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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Der Kaffeebecher
Eingestellt am 24. 04. 2016 11:43


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Aina
Fast-Bestseller-Autor
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Der Kaffeebecher

Es ist Freitagnachmittag. Kari hat die Arbeitswoche in der Bibliothek hinter sich und wird ihre Freundin besuchen. Der Bahnhof gleicht einem betriebsamen Bienenstock. Es wirkt chaotisch wie die Menschen durch die Halle, zu den Gleisen, an die ImbissstĂ€nde und zu den ZĂŒgen eilen. Kakophonischer LĂ€rm ĂŒberall: hallende Lautsprecheransagen, ratternde Rollkoffer, Stimmengewirr, das Zischen der ZĂŒge und Quietschen der Bremsen. Doch mit etwas Zeit, und die hat Kari, lĂ€sst sich das Durcheinander sortieren, so dass es einzelne GerĂ€usche und AblĂ€ufe werden, die ihre Geschichten erzĂ€hlen.
Kari schlendert durch die Halle, in der Hand ihren metallenen Kaffeebecher und auf dem RĂŒcken den kleinen braunen Rucksack fĂŒr das Wochenende. Vor Tagen hat sie sich sorgfĂ€ltig zwei BĂŒcher ausgesucht. Eines fĂŒr die Hin- und eines fĂŒr die RĂŒckfahrt. Das dritte Buch hat sie in letzter Minute auf dem RĂŒckgabewagen liegen sehen und oben drauf gepackt, wĂ€hrend ihre Kollegin den Kaffeebecher auffĂŒllte. Mit einem Grinsen hatte sie ihr zugezwinkerte: „Diese BĂŒcher sollten einen neutraleren Einband bekommen, damit man sie auch unterwegs lesen kann.“ Kari hatte nur genickt und sich fĂŒr den Kaffee bedankt. Was kĂŒmmerte sie die Kollegin, die sich ihre Literatur danach aussuchte, wie der Einband aussah? Das Buch muss zur Leserin und ihren BedĂŒrfnissen passen. Nicht mehr und nicht weniger.

Kari hat noch einige Minuten und beobachtet die quirlige AtmosphĂ€re des An- und Abreisens. Sie stolpert ĂŒber den Anblick eines Mannes, der mitten in der Halle steht. Es ist ein Ă€lterer Herr mit Hut und einem halblangen, dunklen Mantel. Seine Erscheinung ist stattlich und nicht zu ĂŒbersehen. In der bewegten Ordnung wirkt er wie eine Störung, denn Menschen mĂŒssen ihre Wege plötzlich Ă€ndern, schauen sich irritiert um, ermahnen ihr Kind nicht stehen zu bleiben, wĂ€hrend es zurĂŒckschaut.
Kari hat niemanden, der sie an der Hand weiterzieht und tadelt. Sie bleibt stehen und betrachtet das Ungewöhnliche dieser Szene nÀher. Im ersten Moment ist es ihr nicht aufgefallen: der Mann hat die Augen geschlossen.
Sie ertappt sich: ‚Oh Mist, ich stehe hier und starre einen blinden Mann an, der sich nicht mehr auskennt oder auf Hilfe wartet! Wie peinlich!‘. Trotzdem beobachtet sie ihn weiter. Benötigt er ihre Hilfe? Ist er ĂŒberhaupt blind? Nichts deutet darauf hin. Sie prĂŒft mit einem Blick auf die große Uhr, ob sie weitermuss. Ein paar Augenblicke bleiben ihr noch, diese Szene zu entschlĂŒsseln. Der Mann steht, scheinbar regungslos, in der Halle und wirkt, als sei er mit seiner Situation zufrieden. Ganz leicht dreht er seinen Kopf hin und her. Ein Suchen oder Orten? Nicht wirklich sichtbar fĂŒr die vorbeieilende Masse. Doch der Hut verrĂ€t diese Bewegung und fĂŒhrt ihren Blick zu seinen Ohren, die vermutlich der Auslöser dafĂŒr sind.
JĂ€h werden Kari und der Herr mit dem Hut unterbrochen. Ein unachtsamer Passant rempelt mit seiner Reisetasche gegen den Mann. Er schlĂ€gt seine Augen auf und schaut sich um. ‚Er hĂ€tte unwirsch reagieren können‘, denkt sie. ‚oder zumindest erschrocken.‘ Aber nein, er lĂ€chelt dem unvorsichtigen Reisenden mit einem angedeuteten Griff an den Hut und einem kurzen Nicken hinterher. ‚Ungewöhnlich!‘, geht es ihr durch den Kopf. Ein GefĂŒhl des BerĂŒhrtseins bleibt ihr. Hier ist einer, der sich zunĂ€chst nicht darum schert, was um ihn herum geschieht, sondern das tut wonach ihm ist. Als er merkt, dass er stört, nicht unterwĂŒrfig, sondern höflich und wĂŒrdevoll reagiert. Bemerkenswert.
Ein erneuter Blick auf die unerbittliche Uhr ermahnt sie, sich auf den Weg zum Gleis zu machen. Sie verliert den Àlteren Herrn aus den Augen.

