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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Kurde
Eingestellt am 07. 11. 2016 11:17


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Arno Abendschön
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Letztes Jahr im August fuhr ich einmal von Mannheim nach Düsseldorf. Es war an einem Sonntagnachmittag, der Zug war überfüllt. Ich hatte einen Platz reservieren lassen und fand ihn besetzt. Man schien begriffsstutzig zu sein. Ich musste einige Worte verlieren, bis der Sitz geräumt wurde. Ich stemmte dann meinen Koffer zur Ablage hinauf, zog die Jacke aus und warf sie auf den Koffer.

Nun saß ich, es war ein Fensterplatz. Gerade rollte der Zug über die Rheinbrücke. Ich atmete noch schwerer als normal. Vielleicht war ich zu energisch aufgetreten. Man sollte sich besser unter Kontrolle haben … Um mich abzulenken, begann ich die Mitreisenden im Abteil zu mustern. Zuerst blieb mein Blick an einem Augenpaar schräg gegenüber hängen. Dort, auf dem Mittelplatz, saß ein schlanker junger Mann, etwa Mitte zwanzig, vielleicht ein Türke. Er blickte mich freundlich an, auch etwas neugierig, wie mir schien. Ich fühlte, wie meine Züge sich entspannten, ich nickte ihm automatisch zu. Vor mir rechtfertigte ich das damit, dass ich ja grußlos ins Abteil gestürmt war. Ich löste meinen Blick, sah hinaus. Der Zug hielt eben in Ludwigshafen. Auf dem Bahnsteig liefen Menschen am Wagen entlang und blickten auf der Suche nach freien Plätzen ins Abteil hinein.

Der Zug fuhr wieder an. Ich setzte die Umschau fort, die ich so rasch abgebrochen hatte. Mir gegenüber las ein anderer junger Mann in einem medizinischen Lehrbuch. Er war blond. Er nahm von nichts sonst Notiz und hob kaum einmal den Blick. Rechts von mir saß ein älteres Ehepaar, er in der Mitte, sie am Gang, und ihr gegenüber eine junge Frau, eine auffallende Erscheinung – aber da fühlte ich mich erneut durch den Orientalen fixiert. Ein Strom von Aufmerksamkeit ging von ihm aus. Wider Willen suchte ich seinen Blick. Er hielt eine Weile stand, schlug die Augen dann nieder und vergewisserte sich Sekunden später, dass ich ihn noch beobachtete. Ich fühlte, das könne lange so weitergehen, es war mir nicht unangenehm.

Ich stand dann auf und packte das Buch aus, die Novelle, in der ich lesen wollte. Kaum hatte ich zwei, drei Sätze gelesen, begann die ältere Frau am Gang eine Unterhaltung mit ihrem Gegenüber, jener jungen Frau, in deren Betrachtung ich vorhin abgelenkt worden war. Sie war immens fett, jedoch nur um die Leibesmitte. Darüber balancierte sie ein kleines, sorgfältig gepflegtes Puppengesicht, das an Porzellan denken ließ. Der Ausdruck dieses Gesichts war so vollkommen nichtssagend, wie ich es kaum einmal gesehen hatte. Wegen ihrer Unförmigkeit musste ich gleich an die Figuren der Niki de Saint-Phalle denken und nannte sie bei mir Nana.

„Voll ist es heute im Zug“, stellte die Ältere fest. „Das haben wir gleich beim Einsteigen in Heidelberg gemerkt. Zum Glück hatten wir Platzkarten.“

„Sind Sie denn aus Heidelberg? Wir sind in Stuttgart eingestiegen, da gab’s noch freie Plätze.“ Die Nana sprach Hochdeutsch mit schwäbischem Akzent. „Wir kommen aus Geislingen, Geislingen an der Steige, wenn Sie’s kennen. Wir haben meine Eltern übers Wochenende besucht. Er da ist mein Verlobter. Er kommt aus der Türkei, aber er ist kein Türke, er ist Kurde.“

Sie gehörten zusammen, die Nana und der Orientale; das überraschte mich: ein so ungleiches Paar. Ohne Umstände gab sie alles preis. Sie erbrach ihre Lebensgeschichte und seine dazu. Als der Zug Mainz erreichte, hatte ich keine Zeile im Buch weitergelesen und war dafür über ihre Verhältnisse im Bild.

