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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Heiland-Parasit
Eingestellt am 07. 10. 2009 15:45


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nemo
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Registriert: Aug 2001

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Der Heiland lebt.
Und er ist eine Frau.
Noch dazu meine Nachbarin.
Na ja, eigentlich war sie meine Nachbarin, denn sie wohnt jetzt in diesem neumodischen Tempel, den ihre JĂŒnger fĂŒr sie im Stadtzentrum gebaut haben. Ein gigantisches Kreuz aus Stahl, Beton und verspiegeltem Glas, das dreihundert Meter in den Himmel ragt und aus der ferne aussieht, wie ein ĂŒberdimensionaler Hammer. Wenn das mal kein sozialer Aufstieg ist. Von der armen 24-Quadratmeter-Studentin zum Heilbringer mit Wohneigentum.
Seit der Heiland (oder sagt man jetzt Heilanderin? Heilandine?) ausgezogen ist, hat die römisch-katholische Kirche aus ihrer alten Wohnung ein Museum gemacht, eine WallfahrtsstĂ€tte fĂŒr die GlĂ€ubigen, die hier Möglichkeit haben die Kaffeetasse, den Waschtisch, die Mikrowelle Marke „Quickie 3000“, die ZahnbĂŒrste, das Futonbett, die Dunstabzugshaube, die Duschkabine des neuen Erlösers zu sehen, zu fotografieren, anzubeten ... nur Anfassen ist nicht.
Und genau das war meine Chance, meine Möglichkeit bei dieser Geschichte ein bisschen was raus zu holen.
Die Idee dazu flog mir zu, als ich nach einem Einkauf nach Hause kam. Ich war mit zwei schweren TĂŒten bepackt und kĂ€mpfte mit einer großen Packung Toilettenpapier, die stĂ€ndig drohte meinem Griff zu entwischen. So zwĂ€ngte ich mich durch den vollgestopften Flur der zu meiner Wohnung fĂŒhrte, vorbei an Pilgern aus aller Welt, die es auf die 24 Quadratmeter heiligen Boden abgesehen hatten, die gleich neben meiner Bleibe lagen. Es ist schon erstaunlich in wie viele verschiedenen Sprachen inzwischen auf meinem Hausflur gesprochen wurde. Als ich meine Sachen ablegte, um meine TĂŒr zu öffnen, trat mir ein seriös wirkender Ă€lterer Herr entgegen, der mich höflich bat meine Toilette benutzen zu dĂŒrfen. Ich ließ ihn rein und als er seine Notdurft verrichtet hatte, fragte er mich, ob ich den Heiland gekannt hĂ€tte.
Seine Augen glĂ€nzten dabei, wie die Augen eines Kindes beim Anblick eines geschmĂŒckten Weihnachtsbaums.
In dem Augenblick konnte ich einfach nicht anders und ich log ihn an. Stolz erzĂ€hlte ich ihm, dass ich sie eigentlich ganz gut gekannt hatte – was nicht stimmte -, dass wir gelegentlich zusammen ausgegangen seien – was noch weniger stimmte - und das sie sogar schon auf meiner Toilette Platz genommen hatte, auf die er gerade eben auch gesessen hatte – was schlichtweg gelogen war.
Als ich diese kleine LĂŒgenkette aussprach, war ich mir nicht ĂŒber die Konsequenzen bewusst, ich wollte lediglich ein wenig angeben.
Heute, zwei Wochen spĂ€ter, kenne ich die Konsequenzen und ich muss sagen, dass ich ganz gut damit klar komme. Es ist anfangs wirklich befremdlich erwachsene Menschen vor einer ToilettenschĂŒssel knien zu sehen, dabei die Klobrille zu streicheln und zu kĂŒssen, auf der ich gerade mal zwei Stunden zuvor mein GeschĂ€ft verrichtet hatte. Inzwischen habe ich mich aber an diesen Anblick gewöhnt und gemerkt, dass ich mit dieser Tour einfaches Geld verdienen kann. Je nachdem ob man die Toilette anschauen, berĂŒhren oder sogar kĂŒssen möchte, steigt der Preis und es gibt viele Leute, die das komplette Programm wĂ€hlen. Ein wenig Geld habe schon zusammengespart und ich denke darĂŒber nach, ob ich nicht ins DevotionaliengeschĂ€ft einsteigen sollte. Dann lasse ich in China kleine PlastikkloschĂŒsseln oder Klobrillen herstellen, die man an die Wand hĂ€ngen kann.