Bis der Zug einfahren wird, kann sie ihre potentiellen Mitreisenden in Augenschein nehmen.
Ihr Blick schweift an den grauen Herren der Bahnhöfe vorbei: MĂ€nner zwischen 30 und 55, dunkler Anzug, perfekter Kurzhaarschnitt, ernster Gesichtsausdruck, völlig uninteressiert an der Außenwelt, aber unheimlich wichtig fĂŒr die Welt im Handy. Dazwischen eine Ă€ltere Dame, die sich verkrampft an ihrer Handtasche festhĂ€lt und nervös den Blick zwischen ihren Papieren und der Digitalanzeige hin- und herschickt. Sie gehört zu den weniger routinierten Bahnfahrerinnen. Allein die Anzahl der GepĂ€ckstĂŒcke, die sie wie eine kleine Festung um sich herum versammelt hat, deuten darauf hin. Vermutlich ist sie so aufgeregt, weil sie noch jemanden finden muss, der ihr hilft das Ergebnis ihres exzessiven Packrauschs in den Zug zu bugsieren. ‚Bei den grauen Herren wirst du keine Hilfe bekommen‘, denkt sich Kari.
An dem Mann mit dem Buch in der Hand bleibt ihr Blick hĂ€ngen. Er ist so vertieft, dass er nicht merkt, wie ihm sein Schal fast vom Hals rutscht. Zwischen seinen FĂŒĂŸen steht eine ausgebeulte Ledertasche, die aussieht als hĂ€tte sie schon ein langes Arbeitsleben hinter sich, vielleicht sogar ein lĂ€ngeres als ihr Besitzer. Was er wohl liest? Um das zu erkennen, mĂŒsste Kari sich ihm nĂ€hern.
Der Zug fĂ€hrt ein, alles gerĂ€t in Bewegung. Die Reisenden bĂŒcken sich nach ihren Taschen und Koffern, vergewissern sich, dass sie alles dabeihaben, bahnen sich den Weg zur WagentĂŒr. Die Ă€ltere Dame schaut hilfesuchend hinter ihrer Festung hervor und trifft nun, da sich der Wald der grauen Herren lichtet, auf Karis Blick.
Sie hatte es geahnt, keiner der AnzugtrĂ€ger hat sich bemĂŒht. Also ist es an ihr, der Dame behilflich zu sein. ‚Zum GlĂŒck habe ich einen Platz reserviert und muss mich jetzt nicht ins GetĂŒmmel werfen, um noch eine Sitzgelegenheit zu ergattern‘, denkt sie erleichtert. Mit einer großen PapiertĂŒte, einer Ledertasche und zwei Stofftaschen betritt sie den Zug. Ihr Kaffeebecher muss draußen auf der Bank warten. Die Dame passt auf ihn auf, wĂ€hrend sie sich der ersten GepĂ€ckstĂŒcke entledigt und sie anschließend gemeinsam die restlichen Koffer und Taschen in den Zug hieven.
Kari findet ihren reservierten Platz an einem Vierertisch in der Mitte des Waggons. WÀhrend sie ihre Jacke aufhÀngt, schaut sie noch einmal hinaus. Ach, der Kaffeebecher! Aber, die Bank ist leer!
„Ist das Ihr Becher?“, hört sie weiter hinten eine MĂ€nnerstimme fragen. Der Buchmann hat sich an die Ă€ltere Dame gewendet. Sie schaut ihn deutlich verwirrt an. Offensichtlich ist sie darin vertieft all ihre Habseligkeiten um sich herum zu ordnen. Kari geht den Gang hinunter: „Äh, der Becher gehört mir. Vielen Dank!“
Der Buchmann, ein paar Jahre Ă€lter als sie selbst, hat einen wohlgeformten Kopf, kurz rasiertes, graumeliertes Haar, schaut sie mit wachen, freundlichen Augen an. FĂŒr einen Moment berĂŒhren sich ihre Fingerspitzen bei der Übergabe des Bechers. Sie senkt den Blick, bedankt sich noch einmal, dreht sich um und geht zĂŒgig an ihren Platz zurĂŒck. Schnell schnappt sie sich das oberste Buch aus ihrem Rucksack, packt ihn oben ins GepĂ€ckfach und setzt sich ans Fenster. ‚Irgendwie gutaussehend, lebendige Augen, gefĂ€llt mir‘, kreist es Kari ungeordnet durch den Kopf.
Er ist langsam hinter ihr hergegangen, schaut auf seinen Zettel und bleibt schließlich an ihrem Tisch stehen. „Man sieht sich wohl immer zweimal im Leben“, lĂ€chelt er, wĂ€hrend er Jacke und Schal auszieht und zusammen mit der Ledertasche ins GepĂ€ckfach schiebt. Ihr gegenĂŒber macht er es sich bequem. „Äh, ja
“, zu mehr Vokabular reicht es Kari im Augenblick nicht. Mehr ist auch nicht nötig, denn ihr Buch wartet auf sie.
Erst jetzt fĂ€llt ihr auf, dass es nicht der Schinken ist, den sie eigentlich fĂŒr die Hinfahrt geplant hatte, sondern das Taschenbuch mit den erotischen Geschichten, dessen wenig öffentlichkeitstauglichen Einband die Kollegin moniert hatte. Ja tatsĂ€chlich, der Einband ist ziemlich eindeutig. Eine Kohlezeichnung zeigt zwei unbekleidete Gestalten, in einer innigen Umarmung. Sie bilden eine Einheit, ganz fĂŒr sich, als wĂŒrde es nur sie beide geben. ‚Ein krasser Gegensatz zu dem Ort, auf dem sie abgebildet sind‘, geht es Kari durch den Kopf. ‚So ganz öffentlich auf dem Buchcover bleibt ihnen keine PrivatsphĂ€re. Wie öffentlich darf oder kann IntimitĂ€t sein?‘ Kari denkt den Gedanken nicht zu Ende. Die Frage, ob sie den Gang blockieren soll, damit sie zu ihrem ursprĂŒnglichen Buch-Lese-Plan zurĂŒckkehren kann, drĂ€ngelt sich vor. ‚Zu viel Aufwand‘, beschließt sie und macht es sich in ihrem Sitz bequem.

Sie schlĂ€gt die erste Seite auf. Im Inhaltsverzeichnis kĂŒndigen sich 12 Geschichten an. Kari fackelt nicht lange, heute gibt es keine langen Entscheidungsschlachten, welche sie zuerst liest. Von vorne nach hinten. Ab jetzt gibt es nur noch sie und die Geschichte, die ihr erzĂ€hlt wird.

