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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Herbst der Katzen
Eingestellt am 14. 05. 2005 18:15


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Cirias
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Der Herbst der Katzen



An einem kalten, sp├Ąten Septembermorgen schien die Zeit pl├Âtzlich still zu stehen. Die Welt war in ihren eigenen Schatten geh├╝llt, w├Ąhrend Adrian den Wagen auf der Stra├če hielt. Die Konturen der Dinge waren im flimmernden Staubschleier der Luft geronnen. Pl├Âtzlich, hinter einer langgezogenen Kurve, endete die Stra├če im Nichts. Ein Wagen tauchte direkt vor ihm auf, dahinter trugen die B├Ąume die Sonne in den Himmel. Adrian riss den Wagen auf die Gegenfahrbahn und bremste, w├Ąhrend er das Lenkrad umklammert hielt. Sein Wagen kam auf dem Bankett zum Stehen. Er sah in den R├╝ckspiegel. Eine Frau kniete auf dem Asphalt. Vor ihr auf dem Boden lag etwas. Adrian stieg aus. Erst jetzt sah er, dass die Stra├če immer weiter geradeaus in eine baumlose Ebene f├╝hrte. Der Nebel l├Âste sich z├Âgernd auf. Die Frau blickte zu ihm. Adrian trat neben sie. Eine schwarze Katze lag auf der Stra├če. Es sah aus als w├╝rde sie schlafen, w├Ąre da nicht der gebrochene Blick ihrer Augen und ihr unnat├╝rlich verdrehter Kopf.
"Verdammt gef├Ąhrlich, was Sie hier machen. Sie sollten sehen, dass Sie von der Stra├če kommen."
Die Frau nickte. Sie erhob sich, in einer einzigen grazilen Bewegung. Sie sah ihn an. Unter ihren schmalen Augen war die Wimperntusche zerlaufen. Ihre blassen Lippen zitterten. W├Ąhrend die Frau in den Wagen stieg, packte Adrian die Katze am Schwanz und zog sie ├╝ber den Asphalt in das hohe Gras zwischen zwei Baumst├Ąmmen.
"Verdammt", murmelte er und blickte auf seine Hand, an der die dunklen Haare der Katze klebten. Die Frau sa├č regungslos hinter dem Steuer. Adrian ├Âffnete die T├╝r.
"Geht es nicht?", fragte er mitf├╝hlend.
Die Frau legte den Kopf zur├╝ck. Adrian sah sie an. Sie war sehr sch├Ân. Er sch├Ątzte sie auf Ende drei├čig. Sie erregte ihn. Das Licht gl├Ąnzte auf ihren hohen Wangenknochen. Ihr Rock war hoch ├╝ber ihre Knie gerutscht und Adrian sah auf ein Paar makelloser schlanker Beine und die sanfte W├Âlbung ihrer Knie. Adrian half ihr beim Aussteigen. Er fuhr den Wagen ein paar Meter auf einen Forstweg. Das Wageninnere roch nach ihrem Parf├╝m. Die Frau stand unbewegt an der Stelle, wo die Katze auf der Stra├če verendet war.
"Und jetzt?", fragte er.
"Fahren Sie mich einfach nach Hause. Ich bitte Sie", sagte sie tonlos. Ihre hohe und schlanke Gestalt neigte sich ein wenig zu ihm. Adrian sp├╝rte ihren Atem in seinem Gesicht. Eine Weile standen sie schweigend auf der Stra├če. Lichtnetze waren ├╝ber die B├Ąume gespannt. Der Wind trieb die Schatten des Lichts ├╝ber ihr Gesicht. Wie kleine Fl├╝gel tanzten die Schimmer auf ihrer Haut, auf ihrem engen wei├čen Shirt, ihren nackten Beinen.
"Gut", sagte Adrian. Er war unterwegs an die K├╝ste, wo er in seinem einw├Âchigem Urlaub das Haus seiner Tante aufl├Âsen wollte. Sie hatte ihm das Haus vor kurzem vermacht, mitsamt einem halben Dutzend Katzen. Daran musste Adrian in diesem Augenblick denken. Sie stiegen in seinen Wagen. Adrian wendete.
"Ich wohne in Zehlendorf", sagte die Frau.
"Was ist mit dem Wagen?"
"Morgen", sagte die Frau. "Ich hole ihn morgen. Ich hab das manchmal, und dann kann ich nicht mehr fahren."
