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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Hoffnung wegen
Eingestellt am 18. 06. 2005 13:07


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Schreiberliene
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Jun 2005

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Hallo,
da es Pflicht ist, ersteinmal ein eigenes Werk zu posten, hier eine Kurzgeschichte, die durchaus konstruktive Kritik vertragen k├Ânnte.

Der Hoffnung wegen

Laut prasselt der Regen gegen das Fenster, scheint es fast durchbrechen zu wollen, und doch ist es viel zu ruhig.
Dunkelheit hat sich auch noch in den letzten Winkeln meines Zimmers geschlichen, versteckt sich dort und gibt den Ungeheuern, die jede Nacht kommen, Schutz.
Es ist zu dunkel, zu still, zu laut und zu be├Ąngstigend, und w├Ąhrend ich unter der warmen Decke liege, h├Âre ich, wie mein Herz laut und dr├Ąngend schl├Ągt, mit jedem Schlag einen Schwall Blut durch meine Adern zw├Ąngt.
Ich lausche, und bald kann ich nichts mehr au├čer dem roten Rauschen in meinem K├Ârper h├Âren - oder ist es der Regen, der diesen L├Ąrm in mir erzeugt?
├ängstlich versuche ich, aus dem Labyrinth der Ger├Ąusche zu entkommen, doch die Dunkelheit hat sich vorgewagt und schlie├čt mich ein, verhindert, dass ich mich sammele, gegen das Grauen ank├Ąmpfe.
Mein R├╝cken schmerzt, in meinen Wirbeln pocht es ohne Unterlass und die Angst steigt immer h├Âher.
Und dann h├Âre ich es.
H├Âre, wie es meine Knochen zerfri├čt, mein Mark herausschl├╝rft, h├Âre wie es mich t├Âtet - langsam, stetig.
Mein Atem geht zu schnell, jagt sich selbst durch meine Lungen, auf denen die Angst und die Hilflosigkeit wie Wackersteine lasten und verdr├Ąngt den letzten Rest Ruhe, der noch in mir gewesen ist.
Ich h├Âre das Rauschen, das Knistern, das Fressen, das Sterben, und bin doch hilflos und allein gelassen.
Die Decke wird zu schwer, schn├╝rt mir die Luft ab, will mich erdr├╝cken mit der schweren Hitze, die die Federn durchdrungen hat, und ich halte es nicht mehr aus.
Ohne weiter nachzudenken sto├če ich sie von mir, schleudere sie zu Boden und springe auf, laufe, ohne auf den Boden zu achten, zum Fenster, um es aufzurei├čen.
Kalte, reingewaschene Nachtluft schl├Ągt mir entgegen, beruhigt meinen K├Ârper, meinen Atem, mein Blut - und wieder meine ich es knistern zu h├Âren, tief in mir drin.
Erst jetzt f├╝hle ich die eisigen Wassertropfen auf meiner Haut, sp├╝re die kalte Feuchte, die meine Kleider durchdringt, doch es ist mir egal und ich bleibe dort stehen.
Der Mond scheint heute nicht, oder er ist von Wolken verdeckt - es ist dunkel im Himmel, sieht man von den grellen Neonlichtern ab, die verzweifelt versuchen, ihn zu erreichen.
Ein einzelner Stern ist hell genug, um das prahlerische, hilflose, falsche Gl├Ąnzen der Stadt zu ├╝bert├Ânen, mit seiner schlichten Wahrheit durch die L├╝gen unserer Zeit hindurchzublicken und mich ├╝berkommt das unstillbare Verlangen, ihn zu erreichen, zu fassen.
Mit zitternden Knien steige ich auf die feuchte Fensterbank, blicke die vielen Meter, die in die Tiefe f├╝hren, hinunter und kralle mich an dem kleinen Dachvorsprung fest, versuche Halt zu finden, wo keiner ist.
