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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Kick
Eingestellt am 30. 12. 2015 03:03


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steyrer
One-Hit-Wonder-Autor
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Der Kick

„Ich weiß, weshalb Sie anrufen, Herr Heuensteiner: wegen Ihrer Kurzgeschichte. Eine EinschĂ€tzung, extern, unabhĂ€ngig, zum VorfĂŒhlen, weil ich ja den Herausgeber gut kenne. Hier ist sie, ja, und außerdem habe ich eine wichtige Nachricht, die könnte ein Kick fĂŒr Sie werden. Mir ist selber die Spucke weggeblieben. Aber vorher braucht es noch ein wenig Textarbeit, aber alles nur Kinkerlitzchen. Ihr IcherzĂ€hler Gerhard ist also Korrespondent einer Schweizer Zeitung und berichtet 1960 mit einem Fotografen Werner von der Tunnelbaustelle am Großen Sankt Bernhard. Historisches Setting also. Eine weitere Figur haben sie mit einem gewissen Padre Francesco vom Hospiz auf der Passhöhe, zwar etwas altvĂ€terisch, aber akzeptabel. Weiter geht es um eine Katastrophe, den Einsturz einer 20 Meter hohen BrĂŒcke am Karfreitag und um ein Wunder. Bitte Vorsicht: Nicht allen wird der Karfreitag was sagen und wie heißt denn eigentlich diese Schweizer Zeitung? So sieht es unpersönlich aus. Immerhin: Es gibt keine Opfer und genau das ist das Wunder, denn eine Musikbox spielt statt Schlagern plötzlich klassische Musik – zweimal dasselbe – und steht dann still. Die Arbeiter versĂ€umen ihren Schichtantritt und stĂŒrzen nicht mit der BrĂŒcke in den Abgrund. Gut. Es gibt allerdings ein kleines Problem: Ihr klassisches StĂŒck ist nicht irgendeines, sondern Schuberts Unvollendete, und die vertrĂ€gt sich nicht mit Ihren Zeitangaben: Sie schreiben: ‚Vier Minuten – sechs Minuten. Dann war die Platte wieder zu Ende.‘ Nehmen Sie lieber irgendetwas EingĂ€ngiges, Kurzes – lassen Sie mich ĂŒberlegen, vielleicht von Bach: ‚Wachet auf, ruft uns die Stimme‘, oder noch besser: ‚Canon und Gigue‘ von Pachelbel, das dauert Ihnen genau sechs Minuten und fĂ€hrt voll ein. Sie wollen damit ja Wilde beeindrucken, ja so heißt Ihre Geschichte doch: ‚Bei dem wilden Volk der Mineure‘. Der Titel muss unbedingt kĂŒrzer und knackiger werden und ein bisschen mehr AtmosphĂ€re ist nötig: Sie beschrĂ€nken sich auf Hörbares und Sichtbares, aber Ihre Tunnelarbeiter rauchen doch sicher alle und schwitzen und sind dreckig. Wie riecht es, wenn einer von denen die Schuhe auszieht, und bekommt der eine GĂ€nsehaut, wenn die Musikbox loslegt, oder strĂ€uben sich die Nackenhaare?