Adrian wunderte sich, dass ihnen die ganze Zeit ├╝ber kein Auto begegnet war. Erst als sie sich der Stadtgrenze n├Ąherten, schien sich die Welt wieder zu beleben. Seltsam, auch die Uhr in seinem Auto war stehen geblieben. Adrian sah die Frau an. Sie l├Ąchelte. Ihre Hand lag auf der Mittelkonsole, direkt neben seinem Oberschenkel.
"Ich hei├če Mathilde", sagte sie, pl├Âtzlich sehr vertraut.
"Adrian", antwortete er mit rauer Stimme.
"Ich meine, ich habe das manchmal, also wenn so etwas passiert, dann kann ich nicht mehr weiterfahren. Ich frage mich dann was das Leben ist. Wir wissen niemals wie die Dinge ablaufen werden, was passieren wird, oder?"
"├ťberfahren Sie ├Âfter Tiere?"
Sie lachte. Das hatte Adrian gar nicht beabsichtigt. Augenblicke sp├Ąter, so schien es ihm, standen sie vor Mathildes Wohnung, im dritten Stock eines Gesch├Ąftshauses am Mexicoplatz.
"Komm doch mit hoch", hatte sie ihn, unvermittelt ins vertraute Du wechselnd, am Ende der Fahrt gefragt. "Ich mag jetzt nicht allein sein." Adrian hatte sie angesehen. Winzige Funken spr├╝hten in ihren blassgr├╝nen Augen. Ein L├Ącheln spielte um ihre Lippen und gab ihrem Gesicht einen unwiderstehlichen Ausdruck.
Mathilde ├Âffnete die T├╝r. Ein sanfter Halbd├Ąmmer lag in den hohen R├Ąumen der Altbauwohnung. Die Vorh├Ąnge waren zugezogen. Andeutungen von Licht schliefen im Raum. Mathilde verschwand in einem der Zimmer am Ende des Gangs. Ihre Bewegungen wirkten schwerelos, fast schwebend. Adrian wartete im Flur. In dem Wandspiegel sah er, wie Mathilde sich auszog. Mit sanften, geschmeidigen Bewegungen, so als t├Ąte sie es nicht f├╝r sich selbst sondern f├╝r jemand anderen. Als sie ihren Slip abgestreift hatte, streckte sich ihr nackter K├Ârper z├Âgernd, bis er gespannt, wie in der Bewegung erstarrt ihm zugewandt verharrte. Ihr langer, glatter Hals, die flie├čenden B├Âgen ihrer Schultern, ihre m├Ądchenhaften festen Br├╝ste und ihr flacher Bauch, der sanft in ihre Rippenb├Âgen floss, all das lag schattenhaft und doch unaussprechlich deutlich vor seinem Blick. Es war als w├Ąre er unvermutet auf eine Lichtung getreten und blickte nun auf ein fremdes Wild, etwas, f├╝r das seine Augen noch keinen Namen wussten. Sie rief ihn mit einem Blick ihrer sich langsam ├Âffnenden Augen. Adrian betrat ihr Schlafzimmer. Ohne sie zu ber├╝hren, frierend vor Erregung, zog er sich aus. Irgendwo zwischen den hohen Fenstern verebbten die Laute. Ein stummes Rauschen f├╝llte den Raum. Mathilde nahm Adrian an der Hand. Sie f├╝hrte ihn zu einem von Spiegeln umgebenen Sessel. Ihre zierlichen kleinen H├Ąnde glitten zwischen seine Beine und streichelten ihn, w├Ąhrend sie mit ihren Z├Ąhnen in seine Lippen biss, tastend, fordernd, bis ihre blutig gewordenen Zungen einander umkreisten und in ihren M├╝ndern z├Ąrtlich miteinander rangen. Mathilde presste ihn auf den Sessel. Adrians H├Ąnde glitten suchend ├╝ber ihren K├Ârper, den er zu halten glaubte und doch wieder verlor. Wie eine Katze entwand sich Mathilde ihm, bevor sie sich mit einem tiefen Seufzer auf ihn hockte. Sie wandte ihm den R├╝cken zu. In den Spiegeln vervielfachten sich ihre Bewegungen, sein sich hebender und senkender Unterk├Ârper, ihr kreisendes Becken und ihr Hals, der sich zu ihm bog, wenn sie sich k├╝ssten. Ihre Bewegungen waren von unwirklicher Sch├Ânheit. Mathildes K├Ârper schien ihn zu b├Ąndigen, herauszufordern, ihn mit einer fremden Sprache zu verwirren. Sie war lautlos. Alles was Adrian h├Ârte, schien nur von seinen Bewegungen auszugehen. Mathilde bewegte sich katzengleich. W├Ąhrend Adrian seine H├Ąnde auf ihre Br├╝ste presste, b├Ąumte sie sich auf, krallte ihre Fingerspitzen in seine Haut und floss zitternd in seinen K├Ârper.


