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Der Irre
Eingestellt am 01. 06. 2006 22:45


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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Der Irre
Ein Irrer wird aus der Irrenanstalt entlassen. Was ist schon dabei. Nun - die Welt soll etwas erleben, sagt er sich. Es wird gestorben in "Der Irre" von Georg Heym. Unschuldige Kinder m├╝ssen dran glauben, unschuldige Menschen, die dem Irren auf seinem Nachhauseweg in die Quere kommen, werden bestialisch umgebracht. Ja, bestialisch. Der Irre hat eine Bestie in sich. Ihr Sitz wird sogar lokalisiert, und sie ist benannt: "Unten zwischen dem Magen, wie eine gro├če Hy├Ąne." Seine ungehorsame Frau will der Entlassene noch einmal bestrafen ÔÇô aber diesmal richtig. Er findet die gemeinsame Wohnung leer nach drei oder vier Jahren Anstalt. Wie es weitergeht und wie es ausgeht, wird von uns nicht verraten. Auch, was der Irre alles wie anrichtet, wollen wir f├╝r uns behalten. Die Novelle ist ziemlich kurz , obendrein leicht lesbar, hat es aber in sich. Wir nehmen uns heute aus dem reichen Innenleben des kleinen Meisterwerks lediglich eine Frage vor. Was empfindet der Irre?
In Freiheit mag der Entlassene nicht "f├╝r einen Verr├╝ckten gehalten werden". Aber was er mag, darum geht es bei der Beantwortung unserer Frage nicht. Es geht um jene Bilder, von denen wir das schlimme Bild der Hy├Ąne bereits zitiert haben. Der Bilderkatalog, den uns Georg Heym auf den paar Seiten pr├Ąsentiert, ist vielgestaltig. Wenige Bilder davon sind sogar ertr├Ąglich. Sommer ist es. Der Irre wirft sich erst einmal "in die dicken Mohnblumen und den Schierling". Sp├Ąter dann wandert er "wie eine gro├če Blume durch die Felder. Etwa eine Sonnenrose." Wie das Au├čen, also der hei├če Sommertag, in das Innen des Irren dringt, so dringt sein Innen nach Au├čen. Der Irre meint, er schreite ├╝ber einen Teppich voller Totenk├Âpfe auf seinem Marsch durch das ├ährenfeld mit den "dicken Halmen". Angst bekommt er vor der Sonne, verkriecht sich und schl├Ąft im Feld.
Im Kaufhaus dann zuletzt, w├Ąhrend der Fahrstuhlfahrt aufw├Ąrts, kommt sich unser Irrer vor wie "ein gro├čer wei├čer Vogel ├╝ber einem gro├čen einsamen Meer, gewiegt von einer ewigen Helle, hoch im Blauen." Er wird "Nachbar der Sonne". Der Himmel ist "eine gro├če goldene Schale, die gewaltig zu dr├Âhnen" beginnt. Nun begeht das Ungeheuer seine n├Ąchste Schandtat. Aber die besch├Ąftigt uns jetzt nicht. Uns besch├Ąftigt blo├č, dass es schlie├člich f├╝r den Irren eine wunderbare Erl├Âsung ist, als er endlich von seinen Bildern befreit wird. Das Ende des Irren ist sehr grausam. Aber der Leser wei├č zum Schluss genau, von welchen Gesichten der Irre geplagt wurde. Es f├Ąllt uns kein besserer Schluss als der von Georg Heym hingeschriebene ein. Darum geht es nicht.
Es geht um innere Bilderwelten; nicht nur um die im Irren, sondern auch um die im Leser der Novelle. Schlie├čen wir die Augen und lassen unser Heute Revue passieren.
Das sind doch blo├č Abbilder von drau├čen! Wir m├╝ssen schon etwas Tiefgr├╝ndiges nehmen. Was haben Sie letztens getr├Ąumt? Von einem anfahrenden Zug, auf den Sie gerade noch so h├╝pften? Von ihrem verstorbenen Chef, dessen Unterschrift Sie emsig nachmachen und der aus dem Grab heraus Ihre St├╝mperei wohlwollend aber vergeblich korrigiert? Vom gro├čen gelben ├ährenfeld, vom Bad in einem sommerlichen Weiher, der "wie ein gro├čes schwarzes Tuch mitten in dem Gold des Kornes" lag?
Raffinierte Erwachsene behaupten f├╝r gew├Âhnlich, sie tr├Ąumen gar nicht. Kinder, noch nicht mit allen Wassern gewaschen, schweigen sich, von einem unergr├╝ndlichen Gef├╝hl geleitet, ├╝ber ihre inneren Bilder aus. Beneidenswert sind alle unter uns, die ihren n├Ąchtlichen Gehirnvorg├Ąngen weiter keine Beachtung schenken. Wir sollten uns vielleicht praktischerweise diese F├Ąhigkeit m├Âglichst lange erhalten. Augen zu und durch durch dieses wirre Leben. Bei dem Irren klappte das so leider nicht.

Der Dichter Georg Heym wurde am 30. Oktober 1887 in Hirschberg (Schlesien) geboren und ertrank am 16. Januar 1912 in der Havel nahe Berlin beim Eislaufen, als er einen eingebrochenen Freund herausziehen wollte.

Karl Ludwig Schneider (Hrsg.): Georg Heym. Dichtungen und Schriften
Gesamtausgabe. Band 2. Prosa und Dramen. S. 19 - 34
M├╝nchen 1986
ISBN 3-406-08552-0


Hedwig Storch 6/2006
__________________
Hedwig

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