Das erste Kapitel nimmt sie mit in ein Atelier. Ein Maler bringt sein Aktmodell auf die Leinwand. Mit jedem Pinselstrich kommt der Maler der nackten Frau nĂ€her, zunehmend lösen sich die inneren AbstĂ€nde auf und die Fremdheit zwischen dem Maler und der Gemalten schwinden. Er streichelt ihre schönen Rundungen, mit seinem Blick und dem Pinsel zugleich. Sie spĂŒrt wie sich sein Blick vom Betrachten zur Bewunderung, hin zur Begierde verĂ€ndert. Kari versetzt sich in die Frau hinein, die sich anfĂ€nglich unsicher gefĂŒhlt hatte. In einem Raum, in dem sie die einzige Nackte ist, ein Mann, den sie kaum kennt, ausgestellt auf einem kleinen Podest, seinen Blicken schonungslos ausgeliefert. Und dann die Wende, die nicht im Wort, sondern in einer verĂ€nderten AtmosphĂ€re zu spĂŒren ist. Mit funkelnder WĂ€rme im Blick voller Begehren betrachtet zu werden, muss aufregend sein. So aufregend, dass Kari es körperlich wahrnehmen kann. Sie spĂŒrt wie sich die Lust in ihrer Brust, ihrem Bauch, ihrem Schoß sammelt. Benötigt es die Erlösung in einem Geschlechtsakt? Was ist wohl die Antwort darauf in der Geschichte?




„Entschuldigung,“, reißt sie eine Stimme aus den Gedanken, „kann ich meine Jacke auch an den Haken hĂ€ngen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten beugt sich die Frau neben ihr ĂŒber sie und zieht ihren Mantel umstĂ€ndlich ĂŒber den Tisch. Im letzten Moment kann Kari ihren Kaffeebecher retten, damit freie Bahn fĂŒr das AufhĂ€ngmanöver ist. Der Buchmann, schaut aus seiner LektĂŒre auf, zieht kurz die Augenbrauen nach oben und grinst sie an. ‚Wieso grinst der so?‘, geht es ihr durch den Kopf. Sie fĂ€ngt seinen Blick auf, der von ihren Augen zu ihrem Buch fĂŒhrt und dann weiter zu seinem. Jetzt versteht sie sein Grinsen: nicht die ungestĂŒme Dame, sondern die Tatsache, dass sie dasselbe Buch lesen, hat es ausgelöst.
Und sofort wieder dieses peinlich berĂŒhrt sein, wie vorhin, als sie sich am Kaffeebecher begegnet waren. ‚Wie soll ich jetzt reagieren? Ein GesprĂ€ch ĂŒber das Buch beginnen? Fragen, wie er es findet? Wie kann ich jetzt in Ruhe weiterlesen, wenn mir einer gegenĂŒbersitzt, der vermutlich dieselben, sehr intimen, GefĂŒhle zur gleichen Zeit erlebt? Ist es, als wĂŒrden wir es zusammen lesen?‘
Ihre Gedanken ĂŒberschlagen sich, wĂ€hrend sie so tut, als wĂ€re sie ganz und gar in ihren Lesestoff vertieft. Beobachtet er mich immer noch? Verstohlen schaut sie ĂŒber den Buchrand und sieht wie er mit Interesse ganz bei sich und seiner LektĂŒre ist. Kein Blickkontakt. ‚Gut so, dann bleibt jeder bei sich und in seinem Buch.‘

Das Aktmodell Ă€ndert ihre Position zeigt sich dem Maler deutlich aufreizender und beginnt mit dessen Erregung zu spielen. Der Maler nimmt eine neue Leinwand, merkt aber schnell, dass seine Striche zu fahrig sind, als dass er sich auf das Abbilden der Frau konzentrieren könnte. Er lĂ€sst den Pinsel sinken, spĂŒrt nur noch seinen eigenen.
Die Ansage des Zugbegleiters unterbricht Kari, sie erreichen ihren ersten Zwischenstopp. Sie lĂ€sst ihr Buch sinken, die Unruhe der ausstiegsbereiten Passagiere lenkt sie zu sehr ab. Beim Beobachten der allgemeinen Zusammenpackerei, erblickt sie den Ă€lteren Herrn aus der Bahnhofshalle zwei Sitzreihen weiter, ihr schrĂ€g gegenĂŒber. Er hat den Hut abgelegt, sein weißes Haar ist zu sehen. Seine Augen sind geschlossen, er sieht völlig entspannt aus. Und doch scheint er nicht zu schlafen. Wieder dieses Orten. ‚Als wĂŒrde er seine Umwelt mit den Ohren betrachten‘, geht es Kari durch den Kopf. ‚Vielleicht hat er ein so feines Gehör, dass sich daraus die VorgĂ€nge in seinem Kopf abbilden und er auf diese Weise seine Umwelt wahrnimmt? Ist es das, was der Ă€ltere Herr gerade erlebt?‘

Sie bemerkt, dass sie angeschaut wird. Der Buchmann mustert sie, wĂ€hrend sie den Ă€lteren Herrn beobachtet. Soll sie seinem Blick begegnen? Oder ausweichen und ohne Umwege wieder in ihrem Buch verschwinden? Sie spĂŒrt nach, wie gut es sich anfĂŒhlt betrachtet zu werden und verweilt noch ein wenig bei dem Ă€lteren Herrn, um das zu genießen. Schließlich, sie will diesen nahen Moment nicht ĂŒberstrapazieren, lĂ€sst sie den direkten Augenkontakt aus, streift jedoch sein Buch und versucht zu erkennen, wo er sich gerade befindet. Er ist einige Seiten weiter als sie, schĂ€tzungsweise bei der vierten Geschichte. Sie lĂ€chelt kurz, weiß, dass er das gesehen hat. Jetzt den Blick nicht zu heben, um zu sehen wie er reagiert, kostet sie viel Disziplin, aber es schenkt ihr eine gewaltige Unruhe unterhalb der Magengegend. Vermutlich geht es dem Aktmodell Ă€hnlich.

