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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Hund unter der Brücke
Eingestellt am 04. 07. 2014 01:01


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Aligator
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Registriert: Apr 2013

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Es war einmal ein runzliger, alter Köter, der sein Leben angekettet unter einer Brücke fristete. Eine Holzkiste diente ihm dabei als Hütte. Niemand war je auf die Idee gekommen, den Hund von der Kette zu befreien, sei es aus Gleichgültigkeit dem Tier oder reiner Bequemlichkeit sich selbst gegenüber. So hatte er sich seinem Schicksal ergeben, bellte nur noch selten und hatte bald vollends den Geschmack der Freiheit verloren.
Nun könnte man denken, warum in aller Welt war er nicht verhungert oder verdurstet?
Das lag zum einen daran, dass die Kette bis ans Ufer des Flusses reichte und er somit bei günstigem Wellengang zwei, drei Mäuler Wasser ergattern konnte und zum anderen, dass fast täglich ein Junge namens Pims vorbeikam. Dessen Vater gehörte eine Metzgerei - keine große, aber zum Leben reichte sie – und da der Metzgermeister ein regelrechter Geizkragen war, befahl er Pims jeden Abend heimlich die unveräußerlichen Fleisch- und Knochenabfälle in den Fluss zu kippen, was er dann auch tat. Dabei kam es hin und wieder vor, dass etwas davon aus dem Fass fiel, eben immer genug für einen Köter. Es war also nicht Pims Großzügigkeit, denn der mochte lieber Katzen, vielmehr des Köters vom Schicksal bestimmten Anteil zu verdanken, dass der Hund überhaupt noch lebte.
Der Junge hatte ein großes, blaues Dreirad, mit dem er das Fass mit den Abfällen transportieren konnte. Es war nicht das allerneuste Modell und gab beim Fahren allerhand quietschende und klappernde Geräusche von sich. Doch für den Köter war das natürlich Musik in den Ohren und so erhob er sich schwanzwedelnd, wenn er Pims Dreirad herannahen hörte.
So ging es ein paar Jahre, die Metzgerei reichte - wie gesagt – zum Leben und der Köter war zufrieden.
Doch an einem schwülen Abend im August geschah etwas Ungewöhnliches, etwas Außerordentliches, dass den Lauf dieser Geschichte wohl nachhaltig beeinflussen wird. Und damit nicht genug, es sollte später sogar noch etwas Merkwürdiges geschehen. Aber der Reihe nach …
Es war also an jenem schicksalhaften Abend im August, da kam Pims wie immer daher geradelt, der Köter erhob sich schwanzwedelnd, der Junge schleppte fluchend das Fass die Böschung zu der Stelle unter der Brücke herunter, wo er es entleeren wollte, der Köter schnupperte und sabberte, es fiel tatsächlich wieder etwas herunter, der Köter bemerkte es, freute sich schon, biss hinein und - verzog seine Lefzen zu einem breiten Grinsen.
Jetzt fragt sich der eine oder andere vielleicht, warum grinste er? Und, können Köter so was überhaupt? Und wenn ja, war der Bissen denn so schmackhaft gewesen?
Aber nein! In Wirklichkeit hatte der Köter nämlich in eine äußerst saure Essiggurke gebissen und deshalb hatte es ihm die Lefzen verzogen.
Das Fass – und das war das Ungewöhnliche – war nämlich von dem Metzgermeister mit dem Inhalt von 25 Essiggurkengläsern gefüllt worden. Die Gurken waren in Folge einer Fehlfunktion des Abfüllförderbands der Gurkenfabrik fürchterlich übersäuert und nachdem der Metzger sich über den günstigen Preis gefreut und sich eine zum Leberwurstbrot genehmigt hatte, bereitete diese ihm ein derart heftiges Sodbrennen, dass er die ganze Nacht nicht schlafen konnte, sich hin- und herdrehte und dabei verkündete, dass er morgen die Drecksgurken im Fluss versenkt haben will.
Als nun Pims nach getaner Arbeit den scheinbar grinsenden Hund sah - es war dies übrigens das erste Mal, dass er ihn überhaupt bemerkte, denn er war schon immer ein recht in sich gekehrter Bub gewesen und hatte wenig Augen für Dinge, die ihm als unwichtig erschienen - , da empfand er den Anblick als derart außerordentlich, dass er das Fass fallen ließ, da er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Hund deutete und herzhaft zu lachen anfing. Das Fass kullerte unterdessen langsam in Richtung Pfote des Köters, der immer noch grinsend und mit sich selbst beschäftigt die herannahende Gefahr nicht wahrnehmen wollte. Es kam wie es kommen musste und der Hund jaulte auf. Pims, der sich mittlerweile gefangen hatte - derartige Ausbrüche entsprachen ja nicht seiner Art -, sprang zum Fass hin, wollte es festhalten und dem Köter fiel darauf nichts Besseres ein, als nach dem Jungen zu schnappen. Er tat es nicht aus Bosheit oder Furcht. Er tat es einfach.
Jetzt jaulte Pims, denn es hatte seinen Unterarm erwischt und er verpasste dem Köter einen kräftigen Tritt. Dieser zog sich mit eingezogenem Schwanz und von der Welt enttäuscht in seine Kiste zurück.
Leider ergab es sich, dass Pims nach einer langen, durch den Biss entstandenen Erkrankung, mitverursacht durch den Geiz seines Vaters - denn der hatte es versäumt den Armen gegen Wundstarrkrampf impfen zu lassen, was übrigens auch daran lag, dass es zu diesen Zeiten generell noch keine Impfungen gab - unter qualvollen, anhaltenden Schmerzen sein Leben bei seinem Onkel in einer anderen Stadt verbringen musste, da die gestiegenen Lebenskosten, verursacht durch die Arzneimittel, des Metzgers Budget sprengten, sodass wir nun nichts mehr über ihn erfahren werden.
Mag sein, dass es ihm wieder besser geht.

Hatten wir nicht noch etwas Merkwürdiges angekündigt? Ach ja, der Köter war seit jener Zeit noch vorsichtiger geworden. Nie und nimmer hätte er in ein herabfallendes Lebensmittel gebissen, ohne es vorher einer ausgiebigen und gewissenhaften Prüfung zu unterziehen. Die Abfälle wurden ja nicht weniger und ein neuer Junge, nämlich der andere Sohn des Metzgers namens Poms, der übrigens auch nicht so introvertiert war, übernahm jetzt die Müllbeseitigung am Fluss. Und das mit den Essiggurken kam auch nicht mehr vor.
Was daran jetzt ausgerechnet merkwürdig sein soll?
Nun ja, merkwürdig war, dass Poms den Köter irgendwie mochte, ihn von der Kette befreite, ihn mit sich nach Hause nahm, ihn hegte, pflegte und verhätschelte und der Hund kurz darauf starb.
Er war wohl Zuwendung nicht gewohnt.


Version vom 04. 07. 2014 01:01

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