In seiner Heimat, da seien sie alle Faschisten, sagte sie, da habe er nicht bleiben können. Er sei schon ein paar Jahre hier bei uns und wohne in Köln bei einem Onkel; der sei auch ein Flüchtling. Zum Glück habe er Arbeit, Busfahrer sei er. Er fahre die städtischen Linienbusse in Leverkusen.

„Ich bin noch nicht lange in Köln, erst seit drei Monaten. Apothekenhelferin bin ich, ich habe ein Zimmer in Mülheim. Es ist nur für den Übergang, wir heiraten ja bald. Ich habe schon eine Wohnung für uns, am Ebertplatz, wenn Sie’s kennen. Wenn es nur schon soweit wäre. Es fehlen immer noch einige Papiere fürs Standesamt. Wir waren schon öfter da. Morgen müssen wir deshalb auch wieder zum Anwalt. Ohne den kämen wir gar nicht weiter.“

Der Anwalt schien eine groĂźe Rolle zu spielen. Hatten sie sich auch ĂĽber ihn kennengelernt?

Als das Wesentliche ausgeplaudert war, ging sie zu seinen Lieblingsspeisen, seiner schlanken Figur, seiner Neigung zu Kopfschmerzen über. Sie wollte überhaupt nicht mehr aufhören, die Porzellanbäckchen röteten sich vor Eifer und Stolz. Er sprach gar nicht, er drückte sich nur verlegen in seinen Sitz und hielt den Blick meist gesenkt.

Während der Zug jetzt unmittelbar am Strom entlangfuhr, begann der alte Herr ein röchelndes Schläfchen, immer wieder unterbrochen von ruckartigem Aufwachen. Seine Frau stellte ihr „Ja, ach ja?“ allmählich ein. Nana war der Resonanzboden entzogen, sie verstummte endlich.

Als es so still geworden war, stand der Kurde mit einemmal auf, setzte Nana murmelnd von etwas in Kenntnis und ging hinaus auf den Gang. Er ging draußen einige Meter auf und ab, blieb dann am Fenster stehen und sah auf den Rhein hinaus; er kehrte uns den Rücken zu. Auffällig war, dass er seinen Mantel angezogen hatte, obwohl es im Zug warm war. Ich sah ihn in seiner Manteltasche kramen. Er holte ein Stück Papier heraus, las etwas davon ab, las es wieder und wieder. Dabei hatte er sich allmählich vom Fenster weggedreht. Er zeigte jetzt sein Profil, er war hübsch. Dann vollführte er rasch noch eine Vierteldrehung und richtete den Blick sofort auf mich. Nana hatte ihn nicht im Blickfeld, sie blätterte in einer Illustrierten. Er stand schräg hinter ihr und sah durch das Gangfenster über sie hinweg in meine Richtung. Ich fühlte mich ertappt, ich hatte ihn ja minutenlang beobachtet. So wandte ich den Kopf zur anderen Seite und sah durch das Außenfenster auf die Weinberge.

Der Zug fuhr jetzt langsamer. Ich sah in die Zwischenräume zwischen den Rebzeilen hinein, immer in die Zwischenräume hinein. Die Zeilen liefen endlos vorbei. Davon konnte einem schwindlig werden. Ich gab es auf und sah geradeaus. Der lernende Student war ohne Interesse für mich. Der leere Platz des Kurden bot meinem Blick keinen Halt. Nanas Anblick war mir nicht angenehm – der Blick landete wieder beim Kurden. Da lächelte er, auf eine zurückhaltende und gleichzeitig nachdrückliche Weise. Ich – und nur ich – war gemeint. Ich lächelte nicht, ich sah ihn nur ruhig an. Da nahm er wieder den Zettel zur Hand, las ein weiteres Mal die Notiz oder die Adresse oder was es sonst war und bewegte die Lippen dabei.