Es war Mittag. Mathilde und Adrian lagen auf dem Bett. Nach Augenblicken der Ruhe weckten ihre Lippen, ihre H├Ąnde einander und das lautlose, schattenhafte Ringen ihrer K├Ârper schlug von neuem wie das Ticken einer Uhr gegen ein unsichtbares Ufer. Mathilde sprach kein Wort. Mit einer Aufw├Ąrtsbewegung ihres Kopfes und einem verlangenden Blick aus ihren schmalen Augen verabschiedete sie ihn, als der Tag seine langen Schatten durch die Vorh├Ąnge schickte. Als Adrian unten an der Haust├╝r angelangt war, ├Âffnete sich oben eine T├╝r. Jemand st├╝rzte mit raschen Schritten die Stufen hinab. Atemlos und nackt stand Mathilde vor ihm. Sie schlang die Arme um seinen Hals.
"Ich will dich wiedersehen. Morgen abend um sieben?"
Adrian nickte ohne nachzudenken. Ihr K├Ârper roch nach Liebe und dem verblassenden Hauch ihres Parf├╝ms. Sie k├╝sste ihn. Die Haust├╝r wurde ge├Âffnet und ein ├Ąlteres Ehepaar trat in den Flur.
"Guten Abend", sagte Mathilde. Mit einer einzigen Drehung wandte sie sich um. Mit ihren langen Beinen nahm sie zwei Stufen auf einmal.
"Hat sie nicht einen herrlichen Arsch?", fragte Adrian.

Adrian versuchte zu verstehen, was mit ihm geschah. Es hatte nicht nur mit Mathilde zu tun, es hatte mit einem Punkt in der Zeit und vielleicht auch im Raum zu tun, dort wo das Bewusstsein m├Âglicherweise wie ein Schiff verankert war. Adrian war besessen von Mathilde. In der ersten Woche nach ihrer Begegnung war er jeden Tag am fr├╝hen Morgen an die K├╝ste gefahren, hatte dort den ganzen Tag gearbeitet und war nachmittags zur├╝ckgefahren. Er wollte das Haus verkaufen, es bedeutete ihm nichts. Als er wieder ins Institut musste, sahen er und Mathilde sich noch mehrmals in der Woche. Oft trafen sie sich in der Mittagspause, um miteinander zu schlafen.
Mathilde war der Himmel in den leeren Fenstern, das Leben und all das wonach er glaubte sich gesehnt zu haben. Mathilde war seine Zukunft und seine Gegenwart, die es nicht gab, weil es Mathilde gab.

An einem Regennachmittag im November lagen sie nackt nebeneinander im Bett. Mathilde wehrte Adrians Z├Ąrtlichkeiten sanft ab.
"Du musst etwas f├╝r mich tun", sagte sie tonlos in die Stille. Adrian schwieg. Pl├Âtzlich h├Ârte man den Regen gegen die Fenster prasseln.
"Du musst jemanden f├╝r mich t├Âten", sagte Mathilde.
"Bist du verr├╝ckt?"
Adrian schnellte hoch. Mathilde zog ihn sanft zur├╝ck.
"Narr! Ich habe dir noch so vieles zu zeigen...Es soll nicht zu deinem Nachteil sein..."
Ihre Lippen wanderten ├╝ber seine Brust. Mathildes Zunge umspielte seinen Bauchnabel. Ihre Fingern├Ągel zerkratzten seine Brust, seine Lenden. Adrian schlo├č die Augen.
Mathilde wiederholte ihre Bitte bei jeder Begegnung, still und beharrlich. Adrian gab seinen Widerstand auf. Sie erz├Ąhlte ihm alles. Und Adrian verstand.