F├╝r einen Moment h├Ąnge ich in der Luft, nur gehalten von meinen d├╝nnen, kalten Fingern, die sich krampfhaft festklammern, bis ich mein Bein auf das Dach geschwungen habe und mich endg├╝ltig hinaufziehe.
Der Regen hat meinen blauen Pyjama schon l├Ąngst durchweicht, l├Ąuft an meinem R├╝cken, meinen Beinen hinunter und flie├čt an meinen blo├čen F├╝├čen herab, kalt und scheinbar schwarz in der Dunkelheit.
Ich friere, friere erb├Ąrmlich und frage mich, was ich in dieser mondlosen, trostlosen, verregneten Nacht eigentlich auf dem Dach unseres Hauses m├Âchte.
Ich wei├č es nicht.
Still sitze ich da, bade im Wasser, das der schwarze Himmel unabl├Ąssig auf mich herab wirft und lasse meine Gedanken wandern.
Ich denke nicht wirklich, lausche eher den Ger├Ąuschen, die dieser toten Nacht Leben verleihen sollten:
Die Motoren der Wagen, die in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden unten auf der Stra├če vorbeibrausen, das Rauschen und Klopfen des Regens, der neben mich, auf mich und irgendwie auch in mich f├Ąllt, das unruhige Schlagen meines Herzens und das Knistern, das aus meinen Knochen dringt.
Zu dem eisigen Wasser, das ich auf meiner tauben Haut gar nicht mehr richtig sp├╝ren kann, gesellen sich hei├če Tr├Ąnen, von denen ich nicht wei├č, woher sie kommen, was sie wollen.
Mir ist kalt, ich zittere und habe das Gef├╝hl, schon l├Ąngst gestorben zu sein, w├Ąhrend meine leeren Augen immer noch ruhelos hin und her wandern.
Pl├Âtzlich f├Ąllt mein Blick auf den gro├čen Vorhof, den Frau Gr├╝nling, die so alt ist, dass ihr Mann im letzten Weltkrieg gestorben ist, Tag f├╝r Tag mit gebeugtem R├╝cken und wei├čem Haar fegt.
Tag f├╝r Tag, Jahr um Jahr fegt sie dort, ungeachtet der vielen Jahrzehnte, die auf ihrem R├╝cken lasten, ungeachtet der Schmerzen, die die Gicht in ihre Gelenke schickt.
Sie fegt, als w├Ąre das das Einzige, was ihrem Leben einen Sinn verleiht, als w├╝rde allein dadurch die Zeit gef├╝llt, die sich seit dem Tod ihres Mannes, der schon so viele Jahre zur├╝ck liegt, in eine Ewigkeit zieht.
Was w├╝rde wohl geschehen, wenn sie morgen, wenn sie in aller fr├╝h hinausgeht, um mit ihrem Werk zu beginnen, meinen K├Ârper dort unten f├Ąnde?
Zerschmettert von der zu gro├čen Anziehungskraft der Erde, blutend, tot...
Ich bewege mich auf den Rand zu, blicke senkrecht nach unten, genau auf den gro├čen, wie immer tadellos sauberen Hof, auf den der str├Âmende Regen kreisf├Ârmige Muster malt.
Was w├╝rde sie denken, wenn ich, aufgeschlitzt von dem Pfeiler, ihren sch├Ânen Boden, den sie doch so rein h├Ąlt, beschmutzen w├╝rde?
Ich sp├╝re die kalte Luft an meinen Fu├čsohlen, lasse meine Zehen baumeln, f├╝hle die Freiheit, die Genugtuung, endlich dem heimt├╝ckischen Knistern zu entkommen, zu sterben.
Ich mag Krebse.
Sie sind sch├Âne Tiere, unnahbar, doch auf ihre eigene Art sehr sch├Ân - ihre Schale sch├╝tzt sie, und bietet ihnen gleichzeitig ein Heim.
Sie sind wirklich etwas besonderes, nicht nur, weil sie auch f├╝r mein Sternzeichen stehen...
Welcher Idiot hat sich nur ausgerechnet diesen Namen f├╝r diese schleichende, heimt├╝ckische, h├Ą├čliche Krankheit, die mir langsam die Knochen zerfri├čt, ausgedacht?
Ein Plasmozytom, das h├Ârt sich schon besser an - man kann es sich richtig vorstellen, wie diese Gew├╝chse die Blutbildung verhindern, sich ausbreiten, den Knochen sch├Ądigend und ├╝ber kurz oder lang zum sicheren Tod f├╝hren.