Ich sagte mir, ich sollte vielleicht aufstehen und auch auf den Gang gehen. Vielleicht wollte er mit mir sprechen, mich um Rat fragen. Ich fühlte mich unsicher, ich war unfähig zu irgendeinem Entschluss. Es waren bloß zwei, drei Minuten, die für eine Entscheidung blieben. Ich schob sie auf. Und dann kam der Schaffner, wollte die Fahrkarten sehen. Der Kurde kehrte ins Abteil zurück. Nana wies die Karten für sie beide vor.

Sie fragte ihn: „Was machen deine Kopfschmerzen?“

„Es geht.“ Er schien sich erst darauf zu besinnen, dass er wegen Kopfschmerzen hinausgegangen war.

Das alte Ehepaar wurde munter. Sie sagten, sie mĂĽssten in Koblenz aussteigen. Nana beeilte sich, ihnen in loser Folge die geheimen Artikel ihres Ehevertrages offenzulegen.

„Wenn Kinder kommen, werden sie natürlich katholisch getauft … Ich hoffe, dass ich ihn in zehn Jahren soweit habe, dass er auch Schweinefleisch isst … Seine Verwandten, die sehen das gar nicht gern, dass er eine Deutsche heiratet. Egal, sollen sie bleiben, wo sie sind … Manchmal hat er Ärger auf der Arbeit. Dann sag ich immer: Pass dich an, pass dich an … Wenn wir erst verheiratet sind, fahren wir auch einmal in seine Heimat.“ (Ins wilde Kurdistan?)

Wir waren noch nicht in Koblenz. Der Stoff war ihr nun doch ausgegangen. Sie blätterte wieder in ihrer Illustrierten. Der Prozess gegen eine Kindsmörderin gab ihr zu denken: die Todesstrafe, nur die Todesstrafe! Dann geriet sie ohne Übergang auf die Punker vom Kölner Hauptbahnhof: Dass so etwas geduldet wurde.

Der Kurde, in dessen Heimat sie alle Faschisten waren, schwieg zwischen Bingen und Koblenz, wie er schon zwischen Worms und Mainz geschwiegen hatte. Er sah nur noch gelegentlich zu mir herüber. Seine Augen wanderten jetzt oft umher und verrieten mir, dass in seinem Kopf viel mehr vorging, als seine Verlobte sich jemals würde vorstellen können. Als die alten Leute ausgestiegen waren, schwieg auch Nana.

Ich versuchte wieder zu lesen. Ich sah bald ein, ich war nicht genügend konzentriert für das Buch. Es war die „Mexikanische Novelle“ von Bodo Kirchhoff. Der Kurde bemühte sich, den Titel zu entziffern. Ich tat ihm den Gefallen, wenigstens diesen, und hielt das Buch senkrecht. Er begann auch noch das Umschlagmotiv zu studieren. Einen breiten, warm fleischfarbenen Sandstreifen riegelte da ein schwarzes, gebuckeltes Mondgebirge ab. Und darüber ein kalter, leerer Himmel von düsterer Bläue, in den ein Düsenjäger seine Kondensspur ritzte: absturzbereit.

In Bonn stieg der Medizinstudent aus. Wir blieben zu dritt im Abteil. Der Kurde lehnte jetzt mit geschlossenen Augen in seinem Polster, über das er seinen Mantel gebreitet hatte. Er versank, er machte sich klein. Sie lehnte sich von ihrer Seite gegen die trennende seitliche Kopfstütze und überwölbte ihn mächtig. So bildeten sie eine sonderbare Pietà, über der mir allerdings schon die Vorzeichen der Rebellion zu stehen schienen.

Die Landschaft draußen änderte sich, die Hügel verliefen sich. Ich sah hinaus, ich nahm alles wahr und nichts auf. Die Landschaft fiel durch mich hindurch. Felder, Wälder, Siedlungen, kaum registriert, schon vergessen.

Die Nana und ihr Kurde stiegen in Köln aus, grußlos, blicklos. Ich sah noch, wie sie sich auf dem Bahnsteig entfernten. Sie schleppten eine Menge kleiner Gepäckstücke mit sich. Ich blieb allein bis ans Ende der Fahrt.

(Geschrieben im Dezember 1986)

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