Mark, ihr Stiefbruder, hatte sie vom zw├Âlften Lebensjahr an vergewaltigt. Er hatte sie geschlagen und gedem├╝tigt. Eines Tages hatte er ihre geliebte Katze vergiftet. Sie war in Mathildes Armen qualvoll verendet. Und vor einigen Jahren hatte er sie mit einem juristischen Trick um ihr Erbe gebracht. Mathilde hatte beschlossen zu sterben. Aber auch das wusste Mark zu verhindern. Er lie├č sie nach dem ersten Suizidversuch in eine Klinik einweisen.

"T├Âte ihn. T├Âte ihn f├╝r mich", bat Mathilde Adrian mit Tr├Ąnen in den Augen. Sie bat ihn in seinen schw├Ąchsten und gl├╝cklichsten Momenten, von denen es bisher nicht viele in seinem Leben gegeben hatte. Bald erschien ihm ihre Bitte als das Selbstverst├Ąndlichste, so als w├╝rde sie ihn zum Einkaufen um die Ecke schicken. Er hasste Mark, obwohl er ihm nie begegnet war.
Es war nicht schwer an Mark heranzukommen. Er arbeitete als Immobilienmakler. Die Gesch├Ąfte gingen laut Mathilde schlecht. Adrian bot Mark das Haus seiner Tante zum Verkauf an. Sie verabredeten einen Termin f├╝r die letzte Novemberwoche. Mathildes Z├Ąrtlichkeit wuchs von Tag zu Tag.
"Es erregt mich, dass du f├╝r mich t├Âten wirst", fl├╝sterte sie in seinen K├Ârper, bevor sie lautlos ├╝ber ihn glitt. Schlie├člich war Adrian stolz, etwas solch gro├čes f├╝r sie tun zu k├Ânnen.

Von der Liebe ausgezehrt und eine kalte Wut im Herzen nahm er an einem nebligen Novemberabend den Zug nach D. Das Haus lag auf einer D├╝nenanh├Âhe abseits des kleinen Ortes. Von den oberen Fenstern blickte man auf das Meer, das wie ein ruhiger See aus der milchigen Finsternis starrte. Niemand hatte sein Kommen bemerkt. Adrian bereitete alles vor. Es st├Ârte ihn, dass die Katzen noch immer im Haus waren, aber seine Tante hatte das testamentarisch so verf├╝gt. Ein M├Ądchen aus der Nachbarschaft sah t├Ąglich nach ihnen. Adrian z├Ąhlte nur f├╝nf. Waren es nicht sechs gewesen?
Er legte sich fr├╝h schlafen. Nachts strichen die Katzen um sein Bett. Wenn sie sich vor ihn hockten und ihn fixierten, dann war es als ob Mathilde ihn anblickte. Jeden Augenblick erwartete er die Ber├╝hrung ihrer weichen Haut, die sich an ihn schmiegte. Adrian war gl├╝cklich, ihrer Liebe ein Opfer bringen zu d├╝rfen.

