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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Kaffee
Eingestellt am 24. 04. 2002 15:50


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Klaus Zankl
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

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Der Kaffee

Erster Teil

Es war zu der Zeit, als sich der f├╝nfzehnj├Ąhrige Junge Tobias Kramer Gedanken darum machen mu├čte, wie er seine berufliche Zukunft gestalten wollte. Er war noch Penn├Ąler der neunten Klasse einer Volksschule. Das zweite Halbjahr war bereits angebrochen, und da er trotz guter Zeugnisse meinte, er sei eher praktisch als theorethisch veranlagt, war es h├Âchste Zeit, die ersten Bewerbungen zu schreiben und sie verschiedenen Handwerksbetrieben zuzuschicken.
Er bekam daraufhin viele Absagen; es waren mehrere Klempnereien dabei, eine Tischlerei, zwei Schmieden und eine Dreherei. Am Ende sagte jedoch eine Schlosserei zu; sie bat Tobias Kramer, er solle sich mit seinen Eltern beim Chef melden, um mit ihm ein kurzes Vorstellungsgespr├Ąch zu f├╝hren. Na bitte, wer sagte denn, da├č man im Leben nicht auch einmal Gl├╝ck haben konnte, zumindest die letzte Bewerbung hatte sich also gelohnt!
Zwar hatte TobiasÔÇÖ Mutter wegen ihrer Grippe keine M├Âglichkeit, den Vorstellungstermin bei Herrn Reuter, dem Eigent├╝mer des Betriebes, wahrzunehmen, jedoch schien es ausreichend, wenn ihr Sohn mit seinem Vater vorstellig w├╝rde, um alle Formalit├Ąten zu besprechen.
Tobias war schon richtig aufgeregt. Ein neuer Lebensabschnitt w├╝rde beginnen, er w├╝rde sein erstes eigenes Geld verdienen, er w├╝rde eigene Werkst├╝cke herstellen, er w├╝rde einen fauchenden Schwei├čbrenner einsetzen, er w├╝rde mit einem Hammer gl├╝hendes Eisen formen! Klasse!
Herr Reuter wartete bereits, als Tobias und sein Vater in der Firma eintrafen.
Er begr├╝├čte beide herzlich und f├╝hrte sie in sein B├╝ro, in dem er platzzunehmen bat. Er war ein gro├čgewachsener Mann mit derben Knochen und starken Muskeln und erweckte somit den Eindruck, da├č hier der Chef noch selbst mit zupackte. Tobias selbst war eher zierlich und klein, der Anblick dieses gro├čen Kerls fl├Â├čte ihm deshalb einen gewissen Respekt ein, obwohl man von Angst nicht sprechen konnte.
Herr Reuter f├╝hrte aus, da├č nach seiner Ansicht TobiasÔÇÖ Bewerbung die ordentlichste von allen eingegangenen Unterlagen gewesen sei und ihn auch die guten schulischen Leistungen beeindruckt h├Ątten. Zwar habe er sich Tobias etwas kr├Ąftiger vorgestellt, aber der Junge sei ja l├Ąngst noch nicht ausgewachsen. Es gebe daher keinen vern├╝nftigen Grund, den Abschlu├č eines Lehrvertrages zu verweigern.
Er stand auf und suchte in einem Eckschrank nach einem Vertragsvordruck. Nach kurzer Zeit fand er einen, f├╝llte ihn mit einem Kugelschreiber aus, setzte noch einen Firmenstempel in das dazugeh├Ârige Feld und legte ihn Tobias und seinem Vater vor, damit sie ihn unterschreiben konnten.
Da├č dieses Vorstellungsgespr├Ąch so kurz ausfallen w├╝rde, hatte keiner von ihnen geahnt, geschweige denn gewu├čt. Aber wenn diese kurze Unterredung schon nach so kurzer Zeit zum Ziel f├╝hren w├╝rde, warum nicht?
Herr Reuter f├╝hrte nach dem Vertragsabschlu├č beide Besucher in die Werkstatt, um ihnen einen Eindruck von der Arbeit in seiner Schlosserei zu verschaffen. Es wurden vor allem st├Ąhlerne Fenster und T├╝ren zusammengeschwei├čt, aber auch solche aus Aluminium zusammengesteckt und danach verschraubt. Der Betrieb hatte mit der Schreibkraft, dem Meister, den sechs Gesellen und den beiden Lehrlingen aus dem zweiten und dritten Lehrjahr insgesamt zehn Mitarbeiter. Die Arbeitszeit betrug ├╝blicherweise acht Stunden und begann um sieben Uhr morgens.
TobiasÔÇÖ Vater nickte den Angestellten, die die beiden Besucher inzwischen bemerkt hatten, kurz zu. Sein Sohn tat es ihm nach, besonders in bezug auf die Auszubildenden. Einer von ihnen sollte im nahenden Sommer seine Gesellenpr├╝fung ablegen, sowohl theoretisch als nat├╝rlich auch praktisch. Tobias w├╝nschte ihm viel Gl├╝ck dazu und gutes Gelingen.
So, das war erstmal geschafft, der Lehrvertrag war unter Dach und Fach, die Firma hatte einen positiven Eindruck hinterlassen, der Chef war offenbar recht seri├Âs und die k├╝nftige Arbeit das, was sich Tobias vorgestellt hatte, n├Ąmlich praktisch und handwerklich. Seine Schulkameraden hatten l├Ąngst nicht alle eine solch zufriedenstellende Perspektive vor Augen, daher wollten manche von ihnen nach dem Abschlu├č eine weiterf├╝hrende Schule besuchen wie etwa die Realschule, manche dachten sogar an das Gymnasium.
Im Sommer dann war es endlich soweit, die Zeugnisse wurden geschrieben und verteilt, der Direktor h├Âchstpers├Ânlich erschien noch einmal in den Abschlu├čklassen und verabschiedete jene, die nicht gerade sitzengeblieben waren. Die Sommerferien waren also zum Greifen nah, die Badehose schon bereitgelegt, und auch das Rennrad stand bereit, um mit ihm die eine oder andere Tour zu unternehmen. Auf Wiedersehen, du alte Schule!