Kari legt ihr Buch auf den Tisch und begleitet den Maler weiter. Er hat inzwischen seinen Pinsel abgelegt. Das Aktmodell reagiert mit einer VerĂ€nderung ihrer Pose. Nun ist es ihr möglich ihn direkt anzuschauen und seine Reaktion zu verfolgen. Es ist beiden klar, dass sich der rĂ€umliche Abstand zwischen ihnen nicht verĂ€ndern wird. Das Modell hat sich jedoch Bewegungsfreiheit verschafft und der Maler ist zum Zuschauer geworden. Sie beginnt sich offenherzig zu zeigen und selbst zu berĂŒhren. Sie streicht ĂŒber ihren Busen und spielt mit ihren Knospen. Kari merkt, dass sich ihre eigenen aufrichten. ‚Zum GlĂŒck habe ich einen Pulli drĂŒber‘, denkt sie, indem sie prĂŒfend an sich runter schaut.
Als sie nach ihrem Kaffeebecher greift, fĂ€llt ihr Blick auf das Buch ihres GegenĂŒbers. Vorhin war er doch schon viel weiter!? Jetzt hat er das Buch flach auf den Tisch gelegt und sie erkennt, dass er auf derselben Seite ist. Ohne ihn direkt anzuschauen, kann sie wahrnehmen, dass er seinen Blick auf ihrem Buch ruhen lĂ€sst und wartet bis sie erkennt, was gerade geschieht. Kari hat es verstanden und zeigt das mit einem LĂ€cheln, damit dieses zarte, spannende Band, das sich zwischen ihnen spinnt, nicht mit einem direkten Blickkontakt gestört wird.
Mit dem Wissen, ab jetzt zu zweit zu lesen und zu empfinden, gesellt sie sich erneut zum Maler, der sich in der Betrachtung seines Aktes verliert. Die nackte Frau wiederum verliert sich in ihren Empfindungen und seinem Blick. Ihre Hand gleitet ĂŒber ihren weichen Bauch in ihren Schoß. Sie lĂ€sst die Beine weit auseinanderfallen und gibt den Anblick ihrer feuchten Lust frei. Ihre Hand sucht sich den Weg dorthin. Kari merkt, wie sehr sie sich mit den Gedanken auf ihre eigene Mitte konzentriert. Hat sich ihre Atmung hörbar verĂ€ndert? Sie lehnt sich zurĂŒck – das wĂ€re ihr irgendwie peinlich. Sie schaut zu dem Ă€lteren Herrn, er hat sein Ohr in ihre Richtung gedreht. Ertappt! Er hat sie geortet und ihre schneller werdende Atmung erkannt. Ob er ahnt warum sie schneller atmet? Was dahinter steckt? Sein Gesichtsausdruck ist so entspannt wie zuvor. Neugier, gespanntes Interesse könnte man darin sehen, wenn man wollte. Aber sicher ist sich Kari nicht. ZurĂŒck mit den Augen, zu sich an den Tisch, trifft sie auf den lesenden Buchmann. ‚Bleib dran, Kari, damit ihr zusammenbleiben könnt. Zusammenbleiben
? Egal!‘ Auf jeden Fall will sie wissen, wie es mit dem Maler und der Schönheit auf dem Podest weitergeht. Wird er sich doch noch von seinem Stuhl lösen und die Distanz zwischen ihnen ĂŒberwinden, um Erlösung zu finden?
NĂ€chste Seite. Ihr Lesepartner hat auch gerade umgeblĂ€ttert. Der Maler lĂ€sst weiter seinen Blick auf der Frau ruhen, die sichtbar ihre Lust lebt. Er schaut ihr zu, macht keine Anstalten sich ihr zu nĂ€hern, saugt lediglich alle EindrĂŒcke mit gesteigerter Erregung in sich auf. Seine Hand geht unbewusst an seinen Schritt, dorthin, wo sich die gesehenen Bilder versammeln und in seine GefĂŒhlswelt mitnehmen. Ohne sich gegenseitig zu berĂŒhren erleben der Maler und sein Aktmodell einen gemeinsamen Höhepunkt.
Kari kann ihre Atmung nicht wirklich kontrollieren, sie hat die beiden begleitet und spĂŒrt deren Erregung in jeder Faser ihres Körpers. Nur langsam beruhigt sich ihr Puls, ihr ist warm, das T-Shirt reibt, die Hose klebt. Der Ă€ltere Herr hat es gehört, da ist sie sich sicher. Sein Ohr hat sich nicht von ihr wegbewegt und sein Gesicht zeigt ein zufriedenes Erkennen. Ihr Lesepartner hat sein Buch auf den Tisch gelegt und schaut aus dem Fenster, verfolgt die dahinschwebende Landschaft. Er muss sich ebenfalls beruhigen. An seiner Brust sieht sie, dass er sich in die beiden hineinversetzen konnte - zu schnell hebt und senkt sie sich. ‚Wie es wohl unterm Tisch aussieht?‘, kommt es ihr in den Sinn. Neugierige, verschmitzte Röte treibt es ihr ins Gesicht. Sie lenkt ihren Blick ebenfalls aus dem Fenster. Gemeinsam hĂ€ngen sie der erlebten Lust und der vorbeieilenden Landschaft nach.
Kari schließt die Augen, spĂŒrt das Netzwerk, in dem sie sich gerade befindet. Ein lauschendes Ohr begleitet sie und ein lesendes GegenĂŒber empfindet mit ihr. Das Schaukeln des Zuges trĂ€gt sie alle gemeinsam durch Raum und Zeit. Die WĂ€rme, die Entspannung und das GefĂŒhl gut aufgehoben zu sein, nehmen sie mit in einen leichten Schlaf.

