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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Kapuzenmann
Eingestellt am 05. 12. 2012 05:40


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disul
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2006

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Der Kapuzenmann


Es musste kurz nach sechs sein, als ich, da noch kaum Autos vorfuhren, auf meinem Stuhl im Tankstellenshop auf Kundschaft wartete und mir Gedanken ĂŒber Gott und die Welt machte. Über meine Oma, die bei einem Sturz ihren Oberschenkelhals gebrochen, ĂŒber den Ausgang der letzten Kurzgeschichte, die ich gelesen habe, und der mir so absolut nicht gefiel, ĂŒber die Krise in meinem Land. Alles Mögliche schwirrte durch meinen Kopf. Auch ĂŒber meine Semesterarbeit machte ich mir meine Gedanken.

Es war, wÀhrend ich mich dem Sinnieren hingab, schon halb sieben geworden. Ein weisser Wagen hielt an der dritten ZapfsÀule an.
Die Nacht machte bereits der MorgendĂ€mmerung Platz. Die Sonne war noch nicht zu sehen, aber die FĂ€rbung des Himmels hinter den Bergspitzen liess ihr Erwachen erahnen. Nebel wallte aus dem Tale hoch. Auf den nahegelegenen Höfen krĂ€hten die HĂ€hne um die Wette und Hunde bellten. Das Rauschen des Baches war noch zu hören. Erst, wenn der Verkehr auf der Autostrasse zunahm, ging es im LĂ€rm der Motoren unter. Der Geruch von Diesel und Benzin mischte sich mit dem von Rauch aus den Kaminen. Es war schon nötig, zu heizen, denn hier, gegen die Passhöhe zu, wurde es nun auch schon tagsĂŒber empfindlich kĂŒhl. Nein, dieser Schluss war wirklich daneben. Ein Heiratsantrag kann unmöglich in einem Kanalisationsschacht einer Stadt erfolgen. Da mĂŒssen zumindest ein Sonnenuntergang, ein Kerzendinner oder eine SkihĂŒtte her.

Aus dem weissen Wagen stieg eine schwarze, vermummte Gestalt.
Ich erhob mich von meinem Stuhl und schritt auf den Wagen zu. Die nachtfarbene Kapuze des Kunden verdeckte sein Gesicht und mir kroch ein Schauer den Nacken hoch. Ich begann zu zittern, und dies nicht nur wegen der KĂ€lte. UnwillkĂŒrlich verlangsamte ich meine Schritte. Mein Herz begann, wie wild zu rasen, als ich der ZapfsĂ€ule nĂ€her kam, um, wie dies meine Semesterferien-Arbeit war, neuen Treibstoff ins Auto einzufĂŒllen. Am liebsten hĂ€tte ich rechtsumkehrt gemacht und wĂ€re davongeeilt, denn ich sah mich schon als das gemarterte Opfer eines wahnsinnigen Inquisitors oder als die willkommene Beute des Leibhaftigen selbst.

Es verlief dann doch alles bestens. Aber wieder einmal bin ich in die Klischee-Vorurteilsfalle reingetappt, ohne dass ich mich gross wehren konnte. Der schreckliche Bösewicht entpuppte sich nĂ€mlich als friedfertiger Priester, der mich weder beseitigen noch richten wollte. Ganz witzig finde ich, weil dies nicht geplant und nicht vorgesehen war, dass ich hier an der Tankstelle fast tagtĂ€glich praktische Beispiele bekomme, die ich in meiner Semesterarbeit „Über Klischees und Vorurteile“ einfĂŒgen kann.
Welch GlĂŒck ich endlich bekomme, meine vorgefassten Meinungen und meine falschen Definitionen zu Ă€ndern. Ich kann Erfahrungen machen. Ich kann erleben, entdecken, erkennen, dass ein Audi-Fahrer auch zurĂŒckhaltend, bescheiden und ruhig, eine Blondine intelligent, ein KrawattentrĂ€ger kreativ und bĂ€rtig, eine turnbeschuhte Kurhaarige Managerin oder Politikerin und ein Kapuzenmann ganz besonders höflich, witzig und sehr einfĂŒhlsam sein kann.

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