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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Kandidat
Eingestellt am 24. 07. 2008 00:56


Autor
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tocotomic
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2003

Werke: 11
Kommentare: 14
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Du denkst, du h├Ąttest es im Fernsehen gesehen.
Du bildest dir ein, davon getr├Ąumt zu haben.
Die normalen, allt├Ąglichen Dinge die dir widerfahren, sind so nichtig, da├č du sie dir nie merkst.
Die paar gro├čen Augenblicke, die du hattest, vermischen sich im nachhinein mit Fernseherinnerungen.
Du wei├čt nicht mehr genau, ob du vor einem Monat mit dieser tollen Frau geschlafen hast, oder der junge Assistenzarzt aus Emergency Room.
Oder Roseanne.
Oder ALF.
Das eigene, wirklich Gro├če Kino, die pers├Ânlichen Mega-Blockbuster-Film-Filme...
Kein gutes Thema f├╝r ein Assoziationsspielchen.
Deine Geburt !
Ja, das war eigentlich klasse!
Obwohl der Ton schlecht war.

Deine pers├Ânliche Befriedigung ist es, gegen 8 Uhr Hausfrauen beim Verlieren hoher Betr├Ąge zu betrachten.
Oberstudienr├Ąte zu beobachten, die sich f├╝r das falsche Tor entscheiden.
Dich ├╝ber Leute lustig zu machen, die vollkommen sinnlose Aufgaben nicht erf├╝llen k├Ânnen, rohe Eier zermalmen, anstatt mit einem Traktor dar├╝ber zu fahren.
Die Kollegen im B├╝ro m├Âgen dich nicht, weil du noch am Donnerstag davon erz├Ąhlst, wie sich jemand am Samstag l├Ącherlich gemacht hat.

" Noch ca.5 Minuten ! Kandidat 3, Stichwort: Oberhausen. Einmarsch nicht verpatzen. Bei " Oberhausen" zum Tor, beim Jingle rausgehen. Direkt zum Moderator, wie in der Probe. Nicht zu viel Winken, niemanden gr├╝├čen, den Moderator nicht ber├╝hren. Noch 4 Minuten!"

Dann f├Ąllt dir wieder ein, da├č n├Ąchsten Montag alle ├╝ber dich lachen werden, wenn du dich nicht anstrengst, wenn du nicht Wettk├Ânig wirst, wenn du dem Nationaltorh├╝ter zu lange die Hand sch├╝ttelst oder der Moderator dich l├Ącherlich macht.
Oder du ihn.
Die d├╝mmste Idee, die du jemals in deinem Leben hattest.
Und das ganze live aus der Mehrzweckhalle in Kiel.
Und dir kommt es vor, als w├╝rde dein Leben davon abh├Ąngen.
Noch 3 Minuten.

Du siehst dich um, musterst die anderen Kandidaten, die nach dir dran kommen.
Ein Blinder, der Biermarken, an dem Ger├Ąusch beim ├ľffnen erkennt.
Ein Zehnj├Ąhriger, der s├Ąmtliche Pokemon-Folgen nach 5 Sekunden Ausschnitten erkennt und den Episodennamen nennt.
Inklusive Erstausstrahlungsdatum.
Harte Konkurrenz.
Wenn du doch wenigstens einen Hund dabei h├Ąttest.
Du nimmst dir vor, beim Einzug zu humpeln, zu hoffen, da├č dich der Moderator darauf anspricht, es auf einen Geburtsfehler zur├╝ck zu f├╝hren.
Das mag makaber sein.
Habe ich etwas anderes behauptet?
Aber so funktioniert Fernsehen, das wei├čt du aus Erfahrung.
2 Minuten.

Ein letztes Glas Leitungswasser.
Die Kohlens├Ąure im Mineralwasser k├Ânnte dazu f├╝hren, da├č du aufsto├čen mu├čt.
In dem Moment, in dem der Moderator dich etwas fragt, dir das Mikrophon vor dein Gesicht h├Ąlt.
" Was machen sie beruflich ?"
" B├Â├Ârp!"
Das w├╝rde dich dein ganzes Leben lang verfolgen.
Dar├╝ber w├╝rde sich sogar noch der Pfarrer bei deiner Grabrede lustig machen.
Der Blinde kommt auf dich zu und reicht dir die Hand.
" M├Âge der Bessere gewinnen."
" M├Âge der Beintr├Ąchtigtere gewinnen", denkst du dir.
Niemand w├╝rde so etwas laut aussprechen.
Mach dir keine Vorw├╝rfe !

Noch 10 Sekunden.
Kragen zurecht r├╝cken.
8
Ein letztes Mal am Rei├čverschlu├č kratzen.
7
Ein Blick in den Spiegel verr├Ąt dir, da├č du nie im Leben besser aussahst.
6
5
4
".... aus Oberhausen"
3
Du gehst zum Tor.
2
Der Jingle setzt ein.
Dein Auftritt.
Und das Schicksal zeigt dir, was es wirklich von dir h├Ąlt.

Du ger├Ątst in dem Moment ins Stolpern, als du dir beim Einmarsch nicht mehr sicher bist, mit welchem Bein du hinken wolltest.
Du f├Ąllst.
Du ├╝berschl├Ągst dich.
Du landest auf dem Bauch.
Das sieht komischer aus, als es ist.
Der Nationaltorh├╝ter ist sofort bei dir.
Hilft dir auf. Klopft dir auf die Schulter. Es wird alles gut.
Nach einer halben Minute bittet er dich, doch jetzt seine Hand wieder loszulassen.
Sein Applaus.

