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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Hypnotiseur
Eingestellt am 05. 10. 2006 02:00


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Gorgonski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

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Als Tashunka Meier, besser bekannt unter seinem KĂŒnstlernamen „Sachsen- Auge“, die BĂŒhne betrat, fĂŒhlte ich mich zugleich unwohl und gespannt. Und da erging es mir wohl wie so wie vielen im Saal, die hĂŒbsch zurechtgemacht waren, mit Ausgehgarderobe in Kleid-, Smoking- oder Anzugform.

Tashunka Meier, das doppelte Monokel in die Seele, war ein international renommierter HypnosekĂŒnstler. Bevor er sich den KĂŒnsten der Magie und der Selbstfindung (was ja hĂ€ufig dasselbe ist) verschrieben hatte, war er Augenarzt gewesen. In seinen Glanzzeiten als Angestellter einer bedeutenden Klinik operierte er graue Stare und Irisirritationen. Nachdem er eine Pfuschklage verloren hatte (aus Versehen hatte er einer MillionĂ€rsgattin mit gutem Anwalt die erschlafften und zu straffenden Schlupflider ĂŒber dem Jochbein angenĂ€ht), kam er seiner KĂŒndigung zuvor und grĂŒndete eine Ich- AG als Performer und Illusionist.
Nach verschiedenen Versuchen vor Publikum

(erst im Familienkreis, auf Kindergeburtstagen, Testamentsvollstreckungen und Kindstaufen, spÀter auf Einweihungsfeiern von BÀckereifilialen, Schlachtfesten, Hexenfeuern und Faschingsveranstaltungen)

Löffel zu verbiegen, BĂŒstenhalter mit KettensĂ€gen zu öffnen, aus Stringtangas Krawatten zu zaubern; schĂ€lte sich die Kunst der Hypnose als seine Berufung heraus. Im regionalen Fernsehen konnte er einen Kurzauftritt verbuchen, der sich dann arg ausweitete, weil die Moderatorin vor der feststehenden Kamera fĂŒr lĂ€ngere Zeit außer Betrieb war und er alle HĂ€nde voll zu tun hatte das Weibsbild wieder ins Heute zu rufen.

