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Leselupe.de > Kurzprosa
Der Journalist
Eingestellt am 21. 07. 2004 22:24


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kio
AutorenanwÀrter
Registriert: Oct 2000

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Tom ist nun Journalist. Stolz hĂ€lt er das Abschlussdiplom der Journalistenschule in seinen HĂ€nden. Das Tor zur Welt. Nicht das Diplom. Nein. Er ist nun das Tor zur Welt. Er wird die Bevölkerung informieren. Fakten liefern. Berichten. Die Fingerknöchel werden weíß, als er das Blatt Papier mit seinen HĂ€nden umschließt. Politik. Das wird er berichten. Endlich das Volk aufklĂ€ren. Aufzeigen, was Fakten sind und aufrĂ€umen mit dem Vorurteil, dass die Medien die 4. Macht im Staat sind. Tom will informieren. Niemals manipulieren. Das Ethos seines Berufsstandes inhalierend sieht er sich in einem Schaufenster seitlich widerspiegelnd. Der Gang ist aufrecht. Er ist endlich Mann. Der Mann. Er wird niemals, das was er in der Journalistenschule kritisch betrachtet hat, an andere weiterverkaufen. Sein Ethos, sein Pathos, seine Passion ist die reine ObjektivitĂ€t.
3 Monate spĂ€ter. Tom ist ein GlĂŒckspilz. Er hat in Deutschland eine Arbeit als Journalist gefunden. Er ist nicht freischaffend. Er ist festangestellt. Und er darf berichten. Im Fernsehen. Tom's Oma ist stolz. Bei jedem Treffen erzĂ€hlt sie ihren Freundinnen, dass Tom jetzt beim Fernsehen arbeitet und so fleißig ist.
Ja. Fleißig ist er geworden; der Tom. Er geht jetzt jeden Tag zum Trainieren. Ins Fitnessstudio. Und dann geht er ins Solarium. Und am Abend sehen ihn Millionen Deutsche, wie er die Nachrichten verliest. Er darf sich sogar die Krawatte aussuchen. Doch das passiert alles am Abend. Am Morgen erbricht sich Tom. Erst dachte er, dass es ihm mal ĂŒbel war. Doch er erbricht sich nun tĂ€glich. Warum das so ist, weiß er nach 3 Monaten nicht mehr so genau. Wahrscheinlich der nervöse Magen. Seine Berichte erreichen Millionen von BundesbĂŒrgern: Der Aufsichtsratsvorsitzende, der gerade mit dem Gewerkschaftsboss um die 50 Stunden-Woche ringt. Schön ist der Bericht. Und Tom durfte auch aus der Lobby des Hiltons in Berlin live berichten. Schönes Ambiente und die Oma freut sich bestimmt auch, wenn sie Tom so im Fernsehen sieht. Dass der Aufsichtsratsvorsitzende gerade mal 300 Millionen durch Missmanagement versenkt hat, seine Frau das Highlight der aktuellen "Bunten" war, weil ihr Fingernagelstudio nun den letzten Schrei aus U.S.A. genau ihr kostenlos angeboten hat UND dass ein paar so arbeitsunwillige Deutsche nun mal wieder nicht das globale Soll erfĂŒllen - darĂŒber hat Tom schon mal kurz nachgedacht. Aber was soll's. GlĂŒckspilz Tom. Bin ich doch, oder? Dass der Gewerkschaftsboss nun auch nicht gerade seinen job riskieren will, weil ihm geht's ja nicht schlecht. Ein bisschen kĂ€mpfen. Das gehört dazu. Schließlich hat man soziale Verantwortung, lebt vom prozentualen Anteil der Mitglieder, die einen gewĂ€hlt haben. Tom hat auch darĂŒber mal kurz nachgedacht. Nein. Eigentlich haben sie doch RECHT. Tom betrachtet sich nach der Maske vor der nĂ€chsten Sendung im Spiegel. Bringt doch was. Das Schwitzen im klimatisierten Studio und dann in der BrĂ€unungsoase. Das macht einen zum Mann. Und dann darf er wieder die Nachrichten verlesen. Ganz lĂ€ssig und locker berichtet Tom ĂŒber die Kinder- und Elternarmut in Deutschland. "Das sind doch Assoziale - geschafft haben die es jedenfalls nicht", denkt sich Tom heimlich. Er betrachtet sich am Ende des Tages einer erfolgreichen Berichterstattung im Spiegel. Aufrecht. Sein Redakteur kommt noch vorbei. Ein GlĂ€schen Prosecco. "Tom, Sie sind der beste". Na geht doch. Objektiv. Nur die hungrigen Neger, die in dem Bericht von dieser ĂŒbersozialen Möchte-gern-Schnecke kommentiert wurden, haben Tom an diesem Tag etwas gestört. "Nun ja, diese SozialpĂ€dagogen sind ja "Gott sei Dank" am Aussterben. Lange wird die hier nicht mehr berichten. Tom hat Recht. Und am nĂ€chsten Tag muß er zwar kotzen. Doch es ist ja nur der nervöse Magen. Auch sein Arzt bestĂ€tigt ihm das. Da zahlt er gerne die 10 Euro und denkt sich, warum die da draußen sich alle so aufregen.
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so einfach, wie möglich, aber nicht einfacher. A. Einstein

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