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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Indio Juan
Eingestellt am 17. 04. 2013 19:10


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Gothmog
Hobbydichter
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Der Indio Juan
(Nach einer wahren Begebenheit)

“Haben Sie nicht fĂŒnfundzwanzig Centavitos, die Sie mir schenken? Es ist fĂŒr einen Schnaps. Warum sollte ich Sie anlĂŒgen?!”
Das war die typische Phrase von Juan. Und so kannte ich ihn beinahe ausschließlich.
Meist hatte er bereits einige SchnĂ€pse auf der Brust, seine “Tragitos”. Wenn er mich aufsuchte. Vielleicht musste er sich vorher Mut antrinken, ehe Juan es wagte, mit mir zu reden. Die Indios haben generell Scheu davor, mit dem weißen Mann zu sprechen. Und sie ertragen es nicht, jemandem in die Augen zu schauen – auch so eine Eigenart der Indianer 
 Schwer ihr Alter zu schĂ€tzen. Sie sehen viel JĂŒnger aus, als sie es sind. Und dann – Zack – schlĂ€gt das Alter unversehens zu.
Juans traurige Augen ertrugen es nicht, mich lĂ€nger, als ein Wimpernzucken anzuschauen. Aber immer schon hatte er etwas MerkwĂŒrdiges an sich. MerkwĂŒrdig, ja! Jedoch nicht unangenehm. Vielmehr etwas fesselnd Seltsames. Ich glaube, nur deshalb sprach ich ĂŒberhaupt noch mit ihm – mit diesem Alkoholiker, den ich so oft auf der Straße liegen sah, in seinem eigenem Erbrochenen – er, der Verlierer, der nie etwas erreicht hatte im Leben, außer 15 Kindern.
Da war etwas Mysteriöses an ihm, dass mich gefangen nahm. Was war sein Geheimnis? Einer wie er, ein Indio?
Man erriet es kaum beim Betrachten seines Gesichtes, doch Juan war tatsĂ€chlich schon Mitte 50. Und wohl auch seine geringe GrĂ¶ĂŸe und die dĂŒnne Statur trugen zu seinem jĂŒngerem Aussehen bei. Selten ein Moment, in dem ich ihn anders gekleidet sah als in seinem blauem Arbeitsanzug und Gummistiefeln. Seine Nase war bereits chronisch rot, und angeschwollen, aufrund all des billigen “Cuxa” (Quscha = Fusel), den er mehr ersehnte als etwas essbares. Niemals bat er mich um Essen – nur um Geld fĂŒr seinen “Guaro” (Wuaro = Schnaps), wenn ich mich recht entsinne.
“Was war sein Geheimnis?”, fragte ich mich, und spĂŒrte deutlich etwas Geheimnisvolles in seiner Aura. Das war die Frage, die meine Neugierde weckte, und mein Interesse an ihm stĂ€rkte. Darum sprach ich mit ihm. Darum, und weil er mein Nachbar im “El Hato” war.
Es ist ein mysteriöses Dorf, diese Aldea El Hato. Ein Ort mit seltsamen Menschen, die nur noch von Juan ĂŒbertroffen werden konnten. Eine Ansammlung von HĂ€usern, die nicht ihre gespenstige Vergangenheit erahnen ließen. Ein kleiner Zentralplatz mit Dorfkirche, einer Ă€rmlichen Außenstelle des Rathauses von La Antigua Guatemala, und dem gegenĂŒber, in einen Abgrund gesetzt, eine quadratische, staatliche Schule. Alles nicht Ă€lter, als eine Dekade. Drumherum – unregelmĂ€ĂŸig angeordnet – HĂ€uschen aus Wellblech, in denen Leute lebten, die sich in die landestypische Indianertracht hĂŒllten.
