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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der LKW-Fahrer
Eingestellt am 22. 01. 2001 19:51


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Rei
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Registriert: Sep 2000

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Morgens, wenn es noch dunkel ist, verlĂ€sst er seine Wohnung, eine kleine Wohnung mit einem Bett und einem KĂŒhlschrank und einem Kleiderschrank und einem Fernseher, der sowieso nie lĂ€uft. Die Wohnung liegt in einer tristen Gegend, graue HochhĂ€user in grauen Straßen, gefĂŒllt mit grauen Autos und grauen Passanten, die um diese Uhrzeit mit dem Hund unterwegs sind.
Ein Hund, denkt er, den wollte ich auch einmal haben.
Der Motor springt stotternd an und geht in ein beruhigendes Brummen ĂŒber. Er legt den RĂŒckwĂ€rtsgang ein und macht sich auf den Weg zur Arbeit. Die Strecke kennt er auswendig, er weiß, wann die Ampeln auf grĂŒn springen, wann der Bus an der Haltestelle hĂ€lt und zum Weiterfahren blinkt. In ihm wie jeden Morgen die verschlafenen Gesichter der Nachtschichtler und SpĂ€t-Heimkommer. Keiner hat ein LĂ€cheln auf dem Gesicht, jeder ist mĂŒde und grau.
Er fĂ€hrt weiter, auf den schlammigen Betriebshof, stellt sein Auto in einer Ecke ab. Und geht zu seinem Arbeitsplatz: dem LKW. Zuerst den Fahrtenschreiber einstellen und die Scheibe austauschen. Dann starten und Licht an. Es ist so dunkel, so grau da draußen, als er das Radio einschaltet und ihn sommerliche Melodien aus dem Grau zu reißen drohen. Doch der Moderator unterbricht, meldet fĂŒr heute schlechtes Wetter und spielt eine Ballade. Er fĂ€hrt los, quer durch das triste Industriegebiet, auf die Autobahn. Tempomat einstellen und ab dafĂŒr! Es geht geradeaus, sanfte Kurven schlĂ€ngeln sich vor ihm und winden sich in das schwarze Nichts vor ihm, in dem es vor weiteren Kurven und Ausfahrten nur so wimmelt. Autos ĂŒberholen ihn, das macht ihm nichts aus. Warum sollte er sich darĂŒber aufregen? Gehört zu seinem Job, ĂŒberholt zu werden, zu seinem Leben. Er fĂ€hrt dem Sonnenaufgang entgegen, immer tiefer dringt er in das sanfte Rot der Sonne ein, das bald die Straße ĂŒberflutet und sein Herz ein wenig leichter werden lĂ€sst. Aber dichte Regenwolken drĂ€ngen die Strahlen der Sonne bald zurĂŒck und machen die Straße wieder grau, grau wie sein Inneres. Er seufzt, stellt einen anderen Sender ein und fĂ€hrt weiter, einfach immer nur geradeaus, der grauen Straße entlang, hinein in weiteres, verregnetes Grau. Seine Ausfahrt kommt, er biegt ab. SchwerfĂ€llig brummt der LKW ĂŒber die schmale Ausfahrt, brummt weiter auf schmalen Wegen zum Kunden. Enge Kurven machen es ihm nicht leicht, hupende Autofahrer ĂŒberholen verĂ€rgert, als er das Fahrzeug mit zwanzig den Berg hoch quĂ€lt. Endlich angekommen, jetzt ausladen. Der Wind pfeift unangenehm kalt in den Ohren, lĂ€sst seine Nase rot anlaufen. Er schlottert und verzieht sich in das FĂŒhrerhaus. Der Kompressor brummt so beruhigend, er genießt das sanfte Schaukeln in seinem RĂŒcken und schließt einen Moment die Augen und lĂ€sst sich in ein Land voller Farben und GerĂŒchen entfĂŒhren. Aber nicht lange, das Silo ist leer. Aussteigen, SchlĂ€uche abmontieren, Kompressor ausstellen, weiterfahren. Wieder zurĂŒck auf die Autobahn, die immer noch grau und mit regennassen Straßen auf ihn wartet. Ja, sie wartet auf ihn. Er verstellt wieder den Sender, sucht Musik, die so gar nicht zu dem ganzen Grau um ihn herum passt. Aber da ist nichts, also hört er Nachrichten. Ein Unfall mit einem LKW, Stau, zwei Tote. Der Fahrer wĂ€re am Steuer eingeschlafen. War ihm auch schon passiert, aber er war nur im Graben gelandet, niemandem war etwas passiert. Im gleichen Moment gĂ€hnt er.
Die Straße schlĂ€ngelt sich wieder quer durch die Landschaft, die immer noch grau und dĂŒster ist. Winter, denkt er, ich hasse den Winter. Er ist genau wie ich, trist und grau.
