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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Harfenspieler
Eingestellt am 02. 09. 2005 08:53


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Cyrano
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Der Harfenspieler


...Du.
Du bist der Harfenspieler.
Ich meine, klar, du hast den Meister nicht gelesen, und daher wirst du mit dem Vergleich nicht viel anfangen k├Ânnen. Aber ich denke auch nicht, dass man das muss, um der Harfenspieler zu sein.
Darum bist du der Harfenspieler. Dich verbinden das gew├Âhnungsbed├╝rftige ├äu├čere, die spr├Âde ÔÇô liebensw├╝rdige Art, die Kunst. Ja, ganz besonders die Kunst, und ganz besonders die Kunst des Lebens verbindet dich mit dem Harfenspieler.

Nun, sicher ist dein ├äu├čeres in v├Âllig anderer Art und Weise gew├Âhnungsbed├╝rftig als das des Harfenspielers: Er trug, wenn ich mich nach all der vergangenen Zeit nicht irre, ein Gewand, wie es das eines Klosterbruders ist. Edel und schlicht. Aber im Rockscho├č, da war es ziemlich dreckig, und auch ansonsten hatte es wohl schon bessere Zeiten gesehen. Kein wunder, der Harfenspieler ist alt.
Dem Gewand ist er immer treu geblieben.

Einen Bart hat der Harfenspieler auch. Den hast du nat├╝rlich nicht. Nat├╝rlich, dass sei an dieser Stelle vielleicht zu erw├Ąhnen, nat├╝rlich, weil du eine Frau bist.
Denen stehen B├Ąrte nicht. Finde ich. Das mag der ein oder andere anders sehen.
Die Haare des Harfenspielers sind zerzaust. Ergraut sind sie auch. Genau wie der Bart. Deine Haare sind ebenso oftmals zerzaust, aber keineswegs grau.
Du bist nicht alt. Nicht auf die gleiche Art, wie der Harfenspieler alt ist.
Goethes Harfenspieler, m├Âchte ich hier einwerfen, um die Schwere der Harfenspieler-Metapher zu erh├Âhen, bevor ich beginne, auch dich eingehender zu beschreiben:

Wie schon erw├Ąhnt, erscheinst du nicht auf die gleiche Art und Weise gew├Âhnungsbed├╝rftig wie der Harfenspieler, aber die ├ähnlichkeiten sind doch nicht zu ├╝bersehen.
Die Wichtigste ├ähnlichkeit ist in der Ausstrahlung zu finden. Ich meine, dein Mund, der ist ziemlich klein, und nur sehr selten kann er sich ein sp├Âttisches L├Ącheln verkneifen. Dein Kopf, im Gegensatz dazu, der ist gro├č. Verdammt gro├č sogar. Und die Augen, die sitzen in der Mitte, hinter Gl├Ąsern verborgen. Ob dich das intelligenter erscheinen l├Ąsst, vermag ich nicht zu sagen, ich w├╝rde es aber im ersten Moment eher verneinen.
Da nun alle zentralen Organe deines Gesichtes recht mittig versammelt sind, ist es ein ungew├Âhnlich weiter Weg bis zu den Ohren. Wenn du dich freust, dann vermag dein L├Ącheln (dass selbst bei echter Freude noch ein wenig sp├Âttisch wirkt), niemals den ganzen Raum zwischen den Schallempf├Ąngern an der Seite deines Kopfes zu durchspannen. Dass du dich jemals bis ├╝ber beide Ohren freust, w├╝rde ich nicht zu sagen wagen.
Au├čerdem gibt es wirklich eine Menge schlankerer Frauen.

Und dennoch bist du sch├Ân. Das kann ich nicht bestreiten. Du wirkst, und du wirkst in dieser Weise nicht nur auf mich. Es ist nicht das was du sagst, obwohl dies seine Wirkung auch selten verfehlt, und wohl auch kaum das was du tust. Der Zauber muss in dem liegen, was du bist, so denkend ertappe ich mich ein jedes Mal, wenn wir durch die Stra├čen schlendern, und wieder und wieder Menschen sich reihenweise nach dir umdrehen.
Und obwohl deine Gewandung sich im allgemeinen als eher wandelbar erwiesen hat, so bist du ihr doch treu geblieben.

