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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Jogger
Eingestellt am 23. 05. 2011 14:38


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neonovalis
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2010

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Der Jogger


`Es gibt kaum noch einen, der mit mir mithalten kann,` denkt er.
Peter Quast legt noch etwas an Tempo zu. Seit er mit dem Joggen begonnen hat, ist er immer besser geworden. Einen nach dem andern hat er abgehängt, nicht nur beim Joggen. Peter ist groß gewachsen, hat eine drahtige Figur. Seine kurzgeschnittenen, blonden Haare liegen über einem markanten Gesicht mit blauen Augen. Diese Augen verleihen ihm ein gewisses Charisma, das nicht nur seine Ehefrau anzieht. Mit seinen fünfunddreißig Jahren hat er schon viel erreicht.-

Er läuft, ausdauernd und in ambitioniertem Tempo. Sein Ehrgeiz hat ihn weit gebracht, wird ihn noch weiter bringen.
'Noch viel weiter,' denkt Peter.
Zwar ist die eine oder andere Freundschaft auf der Strecke geblieben.
'Aber bisher habe ich alles richtig gemacht.'
Sein Atem geht ruhig und gleichmäßig.
'Alles das Ergebnis jahrelangen Trainings.'
Gestern ist er ausnahmsweise mal mit einem Partner gejoggt. Aber Klaus konnte nach einer halben Stunde das Tempo nicht mehr mithalten.
Peter packt seinen ganzen Ehrgeiz ins Joggen. Nur einfach zu laufen, ist ihm zu wenig. Es muss lange gehen, und es muss Tempo drin sein. Mühelos setzt er ein Bein vor das andere. So spät abends sind kaum noch Leute im Weitmarer Holz. Der Wind spielt in den Blättern, die Vögel zwitschern. Aber Peter achtet kaum auf die Naturgeräusche. Sein unbändiger Wille treibt ihn an und lässt ihn alles um sich herum vergessen. Rhythmisch-gleichmäßig, wie eine Nähmaschine ihre Stiche, setzt er einen Schritt vor den anderen. Er spürt die Kraft in sich, seine Ausdauer, sein Können. Seine Siegesgewissheit, das ist das, was Andrea an ihm bewundert. Vor ihr Birgit. Und davor Svenja.
Peter ist seit zehn Jahren mit Sabrina verheiratet, „mehr glücklich als unglücklich“, wie er immer sagt. Aber bei den enormen beruflichen Anforderungen findet er kaum Zeit für ein ausgefülltes Familienleben. Was soll`s, er steht halt überall da, wo er gebraucht wird, seinen Mann. Und er wird viel gebraucht...

Im Halbdunkel nimmt er die Kurve, die der Weg in den Wald schneidet. Jetzt im Spätsommer werden die Tage schon spürbar kürzer. Als Peter in schnellem Tempo von der fünften in die sechste Runde übergeht, hört er den Zweig unter seinem Laufschuh knacken. Es ist nun beinahe dunkel. Er ist fast allein im Wald, seine Laufzeit von einer Stunde neigt sich dem Ende entgegen.
'Noch diese eine Runde, vielleicht kannst du nochmal zulegen, komm` gib Gas!' denkt er.
Plötzlich spürt er den stechenden Schmerz in der Brust. Er greift sich ans Herz, läuft noch zwei Schritte. Dann bricht er zusammen.
Peter liegt mitten auf dem Weg, hilflos wie nie. Minute um Minute verrinnt. Alleine in der zunehmenden Dunkelheit. Bewegungsunfähig.
Kurz bevor sich die Stille auch in ihm ausbreitet, spürt er eine Berührung am Arm.
„Was ist mit Ihnen?“ hört Peter eine männliche Stimme.
„Ich habe starke Schmerzen in der Brust,“ entgegnet er leise.
Der Spaziergänger kramt sein Handy hervor, wählt die Nummer des Notrufs.
„Kommen Sie schnell zum Weitmarer Holz, die Blankensteiner Straße halb durch, dann auf der rechten Seite. Hier liegt eine hilflose Person auf dem Weg.“
„In Ordnung, wir sind gleich da ,“ ertönt die Stimme aus dem Handy.
Nach einigen Minuten, die Peter wie eine Ewigkeit vorkommen, hört er das Martinshorn und sieht das Blaulicht. Der Notarzt untersucht Peter an Ort und Stelle. Dann leitet er die Erstversorgung ein. Kurz darauf heben zwei Rettungssanitäter Peter auf einer Trage in den Krankenwagen. Und wiederum mit Martinshorn und Blaulicht geht es durch die Dunkelheit. Wenige Minuten später sind sie am nahegelegenen Bergmannsheil. Der Notarzt hat einen Herzinfarkt diagnostiziert. Peter kommt auf die Abteilung Innere Medizin. Er ist jetzt wie in Trance, bekommt nur die Hälfte mit. Im OP überwältigt ihn das gleißende Weiß. Peter hört einige Wortfetzen wie „Herzkatheter“ und „Stent“. Dann schläft er infolge der Betäubung ein.-