Die Lautsprecheransage weckt sie. Ihre Sitznachbarin lehnt sich ĂŒber sie und zieht ihren Mantel, wie zuvor, quer ĂŒber den Tisch. Der Buchmann hat ihren Becher vorsorglich in Sicherheit gebracht. Als er ihn zurĂŒckgibt, ist die BerĂŒhrung der Fingerspitzen nicht mehr von dieser ersten, ĂŒberraschenden Peinlichkeit begleitet. Ihr „Danke“ kann sie mit einem festen Blickkontakt und einem verschwörerischen Grinsen garnieren.
WĂ€hrend sie den letzten Schluck aus ihrem Becher trinkt, prĂŒft sie, ob der Ă€ltere Herr mit seinem Ohr bei ihr ist. Ja, er ist noch da, hat sich aber mit seiner Konzentration in eine andere Richtung gewendet. ‚Er erlebt wohl gerade den Aufbruch der Aussteigenden mit‘, versucht sie seine Haltung einzuordnen.
Als sie den Becher auf den Tisch zurĂŒckstellt, bemerkt sie, dass sich ihr Knie im Schlaf an das Bein ihres LesegefĂ€hrten angelehnt hat. Sie zieht es sofort weg, spĂŒrt die KĂŒhle, wo vorher die Verbindung zwischen ihnen war. Er wendet seinen Kopf, schaut sie kurz an. Liegt eine Frage in seinem Blick oder eine Aufforderung? Sie kann es nicht recht deuten. Er sagt nichts, lenkt seine Aufmerksamkeit auf das Buch in seiner Hand.
Unterdessen hat sich das Kommen und Gehen nach der Haltestelle wieder beruhigt. Der Zug schaukelt sie fahrplanmĂ€ĂŸig, unbeirrt durch die Weichen und Kurven des Bahnhofs hinaus aus der Stadt. In einer der heftigeren Bewegungen stĂ¶ĂŸt ihr Bein wieder gegen seines. Ihr Knie berĂŒhrt erneut seinen Oberschenkel. Er reagiert nicht darauf, also lĂ€sst sie es dort warm und weich liegen. Ihr Herz hĂŒpft, springt - Aufregung ist eine Untertreibung fĂŒr ihren Zustand. Hört der Ă€ltere Herr wieder zu? Ja, er ist mit seinem Ohr bei ihr und begleitet sie mit Interesse.
Durchatmen. Ein Blick auf das Buch ihres LesegefÀhrten bestÀtigt, dass sie richtig vermutet hat: er wartet, bis sie mit dem Lesen der zweiten Geschichte beginnt. Ihr Nicken gibt das Startzeichen, wobei sie zugeben muss, dass ihre Konzentration von den Worten im Buch weit entfernt ist. Sie hÀngt mit den Gedanken freischwebend zwischen einem beobachtenden Ohr, einem unsichtbaren Lesefaden zu ihrem GefÀhrten, ihrem Knie an seinem warmen Oberschenkel, wildem Herzklopfen und Buchstaben, die sie zwar sehen kann, jedoch unfÀhig ist einen Text daraus zu formen.

In dieser Geschichte handelt es sich um eine Paar, das sich nur in großen AbstĂ€nden sieht, mehr kann sie aus den ersten SĂ€tzen nicht filtern. Ihr Blick wandert zum Fenster. Sie kann beim besten Willen nicht lesen, erst muss sie sich beruhigen oder wenigstens auf eine Sache konzentrieren. Ihr Knie strahlt wie eine kleine Sonne unter dem Tisch. Sie leuchtet hinauf bis in ihren Schritt, bis in ihr Herz, taucht das Zugabteil in ein warmes Licht. ‚VerrĂŒckt, wie so ein bisschen Fremd-NĂ€he strahlen kann‘, rauscht es durch ihre GefĂŒhlsgedanken. Das Buch gegenĂŒber sinkt auf den Tisch. Sie spĂŒrt, wie sein Blick auf ihrem Gesicht ruht. ‚Es wird Zeit, dass ich ihn mir mal genauer anschaue‘, fordert sie sich auf und wendet ihren Kopf in seine Richtung. Nun, da sie auf einen Blickkontakt vorbereitet ist, kann sie ihn bewusst wahrnehmen. Etwas SpitzbĂŒbisches liegt in seinem Gesichtsausdruck, herausfordernd, keck. ‚Ein Abenteurer‘, geht es ihr durch den Kopf. Er hĂ€lt ihrem Blick stand, scheint ebenso in ihrem Gesicht lesen zu wollen, mit wem er es zu tun hat. Sie kann es zu ihrer eigenen Überraschung geschehen lassen, empfindet nicht den Drang etwas sagen zu mĂŒssen. Was auch? „Wer bist du?“ oder „Wie heißt du?“ Das ist unwichtig, vollkommen nebensĂ€chlich. Sie erleben eine Geschichte, fĂŒhlen parallel, jeder fĂŒr sich und doch gemeinsam. Über das Stadium mit den Namen sind sie schon hinaus. Das wĂŒrde sie in der Entwicklung ihres gemeinsamen Weges nur zurĂŒckwerfen. Ein GefĂŒhl, als wĂŒrde sie sich anlehnen können, breitet sich in ihrem Blickkontakt aus.