Du bist der Harfenspieler.
Ich hoffe, anhand der ├Ąu├čeren Anlagen das Bild schon ein wenig klarer gezeichnet zu haben.

Wie du wirkte auch der Harfenspieler auf den Meister:
Faszinierend im ersten Augenblicke, obwohl kaum von beeindruckender Gestalt oder Kunst. Seine F├Ąhigkeiten gut zu verstecken wissend, begeisternd aber schon durch den Schatten derselben, den er in seiner steten Melancholie vor sich her schob. Und dann: In seiner Entwicklung so ├╝berraschend wie berechenbar, wie ein Irrlicht, dass die Schiffe sicher in den Hafen bringen wird.

Obwohl du der Harfenspieler bist, glaube ich nicht, dass du ein Instrument spielst. An der Frage, wie musikalisch du ├╝berhaupt bist, scheiden sich die Geister. Das spielen eines Instrumentes ist aber keine Notwendigkeit. Der Harfenspieler h├Ątte genauso gut eine Geige spielen k├Ânnen, einen Dudelsack. Ja, h├Ątte er Schuhe geflickt, er w├Ąre doch der Harfenspieler geblieben.

Es macht dies die besondere Eigenschaft des Harfenspielers, gleichzeitig mehrerlei zu sein. Er ist ein Gehetzter, ein Verfolgter, mit den B├╝rden des Lebens ├╝berlasteter, von Gott schwer gepr├╝fter ( so musste er es sehen, war er doch Klosterbruder), ja, wahrscheinlich verratener und verfluchter Mann.
Durch die Liebe zur eigenen Schwester in den Wahnsinn getrieben, zieht der arme versto├čene M├Ânch rastlos umher, und muss, und will, ja, hat die Pflicht (das bestimmte der der ihn in die Schranken seiner Geschichte gezwungen hat), auf allen Abschnitten der langen Reise den Meister, und dieser ist schlie├člich niemand anderes als die Hauptfigur, dass Ganze, das einzig Wichtige, auf die richtigen Bahnen zu lenken.
Mittel des Harfenspielers zu diesem Zwecke (der ihm selbst vielleicht irgendwo im Dunkeln bekannt gewesen sein k├Ânnte), war nun oberfl├Ąchlich die Musik, in der Tiefe betrachtet waren es aber sein Zweifeln und sein Schaffen, sein ziellos zielgerichtetes Umherirren, dass den Meister geleitet hat.

Wer m├Âchte an dieser stelle noch deine enge Verwandtschaft zu dem Harfenspieler leugnen?

Wann du deinen Verstand verloren hast, das vermag ich wahrlich nicht zu sagen. Doch ist mir bisher keine Menschenseele ├╝ber den Weg gelaufen, die behaupten wollte, dich gekannt zu haben, bevor dir dein Denken, dein Wissen, und dessen Gegenteil zu Kopf gestiegen sind.

Nat├╝rlich glaubst du in den meisten F├Ąllen mit dir klar zu kommen, aber genau das ist ja die Natur der Verr├╝ckten.
Oftmals aber, da wirst schon du selbst dir zu viel. Deine eigenen W├╝nsche, deine Tr├Ąume, deine Hoffnungen (eine fast Klischeehafte Begriffsfolge, die aber ihre wiederkehrende Nutzung allein ihrer eminenten Wichtigkeit f├╝r den Menschen verdankt), sie scheinen dir kaum ann├Ąhernd zu befriedigen zu sein, w├╝rdest du dich allein auf dein eigenes Wohlergehen konzentrieren wollen.

Du aber, und hier wage ich eine k├╝hne Behauptung aufzustellen, noch deutlich klarer als der Harfenspieler, sp├╝rst deine gro├če Aufgabe.
Du wirst deiner B├╝rde gewahr, du siehst. Die Sehenden aber, sie m├╝ssen am Ende triumphieren, oder den j├Ąmmerlichen Tode der Cassandra und der Ophelia nach ÔÇô erleben.

