Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92211
Momentan online:
62 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Hausfrieden
Eingestellt am 09. 11. 2006 11:56


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
animus
???
Registriert: Mar 2006

Werke: 60
Kommentare: 42
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um animus eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Hausfrieden

Das L├Ąuten beendete die ungeliebte Deutschstunde.
Alle Kinder standen auf, schoben ihre B├╝cher und Hefte schnell zusammen, stopften alles in ihre Tornister und liefen nach drau├čen.
Ein Durcheinander beherrschte den Flur. Es wurde geschrien, geschubst, alles in einer spielerischen Laune.
Alle waren fr├Âhlich, freuten sich ├╝ber das Ende des Unterrichts und ├╝berall konnte man h├Âren:
„Hurra, hurra der freie Nachmittag ist da.“
Die Sonne schien, es war warm, und alle freuten sich auf einen vergn├╝glichen Nachmittag.
Nur einem schien alles egal zu sein.

Der Peter ging langsam den Flur an der Mauer entlang und war vertieft in Gedanken.
Er empfand dieses Gef├╝hl der Schulfreiheit nicht.
Aus ihm sprudelte keine Freude ├╝ber den freien Nachmittag. Ihm war schwer ums Herz und er hatte das Gef├╝hl einer dicken Faust im Magen.
Drau├čen angelangt, schlich er langsam ├╝ber den Schulhof, als wenn ihm hinter der Schulhofmauer etwas Schreckliches bevorst├╝nde.

Die letzten S├Ątze seiner Mutter, die er heute fr├╝h h├Ârte, klangen immer noch in seinen Ohren.
„Du wei├čt ja, was du heute wieder mitbringen sollst? Vergiss es nicht, es ist wichtig f├╝r unseren Hausfrieden.“
„Ja“, antworte er mit erstickter Stimme und ging aus dem Haus ohne sich umzudrehen.
Peter wusste, dass ihm seine Mutter nachschaute, ob er auch vern├╝nftig angezogen sei und den Toni auf dem R├╝cken trug und nicht in der Hand.
Er sp├╝rte ihre besorgten Blicke und dass sie mit ihm f├╝hlte, wenn sie ihm jeden zweiten Tag sagte: „Bring wieder was f├╝r den Hausfrieden mit.“

Den ganzen Vormittag ├╝ber dachte er an die W├Ârter seiner Mutter. Sie lie├čen ihn nicht los.
„Wie lange soll es noch so weiter gehen", fragte er sich. Heute musste er etwas dagegen unternehmen, denn er konnte nicht mehr. Er konnte nicht mehr ruhig schlafen, in der Schule konnte er sich nicht mehr konzentrieren, seine Leistungen wurden immer schlechter.

W├Ąhrend er auf den Bus wartete, gingen ihm viele Eindr├╝cke aus dem Familienleben durch den kopf.
„Hausfrieden erhalten“, sagte seine Mutter.
Was ist das eigentlich? Hausfrieden. Er kannte nicht die Atmosph├Ąre des Friedens in der Familie.
Manchmal, wenn er seinen Freund besuchte und sah, wie der mit seinem Vater und der Mutter umging und sie mit ihm, da hatte er den Eindruck, das ist Hausfrieden. Alles verlief ruhig, liebevoll und mit viel Verst├Ąndnis untereinander. Das war bei ihm zu Hause ganz anders.

„Etwas muss geschehen, so geht es nicht weiter", dachte er f├╝r sich.
Er stieg in den Bus und blieb die paar Haltestellen stehen. Die vorbeirauschenden Autos auf der Stra├če und die vielen Menschen auf den B├╝rgersteigen mit ihren vollen Einkaufst├╝ten, die sah er gar nicht.
In der Stadtmitte stieg er aus und ging seinen gewohnten Weg. Nach ein paar hundert Metern erreichte er das Gesch├Ąft, wo er immer die Besorgung f├╝r den Hausfrieden machte. Das Personal kannte ihn schon.
Er begr├╝├čte die Leute wie immer sehr freundlich, nahm seinen Tornister in die Hand und ging die Reihe der Regale ab. Zuerst kam das Brot, dann die S├╝├čigkeiten, Dosen, eine riesige K├╝hltheke mit den hunderten von Joghurts und Puddings; die mochte er besonders gerne durchzuschauen.
So ging er die ganzen Regale entlang, bis er sein Regal erreichte.

Er kann sich noch erinnern, als er es erstes Mal getan hatte. Voller Angst, der Schwei├č stand ihm auf der Stirn und mit zittrigen Knien hatte er es damals getan. An der Kasse hatte er sich fast in die Hosen gemacht, vor lauter Angst. Er kam damals ganz leicht durch die Kasse, und je ├Âfters er es tat umso routinierter wurde er.
Heute machte es ihm nichts mehr aus. Er schaute sich vorsichtshalber um, keiner war in der N├Ąhe, nahm die Ware aus dem Regal, die er haben musste, und steckte sie geschickt in seinen Tornister.
Er machte den Tornister schon fast gelangweilt zu, h├Ąngte ihn um seine Schulter und ging die Regalreihe entlang zur├╝ck, bis er wieder bei den vielen Joghurts angelangt war.
Er suchte sich sein Lieblingspudding aus. Vanillegeschmack.
Schaute nach dem Verfallsdatum und ging langsam zur Kasse.

