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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Kompromiss
Eingestellt am 12. 05. 2014 13:36


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Maribu
???
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Der Kompromiss

Die gro√üe, von B√§umen umstandene Wiese wurde von der Friedhofsverwaltung als "Baumgr√§ber" ausgewiesen. Ringsherum waren auf Pfeilern Tafeln mit Namen, Geburtsdatum und Todestag der Verstorbenen angebracht. Es gab bestimmte Fl√§chen f√ľr die Blumen-Ablage. Man sagte zu dieser Art der Urnenbestattung auch halbanonym, denn sp√§ter, wenn das Loch zugeschaufelt war, konnte man es nicht wiederfinden. "Halbanonym" war eine Wortsch√∂pfung der Bestatter, denn man kann sie nicht im Duden finden.
Sie kannte sich aus und legte das Gesteck an die Seite. Die Stelle, an der die Urne versenkt worden war, hatte man bereits wieder verschlossen. Sie war mit Schnittblumen, Tannenzweigen und einem Kranz aus gelben Chrysanthemen bedeckt. Mittendrin steckte ein Engel aus hässlichem, cremefarbenen Plastik.
Sie zog die Schleife glatt.
"ROBERT, MEINEM LIEBEN MANN ALS LETZTEN GRUß! DEINE DICH NIE VERGESSENDE JUDITH"
Gedankenverloren blieb sie minutenlang stehen. Ihre Blicke gingen √ľber die Wiese, ringsherum √ľber die Wipfel und h√∂her zum wolkenverhangenen Himmel. Selbst hier wird noch gelogen! dachte sie. Was sollte die Seele, wenn es eine g√§be, davon halten?!
Unbemerkt stand sie hinter ihr. Nein, nicht die Seele! Seine Judith. Warum muss die heute Nachmittag, einen Tag nach der Beisetzung, hier angeschlichen kommen?
"Erschrecken Sie nicht und reden Sie nicht von Zufall!" √ľberraschte sie sie. "Ich bin gezielt gekommen. Ich habe mit Ihnen gerechnet. Sie h√§tten sich gestern ruhig zeigen k√∂nnen Barbara, anstatt sich hinter einem Baum zu verstecken und die Zeremonie aus der Distanz zu beobachten!"
"Sie kennen mich?"
"Mein Mann und ich hatten keine Geheimnisse voreinander."
Sie kam näher heran, streckte ihr die Hand entgegen und sagte: "Wollen wir uns nicht duzen, wo wir gemeinsam um ihn trauern?"
Barbara gab ihr zögernd die Hand und antwortete: "Dann finde ich deinen Schleifentext umso verlogener!"
"Ich nicht! Den hat er verdient! Man ist ja auch den Verwandten und Bekannten gegen√ľber verpflichtet." Sie lachte
verlegen.
"Da bin ich anderer Meinung!"
"Interessant! Aber wollen wir nicht ins Café gehen? Es fängt an zu regnen."
Barbara lachte. "Das hätte ich mir nie vorstellen können, mit Roberts Frau Kaffee zu trinken."
Sie nahmen an einem Zweier-Tisch Platz. Judith zeigte hinter sich. "Da haben wir gestern nach der Trauerfeier gesessen. Aber statt des Butterkuchens, hier auch "Beerdigungskuchen" genannt, g√∂nne ich mir heute ein St√ľck Champagnertorte. - F√ľr dich auch?"
"Nein, ich nehme lieber Schwarzwälder-Kirsch."
Judith nahm einen Schluck Kaffee, stellte die Tasse ab und sagte unvermittelt: "Das war schon ein Schock! Sicherlich auch f√ľr dich. Er wollte doch nachmittags zu dir kommen."
"Ja, er joggte doch schon seit Jahren Sonntagsmorgen. Wie konnte das passieren?"
"Plötzlicher Herztod, sagte mir der Arzt. Kommt selbst bei Spitzensportlern vor. Wie beruhigend, dass wir keine Kinder haben! Es ist schlimm genug, dass ich jahrelang trauern werde, wo er so jung gestorben ist."
Sie schwiegen und genossen den Kuchen. Barbara hatte sich gedanklich schon damit besch√§ftigt und fragte: "Mir gegen√ľber hat sich Robert immer so verhalten, als w√ľrdest du von nichts wissen."
"Brauchte er eigentlich nicht! Wir hatten eine Abmachung, hatten einen Kompromiss geschlossen. Er h√§tte dir gegen√ľber ruhig ehrlich sein k√∂nnen."
"Das hei√üt, dir hat es nichts ausgemacht? Du warst nicht eifers√ľchtig?"
"Nein, nicht mehr!"
"Wie soll ich das verstehen?"
"Ich wei√ü nicht, ob du das verstehen kannst. Bei uns war es ganz anders als in anderen Ehen, wo man sich aus Geldgr√ľnden, Mangel an Gemeinsamkeiten oder wegen der Kinder auseinander gelebt hat. Wir hatten keine Probleme im √ľblichen Sinn."