Zweiter Teil

Ach, war das fr├╝he Aufstehen m├╝hsam! Als Sch├╝ler mu├čte Tobias auch immerhin um sp├Ątestens sieben Uhr aufstehen, aber da der Arbeitsbeginn entsprechend fr├╝her und auch der Weg weiter war, hie├č es nun, um halb sechs Uhr war es aus mit der Nachtruhe. Noch vor den Eltern mu├čte er aufstehen, seine Brote f├╝r das Fr├╝hst├╝ck und die Pausen zubereiten und sich dann eilig mit dem Fahrrad auf den Weg begeben. Er mu├čte die Erfahrung machen, da├č man ihn doch nicht gleich schmieden und schwei├čen lie├č, wie er es sich einst vorgestellt hatte. Nein, ganz im Gegenteil, er war eigentlich nur daf├╝r da, den Gesellen oder dem Meister Werkzeuge zu reichen, die Werkstatt zu fegen, die Aufenthaltsr├Ąume zu reinigen oder vor der ersten Pause einkaufen zu gehen. Ja, ihr habt recht gelesen, der arme Tobias wurde ├Âfters zum Einkaufen in ein in der N├Ąhe befindliches Gesch├Ąft geschickt. Zwar gab es auch noch die anderen Stifte, sie hatten jedoch, da sie an Ausbildungsjahren vorangeschritten waren, inzwischen gesellen├Ąhnliche Aufgaben und Auftr├Ąge. Der Vorgang des Einkaufens lief immer nach demselben Schema ab: vor der Pause sollte Tobias alle Mitarbeiter fragen, ob oder was er einkaufen solle, wobei der Chef nie etwas wollte, weil er sich stets alles N├Âtige von zu Hause mitbrachte. Bei den Handwerkern selbst war das anders: der eine wollte vielleicht etwas Marmelade, der n├Ąchste ein paar Br├Âtchen, der dritte etwas Schinken und der letzte ein P├Ąckchen Zigaretten. Jeder gab ihm daf├╝r etwas Geld mit, aber nat├╝rlich hatte niemand den exakt passenden Betrag. So gab ihm der eine zwei, der n├Ąchste f├╝nf und ein anderer zehn Mark. Die gro├če Kunst bestand nun darin, sich alles genau zu notieren, die bestellte Ware, den Namen des Mitarbeiters und die Menge des erhaltenen Geldes im einzelnen. Es kam ein weiteres Problem hinzu: da├č jeder Mensch sein eigenes Wesen und seinen eigenen Charakter hat, ist bekannt und nichts Neues. Dies galt dementsprechend auch f├╝r die Angestellten dieser Firma. So war der Meister herzenswarm, zwei Gesellen gleichg├╝ltig, zwei weitere arrogant, einer versnobbt und der letzte b├Âsartig. Gerade diesem war nat├╝rlich nichts rechtzumachen, und so entwickelte Tobias nicht nur eine Abneigung gegen ihn, sondern, da er ja so klein und zierlich war, zum Teil starke Angst. So kam es, als er eines Tages wieder kurz vor der Fr├╝hst├╝ckspause zum Einkaufen geschickt wurde, da├č er, neben den W├╝nschen der ├╝brigen, von diesem Gesellen ein Glas Nescaf├Ę mitzubringen beauftragt wurde. Tobias schrieb sich, wie erw├Ąhnt, alles auf und bekam f├╝r die bestellte Ware Geld.
Das Einzelhandelsgesch├Ąft war f├╝r ihn zu Fu├č in f├╝nf Minuten, mit dem Fahrrad gar in zwei Minuten zu erreichen.
Im Laden dann nahm er sich einen Einkaufswagen, zog seinen Zettel hervor und arbeitete Punkt f├╝r Punkt seine Liste ab, m├Âglichst wortw├Ârtlich, um auch Sonderw├╝nsche, etwa nach dem Gewicht einer Ware oder ihrer genauen Beschaffenheit, befriedigen zu k├Ânnen und nicht etwa wegen irgendwelcher Verwechslungen ins Gerede zu kommen, insbesondere beim B├Âsartigen.
Fast geschafft! Alle Artikel waren erh├Ąltlich, auch der Nescaf├Ę, alles befand sich im Einkaufswagen, als er sich auf den Weg zur Kasse machte. Nun galt es noch, dort die mitgegebenen Gelder den Waren zuzuordnen, auch hier w├Ąren ├Ąrgerliche Verwechslungen m├Âglich gewesen. Zur letzten Sicherheit hatte Tobias sogar alle Einzelbetr├Ąge in verschiedenen Taschen seines Blaumanns deponiert, um sie genau unterscheiden zu k├Ânnen.

