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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Lektor
Eingestellt am 30. 06. 2019 13:43


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MIO
Autorenanwärter
Registriert: Feb 2014

Werke: 61
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„Geradezu lächerlich viele Sterne glitzerten über dem wilden Tal“, las Hilde und sah erwartungsvoll zu Herbert.
„Boah“, sagte Herbert und stieß einen genervten Seufzer aus. „Was soll das sein?“
„Hörst du mir überhaupt noch zu, Herbert. Ich habe dir gesagt, dass ich einen Liebesroman schreibe. Das ist der erste Satz.“
Herbert schluckte den Kaffee herunter, den er im Mund hatte. Sein Blick wanderte zur Tageszeitung, die er gerne aufschlagen wĂĽrde, aber er konnte jetzt nicht zur Tagesordnung ĂĽbergehen. Er konnte lĂĽgen und sagen, das ihm dieser erste Satz gefiel, aber dies verstieĂź gegen seine Prinzipien.
„Ein erster Satz … Hilde“, begann er vorsichtig, „der muss fesseln!“
Hilde stutzte. Sie hatte die halbe Nacht an diesem Satz gearbeitet. „Was gefällt dir denn an dem Satz nicht?"
„Lächerlich.“
„Der Satz ist nicht lächerlich.“
„Ich meine lächerliche Sterne. Was soll ich mir darunter vorstellen?“
„Es heißt; lächerlich viele Sterne.“
Verdrossen runzelte Herbert die Brauen. Er wusste, dass würde Ärger geben. Er konnte sich mit den nächsten Worten in eine Situation manövrieren, die einige missratene Tage nach sich ziehen würde, aber der Satz war …
„Ausgeleierte Sprachhülsen, furchtbare Plattitüden ...“
Hatte er das wirklich gesagt? Hildes Gesicht bekam rote Flecke. Er konnte sehen, wie sich ihre kurzsichtigen Augen verengten. Er musste zurĂĽckrudern.
„Aber glitzerten ist toll, Hilde. Sterne glitzern. Vielleicht nimmst du statt des lächerlich lieber unglaublich.“
Beruhigt sah Herbert zu, wie Hilde den Rotstift nahm und auf dem Blatt herumkritzelte.
„Also… geradezu unglaublich viele Sterne glitzerten …“
„Nur mal so am Rande“, unterbrach er Hilde, "das geradezu würde ich weglassen. Unglaublich viele Sterne glitzerten …“
Hilde schnaubte unwillig. „Warte.“ Dann nahm sie hektisch den Rotstift und strich das erste Wort. Herbert sah ihr die Anspannung an, aber es war ja gleich geschafft.
„So … Unglaublich viele Sterne glitzerten über dem wilden Tal.“
Herbert fand den Satz schon viel ausgewogener. Nur dieses wild. Es passte einfach nicht. Es passte nicht zu Hilde und nicht in diesen Satz.
Hilde sah ihn an, als hätte sie eine unglaublich große Leistung vollbracht. Trotzdem, er musste es ihr sagen.
„Dieses wilde … Hilde …“
„Was ist damit?“, schrie Hilde.
„Wie soll ich mir denn ein wildes Tal vorstellen?“
Hilde erhob sich. Ganz langsam ging sie auf den Messerblock zu. „Wie soll ich mir ein wildes Tal vorstellen“, zischte sie gefährlich.
Herbert zuckte zusammen, als sie mit dem Messer auf ihn zukam.
„Hilde!“
„Das nächste Mal schreibe ich einen Krimi“, sagte Hilde drohend, holte aus und köpfte ihr Frühstücksei.


Version vom 30. 06. 2019 13:43

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Arno Abendschön
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Registriert: Aug 2010

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Hat mir insgesamt gut gefallen, MIO, besonders die Darstellung der ehelichen Textarbeit. Ähnliche Textstellen wie die im Verlauf erörterten kommen einem ja als ernst gemeinte hier und da tatsächlich unter die Augen.

Den Schluss fand ich dagegen leicht enttäuschend, da sich mir diese Art von Überraschungscoup (neckisches Simulieren von höchster Gefahr) durch häufigen Gebrauch doch etwas abgenutzt zu haben scheint.

Einige Satzzeichen- bzw. Rechtschreibfehler sind mir aufgefallen:

Zeile 4: Komma fehlt vor "Herbert"

Zeile 16: ein "s" zu viel ("dass" statt "das")

Zeile 19: Leerstelle fehlt zwischen "PlattitĂĽden" und "..."

Zeile 20: Fragezeichen statt Punkt nach dem Anfangssatz

Zeile 22: Komma fehlt vor "Hilde"

Zeile 23: "herumkritzeln" als ein Wort

Zeile 29: Leerstelle fehlt zwischen "So" und "..."

Zeile 32: vor dem Anfangssatz ein deplaciertes AnfĂĽhrungszeichen

Zeile 34: Leerstelle fehlt zwischen "Hilde" und "..."


Diskutieren könnte man darüber, ob die Zitate aus Hildes Text, wenn sie im Dialog aufgegriffen werden, im Schriftbild kenntlich gemacht werden sollten, z.B. durch Kursivschrift oder halbe Anführungszeichen.

Freundlichen GruĂź
Arno Abendschön







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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Salute MIO,
Ich habe das auch mit Interesse gelesen, das Köpfen des Frühstückseis statt Verletzung des Lektors scheint mir bei aller von arno avisierten Neckischkeit gar nicht übel.

Bedenkenswert finde ich allerdings folgendes: Wenn ein Texter von " lächerlich vielen Sternen" schreibt, ist er nicht unbedingt so pottnaiv und klabautermässig rumpelstilznaiv wie die immer wieder rotstiftkorrigierende Protagonistin. So jemand ist eher postmoderne spielerisch am Schreiben und all das.

Was meinst Du? Ist sie wirklich eine Naive und das "lächerlich" ist ihr einfach so unterlaufen?

greetse
ww
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alis nil gravius

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Ich weiß nicht, lieber Mio, warum sie die Sache ziemlich ernst nimmt: Jemand, der nach langer Session "lächerlich viele Sterne" schreibt, dürfte die eher konventionellen Korrekturempfehlungen des zeitungsaffinen Lektors kaum in die Streichungstat umsetzen. Sie macht es aber trotzdem. Liegt da etwas vor wie eine unfreiwillig absurde Konstruktion der Geschichte?

LG
ww
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alis nil gravius

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Sicher passiert so etwas eventuell.
Aber nun halt doch noch mal: Der Zusammenhang, die Logik im Text, ist recht brĂĽchig.

Vale
ww
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alis nil gravius

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fion
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Registriert: Mar 2012

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Hi MIO,

deine Geschichte habe ich mit sehr groĂźer Freude gelesen.
Herbert liebte ich sofort - konnte mich mit ihm schon bei seinem "Boah" identifizieren. Und Hilde liebe ich seit dem Messerblock.

Meiner Meinung nach korrigiert Herbert immer. Immer, wie bei: Die Einzigste. Ich höre ihn rufen. "Zige! Etwas einmaliges lässt sich nicht steigern."
Also, wie du siehst - dein Herbert ist lebendig.
Und das schafft nicht jeder Autor. Chapeau.

Ganz liebe GrĂĽĂźe
Fion

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