Die n├Ąchsten Minuten wie in Trance.
Der Moderator faselt etwas.
Pl├Âtzlich h├Ârst du wieder, was er sagt, wie ein Signal, deutlicher als das " Oberhausen" hinter der B├╝hne.
".... behauptet also: Wetten da├č, ich es schaffe, 10 Frauen aus meiner Heimatstadt am Geruch ihrer Stiefel zu erkennen!"
Dein Puls steigt.
Das war nicht vereinbart.
Das willst du gar nicht k├Ânnen.
So etwas darf man nicht k├Ânnen.
Du ├╝berlegst dir einen R├╝ckzieher zu machen.
Keine Chance, wenn du hier als Wettk├Ânig rausgehen willst.
Der Nationaltorh├╝ter meint da├č du es nicht schaffst, als Wetteinsatz bietet er einen hei├čen Quickie mit dir, hier vor der Kamera.
W├Ąhrend die Assistentin eine Schutzbrille in Form zweier Br├╝ste bringt, ├╝berlegst du dir, da├č die einzige Chance hier einigerma├čen unbeschadet rauszukommen, die ist, absolut zu versagen.
" Das war ein falsches Spiel, das war nicht vereinbart", k├Ânntest du dich bei deinen Kollegen entschuldigen " eigentlich wollte ich s├Ąmtliche Adorno-Werke am ersten Satz erkennen, die haben mich verarscht!"
Ein genialer Plan.
Die Assistentin setzt dir die Brille auf.
" Topp, die Wette gilt !"

Du h├Ârst 10 Paar Stiefel, die eine Treppe runter auf dich zu kommen.
Du h├Ârst 10 F├╝├če, die sich klackend vor dir auf ein Podest stellen.
Du riechst Martina Wollscheid, Gartenstr.12.
Du riechst Angela Mantner, Max-Born. 47
Du riechst Susanne Meier.
Du riechst Andrea, du riechst Lisa, du riechst Julia.
Du riechst sie alle, brauchst nicht mal 1 Minute.
Du kannst einfach nicht anders.

Nach der gewonnen Wette erkl├Ąrst du dem Moderator und dem l├╝stern blickenden Nationaltorh├╝ter deinen Trick.
Spr├╝h Eisspray auf ein Schlo├č. Zertr├╝mmere es mit einem Eispickel.
Bei unabgesperrten Altbaut├╝ren helfen Kreditkarten.
Kleiderb├╝gel helfen bei gekippten Balkont├╝ren.
Wenn man wo hinein m├Âchte, wenn man gerne an Frauenstiefeln riecht, gibt es keine Grenzen.
Der Moderator komplimentiert dich von der B├╝hne, vertr├Âstet den Nationaltorh├╝ter, der schon seinen G├╝rtel gelockert hat, auf sp├Ąter.
Du gehst hinter die B├╝hne, winkst der gr├Âlenden Menge zu, f├Ąngst wieder an zu humpeln.
Scham kennst du schon nicht mehr.
Dein Auftritt war einfach zu lang.

Der gro├če Moment.
Der Blinde hat versagt.
Der Junge war zu aufm├╝pfig.
Der Moderator wartet auf das TED-Ergebnis.
Und da ist es schon.
Der Blinde gewinnt, mit kurzem Abstand vor dem kleinen Jungen.
Du kriegst nur eine Stimme.
Eine alte Frau, die behauptet so etwas Entsetzliches noch nie gesehen zu haben.
Der Moderator erz├Ąhlt noch, da├č die alte Frau auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben ist.
Es gibt eine Trauerminute.
Dann singt der Verkehrsminister " An der Nordseek├╝ste".
Dann kommt der Nationaltorh├╝ter mit runter gelassenen Hosen auf dich zu.
Dann wachst du auf.
Schwei├čnass.
Du gehst in die K├╝che und willst dir einen Kaffee machen. Da keiner da ist, machst du dir eine Dose Cola auf. W├Ąhrend du da stehst und trinkst, liest du aus Mangel an Alternativen die Inhaltsstoffe.

Antioxidationsmittel: Ascorbins├Ąure

Jetzt kannst du dir wenigstens sicher sein, nicht mehr innerlich zu oxidieren. Man kann nie wissen. Was f├╝r ein Traum! Du siehst aus dem Fenster auf den Balkon deiner Nachbarin. Als sie dich bemerkt, geht sie wieder rein und l├Ą├čt die Jalousien runter. Was f├╝r ein Traum ! Ungeduscht gehst du arbeiten.

Die Busfahrerin wartet mit dem losfahren genau bis du an der hinteren T├╝r bist.
Die jungen Studentinnen wechseln das Abteil als du einsteigst.
Die Kollegen im B├╝ro grinsen dich verschw├Ârerisch an.
Die Kolleginnen nicht.
Die Chefin bestellt dich zu ihr, erz├Ąhlt etwas von untragbar, von einer Abfindung, wenn du selber fristlos k├╝ndigen w├╝rdest.
Sie erz├Ąhlt etwas von ihrem Onkel, von der Therapie, die ihm so half.
Die Polizistin fragt den B├╝roboten, wo sie dich finden k├Ânnte.
Die Auszubildende zeigt auf dich, in dem Moment als du konsterniert das B├╝ro verl├Ą├čt.
" Da! Da ist das Schwein!"

Du denkst wohl, du h├Ąttest es im Fernsehen gesehen!
Du bildest dir wohl ein, davon getr├Ąumt zu haben!

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