Dritter Teil

Die Schlange an der Kasse war nicht lang, so da├č er bereits nach ein oder zwei Minuten des Wartens alle Artikel auf das F├Ârderband legen konnte. Sie wurden von der netten Verk├Ąuferin eingetippt und abgerechnet. Zwar war das Koordinieren der Bezahlung unter diesen Umst├Ąnden etwas kompliziert, aber mit etwas Konzentration war dies f├╝r Tobias keine unl├Âsbare Aufgabe.
Ein ├Ąlterer Herr stand hinter ihm und suchte schon einmal seine Brieftasche.
Endlich fertig! Tobias begann, seinen Einkauf in zwei Plastikt├╝ten zu stecken, die er stets eigens zu diesem Zwecke mitzubringen pflegte. Alles bis auf den Nescaf├Ę war verstaut, als das Ungl├╝ck geschah: gerade dieser Nescaf├Ę, der ja f├╝r den B├Âsartigen gedacht war, glitt ihm aus den H├Ąnden und zerbarst mit einem lauten Klirren auf dem steinernen Fu├čboden. Oh nein! Wie sollte er das in der Firma erkl├Ąren? Und der Kaffee war doch auch noch so teuer! Fast zehn Mark! Wenn er eigenes Geld dabei gehabt h├Ątte, was nicht der Fall war, w├Ąre das Mi├čgeschick nicht so schlimm gewesen. Er h├Ątte einfach auf eigene Rechnung neuen Kaffee gekauft und das Zerbersten des Glases verschwiegen. Auch wurde deutlich, da├č das Gesch├Ąft den Schaden nicht tragen w├╝rde, da sich die Ware zum Zeitpunkt des Entgleitens bereits in seinem Besitze befunden hatte. Nun war guter Rat teuer!
Die ├╝brigen Kunden und die Kassiererin waren nat├╝rlich auf Tobias aufmerksam geworden, aber sie konnten ihm auch nicht helfen, au├čer da├č ein Verk├Ąufer bereits nach Handfeger und Schippe suchte.
Der ├Ąltere Herr hinter Tobias wollte nun seinen Einkauf bezahlen, als er immer noch sein Portemonnaie suchte und nicht finden konnte. Da kam ihm ein Verdacht: offenbar hatte der junge Lehrling mit dem Blaumann vor ihm seine Geldb├Ârse gestohlen! Und das Urlaubsgeld war auch noch darin!
Emp├Ârt schritt er Tobias entgegen und rief ihm zu, er habe ihm Geld gestohlen und solle es sofort zur├╝ckgeben. Falls er dies nicht tun sollte, werde er unverz├╝glich die Polizei rufen.
Tobias stand immer noch unter dem Eindruck des zerbrochenen Glases, jetzt sollte er auch noch etwas geklaut haben - wom├Âglich wollte man ihm auch noch einen Mord anh├Ąngen!
Der ├Ąltere Herr fing an, nerv├Âs in des Knabens Brusttaschen zu w├╝hlen, damit er sein Geld zur├╝ckbekomme. Zwar fand er dort welches, aber nat├╝rlich nicht sein eigenes, sondern nur das Wechselgeld vom Einkauf f├╝r die Gesellen.
Der Junge stie├č ihn mit seinen H├Ąnden zur├╝ck, zu dreist war ihm die Attacke des Alten.
Inzwischen war auch schon der Gesch├Ąftsf├╝hrer herbeigeeilt, da er den kleinen Tumult von seinem B├╝ro aus beobachtet hatte. Er fragte kurz, was hier vor sich gehe; die Kunden, die alles miterlebt hatten, erkl├Ąrten es ihm.
