Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92201
Momentan online:
51 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Fremdsprachiges und MundART
Der Herr Obertreiber
Eingestellt am 04. 01. 2011 19:09


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Wolfgang Bessel
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2007

Werke: 72
Kommentare: 59
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Wolfgang Bessel eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Herr Obertreiber

Nach dem JagdfrĂŒhstĂŒck wurden alle GĂ€ste bei strömendem Regen und fiesem, nasskaltem Nordwestwind nach Treibern, HundefĂŒhrern, Musikern und SchĂŒtzen eingeteilt. Wir standen da in Reih und Glied wie aufem Kasernenhof. Et waren so anne fĂŒnfzig erwartungsvolle Bekloppte, die sich freiwillig nass regnen ließen.
Jagdtröten spielten die BegrĂŒĂŸungsmelodei.

Kuhlenkamp, der Jagdboss, stand unĂŒbersehbar in Front zur gesamten Jagdgesellschaft. Er begrĂŒĂŸte uns noch ma ganz herzlich und bettelte beim Heiligen Hubertus um besseret Wetter. Dann redete er sehr ernst ĂŒber die Sicherheitsvorschriften vonne landwirtschaftlichen Berufsgenossenschaft.
Mit den BrĂŒdern wollte er auf keinen Fall wat zu tun haben. Von der Bande wĂŒrde man im Schadenfall, wenn ĂŒberhaupt, erst nach etlichen Gutachten und vielen Jahren Rechtsstreit Knete kriegen. Lieber wĂŒrden die dat sehen, wenne vorher den Löffel abgĂ€ben tĂ€ts und der lausige Verein dann nix mehr rausrĂŒcken mĂŒsste. Er wartete schon sieben Jahre auf ne Leistung fĂŒr sein beim Schießen ertaubet Ohr. Aus diesem Grund wollte er abends niemanden von uns aufe Strecke liegen sehen.
Wat allet abgeballert werden durfte, hat er auch noch erwĂ€hnt und die schießgeilen JungjĂ€ger ermahnt, vorsichtig zu sein und nicht auf Hunde und Treiber zu schießen.

Oh, Mann, musste der Kuhlenkamp dat noch unbedingt erwĂ€hnen? Ich hatte doch eben erst alle Ängste von mir abgeschĂŒttelt!
Jagdleiter war en Polizist aus Wattenscheid. Dat war der Mann, der beim FrĂŒhstĂŒck auf som steirischen Schifferklavier gespielt hatte. Jetz kontrollierte er Ă€ußerst pingelig die Jagdscheine der GrĂŒnröcke. Bei dieser ÜberprĂŒfung kam raus, dat zwei JĂ€ger ihre Jagdausweise vergessen hatten. Peinlich, peinlich.
Die kriegten ne rote Bombe, kuckten blöd ausse WÀsche und wollten diskutieren. Nix da! Sie durften wÀhlen: Jagd aus, ab nach Haus, oder ab inne Treiberwehr.

Beide waren angesehene Herren. Sie stießen zĂ€hneknirschend zu unserem Treiberhaufen, stellten sich aber bewusst abseits, die BlödmĂ€nner. Wir grinsten uns natĂŒrlich einen.
Nun wurden die MĂ€nner mit speziellen Aufgaben vorgestellt.
Man rief jetz meinen Vorgesetzten, den schweren Herrn Obertreiber Adolf auf. Er trat majestÀtisch einen Schritt vor.

Obertreiber durfte nur jemand sein, der dat GelĂ€nde und alle Schliche bei die Jagd genau kennen tat und die Treiberwehr erfolgreich durch Dick und DĂŒnn fĂŒhren konnte. Adolf war so ein Kerl, dat glaubte ich ihm blind.
Er war dat auch gewesen, der beim FrĂŒhstĂŒck mindestens en Kilo WĂŒrstchen am Buffet verdrĂŒckte und sich noch obendrein die Taschen mit Fressalien vollgestoppt hatte.
Wat fĂŒr ein Kaliber von Mann! Dicker, runder Kopp mit HalbplĂ€te. Schweißperlen standen auf seiner Birne. Den durchlöcherten Speckhut trugen bestimmt schon seine Vorfahren inne Steinzeit. Sein durchlöchderter „Hut“ musste wohl schon etliche ZielĂŒbungen inne Neuzeit ĂŒberstanden haben.

Adolfs Ranzen war so dick, dat er den mehrfach geflickten Bundeswehrparka nich mehr schließen konnte. Der wurde deshalb von son vergammelten KĂ€lberstrick zusammengehalten.

Ich kam aussem Staunen nich mehr raus. „Wenn dat doch bloß meine Berta sehn könnte, die wĂŒrde Bauklötze staunen!“
Die Organisation von sonne Jagd musste ja wirklich haarklein durchdacht sein. „Wat fĂŒrn Zeit- und Geldaufwand da wohl drin stecken tat! Der Kuhlenkamp musste MillionĂ€r sein.
Wieder erklangen die Jagdtröten. Abmarsch!
Er schrie noch allen hinterher: „Waidmannsheil! Ich will heute Abend ne bunte Strecke sehn!“ Ne bunte Strecke? Wat war dat denn schon wieder?