Alles lief perfekt, wie am SchnĂŒrchen. Endlich gab es in meinem Leben so etwas wie Erfolg. Ich hatte das Studium hingeschmissen, mich ganz meiner neuen Aufgabe hingegeben. Die erste Lieferung aufhĂ€ngbarer Toiletten war gerade aus Indien eingetroffen (billiger und qualitativ besser, als die aus China) und es sah so aus, als könnte ich mir bald eine grĂ¶ĂŸere Bleibe suchen und meine Studenten-Wohnung zum Souvenir-Shop umfunktionieren.
Doch alles kommt ja bekanntlich anders.
Die Welt war seit der Ankunft des Heilands in Bewegung geraten, GlÀubige aus allen LÀndern kamen nach Berlin gepilgert und auch der Papst hatte sich bereits in dem monumentalen Neubau am Alexanderplatz eingerichtet.
Alle Augen waren auf uns gerichtet.
NatĂŒrlich gab es auch Zweifler, aber nicht so viele, wie man eigentlich hĂ€tte erwarten konnte. Zweifel sind wohl etwas, das fromme Menschen ganz gut ausblenden können.
Aber ich schweife ab.
Es ging mir also ziemlich gut zu dieser Zeit.
Endlich hatte ich etwas gefunden, in dem ich gut war.
Und auch wenn ich nur ein Parasit am Arsch des neuen Heilands war, so hatte ich meine Nische.
Ich gab den Menschen etwas, das sie haben wollten, das sie brauchten.
Dann klopfte eines Nachts jemand an meine TĂŒr.
Ich öffnete und dort stand sie.
Ihr langes blondes Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammen gebunden und sie trug eine weiße Robe, auf der sich graue Flecken abhoben, wie Landmassen auf einer Karte. Besonders hĂŒbsch war ihr Gesicht nicht und unter verweinten Augen lagen dunkle Schatten.
„Sie wollen mich töten lassen. Aus mir eine MĂ€rtyrerin machen“, sagte sie und ihre Stimme klang gebrochen.
Ich war sprachlos und starrte sie einfach nur an.
„Ich muss in meine Wohnung. Ich muss ein paar Sachen holen aber ich komme nicht durch die TĂŒr. Sie haben mein Schloss ausgewechselt.“
Nun sah ich einen Didl-SchlĂŒsselanhĂ€nger in ihrer Hand baumeln.
„Ich kann von deinem Balkon in mein KĂŒchenfenster klettern.“
„Ich weiß nicht recht 
“, brachte ich heraus, ohne wirklich zu wissen, wie ich diese unschöne Situation einzuschĂ€tzen hatte.
„Bitte.“
Ihre Stimme bebte und ihre Augen wurden feucht. Alles an ihr war ein Flehen und ich ließ sie hinein.
Sie betrat meine Wohnung und ich warf einen Blick in den Flur. Er war leer. Ich schloss die TĂŒr und zog die Sicherheitskette zu.
Als ich mich umdrehte stand sie vor dem Fenster meines kleinen Wohnzimmers und ihre Silhouette zeichnete sich im Licht das von außen einfiel ab. Es sah aus, als wĂŒrde sie eine strahlende Aura umgeben und dieser Anblick ließ mich schaudern.
„Sieh mich bitte nicht so an. Ich bin kein Heiland. Ich bin eine Frau, ein normaler Mensch wie du. Mein Name ist Lisa. Ich bin 23 Jahre alt. Ich bin ein Mensch.“
Sie begann zu schluchzen und ging in die Knie.
Der Schein war verschwunden und was ĂŒbrig blieb war ein weinendes MĂ€dchen, dessen Leben man gestohlen hatte, dessen Zukunft darin bestand fĂŒr eine Kirche zu sterben, die sich dadurch mehr Zulauf versprach. Ich verstand.
Ein toter Heiland ist mehr Wert, als einer der lebt und sich dagegen wehrt, das zu sein was man von ihm erwartet.
Ich ging zur ihr und nahm sie in den Arm.
Ich wusste nun was ich zu tun hatte. Es mag sein, dass ich nicht der Hellste bin, aber ich erkenne eine einmalige Gelegenheit, wenn sie sich mir bietet.
„Ich werde dir helfen. Ich klettere rĂŒber in deine Wohnung und hole deine Sachen. Keine Angst, du bist hier in Sicherheit.“
Sanft streichelte ich ihr durchs Haar, wĂ€hrend ich ĂŒberlegte, wie ich weiter vorgehen wĂŒrde. Aber ich hatte schon eine Idee. Einen Plan.