Niemand, der sich hierher verirrenden Besucher, errĂ€t die eigenartige Geschichte dieses Dörfchens. Der kleinsten aller La Antigua Guatemalas zugehörigen Aldeas, in der Cuesta del El Hato. Doch ja, dieser Ort hatte eine Geschichte, weitaus Ă€lter als jene derselbigen Aldea 

In den Falten des Vulkans El Agua, der La Antigua Guatemala der nĂ€chste ist, finden sich befremdliche verlassene Ortschaften. Kleine Dörfer! Aber befremdlich deshalb, weil sie wie GeisterstĂ€dte anmuten. Ich hatte sie einst aufgesucht, in einem beschwerlichen Aufstieg, durch eine unfreundliche Wildnis, die verzaubert schien. Verzaubert in dem Sinne, dass die verwunschene LokalitĂ€t keine Besucher mochte und versuchte die ungebetenen GĂ€ste fernzuhalten. Dennoch gelangte ich dorthin und fand einen Ort vor, der den Anschein erweckte, erst vor Kurzem verlassen worden zu sein, wo es doch in Wahrheit Jahrhunderte waren. Alles schien noch im besten Zustand. Abgesehen vom Umstand, dass alles Leben aus dem Ort verschwunden war. Selbst der Gesang der Vögel konnte hier nicht vernommen werden. Eine unnatĂŒrliche Stille herrschte hier. Eine Totenstille, die mir wie aus einer anderen Welt vorkam. Alles verstĂ€rkt durch das Bild eines großen Felsens, der die Kulisse des Ortes dominierte, und der Silhouette einer jungen, schönen Mulattin glich. Doch all das war schon eine andere Geschichte.
Genau das wĂ€re es auch, eine andere Geschichte – gĂ€be es da nicht den Umstand, der nun diese Geschichte berĂŒhrt, dass die Bewohner, die den Geisterort verließen, sich in San Cristobal El Bajo niederließen. Dort wo es heutzutage eine Finca gibt, gegenĂŒber der Kirche. Sie waren, wegen der damaligen Gefahr des Vulkans, evakuiert und in jener Aldea angesiedelt worden, die dicht am verrufenen Chipilapa (Schipilapa, Stadtteil von La Antigua G.) angrenzte.
Doch die Leute waren seltsam und taten noch viel Seltsameres. Die Leute aus La Antigua mochten sie nicht und fĂŒhlten sich unwohl in ihrer Gegenwart. Daher kam es, das die Leute fortgeschafft wurden in die Berge von Santa Ana. Dort siedelten sie sich an, wo heute die AldeaSan Bartholo Milpas Altas ist. Das ist noch hinter der Cuesta del Hato, der damals nur eine Wildnis war. Hierher kamen die BrĂŒder Barreneche, die ihren Pakt mit dem mysteriösen Herrn der Berge geschlossen hatten, und Gold und Silber, der feinsten QualitĂ€t, auf den RĂŒcken ihrer Pferde herunter schafften, in die nur fĂŒnf kilometer entfernte Stadt ĂŒber die Straße der Cucuruchus. Dort auf dem Platz der Candelaria, gegenĂŒber der Kirche, die heute nur noch eine Ruine ist, hielten die Karawanen. Hinauf und herab, ĂŒber ein und dieselbe Straße, der alte Weg nach San Lucas. Damals wie heute fĂŒhrt sie den KreuzhĂŒgel aufwĂ€rts, und dann weiter zum El Hato, und noch weiter nach SanBartholo Milpas Altas. Heute ist sie viel breiter und asphaltiert. Doch noch immer ist es dieselbe Straße der Cucuruchus, der SĂŒnder, in welcher noch immer der Karren des Todes, gezogen vom kopflosen Esel, gehört wird. Es ist eine geisterhafte Straße, die zu einem seltsamen Ort fĂŒhrt, in dem merkwĂŒrdige Menschen leben.