Wir marschierten alle zu den befohlenen Leiterwagen, und ab ging die Post. Wir rumpelten durch schmale Feld- und Waldwege zu den SchĂŒtzenstĂ€nden und der Treibersammelstelle.
Wir fĂŒnfzehn Treiberlinge wurden von dem schwergewichtigen Herrn Über-, Ă€h ... , ich meine Obertreiber, noch ma richtig eingenordet.
Adolf war gebĂŒrtig aus der tiefsten Eifel und wohnte seit vielen Jahren im Ruhrpott. Trotzdem sprach er nur sein Eifeldialekt:
„Passe mol good uff, Leut“, sachte er, „ihr habt eben jut jefreßt und jesofft, macht mie heut kaan Schand! Ihr mĂŒsst Richtung hale, die AbstĂ€nd von vierzig Meteren unbedingt inhale, ab und an zum Nebenmann peile und mit die KnĂŒppelen anne BĂ€um kloppe. Uffe Felderen wird geschreit! Leeid een geschosster Hos uff’m Weg – mithole!“
Wir bogen uns vor Lachen. Ich dachte:
„Allein den Kerl sprechen zu hörn, war ja schon dein ganzer Aufwand wert!“
Unseren Herrn Adolf hab ich sofort als Vorgesetzten akzeptiert, ja, ich hab ihn sogar schon son bissken in mein Herz geschlossen. Obertreiber Adolf stand breitbeinig vor uns, zog ganz langsam ne Pulle Schnaps aussem Parka und ließe kreisen. Er meinte todernst:
„Dat iss wat gegen alle Krankheide vonne Welt, und bei dem Wutzewedder iss dat mien best Medizin. Ihr dĂŒrft jetz „Ad“ zu mir sagen.“
Der Schnaps war son selbstgebrannter Fusel, der dich mit 62 Umdrehungen fast ausse Stiefel haute. Nach der ĂŒberaus klaren und herzlichen Treibereinweisung meines Vorgesetzten, wurde et auf einmal sehr spannend.
In AbstĂ€nden von vierzig Metern standen wir Treiber vor einem riesigen WaldstĂŒck.
Dunkle Fichtendickungen, dichte Buchenanpflanzungen und eklige, stachelige Brombeerhecken sollten wir durchkÀmmen.
Dat Wild musste von uns Treibern erschreckt und aufgescheucht werden, damit et den SchĂŒtzen direkt vor die PĂŒster laufen sollte.

Auf sechshundert Metern bildeten wir Treiber eine Linie. Die roten Sicherheitswesten hoben sich gut von Wald und Feld ab. Mann, war dat en eindrucksvollen Aufmarsch!
Zwischen uns standen alle hundert Meter ein SchĂŒtze, teils mit Hund, teils mit Jagdhorn.
Also, dat waren auch Treiber, eben nur mit Flinten, statt mit KnĂŒppeln, die zogen ebenfalls mit uns durch den Wald.
Oh, diese Kulisse hĂ€tte meine Berta jetz unbedingt fĂŒr die Nachwelt filmen mĂŒssen!
Jagdhörner erklangen rund um dat WaldstĂŒck. Et war Punkt zehn und St. Hubertus stellte endlich den Regen ab.
Vom Hörnerklang rannte et mir kalt den RĂŒcken runter. Richtig romantisch war dat allet. So ungefĂ€hr wie inne romantischen MĂ€rchen-Gesangs-Operette vom freien SchĂŒtz.

Mein erster Treibereinsatz begann! Gut, ich war sehr aufgeregt, aber hoch motivisiert, also richtig scharf auf fette Beute!
Ich kloppte anne "BĂ€um", wie dat mein Vorgesetzter, der Ad, befohlen hatte, und, wat meinen Se, da sprang schon nach hundertzwanzig Metern mein erster Hase aussem Nest und wetzte schnurstracks zum Feldrand.
Dat war en schweren Fehler. „Bautz“ machte et, und der Hase ĂŒberschlug sich.
Ich war sehr stolz, denn dat war einzig und allein mein Verdienst, dat der Hase da aus seinem Erdnest wetzte. Andererseits hatte dat arme HĂ€sken durch mich sein Leben lassen mĂŒssen. Ich war fĂŒr seinen Tod mitverantwortlich. Ich erschrak.
Mein Handeln war ja Beihilfe zum Mord!
„Mensch, Willi, wat iss den plötzlich mit dir los, du hass ja Mitleid mit die Tiere“, dachte ich. Dann ĂŒberdachte ich ma kurz meinen Anflug von SchuldgefĂŒhl.
„Kokolores, Willi, du biss hier aufe Jagd. Et gibt da keine Beute ohne den Tod. Du isst doch auch nen Kotelett und weiß genau, dat an dem Kotelett auch ma son lebendiget Schwein dran hing! Damit schob ich meine schweren Bedenken beiseite.
„Also, Willi, dat hasse schon ma prima gemacht. Dat haben hoffentlich mein Vorgesetzter, die SchĂŒtzen und die anderen Treiber genau beobachtet.“

Überall im Wald krachten Flinten und BĂŒchsen. Mir wurde angst und bange.
Ich verkroch mich hinter ner dicken Buche, bis dat gefÀhrliche Dauerfeuer endlich verstummte.
Meine Angst hatte wohl son bissken zu lange angehalten. Ich sah ĂŒberhaupt keine Treiber mehr! Die waren lĂ€ngst ĂŒber alle Berge.
„Oh, nee, wenn dat der Obertreiber erfĂ€hrt, dann hasse bei dem aber verschissen bis inne Steinzeit.“ Ich lief einfach in Richtung vonne letzten SchĂŒsse und drĂŒckte mich respektvoll vor den fiesen Hecken und Dickungen. Ich musste schnell wieder Anschluss anne Treiberkameraden kriegen.
Dat gelang mir auch. Total verschwitzt und ausse Puste kam ich zum Sammelplatz gestiefelt. Man hatte mich zum GlĂŒck noch nich vermisst.
Hörnerklang! Dat erste Treiben war beendet.
__________________
Wolfgang M. A. Bessel
www.bessel-autor.info

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Fremdsprachiges und MundART Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!