Als er erwacht, steht seine zehnjährige Tochter am Krankenbett.
„Hallo Papa. Was machst du denn für Sachen?“ Sandras Stimme klingt besorgt.
„Hallo, mein Engel. Ich hab` mich wohl übernommen.“
„Ja, Papa. Du arbeitest zuviel.“
Peter verzieht den Mund zu einem gequälten Grinsen.
„Kann schon sein, mein Engel.“
Dann, nach einem kurzen Zögern:
„Wo ist denn deine Mutter?“
„Die ist nicht da.“
„Aha,“ Peter ist etwas irritiert,„wo ist sie denn?“
„Och,“ die Kleine druckst ein bißchen herum, „ich glaub`, bei Freunden.“
„So, so.“
Peters Stimme wird so nachdenklich wie sein Blick.
„Und wer passt auf dich auf?“
„Also, Papa, nach der Schule bin ich noch zu einer Freundin mitgegangen. Und ihre Mutter hat mich dann hierher gefahren.“
„Und wann kommt die Mama wieder?“
„Keine Ahnung, Papa. Ich schlaf` solang bei der Freundin.“
„Hm, hm.“ Peter weiß nicht so recht, was er davon halten soll.
Er schaut nach links, auf den Kleiderschrank.
„Mein Engel,“ hebt er wieder an,„weißt du, ob mir meine Sachen gebracht wurden?“
Sandra ist flugs am Schrank. Ebenso schnell hat sie ihn geöffnet.
Während der Blick auf Hose, Jacke, Schuhe, Hemd und Socken frei wird, gibt sie erfreut ein „Da ist doch alles, Papa!“ von sich.
Peter ist erleichtert.
„Schaust du bitte mal in meiner linken Jackentasche nach dem Portemonnaie?“
Sandra fingert geschickt die braune Geldbörse heraus.
„Nimm´ doch bitte zwei Euro heraus. Und dann gehst du in die Cafeteria und kaufst dir ein Eis.“
„Au ja, Papa. Danke!“
Sie küsst ihn auf die Wange und verlässt das Krankenzimmer.
Peter bleibt alleine zurück.-

'Warum lieg` ich hier? Mit fünfunddreißig?' denkt er. 'Ich habe doch nie geraucht. Nur wenig Alkohol getrunken. Auf meine Ernährung geachtet.'
Er findet keine Antwort. Die Minuten vergehen. Peter erträgt es kaum, dass NICHTS passiert. Dann öffnet sich die Tür. Peter schaut erwartungsfroh nach seiner Tochter. Stattdessen betritt eine resolut wirkende, etwas ältere Krankenschwester das Zimmer.
„Herr Quast! Ich muss Ihre Infusion kontrollieren!“
Mit prüfendem Blick schaut sie auf die Infusionsflasche. Sieht, dass die Flüssigkeit ein wenig zu langsam durch den Schlauch träufelt. Und erweitert etwas den Durchlauf.
Dann wendet sie sich ihm direkt zu:
„Ihr Kopf könnte etwas höher liegen.“
Sie hilft ihm, den Oberkörper ein Stück zu heben und ruckt dann das Bett am Kopfende ein bisschen nach oben. Danach gießt sie ihm neues Wasser ein.
„Trinken Sie!“ fordert sie ihn auf.
Peter folgt ihren Anweisungen. Er nimmt zwei große Schlucke und spürt sofort die belebende Wirkung. Kommentarlos verlässt die Krankenschwester wieder den Raum.-

Peter liegt da, in seinem Bett. Schaut aus dem Fenster. Sieht den grauen, wolkenverhangenen Himmel. Hört den schweren Takt der Regentropfen, die unablässig gegen das Fenster prasseln.-

ENDE


__________________
thora

Version vom 23. 05. 2011 14:38

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