Er schlief unruhig. Am n├Ąchsten Morgen stand er fr├╝h auf, bereitete den Kaffee und wartete. Eine blasse Nebelwand stand ├╝ber dem Meer. Der Strand leuchtete fahl. Max fuhr p├╝nktlich vor. Er musterte das Haus aufmerksam. Adrian ├Âffnete ihm die T├╝r, bevor er klingeln konnte. Max war gro├č und gutaussehend. Er war unversch├Ąmt selbstgef├Ąllig, was Adrian au├čerordentlich beruhigte. Sie besichtigten das Haus. Danach sa├čen sie in der K├╝che. Max trank den Kaffee in kurzen, hastigen Z├╝gen.
" Bevor wir zu den Einzelheiten kommen, Sie erw├Ąhnten da noch ein anderes Objekt, drau├čen auf eine der Inseln?"
Schwei├čperlen gl├Ąnzten ├╝ber Marks Oberlippe. Adrian verstand es, seine Neugier zu wecken. Sie fuhren zum Hafen, wo Mark das Boot des vor Jahren verstorbenen Onkels noch gestern abend startklar gemacht hatte. Mark konnte nicht schwimmen. Er klammerte sich sichtlich angestrengt an die Reling des kleinen Motorboots, das Adrian sicher durch die D├╝nung und den Nebel steuerte. Der kleine Sporthafen war menschenleer und die See lag unbewegt wie ein weites Feld vor ihnen. Das Schlafmittel, das Adrian im Kaffee aufgel├Âst hatte, begann zu wirken. Max k├Ąmpfte mit der M├╝digkeit. Als das Boot das offene Meer erreicht hatte, sank er zu Boden. Adrian stoppte das Boot. Er befreite Mark von seiner Schwimmweste, zog ihn zur Reling und wuchtete seinen schweren K├Ârper ├╝ber die Metallstreben, wobei sich das Boot bedrohlich zur Seite neigte. Den Kopf voran stie├č er Mark ins Meer. Einen Augenblick schien es, als w├Ąre Mark bei Bewusstsein, aber vielleicht war das auch nur die Bewegung der Wellen. Adrian wendete das Boot. Er fuhr in einem weiten Bogen ├╝ber das Meer zu dem K├╝stenabschnitt, wo das Haus seiner Tante stand. Er lie├č das Boot langsam voll Wasser laufen, schl├╝pfte in seinen Neoprenanzug und band sich den Rucksack mit seinen Sachen um die H├╝fte. Vom Bug des sinkenden Boots aus glitt er in das kalte Wasser. Der Nebel schwebte direkt ├╝ber dem Wasser, ein Meer der Stille, aus dem die winzigen Gischtk├Ąmme, die seine Bewegungen verursachten, wie zerbrochenes Glas aufschimmerten. Ersch├Âpft stieg Adrian ans Ufer. Der Nebel war wie ein Verb├╝ndeter, man sah keine hundert Meter weit. Er schl├╝pfte aus dem Anzug, zog sich rasch an und schlich unbemerkt ins Haus. Adrian beseitigte alle Spuren, legte einen Zettel f├╝r Max auf den K├╝chentisch, in dem er ihn bat, die Schl├╝ssel nach der Besichtigung wieder in den Briefkasten zu werfen. Au├čerdem fanden sich auf einem weiteren Blatt genaue Instruktionen zur Nutzung des Bootes. Adrian verlie├č das Haus durch den Hintereingang. In seiner Reisetasche hockte eine der Katzen, eine gefleckte mit gr├╝nen Augen. Er wollte Mathilde damit ├╝berraschen. Zu Fu├č durchquerte er das angrenzende Waldst├╝ck und bestieg eine Stunde sp├Ąter einen Zug, der ihn zur├╝ck nach Berlin brachte. Adrian war zufrieden. Selbst wenn ihn jemand gesehen h├Ątte, so gab es noch Plan B. Mathilde war sein Alibi. Er war das ganze Wochenende bei ihr gewesen. Ein Kollege hatte ihn am Freitag selbst zu ihrer Wohnung gefahren, da Adrian seinen Wagen am Morgen in die Werkstatt gebracht hatte. Auf dem Anrufbeantworter von Max hatte Adrian weitere Hinweise f├╝r die Besichtigung des Hauses hinterlassen. Alles schien perfekt.

