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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Knisterer
Eingestellt am 21. 09. 2006 19:06


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Ein verdeckter Korruptionsermittler braucht Insiderwissen. Doch mit einer derart professionellen Ausbildung hatte ich in der aufstrebenden Korruptionsbranche nicht gerechnet.
Im Kurs waren wir fĂŒnf. Ralf Werthmann, der Kurs-Leiter, zwei mittelalte Kurzhaarfrisur-Frauen in grauen HosenanzĂŒgen und zwei unauffĂ€llige MĂ€nner mit ersten KahlflĂ€chen auf dem Kopf. Einer, um die FĂŒnfzig, trug einen dunkelblauen Zweireiher. Der etwa gleichaltrige Andere in grauem Sakko und hellgrauer Hose war ich. Werthmann ging in ausgebeulten Jeans seiner AusbildertĂ€tigkeit nach und im Sweatshirt, auf dem quer ĂŒber die breite Brust „Lass knistern!“ geschrieben stand.
„Sie brauchen FingerspitzengefĂŒhl!“ begann er, nannte seinen Namen und die seiner US-Lehrmeister, deren Namen er sehr nachlĂ€ssig aussprach. Dass sie als Bosse an mĂ€chtigen US-Banken herrschten, war ihm deutlichere Artikulation wert.
Kursleiter Werthmann verteilte geldscheingroße StĂŒcke Pergamentpapier, bat um absolute Stille und uns, das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger zu nehmen. Stunden ĂŒber Stunden ließ er uns ĂŒben. Die Augen geschlossen, saß er in einer Nische im hinteren Teil des Raumes und forderte uns immer wieder auf: „Reiben Sie das Papier zwischen Daumen und Zeigefinger, ja, so...! Sie mĂŒssen damit verschlafenste HinterbĂ€nkler wecken. Gerade die sind bei Abstimmungen in AusschĂŒssen entscheidend!“
Am letzten Tag der einwöchigen Ausbildung ĂŒbten wir endlich mit echten Scheinen. ZunĂ€chst mit Zehn-Euro-Scheinen. Werthmann empfahl, den aufgedruckten Silberstreifen mit den Fingern hin- und herzubewegen. Dieses Knistern löse bei Politikern selbst im Schlaf so etwas wie einen bedingten Reflex aus.
Zu Demonstrationszwecken setzte Werthmann sich auf ein Podest, schloss die Augen und ließ seinen Kopf nickend tiefer sinken. Sobald einer der Kursteilnehmer mit Hilfe des Silberstreifens auf dem Geldschein genau jenes typische GerĂ€usch erzeugte, richtete sich Werthmann schlagartig auf, legte seine rechte Hand mit dem HandrĂŒcken auf den rechten Oberschenkel, öffnete sie und ließ die Finger zucken, als wollten sie umgehend die Hand wieder schließen. Der so genannte Einnahme-Reflex sei das. Trete der auf, werde es höchste Zeit, mit dem Herrn oder der Dame unauffĂ€llig ein Treffen zu vereinbaren. Bewehrt habe sich die Zettel-Methode. Man lasse der Zielperson einen Zettel zukommen. Finde die Veranstaltung in einer GaststĂ€tte statt, gehe es auch mit Bierdeckeln. Darauf sei Handy-Nummer sowie die Uhrzeit fĂŒr den Anruf zu vermerken. Beim Anruf seien sofort die ÜbergabemodalitĂ€ten sowie die Entscheidungsbeeinflussungsumme (EBS)zu vereinbaren.
Knisterer, die bei einem weniger versierten und billigeren Konkurrenten von Werthmann die Ausbildung absolvierten, benutzten FĂŒnf- oder Zehn-Euro-Noten fĂŒr ihre Mitteilungen. Das sei ĂŒbertrieben, um nicht zu sagen, plump. Damit habe man allenfalls noch in den Niederungen der Kommunalpolitik Erfolg.
Das Knistern mit den Zehn-Euro-Noten galt reinen Übungszwecken. In der letzten Stunde des Workshops probierten wir es endlich mit FĂŒnfhundert-Euro-Scheinen. Glauben Sie mir, versicherte Werthmann, mit denen zu knistern, heiße in der allerhöchsten europĂ€ischen Liga Einfluss nehmen zu können. Die Weltliga verlange selbstredend Dollar-Noten und einen Aufbaukurs in Chikago, der – wie bereits unser Grundkurs – noch einmal zwanzigtausend koste – Dollar, versteht sich. In der Kommunalpolitik reichen ĂŒbrigens FĂŒnfzig-Euro-Scheine. Landespolitiker sind ab einhundert Euro zu haben. Im Bund und in der EuropĂ€ischen Union geht nichts unter FĂŒnfhundert-Euro-Scheinen.