Jetzt zu dem Untertitel: ‚Eine seltsame, aber wahre Geschichte‘, nun, das ist zwar nett, aber Sie erzĂ€hlen in der Ich-Form. Lassen Sie es besser jemand anderen erzĂ€hlen, oder Ă€ndern Sie die ErzĂ€hlperspektive. Und Ihr Padre Francesco: Der ist wohl eine Art guter Geist oder gute Seele, ja? Dazu passt, dass er sehr undeutlich bleibt. Ja doch, Sie werden sehen: Hin und wieder taucht er bei den Arbeitern auf, um, ich zitiere: ‚
 den rauen Gesellen ins Gewissen zu reden‘ und als er aufgefordert wird, ein Wunder zu vollbringen, antwortet er: ‚Menschen machen keine Wunder, die geschehen so nebenbei‘. Schon wieder eine Plattheit, aber eben auch ein Hinweis auf das bevorstehende Wunder. Als alles vorbei ist, wird er nach der Musikbox gefragt und sagt, er habe eine Vorahnung gehabt, nachdem er am Weg zu den Bernhardinerhunden auf einem Trittbrett eingebrochen sei. Dabei sieht er seine GesprĂ€chspartner ‚beinahe listig‘ an, was immer das auch heißen mag. Wissen Sie es? Ja, ja, geheimnisvoll, wunderbar, rĂ€tselhaft. Ich sage Ihnen: Aus diesem Padre könnten Sie einen Geist machen oder vielleicht sogar einen Engel? Aber gut, wenn Sie meinen, dann nicht, und ja natĂŒrlich: Sie bezeichnen ihn ja als ‚echtes Original‘, gut, dann sollten Sie ihn deutlicher zeichnen, meinetwegen als komischen Heiligen. Irgendeine weibliche Figur brauchen Sie ĂŒbrigens noch, vielleicht eine flotte Kantinenwirtin? Bis jetzt haben Sie nur einen langweiligen Kantinenwirt. Da wir schon bei den undeutlichen Figuren sind: Werner bleibt die ganze Zeit quasi unsichtbar und wird nur gebraucht, um zusammen mit dem IcherzĂ€hler zu fotografieren, damit der sich beim Anblick der Fotos erinnert. Wie umstĂ€ndlich! Lassen Sie nur Ihren Gerhard fotografieren, das ist ökonomischer. Und noch etwas: Eben der sagt, dass der Große Sankt Bernhard nur wenig interessant sei – ja, fĂŒr den Autofahrer aus Österreich und klappt dann nach: ‚
 fĂŒr den aus der Schweiz oder Deutschland jedoch sehr‘. Warum dann Österreich zuerst? Das ist ungeschickt, und drei AbsĂ€tze vor dem Schluss kommt’s dick: Er sagt, er habe in seiner Reportage diesen Vorfall erst gar nicht erwĂ€hnt und tut es jetzt nur, weil ‚
 es gerade wieder Ostern ist‘.Wie bitte? Soll Ihre Geschichte also nur zu Ostern gelesen werden? Dann wird der Leser auch noch direkt angesprochen und geduzt. Das streichen Sie alles besser und denken Sie an die Namen Ihrer Figuren: Gerhard, Werner und Francesco. Wie gewöhnlich! Wie wĂ€r’s wenigstens mit GĂ©rard und Vernier und Padre Bonifacio, und noch zwei Dinge: Warum geht es in Ihrer Geschichte um eine BrĂŒcke und nicht um den Tunnel? Lassen Sie den doch einstĂŒrzen und außerdem haben Sie dort oben doch die berĂŒhmten Bernhardiner. Was brauchen Sie da eine Musikbox?

Herr Heuensteiner, brĂŒllen Sie nicht, die Verbindung ist ausgezeichnet. Ja, exakt: Mit meinen VorschlĂ€gen wĂŒrde eine andere Geschichte draus. Ich wollte nicht glauben, was Sie mir geschickt hatten, aber dann fĂŒhlte ich mich wieder blutjung, wie damals am staubigen Dachboden mit der Geschichte von Gerhard SteinhĂ€user. Ja, genauso steht sie im Jungösterreich-Heft von April ’76. Sind Sie noch dran?“

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aligaga
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Registriert: Sep 2014

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Köstlich!

Wer kennte sie nicht, @Steyrer, diese Verschlimmbesserer, die es gut meinen, aber böse Absichten haben!

Die aus jedem atemberaubenden Prosarennen eine brunzlangweilige Kaffeefahrt machen wollen, weil ihre Abonnenten sonst sehkrank werden; die ein glĂŒhheiß gebratenes Drehbuch zu einem lauwarmen WĂŒrstelgulasch herunterkĂŒhlen, weil sie Angst davor haben, sich das Maul zu verbrennen, und die nur solche Wege vor sich liegen haben möchten, die mit ausgetretenen Filzpuschen zu bewĂ€ltigen sind.

Sie sind der wahre Feind der Kunst, die Teufel neben dem Literaturhimmel, gefĂ€hrlich wie ein weißer Hai oder ein Eiterkeim, dem auch mit dem breitbandigsten Anti-Biotikum nicht beizukommen ist.

Die Cholera und die Pest hole sie, diese Feiglinge, diese Bremser, diese kulturellen RosstĂ€uscher, diese Bieder-Meier-Monster! Und doch: Sie sind's, die die Macht haben! Es waren die, die in der Schule rosig und picklig waren, die die MĂ€dchen nicht bekamen, aber dafĂŒr die guten Noten, und die einen nie abschreiben ließen.

Die haben jetzt die Macht, sitzen in den AufsichtsrĂ€ten und den Entscheidergremien, wĂ€hrend wir immer noch on the road sind und unser immer dĂŒnner werdendes Herzblut in WurstdĂ€rme fĂŒllen. So wie Lemmy es gemacht hat, bis er nicht mehr konnte.

Friede sei seiner Asche!

Gruß


aligaga

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