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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Kaiser
Eingestellt am 09. 12. 2001 14:14


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Vadeviesco
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2001

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Es war ein gro├čer Tag. Die Garde w├╝rde heute den Kaiser in einem Triumphzug durch die Stadt geleiten. Der Kaiser selbst war es, der die Mitglieder seiner Garde ausw├Ąhlte. Und sie waren es, die sein Leben zu besch├╝tzen hatten. Einmal im Jahr hatte die Garde ihren gr├Â├čten und schwierigsten Tag; sie mu├čte den Kaiser auf seinem Triumphzug durch die Hauptstadt geleiten. Das war Tradition, obwohl dieser Kaiser schon lange nichts mehr f├╝r das Volk erreicht hatte, wor├╝ber er h├Ątte triumphieren k├Ânnen. Dennoch, die Tradition wurde aufrechterhalten. Vielleicht glaubte man, wenn es schon keinen Triumph mehr zu feiern gab, dann wenigstens die Erinnerung daran. Der Kaiser war alt. Er hatte wenig bewegt in seinem Amt, denn er verstand es nicht, die Staatsgesch├Ąfte zu leiten. Und der Kaiser war grausam, denn er liebte es, Menschen zu verletzen. Er lie├č sein Volk nicht wirklich erbarmungslos leiden, dennoch: er mochte es auch nicht und das Volk respektierte zwar den Kaiser, dennoch lieben, lieben tat es seinen Kaiser nicht.
Der Bauer hatte bereits zwei S├Âhne an den Kaiser verloren. Der Kaiser hatte Krieg im Norden gef├╝hrt. Die Armee des Kaisers war in eine aussichtslose Situation geraten, doch der Kaiser wollte, da├č die M├Ąnner weiter k├Ąmpfen sollten. Und alle mu├čten sterben. So auch die S├Âhne des Bauern. Ein weiterer Sohn, der J├╝ngste, war im letzten Winter gestorben. Er war schwer krank gewesen und der Bauer hatte ihm keine Medikamente kaufen k├Ânnen; die Steuern des Kaisers waren zu hoch. Fast k├Ânnte man sagen, der Bauer habe sogar drei S├Âhne an den Kaiser verloren, so wie viele andere V├Ąter auch.
Ein vierter Sohn des Bauern war in der kaiserlichen Garde. Und so besuchten der Bauer und seine Frau an diesem Tag den Triumphzug in der Hauptstadt um ihren Sohn zu sehen, wie er den Kaiser besch├╝tzte, wie er n├Ąher an dem Menschen sein w├╝rde, der die Geschicke und Schicksale dieses Landes bestimmte, als jeder andere Mensch.
Der Bauer und seine Frau standen in der Menge, welche die Stra├če s├Ąumte und auf den Wagen des Kaisers wartete. Es schien Stunden zu dauern, bis all die Waffentr├Ąger, Akrobaten und Darsteller vorbeigezogen waren, welche die baldige Ankunft des Kaisers mit seinem Streitwagen ank├╝ndigten. Dann war es soweit: der Kaiser und seine Garde zogen am Bauern und seiner Frau vorbei und er konnte seinen Sohn sehen, wie er stolz und pr├Ąchtig in der Uniform der Garde neben dem Wagen des Kaisers schritt. Und auf dem Wagen sa├č der Kaiser in goldenen Gew├Ąndern mit einem goldenen Szepter in der Hand. Er winkte seinen Untertanen, doch seine Augen waren leer. Mochte er noch am Leben sein, seine Seele hatte bereits keinen Funken des Feuers mehr in sich, das die Tatkraft eines Menschen ausmacht.
Eine kleine Gruppe M├Ąnner n├Ąherte sich schnell dem Wagen des Kaisers. Sie zogen ihre Waffen so schnell, wie sie aufgetaucht waren und versuchten die Garde zu ├╝berwinden, um den Kaiser zu t├Âten. Der Bauer und seine Frau erfa├čte das Entsetzen. Wieder w├╝rde einer ihrer S├Âhne f├╝r den Kaiser k├Ąmpfen m├╝ssen. Direkt vor ihren Augen. Die Menschen stoben auseinander.
├ťbrig blieb in der Mitte der Stra├če ein Kl├╝ngel aus Gardesoldaten und Angreifern. Ein Angreifer schrie, der Kaiser solle, Nein!, er m├╝sse sterben, um den Menschen die Freiheit zu geben. Es dauerte lange, bis die Garde fast alle Angreifer geschlagen hatte. Lediglich einem war es gelungen, sich dem Kaiser zu n├Ąhern. Der Angreifer holte mit dem Schwert aus, um den Kaiser zu t├Âten. Dieser war wehrlos; er hatte keine Waffen. Der Kaiser selbst schien sich in sein Schicksal ergeben zu haben. Er senkte den Kopf, um den Hieb nicht sehen zu m├╝ssen. Doch der Sohn des Bauern warf sich zwischen Kaiser und Angreifer. Und anstatt den Kaiser zu t├Âten, hieb der Angreifer sein Schwert mitten in den K├Ârper des Gardesoldaten. Der Sohn des Bauern fiel zu Boden. Nichts w├╝rde sein Leben mehr retten k├Ânnen. Schnell brachte man den Kaiser in Sicherheit. Der Angreifer wurde an Ort und Stelle get├Âtet. Auf der Stra├če begann ein wildes Durcheinander. Der Bauer lief zu seinem Sohn. Seine Frau folgte ihm. ├ťber dem Jungen brachen beide weinend zusammen. Sie wu├čten wohl, was sein Schicksal war.
ÔÇ×Warum hast du das getan?ÔÇť fragte die Mutter des Jungen. ÔÇ×Er ist ein schlechter Mensch, ein kraftloser Kaiser. Er wird ohnehin bald sterben.ÔÇť
M├╝hsam begann der Sohn zu sprechen: ÔÇ×Ich habe dem Kaiser mein Wort gegeben. Ich mu├č ihn besch├╝tzen. Es ist v├Âllig egal, ob er ein guter oder schlechter Mensch ist. Er ist der Kaiser. Und der Kaiser, das sind wir alle. Lassen wir ihn fallen, geben wir uns und unser Land auf. Der Kaiser mu├č besch├╝tzt werden. Verzeiht mir, verzeiht mir, bitte!ÔÇť
Der Junge umarmte seine Eltern und wenig sp├Ąter starb er auf dem Scho├č seiner Mutter. Der Kaiser w├╝rde den Bauern und seine Frau reich beschenken, denn ihr Sohn war ein Held geworden. Er hatte den Kaiser gerettet. Er hatte das Land besch├╝tzt, die Ehre gewahrt.
Der Bauer und seine Frau waren nun gemachte Leute und sie wurden ├╝berall geachtet, sogar geehrt. Dennoch, das konnte sie nicht tr├Âsten; dazu war der Preis zu hoch.
Der Kaiser lebte kein halbes Jahr mehr. Sein Sohn, der nach ihm Kaiser wurde, f├╝hrte ebenfalls viele Kriege. Er war seinem Vater ├Ąhnlich. Und er konnte tun, was er wollte, denn seine Garde sch├╝tzte ihn. Schlie├člich war er der Kaiser.

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