Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92241
Momentan online:
63 Gäste und 0 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Der Lektor
Eingestellt am 03. 03. 2010 10:43


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Francesco Lupo
???
Registriert: Oct 2009

Werke: 11
Kommentare: 1
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Francesco Lupo eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Lektor

Ich bin ein gelassener Mensch! Wer mich kennt, wird fraglos zugeben müssen: Das ist ein ruhiger, gelassener Mensch. Und ruhige und gelassene Menschen bringt man so leicht nicht aus der Fassung. Es bedarf schon eines besonderen Anlasses, sollte mir einmal der Kamm schwellen.
Momentan ist er geschwollen! Und zwar so stark, daß ich vorsichtshalber unter dem Türrahmen den Kopf einziehe, als ich das Verlagsgebäude betrete. Wo sitzt dieser Mensch?
Ich eile dem Pförtner entgegen und hole tief Luft. Es braucht ja nicht gleich jeder im Umkreis zu sehen, wie sehr ich in Rage bin. Als ich vor der Pförtnerloge die Notbremse ziehe, ausrutsche und mir den großen Zeh stoße, bin ich fast schon wieder die Ruhe in Person.
„Wo finde ich diesen Unmenschen, diesen Dr. Ungemach?“ herrsche ich den ahnungslosen Mann hinter der blankpolierten Glasscheibe an.
Der zuckt sichtbar zusammen, schaut kurz in mein vor Wut verzerrtes Gesicht, danach etwas länger in sein Telefonverzeichnis, sucht hastig und verrät mir voller Ergebenheit die Zimmernummer. Offenbar sieht er darin die einzige Chance, den bitteren Kelch einer Attacke an sich vorüberziehen zu lassen.
Zimmernummer 33! Das paßt zu diesem Lektor. Hätte die Zahl 32 nicht auch genügt? Oder 31? Aber nein, es muß diese Nummer sein. Warum ich jene Ziffernfolge nicht mag? Weil ich jetzt bereits 33 Mal erfolglos versucht habe, ein Manuskript bei diesem Verlag einzureichen. Und von diesen 33 Versuchen sind 38 fehlgeschlagen.
Wie das rechnerisch zu erklären ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Schließlich bin ich kein Mathematiker, sondern Autor. Und ein ziemlich guter obendrein; auf jeden Fall ein sehr fleißiger. Offenbar sind einige meiner Werke so umwerfend, daß sie aus prophylaktischen Gründen mehrmals abgelehnt werden müssen.
Die Füße zur Faust geballt steige ich mühsam die glänzenden Stiegen bis zum dritten Stock empor, schnaufe wie eine Lokomotive. Das ist gut. Das hebt meine Stimmung, macht mich unbesiegbar.
Als ich keuchend oben angekommen bin, bemerke ich eine Aufzugstür, die sich gerade öffnet. Ah, einen Lift haben sie hier auch. Das muß ich wohl übersehen haben ... Schwamm drüber.
Heute werde ich mir persönlich anhören, was dieser Dr. Ungemach gegen mich einzuwenden hat. Auf seinen Tisch werde ich mein bescheidenes Manuskript schmettern, ihm in seine hartherzigen Augen starren und Rechenschaft fordern. Blut wird fließen. Sein Blut. Hoffentlich ...
Es geht einfach nicht an, daß diese Lektoren - was glauben sie, wer sie sind? – sich anmaßen, ihre Urteile über unsereins zu fällen, gar den Stab zu brechen. Zuweilen scheint mir, sie verstehen die Inhalte nicht. Ich aber habe mein letztes Werk mitgebracht und werde anhand dieses Zeugnisses die Erklärungsnot des Dr. Ungemach zu genießen wissen. Bevor ich ihn würge.
Im Geiste sehe ich ihn schon vor mir, wie er sich in seinem Anzug hin und her windet. Wie ein in den weit entfernten kirgisischen Gewässern lebender Zwer-gaal. Nach Ausreden suchend, die Flucht aus dem dritten Stockwerk und somit den feigen Suizid in Erwägung ziehend.
Auch ich weiß nicht mit absoluter Sicherheit, was ein kirgisischer Zwer- gaal sein soll. Jedenfalls windet er sich.
