit nicht so eindeutig, wie fĂŒr Gutmenschen und Dummmenschen. Er will eine differenzierte Freiheit, die seinen persönlichen BedĂŒrfnissen, wirtschaftlichen Notwendigkeiten und der Steuerung des Systems gerecht wird.

Der Unmensch unterschreibt höchstens einen Scheck oder das Zeugnis seines Sohnes aus privaten GrĂŒnden. LĂ€chelnd beobachtet er die Gutmenschen an ihren langen Tischen mit den Listen in den FußgĂ€ngerzonen.
Möglicherweise unterschreibt er noch ein Parteibuch, den Beitritt zu einem Wirtschaftsverband oder einem Poloclub.

Urlaub ist fĂŒr den Unmenschen kein Thema. Solange er sich in seinem Aufstieg befindet, hat er keine Zeit. SpĂ€ter reist er beruflich so viel, dass er froh ist, entweder Zuhause oder in seiner Villa auf Mallorca zu sein. Das Auto spielt allenfalls in seiner Aufstiegsphase eine Rolle, als EntschĂ€digung fĂŒr ein hektisches, aber langweiliges Leben.

Fazit:
Nach jenem unseligen Essay von M. Brodt, indem er den Begriff der Gutmenschen prĂ€gte, ist dieser Begriff zu einem Synonym fĂŒr moralisierende Langweiler geworden, der er möglicherweise auch ist.
Nur was sind die anderen?

Die schlimmste Folge nach dem „Sieg“ des Kapitalismus ĂŒber die kommunistischen Staaten ist, dass damit auch alle Gedanken und Visionen, die ĂŒber ein gefĂŒlltes Konto hinausgehen, mit zerstört worden sind. Es gibt keine moralischen Ideen mehr; wenn jemand eine solche Ă€ußert, ist er allenfalls skurril oder unrealistisch. Gedanken die sich mit gesellschaftlichen Problemen befassen werden, bevor sie noch wachsen können, auf ihre Wirtschaftlichkeit geprĂŒft.
Ein guter Gedanke muss nĂŒtzlich sein, sonst wird er als lĂ€cherlich dargestellt. Das Diktat der NĂŒtzlichkeit beherrscht das Denken der westlichen Welt. Es lebe der „kapitalistische Realismus“*.

Dieser Begriff wurde Mitte der 60er Jahre von Polke, Richter, Lueg und anderen bildenden KĂŒnstlern geprĂ€gt.



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leonie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo Kyra

Du hast richtig gut das Schubladendenken vieler beschrieben.
hat mir sehr gut gefallen, da ich nĂ€mlich auch in keine reinpasse, so etwas aber immer amĂŒsiert beobachte.
liebe grĂŒĂŸe leonie

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flammarion
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sehr

detailliert beschrieben. am besten gefĂ€llt mir das fazit. ganz lieb grĂŒĂŸt
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Kyra
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Hallo Flammarion,

wegen des Fazits habe ich es auch geschrieben

Liebe GrĂŒĂŸe

Kyra

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JCC
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Das ist gut geschrieben und trifft die Sache in gewisser Weise, obwohl ich ein anderes Fazit ziehen wĂŒrde.

Sich vorzustellen, daß die kommunistischen Staaten idealistischer waren, ist Unsinn - hĂ€tten zum Beispiel alle Staaten so eine Umweltpolitik wie die Sowjetunion verfolgt, wĂ€re dieser Planet inzwischen wirklich nichts als eine stinkende MĂŒllhalde.

(Über den Gutmenschen habe ich mich auch mal ausgelassen, auf Hier klicken
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Kyra
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Hallo JCC

Du schreibst:
Sich vorzustellen, daß die kommunistischen Staaten idealistischer waren, ist Unsinn -

ich meinte aber nicht die zum Teil verheerende AusfĂŒhrung, sondern die IDEE!!!
Und im Augenblick gibt es keine globalen Ideen, keine Visionen. Aber ich bin mir sicher in den nÀchsten 50 Jahren werden wieder neue (oder alte) entstehen, bzw. wieder aufleben. Ich persönlich hoffe nur es wird keine neue radikale Religion sein

Viele GrĂŒĂŸe

kyra

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JCC
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Ich denke, die "Idee" geht von völlig falschen Voraussetzungen aus, aber wenn Du anderer Meinung bist -
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