Wieder auf dem BetriebsgelĂ€nde, spricht er mit ein paar Leuten, lĂ€dt seinen LKW voll, wartet ein paar Stunden wegen Verzögerungen und macht sich auf den Weg zu seinem Zuhause: der Autobahn. Diesmal die andere Richtung, nicht weniger grau, nicht weniger trist. Die Regenwolken hĂ€ngen nicht mehr so tief, lassen sogar ein wenig Sonne durch. Aber nicht zuviel, es könnte einem leicht ums Herz werden. Die Wolken verschließen ihre LĂŒcke wieder und lassen den Regen wieder gegen die große Windschutzscheibe prasseln. Die drei Scheibenwischer kĂ€mpfen tapfer gegen die Macht des Wassers und wischen es unermĂŒdlich zur Seite, damit er etwas sehen kann.
Das Wetter wird schlechter, findet er, aber das Radio sagt dazu nichts. Sie spielen ein Lied, das er heute schon dreimal gehört hat. Aber es gefÀllt ihm. Er ertappt sich beim Mitsingen und hört auf. Die Scheibenwischer arbeiten schneller, der Regen prasselt noch stÀrker. Das Grau vor seinen Augen wird stÀrker, dunkler.
Ob es einen Sinn ergibt, dass das Wetter so ist, fragt er sich und stellt die Heizung etwas höher. Er hofft, bald seinen Zielort zu erreichen. Es ist schon spĂ€t, und er muß wieder nach Hause.
Nach Hause wohin, fragt er sich und denkt an sein Bett, seinen KĂŒhlschrank, seinen Kleiderschrank und seinen Fernseher, der sowieso nie lĂ€uft. Er seufzt, umfasst das große Lenkrad fester und steuert seinen LKW immer weiter die Autobahn entlang, immer den Kurven und Bögen folgend, die irgendein Bauherr der Straße aufgezwungen hatte. Seine Ausfahrt kommt, er biegt ab und fĂ€hrt auf den schmalen Seitenstraßen, biegt um enge Kurven, hört die Autofahrer hinter ihm schimpfen, wenn er weit ausholt und abbiegt. Sie verstehen ihn nicht, lassen ihn nicht seine Arbeit tun. Sie haben Feierabend, das weiß er. Aber er hat keinen Feierabend. Endlich hat er seinen Zielort erreicht, kann abladen. Es ist kĂ€lter wie am Mittag, die kleinen PfĂŒtzen im Hof sind gefroren. Spaßeshalber rutscht er auf einer der PfĂŒtzen herum und gönnt sich das erste Lachen dieses Tages. Aber er hat nicht viel Zeit, irgendetwas stimmt mit dem Schlauch nicht. Er montiert ihn ab, montiert ihn wieder dran, ja, jetzt lĂ€uft es. Es dauert lange, bis er wieder alles zusammenrĂ€umen kann. Es wird dunkel, nicht nur durch die vielen Wolken, die der Regen hinterlassen hatte, nein, die Sonne ist schon wieder untergegangen. Sie wirft ein paar letzte Strahlen nach ihm, bis sie gewaltsam vom Horizont verschluckt wird. Er seufzt und steigt in sein Fahrerhaus. Das Radio lĂ€uft, die Heizung spendet halbherzig WĂ€rme, als er den Hof verlĂ€sst und wieder auf die Autobahn fĂ€hrt, die jetzt genauso grau und schwarz vor ihm liegt wie am Morgen. Er gibt Gas, schaltet den Tempomat ein und ab dafĂŒr! Er lehnt sich zurĂŒck, entspannt sich. Das Radio spielt gute Musik, er wippt den Takt mit dem Fuß mit, wĂ€hrend sein LKW sich immer weiter in das Dunkel der Nacht bohrt. Unaufhaltsam und mĂ€chtig schiebt er sich immer weiter vorwĂ€rts, lĂ€sst Kilometer um Kilometer hinter sich. Seine Ausfahrt kommt, er biegt ab und steht kurz darauf wieder auf dem menschenleeren Betriebshof. Er stellt den LKW ab, schließt die TĂŒr zu und setzt sich in sein Auto. Er legt den RĂŒckwĂ€rtsgang ein und macht sich auf den Weg zu seiner Wohnung, einer kleinen Wohnung mit einem Bett und einem KĂŒhlschrank und einem Kleiderschrank und einem Fernseher, der sowieso nie lĂ€uft. Graue Gestalten gehen mit ihren Hunden spazieren zwischen grauen HochhĂ€usern in grauen Straßen in einer tristen Gegend.
Ein Hund, denkt er, den hatte ich auch einmal gewollt. Er kennt die Ampelschaltung, weiß, wann der Bus an der Haltestelle hĂ€lt und zum Weiterfahren blinkt. In ihm sitzen die ausgeruhten Nachtschichtler und SpĂ€t-Ausgeher, aber keiner lĂ€chelt. Er ist da, stellt sein Auto ab und geht hinauf.
Morgen, denkt er, komme ich ja wieder nach hause. Nach Hause auf die Autobahn. Die HaustĂŒr fĂ€llt hinter ihm zu und lĂ€sst das Dunkel der Nacht draußen in der tristen, kalten Nacht.


C Rei 22012001

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