Tobias wu├čte genau, da├č er niemandem etwas getan habe; sollte doch die Polizei kommen, dann k├Ânnte er beweisen, da├č er unschuldig sei!
Er teilte dem Gesch├Ąftsf├╝hrer seine ├ťberlegung mit; dieser stimmte zu und wollte gerade zum Telefon gehen, als der ├Ąltere Herr noch einmal in einer seiner Jackentaschen suchte. Mensch, das gab es doch nicht, mit einem Mal hielt er das verlorengew├Ąhnte Portemonnaie in seinen H├Ąnden! Er hatte anfangs nur nicht gr├╝ndlich genug gesucht!
Diese ├╝berraschende Wende konnte allen Beteiligten nur recht sein, dem Knaben, dem ├Ąlteren Manne, der Gesch├Ąftsf├╝hrung und vielleicht sogar der Polizei.
Einige Kunden schimpften nun mit dem alten Herrn, er solle sich doch beim n├Ąchsten Male genauer ├╝berlegen, wo er seine Brieftasche gelassen habe und nicht gleich sinnlose Verd├Ąchtigungen aussto├čen.
Dieser war nun nat├╝rlich etwas besch├Ąmt. Was sollte er tun, um den moralischen Schaden wieder gutzumachen? Er n├Ąherte sich Tobias noch einmal, entschuldigte sich und gab ihm als Schmerzensgeld einen Zehnmarkschein.

Na, und was hat sich unser Held wohl davon gekauft? Na? Richtig, Kaffee nat├╝rlich!


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Tadeya
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2001

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Profil

Lieber Klaus!

Ich habe mit Interesse deine Kurzgeschichte gelesen und m├Âchte nun etwas von meinem Senf dazugeben ;-)

Erstmal Kompliment f├╝r den sehr einheitlichen Erz├Ąhlstil: relativ sachlich, mit hin und wieder einem kleinen Augenzwinkern.

Allerdings finde ich, da├č die Vorgeschichte gemessen an der Pointe zu lang ist. Auf welche (relativ gew├Âhnliche) Weise der Lehrling nun genau an seine Stelle gekommen ist, tut eigentlich nicht viel zur Sache. Es unterstreicht weder besondere Charakterz├╝ge des Tobias, noch hat es Auswirkungen auf die Situation an der Ladenkasse.

Interessanter f├╝r mich pers├Ânlich w├Ąre es gewesen, die B├Âsartigkeit des b├Âsartigen Kollegen etwas mehr herauszustellen, damit man besser vor Augen hat, was dem Tobias bl├╝hen k├Ânnte, wenn er ohne Nescafe zur├╝ck k├Ąme...
So w├Ąren die inneren ├ängste des Lehrlings f├╝r den Leser noch besser nachvollziehbar.

Das ist mir dazu eingefallen.
Ich hoffe, du kannst meine Kritik konstruktiv verwerten.

Gru├č von
__________________
Deya

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Klaus Zankl
Hobbydichter
Registriert: Apr 2002

Werke: 4
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Der Kaffee

OK, habe deine Kritik mit Interesse gelesen. Was du sagst, ist nicht verkehrt.

Klaus

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