Oder, und hier schlage ich die Br├╝cke zur├╝ck zum Harfenspieler, sie m├╝ssen sich selbst einen Ausweg schaffen. Eine Tragetasche vielleicht, aber so eine, die es erm├Âglicht, zeitweise jegliche Last mit sich herumzuschleppen, und sie wom├Âglich auch noch dem Ziele n├Ąher zu bringen, aber, und erst dann kann sich wirklich ein kleines Schlupfloch er├Âffnen, auch die Option bereithaltend, alles, ja alles, sich selbst eingeschlossen, fallen zu lassen, und nur den Geiste immer luftigeren H├Âhen zuzutreiben.

Afrika ist deine Flasche mit Opiumkonzentrat. Ja, hier kommen du und der Harfenspieler endlich in scheinbarer Deckungsgleichheit zusammen. Wann immer es dir zu schwer wird, darfst du loslassen, Wann immer es dir zu schwer wird, willst du loslassen.
Wirst du loslassen.
Und genau deshalb l├Ąsst du nicht los. Genau deshalb wird es dir nicht zu schwer, wird es dir nie zu schwer werden.

Du k├Ânntest dich in den n├Ąchsten Flieger setzen, bei Sonnenaufgang wirst du die Steppe bewundern. Du k├Ânntest Matthias heiraten. Du w├╝rdest deinen Esel wieder sehen, und vielleicht h├Ątte er dir verziehen, dass du solange weg warst. Was k├╝mmert denn dich die Welt?

Aber es ist mit deinem Afrika eben wie mit dem Opium des Harfenspielers. Es ist wertlos, hast du die letzte Option erst einmal gezogen.
Afrika schenkt dir die Illusion von Kontrolle. Ja, vielleicht schenkt es dir die Gewissheit der Kontrolle. ÔÇ×Der Ausweg ist ja da. Ich kann ihn jederzeit gehen. Warum schon heute? Ist er denn morgen weniger existent? Oder ├╝bermorgenÔÇť.
Und so schleppt ihr euch, Tag um Tag, Schritt um Schritt. Du, und der Harfenspieler. Und mit euch mit schleppt ihr die Sorgen unz├Ąhliger Menschen und einiger Tiere.

Der Harfenspieler hatte Gl├╝ck. Er musste die Wirksamkeit seines Ausweges nie auf die Probe stellen. Seine Aufgaben erf├╝llten sich, ehe die Ewigkeit sich ihres Zaubers beraubte. Das Nichtwissen ├╝ber die Richtung, in die der Weg des Opiums ihn tragen w├╝rde konnte bewahrt werden.
Musste unbedingt bewahrt werden

Aber das ist nur eine Geschichte, sie h├Ątte anders nicht enden d├╝rfen.
Wenn dein Leben, und davon bist du wohl ├╝berzeugt, aber tats├Ąchlich mehr sein sollte, so ergeben sich f├╝r dich Komplikationen, die sich leicht wie ein Massiv un├╝berwindbarer Felsen vor dir auft├╝rmen k├Ânnten.

Bedenke daher immer:

Afrika ist nur solange deine Flasche mit Opium, wie du es in der Tasche l├Ąsst.

Erlaubt sind Gedanken. Ist die Flasche aber erst mal ge├Âffnet, so gibt es kein zur├╝ck. Du versinkst augenblicklich in der Bedeutungslosigkeit. Das mag angenehm sein, aber es wird dich langweilen

Trink also erst, wenn du all deine Aufgaben gewissenhaft, und zweifelsfrei bis zum Ende ausgef├╝hrt hast
.
Musst du dann noch trinken?

Trinke also im Zweifelsfalle nie!

Trinkst du fr├╝hzeitig, so h├Ârst du mit sofortiger Wirkung auf, der Harfenspieler zu sein. Wenn aber diese Existenz Hoffnung haben soll, so musst du eben dieser Harfenspieler sein.

Du bist der Harfenspieler.
Du...



Cyrano

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