Ein „Die Fahrkarten bitte!“ unterbricht die Situation. Alle suchen ihre Karten, warten bis sie dran waren, finden sich wieder in ihren Sitzpositionen ein, zurĂŒck zu dem, wobei der Kontrolleur sie unterbrochen hat.
So auch bei ihnen. Karis Aufregung hat sich inzwischen gelegt, es ist Ruhe eingekehrt. Der Ă€ltere Herr kann es wahrnehmen, sein gespannter Gesichtsausdruck glĂ€ttet sich und er sinkt tiefer in seinen Sitz zurĂŒck, ohne sein Ohr von ihr zu nehmen.
In den Augen ihres GefÀhrten taucht erneut die Frage auf. Ja, jetzt ist sie so weit. Sie atmet tief durch, gibt ihrem Knie einen leichten Impuls und sie wenden sich der zweiten Geschichte zu.

Ein Paar trifft sich wenige Male im Jahr zu einem gemeinsamen Wochenende in einer abgelegenen BerghĂŒtte. Ein Treffpunkt, den sie seit Jahren pflegen und genießen. Er ist in einer festen Beziehung, sie lebt allein, viele Kilometer entfernt, und hat erwachsene Kinder. Beide empfinden diese Situation als angenehm: er, weil er damit ab und zu aus seiner Beziehungsroutine ausbricht, sie, weil sie sich im Alltag keinen Mann an ihrer Seite vorstellen kann, auf Beziehung jedoch nicht gĂ€nzlich verzichten will. Sehnsuchtsvoll erwartet sie seine Ankunft. Sie hat sich schön angezogen, so vorteilhaft, wie es ihre leicht ausufernde Figur zulĂ€sst. Nicht zu viel, damit es schnell und unkompliziert ausgezogen werden kann, aber doch so viel, dass sie im Fall der FĂ€lle nicht zu aufreizend wirkt. Nicht immer war seine Ankunft unkompliziert. An manchen Treffen hat es erstmal eine gemeinsame Mahlzeit und lange GesprĂ€che benötigt, um die NĂ€he wieder zu finden. Ein flatterndes Nichts ohne etwas darunter, war in diesen Situationen deutlich unpassend, das hatte sie gelernt. Jetzt aber, scheint es reibungslos zu laufen. Er kommt den Weg zur HĂŒtte hinauf, ein wenig außer Atem, leicht verschwitzt, stellt den Rucksack ab und nimmt sie ohne zu Zögern in die Arme, kĂŒsst sie innig und hat seine HĂ€nde ĂŒberall. EingehĂŒllt in seinen mĂ€nnlichen Duft, gehalten von seinen großen, starken HĂ€nden, gibt sie sich ihm hin, lĂ€sst sich von seiner Zunge erkunden, erkennt ihn am Geschmack und am vertrauten GefĂŒhl des Ineinanderpassens ihrer Körper wieder. Kein Wort wird gesprochen.
Kari muss durchatmen. Sie spĂŒrt wie sich der Druck am Knie, durch die Erregung erhöht hat, sieht die gespannte Haltung des Ă€lteren Herrn, der ihre Erregung ganz offensichtlich hört und wendet sich ihrem Lesepartner zu. Er lĂ€chelt.

Er lĂ€chelt, beugt sich nach vorne und legt seine Hand auf den Tisch mit dem HandrĂŒcken nach unten, als wolle er ihr etwas Unsichtbares anbieten. Es ist eindeutig zu erkennen: in seinen Augen liegt eine Aufforderung. Sie zögert. Hat sie ihn richtig verstanden? Was macht sie, wenn er es nicht so gemeint hat und sie die Grenze der zufĂ€lligen BerĂŒhrung ĂŒberschreitet? Aber wie anders kann sie sein Angebot deuten? Ein Seitenblick bestĂ€tigt, dass sie das Ohr in ihrer zweifelnden Erregung gespannt begleitet. Sie sucht noch einmal den Blick ihres GegenĂŒbers, vergewissert sich der Aufforderung und legt mutig ihre Hand in die Seine. Er dankt es ihr mit einem kurzen Lidschluss und scheint sofort fĂŒr die weitere LektĂŒre bereit zu sein.
Sie hingegen verarbeitet erst das GefĂŒhl, das sich in ihr ausbreitet. Eine große starke Hand umfasst ihre zierlichen, schmalen Finger. Trocken aber warm ist seine Haut, fest fĂŒhlt sie sich an, sehr angenehm. ‚Daran könnte ich mich gewöhnen‘, schießt es ihr durch den Kopf. Die SonnenwĂ€rme unter dem Tisch verbindet sich mit der WĂ€rme, die in ihre Hand strömt. Als wĂŒrde sich ein Kreis schließen, sie umfangen und einhĂŒllen. Sie schließt die Augen, genießt was sich in ihr ereignet.
Ein leichter Druck an der Hand erinnert sie daran, dass er offensichtlich weiterlesen möchte, um zu erfahren, wie es auf der HĂŒtte weitergeht. Hand in Hand lesen sie.