"Da bin ich aber gespannt! Schade, dass Robert nicht mehr lebt, sonst h√§tten wir gemeinsam dar√ľber sprechen k√∂nnen!"
Judith ging nicht darauf ein und wechselte das Thema.
"Es wird doch in letzter Zeit so viel liberalisiert. Homosexuelle d√ľrfen heiraten, bald sogar Kinder adoptieren oder sich eine Leihmutter besorgen. Kernige Fu√üballspieler d√ľrfen sich outen, man darf nicht mal mehr "Muschi" zu ihnen sagen und..."
"Nein! Hör auf!" rief Barbara. "Nicht Robert! Das kann nicht angehen! Das stimmt nicht! Das hätte ich doch in den vielen Monaten unseres Zusammenseins gemerkt!"
"Schade, dass man hier nicht rauchen darf", sagte Judith. "Ich h√§tte jetzt eine Zigarette n√∂tig. Aber das w√ľrde mich jetzt auch beruhigen!" Sie rief dem Kellner, der gerade vorbeikam, eine Bestellung zu und schwieg, bis er zwei Weinbrand vor ihnen abgestellt hatte. "Auf uns!" sagte sie dann und kippte ihn in einem Zug hinunter.
"Auf Robert!" Barbara nippte nur an ihrem Glas. "Egal, wo er sich jetzt befindet!"
"Ihr kennt euch jetzt ungefähr vier Jahre", begann Judith wieder. "Ich hatte ihm zu diesem Zeitpunkt geraten, sich eine Geliebte zu suchen. Irgend eine, nicht dich! Dich kannte ich ja nicht! Ihr habt euch ja erst ungefähr einen Monat danach im Schwimmbad kennen gelernt und..."
"Wie bitte? Eine Geliebte als Therapie? Wie bist du denn auf so eine verr√ľckte Idee gekommen?!"
"Lass mich doch bitte ausreden! Es ist ganz anders als du denkst! Ich habe damals mit einer Freundin Geburtstag gefeiert. Es ist spät geworden, und weil wir getrunken hatten, ließ sie mich nicht mit dem Auto nach Haus fahren. Ich habe dann bei ihr geschlafen. Genauer gesagt, mit ihr geschlafen!" Sie machte eine Pause, lächelte verklärt und ergänzte: "Ich habe nie wieder so etwas Schönes erlebt!"
Barbara verschluckte sich an ihrem Weinbrand und rang nach Luft. "Du hast dich mit ihr getroffen, wenn Robert bei mir war?" keuchte sie.
"Nein, es war das einzige Mal. Sie hat danach ihren Jugendfreund geheiratet. Seitdem habe ich aber f√ľr Robert, √ľberhaupt f√ľr M√§nner, nichts mehr empfunden!"
"Oh Gott!" stöhnte Barbara.
"Das war gar nicht so schlimm, wie sich das anh√∂rt!" beschwichtigte Judith. "Ich habe es ihm gebeichtet. Und er hat es verziehen und sogar Verst√§ndnis f√ľr mich aufgebracht!"
"Und deshalb dieser Freibrief? Weshalb habt ihr euch nicht scheiden lassen?"
"Er wollte nicht!"
"Mir hat er das Gegenteil erzählt! - Wie viele Freundinnen hast du danach denn noch gehabt?"
Judith schmunzelte. "Darauf erwartest du doch nicht ernsthaft eine Antwort?!" Sie hob ihr Portemonnaie hoch, winkte dem Kellner und sagte: "Das ist doch klar, dass Robert geflunkert hat. Besser als bei mir konnte er es doch gar nicht haben!
Aber er hatte ja auch seine guten Seiten und es verdient, dass wir weiter an ihn denken und uns mit ihm beschäftigen.
Du kennst ja seine Adresse; besuch mich doch mal!"
"Ich wei√ü nicht. Auf der einen Seite w√ľrde es mich reizen, mich mit dir √ľber unseren Geliebten auszutauschen, auf der anderen Seite habe ich Angst vor der Situation, wo du dich
umorientiert hast! - Was w√ľrde passieren, wenn wir getrunken h√§tten und ich mit meinem Auto nicht mehr nach Hause fahren k√∂nnte?"
"Dann k√∂nntest du bei mir √ľbernachten, das ist doch selbstverst√§ndlich! Was w√§re daran so schlimm?" Sie machte eine Pause. "Eine gut aussehende Frau etwa in meinem Alter, die jahrelang mit meinem Mann ein Verh√§ltnis hatte, k√∂nnte mich schon ant√∂rnen!" Judith strahlte Barbara so gef√ľhlvoll an, dass sie ihr L√§cheln nicht nur sympathisch, sondern auch als verf√ľhrerisch empfand.
Der Kellner kam zum Kassieren und Judith sagte abschließend:
"√úberleg¬īs dir! Und denke nicht nur an Robert! Hermann Hesse hat gesagt: 'Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.'"

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