Ich werde sterben.

So oder so, also warum noch zwei Jahre lang verbittert am Leben h├Ąngen, wenn ich doch so einfach einen Punkt setzen k├Ânnte?
Der Regen rinnt nicht mehr ├╝ber meinen Kopf, meine Haut- es sind Sturzb├Ąche, die mir die Sicht verkl├Ąren, mich den Platz nicht mehr richtig sehen lassen.
Es ist so einfach...
Meine Bein schweben im Freien, mein R├╝cken schmerzt kurz auf, verstummt dann, und ich denke an die arme Frau Gr├╝nling, die Tag f├╝r Tag den Platz fegt und auf diese Weise versucht, die Zeit zu f├╝llen, die sich seit dem Tod ihres Mannes, der schon so viele Jahre zur├╝ck liegt, in eine Ewigkeit zieht, die, trotz der Schmerzen, die die Gicht in ihre Gelenke schickt, seit Jahrzehnten den Besen bedient, als w├╝rde allein das ihrem Leben Sinn verleihen.
M├╝de und entt├Ąuscht, den Schmerz in meinen Wirbeln wieder deutlich sp├╝rend, schwinge ich mich hinab auf die Fensterbank, die vor meinem Fenster ist und einst voller Lilien war, um zur├╝ck in mein Zimmer zu klettern.
Hier ist es immer noch dunkel, zu dunkel, doch eine fast unertr├Ąglich W├Ąrme schl├Ągt mir entgegen, weckt in mir den Wunsch, erneut hochzusteigen und einfach zu springen- vermutlich habe ich mir eh eine Erk├Ąltung eingefangen und werde an irgendeiner Infektion sterben.
Doch ich gehe durch die undurchdringliche Finsternis, die mich sofort umschlie├čt, mich mein Herz und das Knistern in meinen Knochen lauter h├Âren l├Ąsst, mich ver├Ąngstigt und bedr├Ąngt, gehe hindurch, lasse mich nicht mehr aufhalten.
Ich sp├╝re den stechenden Schmerz in meinem R├╝cken, die K├Ąlte, die einfach nicht verschwinden will, obwohl die Hitze des Zimmers sie fast verbrennt, f├╝hle meine Hilflosigkeit und denke kurz an die Messer, die blitzend und sauber in unserer K├╝che liegen.
Die Ungeheuer, die sich in den Ecken verstecken, kommen n├Ąher, drohen mich zu fassen, zu t├Âten - aber ich denke an Frau Gr├╝nling, die in all den Jahren nie aufgeh├Ârt hat zu warten, zu lieben - zu hoffen.
Meine starren Finger finden den Schalter, dr├╝cken drauf und erschaffen somit ein neues, lichtdurchflutetes Reich, in dem Monster keinen Platz mehr haben - bis auf eines.
Der gro├če, gl├Ąnzende Spiegel, den meine Eltern bald fortbringen wollen, zeigt einen Menschen, der keiner mehr ist.
Die Haare, die einst braungelockt bis auf die Schultern gefallen sind, sind ausgefallen, verschwunden und haben einen blo├čen, glatten Sch├Ądel zur├╝ckgelassen, die langen Wimpern und die stehts peinlich genau gezupften Augenbrauen sind nicht mehr vorhanden, haben das Gesicht nackt, leer alleine gelassen.
Auch woanders haben Krankheit und Behandlung ihre Spuren hinterlassen:
Auf der Haut, wei├č, fast durchsichtig, so dass man die Adern sehen kann, auf dem K├Ârper, abgemagert und knochig geworden, und in den dunklen Augen, die tief in ihren H├Âhlen liegen.
Es sieht krank aus, gebrochen, schon fast tot.
Es ist ich.
Ich, die ich sterben soll, noch bevor ich siebzehn geworden bin, wenn man den Ärzten glaubt.
Aber ich will nicht sterben.
Ich werde nicht sterben.
Ich werde k├Ąmpfen, solange es noch irgendwie geht.

Der Hoffnung wegen.


Ein Plasmazytom ist eine Tumorerkrankung, die zu den Non-Hodgkin-Lymphomen z├Ąhlt. Die Ursachen eines Plasmozytoms sind noch ungekl├Ąrt, das vorherrschende Symptom sind Knochenschmerzen, die aber erst in sp├Ąteren Stadien auftreten.
Diese ├Ąu├čerst seltene Krebsart tritt fast nur bei ├Ąlteren Menschen auf, M├Ąnner sind dabei anf├Ąlliger als Frauen.
Da es anfangs recht harmlos verl├Ąuft, wird ein Plasmazytom h├Ąufig erst sp├Ąt und durch Zufall entdeckt, und bis zu einem gewissen Stadium der Krankheit gibt es keine Behandlung.
Danach wird meist die Chemotherapie angewendet, die allerdings nur der Verlangsamung der Krankheit dient.

Es gibt keine Heilung.

__________________
Man sagt, ein Buch zu lesen, sei wie einen Traum zu leben.
Also hei├čt eine Geschichte schreiben, einen Traum erschaffen.
Lasst uns also Tr├Ąume kreieren, die alles dagewesene ├╝bertreffen.

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