Schon immer fĂŒhlte ich das Mysterium hier seit meinem allerersten Besuch im El Hato. Der Ort war einst eine gewaltige Farm, deren Haupteingang dort am KreuzhĂŒgel lag, wo heute La Antiguas Stadtteil La Guardiania liegt. Daher auch der Name, die Wacht, denn dort lebten die WĂ€chter. Und dort begann die Finca der einstigen deutschen Besitzer, die 17 Caballerias (76 789 ha) umfasste. Erstreckte sich weit ĂŒber die Berge von Santa Ana, der Cuesta del El Hato, und dem Bauch des Esels. Doch die EigentĂŒmer verließen die Finca. Die GerĂŒchte sagen aber, es geschah des Spuks der Berge wegen. Dann kamen Leute aus San Bartholo, und ließen sich dort nieder, was heute die Aldea El Hato ist. Jedoch nur langsam lernte ich den Ort und seine Bewohner kennen. Aber ich verstand nicht ihr Geheimnis. Oder, was auch immer sie verbargen.
Juan verschwand dann plötzlich fĂŒr einige Monate, worĂŒber seine Frau Bertha glĂŒcklich zu seien schien. Dann war er mit einem Mal unversehens wieder da. Er stand auf der TĂŒrschwelle meines Hauses, als sei er vom Himmel gefallen. Ja, wie ein ausgestoßener Engel, mit trauerndem Blick. Trauernd ĂŒber den Verlust seines göttlichen Heimes, seiner FlĂŒgel, oder wer weiß warum. Doch versuchte er, seinen Kummer mit TrĂ€nen und Schnaps zu ertrĂ€nken. Seine Trunkenheit roch meine sensible Nase schon, ehe ich die TĂŒr öffnete. Dort, in der Stille der Sackgasse, die meine einzige Verbindung war, vom Dorfplatz bis hoch oben zum HĂŒgel, wo mein Haus stand. Juan erzĂ€hlte eine schreckliche Geschichte darĂŒber, dass er sich in dubiose GeschĂ€fte mit der Drogenmafia verwunden hatte. Er berichtete davon Kokain ĂŒber die Grenze nach Mexiko gebracht zu haben, und dabei einhundertachtzigtausend Dollar verdient zu haben. Aber die Polizei sei ihm auf der Spur, und er wollte aussteigen.Nun aber werde sein Leben auch vonseiten der Mafia bedroht. Und nicht nur das, auch seine Familie sei in Gefahr. Und er habe Angst, insbesondere, um sein jĂŒngstes Enkelkind.
Ich hörte mir alles schweigend an. Doch meine Instinkte sagten mir, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich vertraute den Indios nicht. DafĂŒr war ich schon viel zu lange hier. Und es versteht auch nur jemand der lange Zeit, und dicht, mit diesen Leuten zusammenlebte.

In den elf Jahren hier habe ich bemerkt, dass Karl May ein LĂŒgner war. Den edlen Wilden Winnetou habe ich nie gefunden. Allerdings sah ich viele hoch motivierte und idealistische Weiße aus dem Flugzeugsteigen, und selbigen suchend. Gleich einem Gralsritter, auf der Suche nach etwas, das dieser Welt entrĂŒckt war.
Wenn dann aber das große Erwachen kam, suchte man nur noch nach etwas, das man prĂ€sentieren konnte, um das vorgefasste idyllische, aber vollkommen unwirkliche Klischee einer Öffentlichkeit zu bedienen, die eben noch nicht aus ihrem Zauberschlaf erwachte. Und so endete man dann gewöhnlich bei Rigoberta MenchĂș.
Das Bild des guatemaltekischen Maya ist im Ausland von Rigoberta bestimmt. Darum gab ihr das Ausland den Friedensnobelpreis. NatĂŒrlich war das 1992, FĂŒnfhundertjahrfeier der Kolumbusreise. Und darum musste der Nobelpreis selbstverstĂ€ndlich nach Amerika gehen. Und ebenso selbstverstĂ€ndlich musste der Preis an einen Indianer gehen. Aber von allen diesen dortgegebenen Möglichkeiten im Dreierkontinent erwĂ€hlte man die kleine dicke Frau in Mayatracht des QuichĂ©-Volkes. Gefeiert als die Verteidigerin der Rechte des Indios, die sofort auf die Barrikaden ginge, wenn jemand Indios als LĂŒgner und Diebe bezeichnen wĂŒrde.