Es ist ein schöner Tag fĂŒr eine Beerdigung. Der Himmel trĂ€gt sein farblosestes Grau und ein seichter Wind, lĂ€sst das Herbstlaub zu der schwermĂŒtigen Orgelmusik tanzen, die aus den Lautsprechern des kreuzförmigen GebĂ€udes ertönt. Ich stehe in der ersten Reihe, mit Sicht auf den Papst und seine Delegation und vor mir erstreckt sich eine riesige Menschenmasse, die sich am Alexanderplatz zu der Trauerfeier des Heilands eingefunden hat. Die ganze Veranstaltung hat irgendwie Eventcharakter. Fehlt eigentlich nur noch eine Band, die „Who wants to live forever“ spielt. Aber dafĂŒr ist die Katholische Kirche wohl zu altmodisch.
Als Lisas Sarg an mir vorbeigetragen wird, nicke ich ihr ein letztes Mal dankend zu. Immerhin bin ich ihr einiges schuldig. Sie war es, die mir die Chance gegeben hatte, endlich etwas aus meinem Leben zu machen. Seit sie vor einer Woche ĂŒberraschend an einem Hirnschlag gestorben ist, laufen die GeschĂ€fte richtig gut. Jetzt wo meine HĂ€ngeklos sogar von der Kirsch abgesegnet wurden, gehen sie weg wie warme Semmel. Und alles was es mich gekostet hatte, war ein Telefonanruf.
Als die Jungs von der Schweizer Garde eintrafen, war ich erstaunt darĂŒber, dass sie eher aussahen, wie aus einem Agentenfilm. Schwarze AnzĂŒge, Sonnenbrillen, ein Stöpsel im Ohr. Keine bunten Kutten. Keine lustigen MĂŒtzen. Ganz humorlos waren sie in meine Wohnung gestĂŒrmt und hatten Lisa erst mit Panzerklebeband den Mund zugeklebt und ihr dann einen schwarzen Sack ĂŒber den Kopf gezogen. Einen Moment lang hatte sie sich noch gewehrt, aber die Typen waren echte Profis und es dauerte keine Minute und sie verschwand in einer schwarzen Limousine.
Seitdem hat sich vieles getan. Die Katholische Kirche hatte sich bei mir bedankt und mein Schweigen war ihnen so viel wert, dass sie mich in meinen GeschĂ€ftsbemĂŒhungen nach KrĂ€ften unterstĂŒtzen. Meine Wohnung ist jetzt ein Souvenirshop, in dem mein Personal Lisa-Devotionalien verkaufen. Ich bin jetzt in ein schickes Haus am Tegeler See gezogen und tja, was soll ich sagen. Ich genieße mein neues Leben. Das Allerbeste kommt aber noch. Nach den Ereignissen der letzten Wochen hat der Papst ein neues Evangelium in Auftrag gegeben und es wurde mir versprochen, dass ich und meine Tat darin aufgenommen werden. Naja, vielleicht komme ich als VerrĂ€ter nicht ganz so gut dabei weg aber besser als Judas in die Geschichte eingehen, als gar nicht.






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:nemo

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

hallo @memo,

eine flott, manchmal ein bisschen flĂŒchtig erzĂ€hlte geschichte.

leider krĂ€nkelt sie daran, dass die katholische kirche niemals einen zweiten heiland akzeptieren könnte und schon gar keinen, der weiblich wĂ€re. wer auch nur ein ganz klein wenig ahnung von den jahrtausendealten dogmen dieser glaubensrichtung hat, stĂ¶ĂŸt sich also an deinen forschen und leider mit nichts begrĂŒndeten fantasien.

es stellt sich sogleich die frage, warum du diesen - eigentlich völlig wirkungslosen - ansatz gewĂ€hlt haben magst und es bleibt als antwort wohl nur, dass du von der römisch-katholischen kirche völlig unbeleckt geblieben, dafĂŒr aber in irgendeinem bollywood-filmchen gewesen bist, wo man irgendeinen schmarren verbraten hat, der im ansatz so Ă€hnlich klang wie der hier.

ich finde es schade, dass du dein ohne zweifel vorhandenes, schriftstellerisches talent, das ĂŒber einen guten schuss humor und satire-fĂ€higkeit verfĂŒgt, an einen derart öden ansatz verplemperst. dabei wĂ€r's doch so einfach: der schlichte podex einer posthum geheiligten, der arsch von michael jackson oder der faltige hintern des amtierenden papstes wĂŒrden reichen, und schon wĂ€r der deal glaubhaft zu machen. da brĂ€uchz keine mĂŒhsamen klimmzĂŒge einer im ĂŒbrigen schrecklich biederen schweizergarde und auch sonst keinen törichten firlefanz.

in marktl am inn lÀuft das von dir geschilderte g'schÀfterl seit 2005 wie sau, mit lokus und klobrille. da lebt aber nicht nur ein kleiner schmarotzer davon, sondern insgesamt gleich ein paar hundert - sogar die nutten haben angebaut.

tipp: die kleinen stiche sind im vergleich zur holzhammermethode satirisch die wesentlich wirkungsvoller. du brauchst keine neue kirche erfinden, um die alte auf die schippe zu nehmen. das funzt nicht so recht. bedien dich doch einfach an der realitÀt - das haute wesentlich besser rein.

nix fĂŒr ungut und liebe grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin

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nemo
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Aug 2001

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Hallo erst mal.

Vielen Dank fĂŒr Lob und Kritik.
Ich wollte nur noch mal loswerden, dass mir schon bewusst ist, dass die kat. Kirche sicher keine Frau als neuen Heiland einsetzen wĂŒrde ... und ĂŒberhaupt brauchen sie ja auch gar keinen neuen, das mit dem alten funktioniert ja noch ganz gut.

Eigentlich wollte ich mit der Geschichte keine Holzhammersatire betreiben, sondern eher durch die AbsurditĂ€t der Ereignisse ein wenig Humor entfalten. Auch Übertreibungen sind ein satirisches Stilmittel ... umso erscheckender, wenn - wie von dir geschildert - die Wahrheit in der Nachbarschaft des Absurden wohnt.

Liebe GrĂŒĂŸe aus dem verregneten Wuppertal

David
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:nemo

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