Die Kassiererin l├Ąchelte ihn an, gr├╝├čte freundlich und lie├č den Puddingbecher ├╝ber den Kassenscanner laufen.
„Du kannst ohne deinen Pudding nicht leben, was?“, sagte sie zu ihm und grinste ihn an.
„Mein Vater schenkt mir immer Geld f├╝r meine Lieblingsspeise“, sagte er leise zu der Kassiererin.
„Mein Vater liebt mich und schenkt mir fast jeden Tag etwas, oder Geld damit ich mir, was kaufen kann.“
„Ich verstehe mich sehr gut mit meinem Vater" erg├Ąnzte er, holte die neunundsiebzig Cents aus der Tasche und reichte sie der Kassiererin.
Sie nahm das Geld entgegen, z├Ąhlte es gar nicht nach und warf die Geldst├╝cke in die Geldkassette. Sie zeigte kein Interesse mehr mit ihm ein Gespr├Ąch anzufangen und er wollte sowieso raus, so schnell wie m├Âglich.
Peter nahm seinen Pudding und ging langsam aus den Laden. Mit einem Blick zur Haltestelle stellte er fest, dass der Bus noch nicht da war. Er setzte sich auf einen Mauervorsprung, machte den Puddingbecher auf und trank ein bisschen.
„Danke Vater, du bist doch zu irgendetwas gut. Gut um die Kassiererin von meinem Tornister abzulenken", er hob den Becher in die H├Âhe, so wie es die Erwachsenen tun, wenn sie sich zuprosten und nahm danach einen gro├čen Schluck.
So sa├č er da in der Sonne, den Vanillegeschmack auf seiner Zunge und gr├╝belte vor sich hin.
Im Hintergrund h├Ârte er die Dieselmotoren der ankommenden Busse.
Noch in Gedanken drehte er sich um und schaute zu den Haltestellen.
Zwei Busse standen jetzt da.
Der Bus mit der Nummer 44, der brachte ihn jeden Tag nach Hause.
Der andere mit der Nummer 7, fuhr in die entgegen gesetzte Richtung, zum Fluss. Peter stand auf und schlenderte langsam zu den Bussen. Er stieg ein, setzte sich ganz hinten auf die lange Bank, dr├╝ckte seinen Tornister gegen seine Brust und blickte durch den fast leeren Bus nach vorne.

Am 15.2.2005 war in der „Tagespost“ zu lesen.
Ein 13-j├Ąhriger Junge wurde gestern unter der „Hoffnungsbr├╝cke“ von Passanten leblos gefunden.
Die alarmierte Rettungshilfe konnte den Jungen wieder beleben und ins Klinikum transportieren.
Nach Auskunft der Polizei hatte der Junge eine lebensgef├Ąhrliche Alkoholvergiftung.
Es wurde eine leere Flasche Korn gefunden und ein noch nicht analysierter Brief.
N├Ąhere Umst├Ąnde werden von der Staatsanwaltschaft untersucht.






[┬ęanimus-091106]

__________________
Die alten Tr├Ąume waren gute Tr├Ąume.
Sie gingen nicht in Erf├╝llung, aber
ich bin froh sie gehabt zu haben.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


HFleiss
gesperrt
Manchmal gelesener Autor

Registriert: Jan 2006

Werke: 99
Kommentare: 1313
Die besten Werke
 
Email senden
Profil
Der Hausfrieden

Anfangs glaubte ich wegen der Erz├Ąhlweise, da hat einer zuviel Ganghofer gelesen (der Peter usw.). Aber die Geschichte wird nur mit der Zeitungsmeldung verst├Ąndlich, und das ist wohl der Haken, an dem sie h├Ąngt. Warum spielst du nicht mit dem Entsetzen des Lesers, indem du ihm "zeigst", was Peter eigentlich geklaut hat: Schnaps.

Gru├č
Hanna

Bearbeiten/Löschen    


Ripley
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2006

Werke: 1
Kommentare: 13
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Ripley eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Kann man so machen: Die Diskrepanz zwischen der leichten, manchmal etwas ├╝bertrieben blumigen Sprache (dazu gleich mehr) und dem bedr├╝ckenden Thema kann eine gewollt gedr├╝ckte Stimmung erzeugen.

Mir ist vor allem am Anfang dieses

quote:
alles in einer spielerischen Laune. [...] freuten sich auf einen vergn├╝glichen Nachmittag [...] ÔÇ×Hurra, hurra der freie Nachmittag ist da.ÔÇť
zu dick aufgetragen. Ich muss als Leser zu lange zweifeln, in was f├╝r einem Text ich da gelandet bin. Peter tritt zu sp├Ąt auf.

Die Idee, dass in Peters Familie der Schnaps als "Hausfrieden" umschrieben wird, finde ich allerdings hervorragend, und ich konnte das auch verstehen ohne den letzten Zeitungsausschnitt - der den sch├Ânen Eindruck eher kaputtmacht in meinen Augen.

Sp├Ątestens als Peter den Supermarkt betritt und an den Regalen vorbeischleicht wurde klar, wolang der Hase l├Ąuft. Dass er sich am Ende das Leben nimmt: Da h├Ątte ich mir gew├╝nscht, Du h├Ąttest das genauso fein und subtil herausgearbeitet und nicht einfach drangeklatscht. Dass es in diese Richtung gehen kann, war doch vorbereitet:

quote:
ÔÇ×Etwas muss geschehen, so geht es nicht weiter", dachte er f├╝r sich.

Noch eins ist verbesserungsw├╝rdig: Du arbeitest mit vielen F├╝llw├Ârtern (im gerade gebrachten Zitat das "f├╝r sich" zum Beispiel), da kannst Du noch streichen. Au├čerdem solltest Du nochmal ├╝berlegen, ob alle Abschweifungen, zum Beispiel in das Haus des Schulkameraden, der Geschichte dienlich sind oder sie eher verw├Ąssern.

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur f├╝r Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!