Und nun sehen wir uns einmal die geschönte Biographie an: “Ich, Rigoberta MenchĂș” (Yo, Rigoberta MenchĂș, von Elisabeth Burgos, 1983). Voll von Unwahrheiten und LĂŒgen, in dem sie schon am Anfang des Buches behauptete, eine einfache Indianerin zu sein, die weder lesen noch schreiben kann. Wohlgemerkt war diese angebliche Analphabetin in Indianertracht auf der Prestige vollsten Schule von Zentralamerika gewesen. Schwer zu glauben, dass sie weder Lesen noch Schreiben kann. Obendrein holte sie die französische Linke nach Paris und bezahlte ihre Ausbildung zur AnwĂ€ltin, und ist Dr. Der Rechtswissenschaften. Eine AnwĂ€ltin ist sie, deshalb lĂŒgt sie wohl so viel.
Das Bild des Anwaltes in Guatemala ist vorgefasst, wie das des Indios.Ein Bild das sich in einer Anekdote ĂŒber den General Jorge Ubicowiederfindet:
Der Diktator fragte einen SchĂŒler 

“Nun mein Sohn, gewiss willst du studieren?”
“¡Si, Señor Presidente!!”
“Und was willst du studieren? Dieb, oder Mörder?”
Der Junge sichtlich verwirrt ĂŒber die Äußerung des die Menschen hassenden Generals, antwortete:
“Ich möchte Medizin studieren, Señor Presidente!”
“Also Mörder!”, entgegnete Ubico, fĂŒr den der Dieb der Anwalt war.
Zumindest in dieser Hinsicht ist Rigoberta MenchĂș also eine typische AnwĂ€ltin, aber auch Indianerin. Sie kann es ja wohl kaum aufgrund ihrer elitĂ€ren Ausbildung sein. Oder wegen ihrer Villa in Frankreich, wo sie den grĂ¶ĂŸten Teil des Jahres verbringt.
Rigoberta bekam viel Geld zugesteckt, aus dem Ausland, fĂŒr ihre Arbeit. Aber die Mayaorganisationen in Guatemala fragen, was damit geschah. Hat sie gediebt? Übergroße HĂ€user in Frankreich gekauft? Was tut sie denn außer hin und wieder Bla Bla BĂŒcher fĂŒr Kinder zu veröffentlichen? Gut, frĂŒher tat sie was. Bis dann Geld floss, dann tat sie nichts mehr.

Ich fragte mich daher, ob es nicht gerade die schlechten Vorurteile waren, in denen eine typische Indianerin, wie MenchĂș, dem typischen Indio Juan entsprach, dessen ErzĂ€hlung ich immer weniger Aufmerksamkeit schenkte. Nach einigen bewusst gewĂ€hlten Fragen meinerseits hatte ich bemerkt, dass er sich selbst widersprach. Zum Schluss fragte er ob ich ihm fĂŒnfzigtausend Quetzales borgen könnte.NatĂŒrlich lehnte ich ab, ahnte jedoch den Grund seiner TrĂ€nen.
Und ich wurde bestÀtigt, als ich am folgenden Tag mit seiner Frau sprach:
“Ich habe ihn hinausgeworfen. Niemand von uns will ihn zu Hause haben”, antwortete Bertha verbittert, und berichtete weiter: “Juan hat sich fĂŒnfzigtausend Quetzales geborgt. Ohne mein Wissen. Und ohne es zurĂŒckzahlen zu können. Nun bedroht man uns.”
Zwei Wochen spĂ€ter aber war Juan wieder da. Und verĂ€ndert. Er war fröhlich. Seine Frau erzĂ€hlte mir, selbst ĂŒberrascht, dass Juan seine Schulden bezahlt hatte.Doch ihr Ehemann sagte nie, woher er das Geld hatte.