Die AbschlussprĂŒfung fĂŒr nationale Knisterer kommt in die entscheidende Phase. Gerade eilt eine namhafte Oppositionspolitikerin vorbei und lĂ€chelt mich an, als ahne sie etwas. Ich verneige mich knapp. Nach ihr hastet ein Regierungsvertreter mit Gefolge vorĂŒber. Schließlich werden die SaaltĂŒren fĂŒr das Publikum geöffnet. Wir mĂŒssen uns nach Waffen durchsuchen lassen. Als jedoch die Dame vom Sicherheitspersonal beim Abtasten meiner Jacketttaschen Scheine knistern hört, raunt sie mir zu, ich könne in einer der ersten fĂŒnf Stuhlreihen Platz nehmen. Ihre aufgehaltene Hand ĂŒbersehe ich diskret.
In der NĂ€he des Podiums entdecke ich Werthmann in unauffĂ€llig grauem Anzug. Mit dem Daumen nach oben signalisiert er mir, dass ich mich offensichtlich bisher erfolgreich im Rahmen der AbschlussprĂŒfungsordnung fĂŒr nationale Knisterer bewege.
An den vorderen Reihen stehen breitschultrige Herren, die jeden aufmerksam mustern. Die Hand in der Jacketttasche, lasse ich die zwei FĂŒnfhundert-Euro-Scheine knistern. Einer nickt und weist mir den ersten Stuhl der vierten Reihe zu.
Der Moderator, grauhaarig und smart lĂ€chelnd - ich kenne ihn vom Fernsehen - wĂŒnscht einen aufschlussreichen und unterhaltsamen Abend zum Thema „Haushaltspolitik mit leeren Kassen“ und fragt in die Talk-Runde, wie ohne Geld zu regieren, geschweige denn, ĂŒberhaupt noch Politik zu machen sei.
Nun neigen Politprofis, wenn sie eigentlich nichts zu sagen haben, zu besonders wortgewaltigen und endlosen ErgĂŒssen. Um mich knisternd zu verstĂ€ndigen, brauche ich Redepausen. Selbst ein absolut professioneller Knisterer, so Werthmann, könne das Gerede von Politikern kaum mit GeldscheingerĂ€uschen ĂŒbertönen. Doch der Moderator versteht sein GeschĂ€ft. „Stellen Sie sich vor, meine Damen und Herren,“ wendet er sich an seine Talk-GĂ€ste, „hier im Saal sĂ€ĂŸen Leute, die Ihnen Geld fĂŒr ihre politische Arbeit zukommen lassen wollen, selbstredend ausschließlich zum Wohle unseres Staates.“ Die TalkgĂ€ste holen gemeinsam tief Luft und atmen ebenso tief wieder aus.
Jetzt! Die Hand noch in der Jacketttasche, erzeuge ich mit den FĂŒnfhundert-Euro-Noten jenes spezifische Knistern. Die Dame und der Herr von der Regierung legen nahezu synchron die rechte Hand auf den Tisch und lassen diskret die Finger zucken. Mit leichter Verzögerung, liegen plötzlich auch die HĂ€nde der Oppositionspolitiker auf dem Tisch. Werthmann bezeichnete dieses offenbar ansteckende Verhalten als RudelphĂ€nomen. Bei der Jagd mĂŒsse ein sich anschleichendes Wolfsrudel zuverlĂ€ssig auf geheime Signale reagieren. Alles AuffĂ€llige warne das Beutetier und es flĂŒchte. Politikern gehe es nun mal um Beute und bemerken sollen die Auszubeutenden davon selbstverstĂ€ndlich nichts.
Jetzt muss ich nur noch die vorbereiteten Zettel mit Handy-Nummer und Zeit fĂŒr den Anruf an die Regierungsfrau und an den Regierungsmann bringen. Die von der Opposition sind uninteressant. Werthmann gab die Lage aus, jene geschĂ€ftstrĂ€chtige Entscheidung, die mein theoretisch angenommener Auftraggeber – ein Waffenhersteller – brauche, werde allein von der Regierungsfraktion getroffen.
Ich habe GlĂŒck. Gerade steht der Kellner, der den TalkgĂ€sten Wasser nachschenkt, neben mir. UnauffĂ€llig stecke ich ihm Zettel und Vorabtrinkgeld - zwanzig Euro - in die Hosentasche und flĂŒstere ihm zu, wem er die Zettel zustecken solle.
Wie der auf offener BĂŒhne absolut diskret Zettel weitergibt! Ein Profi! Unglaublich!
Nach Ende der Veranstaltung suche ich mir einen Platz hinter einer SĂ€ule im Hotelfoyer. PĂŒnktlich vibriert mein Handy. Der Minister. „Was wĂŒnschen Sie? Was ist es Ihnen wert?“
„Es geht um RĂŒstungsgeschĂ€fte!“
„Das wird teuer!“
„Ich weiß, muss Sie aber enttĂ€uschen. Ich bin nur Knisterer in Ausbildung und mache hier meine AbschlussprĂŒfung und dabei natĂŒrlich noch keine echten GeschĂ€fte!“
„Ja, wunderbar, wir brauchen AusbildungsplĂ€tze in Deutschland, gerade in so einer Wachstumsbranche wie der Ihren. Sie machen Ihre Sache bestens.“
„WĂŒrden Sie das bitte auch meinem Ausbilder sagen. Dann hĂ€tte ich die PrĂŒfung so gut wie bestanden!“
Rauschen in meinem Handy und dann etwas zögerlich: „Und was ist Ihnen das wert?“
Ich greife in meine Jacketttasche. Die FĂŒnfhunderter knistern. „Tausend!“
„Na, gut. Sie sind ja noch in der Ausbildung.“