Mathilde erwartete ihn erregt. Ihre Augen gl├Ąnzten. Unter dem schwarzen Bademantel war sie nackt. Wortlos zog sie ihn aus. Sie brauchte keine Erkl├Ąrungen von ihm. Sie sah den dunklen Schimmer in seinen Augen, sah ihn stolz und aufrecht vor ihr stehen, weil er f├╝r sie get├Âtet hatte. Selbst sein Schwanz erschien ihr in diesen Augenblicken gr├Â├čer und pr├Ąchtiger, als sie ihn mit ihren Lippen z├Ąrtlich zu umfassen begann. Zum ersten Mal konnte er Mathilde beim Sex h├Âren. W├Ąhrend sie unter ihm lag, stiegen tiefe, in ihrem Innern widerhallende Laute aus ihrem K├Ârper, so wie eine Katze behaglich schnurrte, wenn sie sich wohl f├╝hlte. Mathilde entlie├č ihn mit einem eigenartigen L├Ącheln. Ihre Katzenaugen wanderten ├╝ber sein Gesicht, dann wandte sie sich ab und verschwand lautlos in der Wohnung.
Sie hatte Adrian gebeten, die n├Ąchsten vierzehn Tage jeden Kontakt zwischen ihnen zu vermeiden.
Erst geschah nichts. Nur das M├Ądchen rief an. Jetzt sei schon die zweite Katze verschwunden. Adrian beruhigte sie. Dann, nach ein paar Tagen, tauchte die Polizei bei Adrian auf. Er war auf ihre Fragen vorbereitet. Mathilde schien die Angaben, die er machte zu best├Ątigen. Allerdings galt Max auch weiterhin nur als vermisst, denn seine Leiche und das Boot wurden nicht gefunden. Die Suche konzentrierte sich auf das Eiland, auf dem der Ferienbungalow der Tante stand. Adrian beschlichen Zweifel. Hatte er ├╝berlebt? Warum meldete er sich dann nicht? Adrian hoffte, dass das Meer nicht viel von Max Leiche ├╝briglassen w├╝rde, damit man keine R├╝ckst├Ąnde des Schlafmittels mehr fand.
Eines Tages warteten zwei Beamte der Kripo vor dem Institut auf ihn. Zusammen gingen sie in ein Cafe um die Ecke. Unvermittelt fragte der eine der beiden, w├Ąhrend der andere ihn beobachtete: "Mathilde Berndorf ist verschwunden. K├Ânnen Sie uns etwas ├╝ber ihren Aufenthaltsort sagen? Sie waren doch...befreundet?"
Adrian versuchte ruhig zu bleiben.
"Verschwunden? Wir hatten l├Ąnger keinen Kontakt. Es ist keine richtige Beziehung, wenn Sie das meinen. Ich wei├č nicht, wo sie ist."
"Sie k├Ânnten sich nicht vorstellen wo sie ist? Sie wussten doch, dass der Verschwundene ihr Ex-Mann war? Und Sie wollten Max Gehrke Ihr Haus verkaufen. Irgendetwas an der Sache passt nicht. "
Adrian fuhr zusammen, aber er schwieg und zuckte bedauernd mit den Schultern. Die Beamten stellten ihm noch eine Reihe von Fragen, aber offensichtlich waren sie nur daran interessiert, ob er etwas mit dem Verschwinden von Mathilde zu tun hatte.
"Rufen Sie uns an, wenn Ihnen noch was einf├Ąllt."

Adrian versuchte Mathilde zu erreichen. Er fuhr zu ihrer Wohnung, aber er hatte keinen Schl├╝ssel. In seinen Gedanken tauchte immer wieder das eine Wort auf: "Ex-Mann"... Was war das f├╝r ein Spiel, in dem er unfreiwillig die tragende Rolle ├╝bernommen hatte? Adrian schlief nicht mehr. Verzweifelt versuchte er der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Wenn er abends in seine Wohnung zur├╝ckkehrte, wartete die Katze auf ihn. Sie sah ihn mit Mathildes Augen an.
Zehn Tage sp├Ąter wurde die Leiche von Max Gehrke gefunden. Mathilde erbte sein Verm├Âgen, nachdem alle Zweifel am Verschulden seines Todes ausger├Ąumt war. In den Zeitungen war der pl├Âtzliche Tod des Immobilienmaklers ein Unfall.
Mathilde kehrte nicht mehr nach Berlin zur├╝ck. Trotz aller Nachforschungen fand Adrian ihren Aufenthaltsort nicht heraus. Einmal glaubte er sie gesehen zu haben. Sein Zug stand in einem Bahnhof in Norddeutschland und durch die Scheiben sah er auf den Bahnsteig. Eine Frau bewegte sich an den Tafeln mit den Abfahrtspl├Ąnen vorbei auf ihn zu. Ihr Gang hatte etwas Schwebendes. Es sah aus, als w├╝rden ihre F├╝├če den Boden gar nicht ber├╝hren. So wie Mathilde schien die Fremde leise und federnd zu gehen, so, als g├Ąbe es keinen Weg. Als sie f├╝r einen Moment aufsah, lag der erinnerungslose Blick ihrer schmalen gr├╝nen Augen kalt auf seinem Gesicht, der Schatten einer Erinnerung aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit.