Nun an jenem bedeutungsschwangeren Tag kam der Meister, von mystischen KlĂ€ngen begleitet, auf die BĂŒhne, das Licht erlosch und ein, im BĂŒhnenboden eingelassener, Scheinwerfer als imaginĂ€re Sonne strahlte ihn von unten an den Hintern und umgab seine kruzifixierende Geste mit einem wahren Heiligenschein.
Niemand im Saal wagte zu husten, oder andere GÀste um einen Bonbon zu bitten. HandtÀschchen wurden unter nervösen HÀnden zerknautscht und Anzughosen saugten das Schwitzwasser hunderter HandflÀchen auf und wÀhrend der Maestro mit drÀngender Stimme ins Mikrofon sprach, fluchten innerlich MÀnner, dass sie gezwungen worden waren mit ihrer Liebsten auszugehen.
Und sie hofften mit mir, der ich ganz und gar nicht ungezwungen im Klappsessel hockte, doch nicht als Versuchsobjekt auf die BĂŒhne gebeten zu werden. Vielmehr wurden sehnsĂŒchtige Blicke in Richtung der grĂŒnen LĂ€mpchen geworfen, unter denen sich die AusgĂ€nge zu den Aborten wie stuckverzierte Kathedralentore ausmachten.
Aber Tashunka Meier hielt das Publikum gefangen und referierte ĂŒber den Sinn und Unsinn der Hypnose und irgendwann lagen Besucher aus der ersten Reihe in kataleptischen BrĂŒcken auf und zwischen StĂŒhle gestapelt, wĂ€hrend Frauen mit gerafften Röcken auf allen Vieren unter den BrĂŒcken durchkrochen und bellten.
Der Versicherungsfachangestellte einer Krankenkasse, der eben noch vor mir gesessen hatte und sich abfĂ€llige Bemerkungen zum Treiben des „Sachsen- Auges“ geleistet hatte (wofĂŒr ihn seine Frau ĂŒbrigens hörbar zurechtwies), zog sich plötzlich auf der BĂŒhne aus und mimte einen Schwan, der um eine Artgenossin buhlte, welche wiederum unfreiwillig von der Boutiquenbesitzerin Heidrun F. dargestellt wurde, die sich ihrer hochhackigen Schuhe und, infolge unvermittelter LustgelĂŒste, auch etlicher Blusenknöpfe entledigt hatte.
Nun war es an mir, als einer der wenigen im Saal noch Unverwandelten, seine Frau zu trösten, die mittlerweile fest davon ĂŒberzeugt war, dass sich hier das Unterbewusstsein ihres Mannes auf eine höchst unangenehme Weise nach außen kehrte. Immerhin hatte Herr Meier auch nichts anderes in seinem EinfĂŒhrungsseminar behauptet.
Ganz im Gegenteil.
Aber da der Magier mittlerweile die BĂŒhnentreppe heruntergekommen war und nun, zwischen den Sitzreihen agierend, die letzten zweifelnden Kritiker zu Nashörnern, Lamas, Schimpansen, oder im Falle eines UniversitĂ€tsprofessors zu einem bewegungsgestörten HilfsschĂŒler pendelte, der den um sich befindlichen Streichelzoo mit zerrupften TempotaschentĂŒchern fĂŒtterte; war auch sie bald erlöst und sah als Kleinkind in ihrem SchminktĂ€schchen einen Plastikkipper, den sie, vor sich herschiebend, Richtung BĂŒhne bewegte.
Im Umgang mit dem ganzen Chaos zeigte sich der Hypnotiseur weit weniger geschickt und so kam es zu BeiĂŸĂŒbergriffen und heftigen Stupsereien zwischen Chirurgen des stĂ€dtischen Krankenhauses und amorphen Gestalten, die sich im wahren Leben als Kosmetikerin oder Metzger verdingen.
FĂŒr mich die letzte Chance in die Porzellankathedrale zu entkommen. Durch die TĂŒr vernahm ich die Reorganisation der Meute in Menschengestalten und ein Assistent ließ ĂŒber Lautsprecher eine Schlange bilden, an deren Ende ein Tisch stand, auf dem vorformulierte Schecks lagen, die die Benommenen dazu nötigte vielstellige Summen zugunsten Meiers einzutragen, da sie wider den eigenen Willen zu der Ansicht gelangt waren, sich hoch verschulden zu mĂŒssen, um in ihr gewohntes Leben zurĂŒckkehren zu können.
„Danke, zurĂŒck in den Ausgangszustand.“
„Wuff, wuff!“
„Danke, zurĂŒck in den Ausgangszustand.“
„Miau, miau!“
„Danke, zurĂŒck in den Ausgangszustand.“
„Grrrrrrrrrrrr....!“

Am darauffolgenden Tag traf ich auf dem Arbeitsamt 424 geduldige Besucher, die sich auf Geheiß eines Tashunka Meier (was sie natĂŒrlich nicht ausplauderten) arbeitslos meldeten. Nicht nur die Menge des Menschenschwalls ĂŒberraschte die Beamten, auch ihre außergewöhnlich vornehme AusgehkostĂŒmierung.

Tashunka Meier buchte mit freundlicher Billigung der Stadthalle aufgrund des ĂŒberragenden Erfolges der Veranstaltung weitere 60 Events bis zum Jahresende.

Zwei Monate spĂ€ter wurden die ersten Umschulungen und Fortbildungen zum (kurzfristig neu erschaffenen) Beruf des „staatlich anerkannten Heilhypnotiseurs mit Zusatzmodul‚ transzendente Börsenspekulationen“ genehmigt.
BildungstrĂ€ger war die „Tashunka Meier Hypno GmbH“.

__________________
dEr Heftchenliterat und Poet aus dem Erzgebirge

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Gerd Geiser
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2006

Werke: 243
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Lieber Gorgonski,

ein herrlich skurriler Text, gerade so abgedreht, dass man sich fragt, ob sich die Geschichte nicht vielleicht genau so zugetragen haben könnte. DarĂŒber hinaus ĂŒberzeugt mich dein flĂŒssiger Stil.

Mehr davon.
Gruß
GG
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Es ist schon alles gesagt. Nur noch nicht von allen.
Karl Valentin

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Gorgonski
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2003

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Danke

Danke fĂŒr Dein Lob, Gerd. Ich hoffe bald meine Schreibblockade ĂŒberwunden zu haben und noch mehr Ă€hnliche Texte online stellen zu können.

Gruss; Rocco
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