Nach der erfolgreichen Ermittlung ließ ich mir beim Abteilungsleiter „Wirtschaftsvergehen“ einen Termin zur Berichterstattung ĂŒber das Knisterer-Ausbildungswesen geben.
Der AL kniff nach meinem Bericht die Augen hinter den kleinen ovalen GlĂ€sern seiner Brille zusammen. „Können Sie schweigen?“ Er schob die Hand in die Jacketttasche und die Finger meiner rechten Hand begannen unwillkĂŒrlich zu zucken.


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flammarion
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herrlich!

und warum steht das nicht bei humor und satire?
lg
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Old Icke

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nachtlichter
Guest
Registriert: Not Yet

Sie besticht,

Deine Story, Karl. AbgrĂŒndig, witzig, interessant, phantasievoll und gleichzeitig der real existierenden Profitgier entsprechend.


nachtlichter

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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
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Liebe Flammarion, liebe Nachtlichter,
danke fĂŒr den aufmunternden positiven Kommentar. Ja, als Satire könnte der Text natĂŒrlich auch durchgehen. Manchmal habe ich allerdings bei meinen Texten das GefĂŒhl, dass ihnen fĂŒr eine richtige Satire noch eine Portion Bissigkeit und AbsurditĂ€t fehlt. Daher fiel meine Entscheidung fĂŒr die ErzĂ€hlung.

Herzliche GrĂŒĂŸe
Karl
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Marius Speermann
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Sollte wirklich nach Humor&Satire. Ist bissig und witzig genug ;-)
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Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor fĂŒr Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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flammarion
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also,

wenn du nischt dagegen hast, zieh ich s rĂŒber.
lg
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Old Icke

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