Das M├Ądchen lie├č nicht locker. Sie meldete das Verschwinden der Katzen der Polizei und machte die Aussage, dass am Vorabend des Besuchs von Max Gehrke jemand im Haus gewesen sei. Das Haus wurde erneut durchsucht. Unter dem Nachttisch im Schlafzimmer fand man eine Bahnfahrkarte von Berlin nach D. f├╝r den Tag vor dem Verschwinden des Maklers.
Die Polizei durchsuchte die Wohnung von Adrian. Sie fanden die Katze und den Anzug. Das waren keine Beweise, aber unter den beharrlichen Fragen der Beamten brach Adrian zusammen. Er gestand. Mathilde wurde des Vergehens der Anstiftung zum Mord angeklagt. Im Gerichtssaal begegneten sich Adrian und Mathilde das erste und das letzte Mal wieder. Beide wurden zu langj├Ąhrigen Haftstrafen verurteilt. Die Katze wurde in das Haus am Meer zur├╝ckgebracht. In Adrians einsamen Tr├Ąumen sa├č die Katze oft an seinem Bett. Ihre Augen blickten ihn stumm an, so als wollte sie ihm noch etwas sagen.



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Ivor Joseph
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Registriert: Not Yet

Hallo Cirias,
sehr gerne gelesen, Deine Texte geh├Âren zu meinen liebsten auf der LL.
Auch wenn du eine ├ťberfrachtung mit Metaphern betreibst, die au├čerdem nicht immer funktionieren (Die Welt war in ihren eigenen Schatten geh├╝llt, flimmernden Staubschleier der Luft) und den Lesefluss stellenweise (und sich gegenseitig) behindern.

Wieviel besser w├Ąre es zu sagen:

> An einem kalten, sp├Ąten Septembermorgen schien die Zeit pl├Âtzlich still
> zu stehen. Die Welt war im Schatten geh├╝llt, B├Ąume trugen die Sonne in
> den Himmel. Ein Wagen tauchte direkt vor ihm auf. Adrian riss das
> Lenkrad zur Seite und kam mit Ruck auf einem Bankett zum Stehen. Vor
> der Frau, die auf dem Asphaltboden kniete lag etwas: Eine schwarze
> Katze.

Usw., usw.

Liebe Gr├╝├če, Ivor

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visco
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Hallo Cirias,

die bildhafte Erz├Ąhlweise verleiht dem Text das gewisse Etwas. Ich habe ihn ├╝ber weite Strecken mit gro├čem Vergn├╝gen gelesen. Bis zu dem Mord an dem Immobilienmakler Max / Mark, der mir zu lapidar geschildert erscheint wie ein n├Âtiges ├ťbel, f├╝hlte ich mich beim Lesen gut aufgehoben.

Von da ab bis zum Ende habe ich nur gelesen, um zu erfahren, wie die Geschichte ausgeht, doch der Zauber war verflogen, als w├Ąre dir unterwegs das Pulver ausgegangen. Im letzten Teil hetzt du durch die Geschichte, als h├Ąttest du die Lust am Schreiben veloren. Auch inhaltlich wird die Geschichte d├╝nner. Da wird zeitlich gerafft, erkl├Ąrt, zusammengefasst, Wichtiges nur noch am Rande erw├Ąhnt und Aus.

quote:
Max trank den Kaffee in kurzen, hastigen Z├╝gen.
[..]
Schwei├čperlen gl├Ąnzten ├╝ber Marks Oberlippe. Adrian verstand es, seine Neugier zu wecken. Sie fuhren zum Hafen, wo Mark das Boot des vor Jahren verstorbenen Onkels noch gestern abend startklar gemacht hatte.
[..]
Das M├Ądchen lie├č nicht locker. Sie meldete das Verschwinden der Katzen der Polizei und machte die Aussage, dass am Vorabend des Besuchs von Max Gehrke jemand im Haus gewesen sei.

Hm, hei├čt Mathildes geschiedener Ehemann jetzt Max Gehrke oder Mark?
Und hat tats├Ąchlich Mark das Boot von Adrians verstorbenem Onkel startklar gemacht, oder doch vielleicht Adrian?