Endlich stehe ich schnaubend vor Zimmer 33 und entziffere die Inschrift:
Dr. Ungemach, Lektorat Belletristik. Guuut. Meine Faust trommelt gegen die Tür. Stille. Ich warte. Wahrscheinlich wurde ihm mein Kommen telefonisch angekündigt, und er hat sich vorsichtshalber in einer Schublade verkrochen, der Wurm. Aber das wird ihm nichts frommen. Hic Rhodus, hic salta! Das ist griechisch und heißt wörtlich übersetzt: Friß Vogel - oder stirb! Erneut kracht meine mittlerweile empfindlich schmerzende Autorenhand gegen die Bürotür, die sich in gleichem Maße unnachgiebig zeigt wie der Büroinhaber; diesmal muß er es gehört haben. Feigling!
Wieder keine Reaktion. Ich schaue auf die Uhr. Es ist halb eins, Mittagszeit. Möglicherweise lümmelt er in der Kantine herum und schlägt sich den feisten Bauch voll. Auch mir knurrt der Magen. Aber das ist ganz prima, hungrig bin ich ungenießbar. Ein Kämpfer, ein Taifun.
Meine Hand greift zum Knauf, ich drehe ihn, die Tür öffnet sich. Beherzt stoße ich sie auf, trete ins Zimmer wie einst Lady Macbeth und finde es - verwaist. Auch gut, denke ich. Dann werde ich ihn eben hier in Empfang nehmen, wenn er vom Essen kommt. Ich rücke den Besucherstuhl näher an seinen Schreibtisch, lege meinen Roman auf die Tischkante, nehme in freudiger Erwartung Platz und stecke mir unaufgefordert eines jener weißen Bonbons in den Mund, die für den Besucher so einladend in der bunte Glasschale auf dem Fenstersims liegen. Ich bin so frei.
Das Bonbon ist hart, etwas porös, und weil ich es scheußlich finde, spucke ich es in hohem Bogen wieder aus. Es landet auf den Teppichfliesen, genau an der Tür. Das nächste schmeckt ebenso widerlich. Und alle folgenden. Also, den Geschmack seiner Bonbons betreffend, kann ich eines schon mal ruhigen Gewissens behaupten: Im Gegensatz zu mir weiß dieser Mann nicht was Qualität bedeutet!
Mein verträumter Blick wandert aus dem Fenster und bleibt an der gegenüberliegenden Dachrinne hängen. Man müßte mal die Biographie einer verzinkten Dachrinne schreiben ...
Ideen wie diese sind es, die mich als Autor so unvergleichlich machen, einzigartig, wertvoll. Und diese blinden Lektoren sehen den Wald vor Bäumen nicht, verkennen die Genies, welche literaturbeladen und voller Demut an ihre Tür klopfen. Werfen sie hinaus, treten sie mit Füßen. Wie Fußmatten.
Der Zeiger hat die Ein-Uhr-Marke passiert und schickt sich an, in gewohntem Rhythmus weiter zu kriechen, als ich mir eines dieser lächerlich dünnen Manuskripte schnappe, die auf dem Schreibtisch ihr karges, ihr unbedeutendes Dasein fristen. Voller Neugierde blättere ich im Buche eines Mitkonkurrenten.
Der Romanheld hat ein Verhältnis mit seiner Schwiegermutter! Und mit seinem Schwiegervater! Ein äußerst enges ...
Das ist die Höhe! Derartigen Schweinkram reißen sie den Autoren aus den schmutzigen Händen, meine fesselnden Abenteuerromane jedoch lehnen sie ab. Ich lege das Werk wieder zurück, da öffnet sich die Tür und herein stapft der Mensch, den ich gleich erwürgen werde.
„Guten Tag“, sagt der Ahnungslose freundlich, bückt sich, und sammelt umständlich die Bonbons auf, die ich in kunstvollem Muster um den Schreibtisch herum auf den Boden gespuckt habe. „Was ist denn hier passiert?“ will er wissen.
Wenn er denkt, daß ich ihm auf diese provokative Frage antworte, irrt er. Ich hülle mich - in Schweigen. Starre ihn nur aus zwei Augenschlitzen an und schlage mit der Rückhand auf mein eindrucksvolles Manuskript. Wieder und wieder. Nicht minder provokant.