Der Mann in den Bergen trĂ€gt seine Geliebte in die HĂŒtte. Der Sonnenuntergang leuchtet ihnen den Weg ins Schlafzimmer. Sie ignorieren den gedeckten Tisch und lassen das Vorspiel aus. Wild und rasant wirbeln sie ineinander und leben ihre aufgestauten SehnsĂŒchte.
Kari spĂŒrt an der Stelle, an der der Höhepunkt des Mannes beschrieben wird, einen verstĂ€rkten Druck an der Hand. Ob sie in ihrer Erregung auch ein Signal an ihn gesendet hat? Sie weiß es nicht. Jedenfalls endet die Geschichte noch bevor die beiden das Bett fĂŒr ihre erste Mahlzeit verlassen und ein einziges Wort miteinander gesprochen haben.
Soll sie jetzt seine Hand loslassen, nur, weil die Geschichte zu Ende ist? Kari verspĂŒrt kein BedĂŒrfnis danach. Sie merkt nur, dass sie beide feuchte HĂ€nde bekommen haben. So feucht, wie sie es an einer anderen Stelle ist. Und er? Sie schaut auf und trifft einen fröhlichen, offenen Blick, der sie munter angrinst. Auch der Ă€ltere Herr lĂ€chelt jetzt. Hat er die Szene mit den Augen beobachtet oder sich tatsĂ€chlich nur mit seinem Ohr daran beteiligt? Sie kann es nicht sagen, letztlich ist es unwichtig.
„Wir mĂŒssen
“, sagt ihr GegenĂŒber. Die Ansage fĂŒr die Endstation hat sie ĂŒberhört. Er drĂŒckt noch einmal ihre Hand, zwinkert ihr zu, packt sein Buch in die Tasche, zieht sich an und geht Richtung Ausgang, ohne noch einmal zurĂŒckzublicken.
Sie bleibt sitzen, spĂŒrt der strahlenden Stelle am Knie und der feuchten WĂ€rme in ihrer Hand nach. Um der Freundin einigermaßen geordnet entgegenzutreten, muss sie sich noch ein wenig sammeln. Der Zug hat inzwischen angehalten und am Fenster kann sie ihren LesegefĂ€hrten beschwingt vorbeilaufen sehen. Sie rappelt sich schließlich auf, nimmt ihren Rucksack aus dem oberen Fach und stopft mit einem LĂ€cheln den leeren Kaffeebecher hinein. Wenn er nicht gewesen wĂ€re, wer weiß, ob sie sich dann das Buch vom Stapel genommen hĂ€tte?
Am Bahnsteig schließt ihre Freundin sie fröhlich in die Arme. „Na, wie war die Fahrt?“, plaudert sie ihr entgegen. Was soll sie antworten? Wortlos war sie, aufregend, ĂŒberwĂ€ltigend, verwirrend und ĂŒber alle Maßen erregend. Nein, das wird sie ihr nicht hier und nicht jetzt erzĂ€hlen können. SpĂ€ter vielleicht.
Auf dem Weg zum Ausgang gehen sie an dem Àlteren Herrn vorbei, der seinen Hut zieht und ihr freundlich zunickt.


__________________
Carpe diem!

Version vom 24. 04. 2016 11:43
Version vom 02. 05. 2016 00:22
Version vom 17. 05. 2016 22:01

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Susi M. Paul
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Liebe Aina, deine Geschichte ist toll. Allerdings gilt fĂŒr sie was, ich glaube Jo wars, ĂŒber die andere gesagt hat. Es gibt LĂ€ngen. Und da ich nicht glaube, dass du auf den Mann mit dem Hut verzichten wĂŒrdest, mĂŒsste man das Streichen und KĂŒrzen vorsichtiger angehen. Eigentlich hĂ€tte ich so richtig Lust, gerade diese Story durchzulektorieren. Hab ich noch nie gemacht, aber hier kribbelt es mir in den Fingern. Wenn ich mal viel Zeit hab, mach ich's, versprochen. Und danke schonmal.

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Susi M. Paul
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Liebe Aina. Was hier folgt, ist der versprochene KĂŒrzungs- bzw. Straffungsvorschlag, mit Betonung auf Vorschlag. Wie gesagt, die Geschichte selbst finde ich Klasse, auch deine Schreibe, bloß fand ich es persönlich am Anfang etwas langatmig. Leider habe ich noch immer keine Zeit gefunden, die ganze Geschichte durchzugehen. Und technisch habe ich auch Probleme, also hab ich es so gemacht, dass ich die ersten AbsĂ€tze rauskopiert und in einer Textdatei bearbeitet habe. Die Änderungen sind leider nicht zu sehen.