Weshalb wurde Mathilde zu einer langj├Ąhrigen Haftstrafe verurteilt? Der angeblichen Anklage "Anstiftung zum Mord" liegt lediglich Adrians Aussage zugrunde. Wie wir wissen, hat Mathilde Adrian belogen (Max / Mark angeblich ihr Stiefbruder, etc). Durch Adrians konfuse Aussage d├╝rfte ihr die Anstiftung kaum nachzuweisen sein, zumal Eifersucht als starkes Motiv gilt.


├ťberhaupt bin ich vom Ende, also der Aufl├Âsung etwas entt├Ąuscht. Ich schlie├če mich jon an. Wieso mussten sie ├╝berhaupt (beide) geschnappt werden?


Statt nur dar├╝ber zu meckern hier ein Gedankenspiel:
Was w├Ąre, wenn Max / Mark nicht Mathildes geschiedener Ehemann w├Ąre, sondern die beiden lediglich in Trennung lebten? (Steigerung: eventuell hielt Mathilde sich vor ihm versteckt?)
Mathilde tr├Ągt sich mit Suizidabsichten, ok. Dass sie noch am Leben ist, mag einen Klinikaufenthalt zu verdanken sein. Oder welchen Grund k├Ânnte es sonst geben?
Welchen Plan verfolgt Mathilde?

Ich denke da zB an folgendes:
Nach dem Tode geht ein etwaiges Verm├Âgen entweder testamentarisch bzw gesetzlich geregelt an die Erben. Selbst ein Erbe 1. Grades verliert allerdings seinen Erbanspruch, falls er schuldhaft am Tod des Erblassers ist.
Im Falle von Mathildes Tod vor der Scheidung ger├Ąt sofort der verlassene Ehemann in Verdacht.

Nehmen wir an, Mathilde ist verm├Âgend und hat dieses Verm├Âgen mit in die Ehe gebracht. Sie hat Angst vor ihrem Mann, der sie geschlagen hat. Sie hat ihn verlassen und versteckt sich vor ihm. Sie g├Ânnt ihm nicht das Schwarze unter dem Fingernagel. Eventuell haben die beiden ein Kind?
Die Jahre der Trennung, bis die Scheidung auch ohne Zustimmung des Partners vollzogen werden kann, will Mathilde nicht abwarten m├╝ssen. Wie schon fr├╝her tr├Ągt sie sich mit Selbstmordgedanken. Doch davon w├╝rde ihr Mann profitieren, was sie auf keinen Fall will. Ihr w├Ąre am liebsten, es s├Ąhe so aus, als h├Ątte ihr Mann erst sie umgebracht und anschlie├čend sich selbst.

Damit das gelingt, m├╝ssen sich die beiden blo├č nachweislich kurz vor ihrem Tod sehen.
Sie scheidet dann auf die von ihr gew├Ąhlte Weise aus dem Leben, und bald darauf t├Âtet ihr Liebhaber Adrian ihren Ehemann, was auch f├╝r einen Selbstmord (Familientrag├Âdie) gehalten werden kann. Oder Adrian wird gefasst und f├╝r die vermeintlich aus Eifersucht begangene Tat belangt. Seine "Belohnung" hat er ja im Vorfeld bereits erhalten.


Ich wei├č, du wolltest den Katzen eine Schl├╝sselrolle zukommen lassen. Vielleicht liefern die in Max / Marks Atemwegen gefundenen und an seiner Kleidung anhaftenden Katzenhaare den Beweis, dass er kurz vor seinem Tod in Mathildes Wohnung gewesen ist (sofern sie eine Katze hat, der diese Haare zuzuordnen sind)? Oder bei beiden, Mathilde und ihrem Mann, werden Katzenhaare und andere Spuren entdeckt, die auf einen gleichzeitigen Aufenthalt im Haus von Adrians Tante hindeuten?


Ich hoffe, du h├Ąltst mich nicht f├╝r vermessen. Immerhin unterrichtest du laut deines Profils andere in Kreativem Schreiben. Wenn dir meine Anregungen nicht zusagen, verwirf sie einfach.

Frohes Gelingen weiterhin w├╝nscht
Viktoria
__________________
Ich hatte eine L├Âsung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

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