Nicht ganz eine Woche spĂ€ter starb das jĂŒngste Enkelkind von Juan und Bertha, völlig unerwartet. Es war zuvor nicht krank gewesen. Aber all das war auch nicht wirklich ungewöhnlich bei Indios, die ihren Kindern wenig Aufmerksamkeit widmeten, und Tod und Krankheit auf den Einfluss böser Geister, und zauberkundiger Nachbarn abschoben.
In der Nacht darauf bemerkte ich, dass sich meine Nachbarn stritten.Es war ein schwerer Streit. Doch die Worte verstand ich nicht, denn mein GrundstĂŒck, wie das Ihrige, sind groß. Die HĂ€user sind weit entfernt. Doch war es die Frau, die ihre Stimme erhob. Irgendwann öffnete sich die TĂŒr, und Juan verließ das Haus, um nie mehr zurĂŒck zukehren.
Noch aber ist er hier im El Hato. Wohin auch sollte er gehen? Jedoch ließ er sich nur noch bei Dunkelheit sehen. Wurde zu einem nĂ€chtlichen Bewohner dieser Gemeinde, der das Tageslicht scheute. Und, er hatte sich verĂ€ndert. Er, den viele fĂŒr einen Verlierer, einen Clown hielten, verbreitet nun Angst unter den Dörflern. Diese wissen auch warum. Ich spĂŒre es. Doch, es ist ihr Geheimnis, welches niemand mir, dem Außenstehenden, erzĂ€hlen wĂŒrde.
Nur auf Umwegen hörte ich, ohne zu erfahren, von wem es ausging, das ein anderer Nachbar, von Bertha und Juan, in der Nacht des Todes, jenes Enkels, folgendes gesehen haben wollte:
Einen dunklen Schatten, vom Umriss eines Menschen, doch mit FledermausflĂŒgeln, senkte sich aus dem dunklen Himmel herab auf die Wiese hinter dem Haus. Einen finsteren Pakt schließend, mit dĂ€monischen MĂ€chten, ĂŒbergab Juan die Seele seines Enkels.

“Was mochte er gerade denken?”, fragte ich mich, all der skandalösen und unglaublichen GerĂŒchte gedenkend, die nach und nach an meine Ohren gedrungen waren, als ich Juan, in einer Regennacht, unter dem Dach des kleinen Rathauses stehen sah. Ich war mir seiner Person wegen nicht mehr sicher. Wenn ich es denn jemals gewesen war.Wollte nicht an die absonderlichen GerĂŒchte glauben. Konnte es einfach nicht! Denn sie waren zu fantastisch, fern aller RealitĂ€t.
Juan wirkte nun, wie jemand der in Erinnerungen wandelte. Doch es waren wohl keine guten Erinnerungen. Er war ernst. Schwach nur erleuchtete das geringe Licht, der einzigen funktionierenden Straßenlaterne, des Dorfplatzes sein Gesicht.
Mein Gott! Hatte er sich verÀndert. Sein Gesicht war das eines Verfluchten. Schien selbst ein Geist, eben der anderen Welt entstiegen. Was auch immer in Wahrheit zwischen ihm und seiner Frau vorgefallen sein mochte, es musste schrecklich gewesen sein.
Nur noch allein sah ich ihn in den dunklen Straßen des Dorfes. Niemand wollte in seiner NĂ€he sein, wegen der Geschichten, die sich mehr und mehr begannen, um seine Person zu weben. Niemand mehr lachte ĂŒber ihn. Sie senkten ihren Blick, damit sie nicht seine traurigen Augen sehen mussten. Es hieß Juan könne mit ihnen anderen seinen Willen aufzwingen. Und dann eilten sie, schnellen Schrittes, nach Hause, um die TĂŒren fest zu verschließen, und glaubten das Böse so draußen lassen zu können.