"Es ist Freitagnachmittag. Kari hat die Arbeitswoche in der Bibliothek hinter sich und will ihre Freundin besuchen. Sie freut sich auf die Zugfahrt.
Der Bahnhof gleicht einem betriebsamen Bienenstock. Die Menschen bewegen (schieben) sich /eilen/ rennen durch die Halle, an die ImbissstĂ€nde, zu den Gleisen und ZĂŒgen. Kakophonischer LĂ€rm (hĂŒllt sie ein; prasselt auf sie herab, oder am besten gar kein Verb): hallende Lautsprecheransagen, ratternde Rollkoffer, Stimmengewirr, das Zischen der ZĂŒge und Quietschen der Bremsen. Doch jeder Weg und jedes GerĂ€usch erzĂ€hlt eine Geschichte.
Kari schlendert durch die Halle, in der Hand ihren metallenen Kaffeebecher und auf dem RĂŒcken den kleinen braunen Rucksack fĂŒr das Wochenende. Vor Tagen schon hatte sie sich sorgfĂ€ltig zwei BĂŒcher ausgesucht. Eines fĂŒr die Hin- und eines fĂŒr die RĂŒckfahrt. Das dritte Buch hatte sie in letzter Minute auf dem RĂŒckgabewagen liegen sehen und es oben drauf gepackt, wĂ€hrend ihre Kollegin den Kaffeebecher auffĂŒllte. Mit einem Grinsen hatte sie ihr zugezwinkert: „Diese BĂŒcher sollten einen neutraleren Einband bekommen, damit man sie auch unterwegs lesen kann.“ Kari hatte nur genickt und sich fĂŒr den Kaffee bedankt. Was kĂŒmmerte sie schon die Kollegin, die sich ihre Romane danach aussuchte, ob der Einband zur Umgebung passte? Das Buch muss der Leserin und ihren BedĂŒrfnissen entgegenkommen. Nicht mehr und nicht weniger.
Kari hat noch einige Minuten und beobachtet die quirlige AtmosphĂ€re des An- und Abreisens. Dabei stolpert sie ĂŒber den Anblick eines Mannes (das Bild ist ein bisschen schief, so gewollt?, oder nicht doch besser einfach: Dabei nimmt sie einen Mann wahr), der mitten in der Halle steht. Kari hĂ€lt abrupt inne, zu ĂŒberraschend ist der Anblick. Der Mann wirkt in der bewegten Ordnung wie ein störendes Element. Es ist ein Ă€lterer Herr mit Hut und einem halblangen, dunklen Mantel. Eine stattliche Erscheinung, aber fĂŒr das ihn umgebende, schwingende Geflecht ein Hindernis. Menschen mĂŒssen ihre Wege plötzlich Ă€ndern, schauen sich irritiert um, ermahnen ihr Kind, nicht stehen zu bleiben, wĂ€hrend es zurĂŒckschaut.
Kari hat niemanden, der sie an der Hand weiterzieht und sie tadelt. Sie bleibt stehen und betrachtet das Ungewöhnliche dieser Szene nĂ€her. Im ersten Moment ist es ihr nicht aufgefallen: Der Mann hat die Augen geschlossen. Sie fĂŒhlt sich ertappt: ‚Oh Mist, ich stehe hier und starre einen blinden Mann an, der sich nicht auskennt oder auf Hilfe wartet! Wie peinlich!‘. Trotzdem beobachtet sie ihn weiter. Benötigt er ihre Hilfe? Ist er ĂŒberhaupt blind? Nichts deutet darauf hin. Ein prĂŒfender Blick auf die große Uhr. Ein paar Augenblicke bleiben ihr noch, diese Szene zu entschlĂŒsseln. Der Mann steht, scheinbar regungslos, in der Halle und wirkt, als sei er zufrieden. Ganz leicht dreht er seinen Kopf hin und her. Ein Suchen oder Orten? Nicht wirklich sichtbar fĂŒr die vorbeieilende Menge. Doch der Hut verrĂ€t diese Bewegung.
JĂ€h werden Kari und der Herr mit dem Hut unterbrochen. Ein unachtsamer Passant rempelt ihn mit seiner Reisetasche an. Er schlĂ€gt seine Augen auf und schaut sich um. ‚Er hĂ€tte unwirsch reagieren können‘, denkt sie. ‚Oder zumindest erschrocken.‘ Aber nein, er lĂ€chelt dem unvorsichtigen Reisenden mit einem angedeuteten Griff an den Hut und einem kurzen Nicken entschuldigend hinterher. ‚Ungewöhnlich!‘, geht es ihr durch den Kopf. Ein GefĂŒhl des BerĂŒhrtseins bleibt ihr. Hier ist einer, der sich nicht darum schert, was um ihn herum geschieht, sondern das tut, wonach ihm ist, der nicht unterwĂŒrfig, sondern höflich und wĂŒrdevoll reagiert. Bemerkenswert.
Sie verliert den Ă€lteren Mann aus den Augen, denn die unerbittliche Uhr ermahnt sie, sich auf den Weg zum Gleis zu machen. Ein paar Minuten hat sie dort noch, um ihre potentiellen Mitreisenden in Augenschein zu nehmen. Die grauen Herren der Bahnhöfe, zwischen 30 und 55, dunkler Anzug, perfekter Kurzhaarschnitt, ernster Gesichtsausdruck, völlig uninteressiert an der Außenwelt, aber unheimlich wichtig fĂŒr die Welt im stets bereiten Handy. Dazwischen eine Ă€ltere Dame, die sich verkrampft an ihrer Handtasche festhĂ€lt und nervös den Blick zwischen ihren Papieren und der Digitalanzeige hin- und herschickt. Sie gehört zu den weniger routinierten Bahnfahrerinnen. Ihre vielen GepĂ€ckstĂŒcke hat sie wie eine kleine Festung um sich herum versammelt. Vermutlich ist sie so aufgeregt, weil sie noch jemanden finden muss, der ihr hilft, das Ergebnis ihres exzessiven Packrauschs in den Zug zu bugsieren. ‚Bei den grauen Herren wirst du keine Hilfe bekommen‘, denkt sich Kari.
An dem Mann mit dem Buch in der Hand bleibt ihr Blick hĂ€ngen. Er ist so vertieft, dass er nicht merkt, wie ihm sein Schal fast vom Hals rutscht. Zwischen seinen FĂŒĂŸen steht eine ausgebeulte Ledertasche, die aussieht, als hĂ€tte sie schon ein langes Arbeitsleben hinter sich, vielleicht sogar ein lĂ€ngeres als ihr Besitzer. Was er wohl liest? Um das zu erkennen, mĂŒsste Kari sich ihm nĂ€hern.
Der Zug fĂ€hrt ein, alles gerĂ€t in Bewegung. Die Reisenden bĂŒcken sich nach ihren Taschen und Koffern, vergewissern sich, dass sie alles dabeihaben, bahnen sich den Weg zur WagentĂŒr. Die Ă€ltere Dame schaut hilfesuchend hinter ihrer Festung hervor und trifft nun, da sich der Wald der grauen Herren lichtet, auf Karis Blick. Sie hatte es geahnt, keiner der AnzugtrĂ€ger hat sich bemĂŒht. Also ist es an ihr, der Dame behilflich zu sein. ‚Zum GlĂŒck habe ich einen Platz reserviert und muss mich nicht ins GetĂŒmmel werfen, um noch eine Sitzgelegenheit zu ergattern‘. Sie greift nach einer großen PapiertĂŒte, einer Ledertasche und zwei Stofftaschen. Der Kaffeebecher muss draußen auf der Bank warten. Die Dame passt auf ihn auf, wĂ€hrend Kari sich im Gang der ersten GepĂ€ckstĂŒcke entledigt und anschließend beide gemeinsam die restlichen Koffer und Taschen in den Zug hieven.
Kari findet ihren reservierten Platz an einem Vierertisch in der Mitte des Waggons. Sie hÀngt ihre Jacke auf und schaut noch einmal hinaus. Ach, der Kaffeebecher! Aber die Bank ist leer!"

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