Die Menschen hier glauben sic halle gut. Ja, geradezu perfekt! Zumindest, wenn man ihren eigenen Wörtern Glauben schenkte. Böse sind immer die anderen. Nach meiner Erfahrung aber ist es so, dass die Menschen hier, die andere die Bösen nennen, dieselben sind, die stehlen, vergewaltigen, und morden, aber nie ertappt wurden. Nach mehr als einem Jahrzehnt kannte ich sie gut. Die Leute hier fĂŒhlten sich bedeutsam, aber waren voll von Minderwertigkeitskomplexen. Und alles machte ihnen Angst. Klar, es waren schlechte Erfahrungen aus dem sechsĂŒnddreizigjĂ€hrigen BĂŒrgerkrieg. Aber nicht nur! Auch ein schlechtes Gewissen spielte dabei eine Rolle. Warum? Das weiß Gott allein!
Ich konnte nicht glauben, dass Juan böse war. Ich meine wirklich böse, und mehr als alle anderen. Und wendete ich nie meinen Blick von ihm ab, und glaubte dafĂŒr Dankbarkeit in ihm erkannt zuhaben. Der Wunsch reifte in mir, mit ihm zu reden, doch nie ergab sich die Gelegenheit.Wenn ich ihm begegnete, sah ich ihn nur vom Auto aus. Doch grĂŒĂŸte wir uns stets, und gewiss war ich der Einzige im El Hato der das tat.
Es wurde geflĂŒstert, dass Juan seltsame Rituale zelebrierte, dort in der Wildnis der verlassenen Finca Chakara (Schakara), die schon Teil der Cuesta del El Hato war. “Rituale des Auges!” Gewiss sprachen sie vom selben Auge, das so viele aus ihren TrĂ€umen kannten. So wie ich selbst auch. Und darum war es, warum ich mit ihm sprechen wollte. Ich hatte so viele Fragen, ĂŒber jenes Ding, das mich in allnĂ€chtlichen TrĂ€umen plagte, und mich dem Wahnsinn zufĂŒhrte.
Einige Hirten beschworen, dass sie gelegentlich, und nur vom weiten, und zu spĂ€ter Stunde, Juan gesehen hatten.Aber das, wie er Sand aus dem Fluss holte. Wie groß jedoch war ihr Erstaunen, als sie ihn sahen, seelenruhig den Griff seiner Schubkarre fĂŒhrend, und diese selbige mit aller Leichtigkeit fortfĂŒhrend, und all das unter großem GelĂ€chter und Gerede, wie ein wahrer Besessener. Hingegen auf der anderen Seite der Karre konnte niemand erkannt werden, der ihm geholfen hĂ€tte.
“Es war der Teufel selbst!”, versicherten sie, “Oder einer seiner DĂ€monen, dem Gestank nach Schwefel, und der Unruhe unserer Pferde nach zu urteilen.”
Ein anderes Mal wollte er gesehen worden sein, tanzend zum Takt einer seltsamen Melodie, interpretiert mit unbekannter Meisterschaft.Aber es ließen sich keine Musiker, noch Instrumente erkennen. Nur ein wĂŒrgender Gestank war da, der sich der Nachbarschaft bemĂ€chtigte.
Fern vernahm man den Schrei eines Hahnes, und kurz darauf erwiderten weitere den Ruf. Ein Aufatmen der Ruhe ergriff die Bewohner des seltsamen Dorfes. Denn unter ihnen existierte der Glaube, dass der Schrei des Hahnes die DĂ€monen vertreibe. Man vernahm nur das Öffnen der Riegel an den HaustĂŒren. Und man sah nur die kleine und dĂŒnne Silhouette des mysteriösen Indio Juan, langsam und befremdlich, gerahmt vom blassen Licht der wenigen Straßenlaternen. Ich sah ihn herabsteigen auf der berĂŒchtigten Straße der SĂŒnder, bis dann das Zwielicht ihn verschlang. Zwischen dem Geheul der verschreckten Hunde und wilden Kojoten, begleitet von einem perversen Geruch begleitet von einem perversen Geruch nach Schwefel, der mir untersagte Schlaf zufinden.
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