Als der Mann, der übrigens einen Kopf größer sein dürfte als ich, die weißen Bonbons alle eingesammelt hat, legt er sie zurück in den Glasbehälter am Fenster und gießt etwas Wasser darüber.
„Wissen Sie“, will er jetzt von mir erfahren, „wer die Steinchen aus der Hydrokultur auf den Boden geworfen hat?“
„Hydrokultur? Keine Ahnung“, säuselt es verschlagen aus meinem Mund. „Die lagen schon dort, als ich herein kam ...“
Was gehen mich seine abscheulich schmeckenden Hydrokulturen an? Er sollte besser meine Manuskripte lesen. Weil sich jedoch ein Mindestmaß an Höflichkeit schickt, stelle ich mich vor, ich möchte unbedingt sehen, wie er reagiert:
„Tobias ...“, ich lege eine Kunstpause ein, bevor ich meinen Nachnamen nenne, „Streber !?“
„Ungemach“, sagt er fröhlich und reckt mir seine Pranke entgegen. Ich greife sie, er drückt heftig zu. Autsch! Gut. Gut, ich werde ihn später würgen, diesen Dr. Ungetüm …
„Nun“, eröffnet er die Unterhaltung, „was kann ich für Sie tun?“
Auf eine solche Frage bin ich nicht vorbereitet. Hat er meinen Namen nicht verstanden? Was er für mich tun kann? Eine ganze Menge, schätze ich. Ich komme sogleich auf meinen 33. Manuskriptversuch zu sprechen, schiebe ihm das Exemplar vor die Nase und frage, was ich noch alles schreiben soll, bevor man mir die gebührende Achtung zollt.
Er blättert einige Zeit in dem exorbitanten Werk, nickt ein paar Mal stumm und murmelt schließlich:
„Ja, ja. Ich erinnere mich. Wir haben viel darüber … gesprochen. Im Kollegenkreis.“
„So, im Kollegenkreis wurde darüber diskutiert“, entgegne ich aufgebracht, „aber letztendlich paßte es doch nicht ins Konzept des Verlages, he ...?“
„Lassen Sie mich vorab eines sagen: Sie schreiben ...ungewöhnlich.“
Das hätte nicht kommen dürfen. Ungewöhnlich. Was will das schon heißen? Wir hatten einen in der Klasse, der in jedes Diktat mindestens 25 Fehler eingebaut hat. Das war ungewöhnlich!
„Ich recherchiere meine Geschichten eben genauestens“, sprudelt es aus mir heraus. „Natürlich schleicht sich selbst bei mir mal hie und da ein Rechtschreibfehler ein, davor sind wir nicht gefeit. Niemand! Aber dafür sind Lektoren ja auch da, nicht?“
Er sollte mal meine Rohentwürfe lesen, bevor ich sie korrigiert habe. Entwürfe, bei denen ich mitunter selbst nicht mehr erkennen kann, was ich an der einen oder anderen Stelle gemeint haben könnte, weil ich beim raschen Hinschreiben mehrere Buchstaben, vorzugsweise Vokale, ausgelassen habe. Dann steht da schon mal: Bsorthns oder Umfernpft anstelle von Besorgnis und Unvernunft. Ich meine, das wäre doch mal was.
„Das ist es nicht, wovon ich rede“, spricht Dr. Ungemütlich frei von der Seele weg. „Schreibfehler passieren allen. Was uns an Ihrem Stil etwas irritiert, sind ... andere Dinge. Ich möchte Ihnen vielleicht ein paar Beispiele geben, damit Sie wissen, worauf unsere Kritik im einzelnen abzielt.“
Aha! Jetzt hüpft die Katze aus dem Eimer. Kritik will er üben. Er. An mir! Wenn er sich da mal nicht übernimmt. Lässig schlage ich meine Beine übereinander, die Überlegenheit in Person.
„Ja, ich habe mir seinerzeit ein paar Notizen dazu gemacht“, sagt Dr. Ungemach, öffnet eine Schublade, sucht, zieht ein Blatt Papier hervor und betrachtet es kurz.
Dann schlägt er mein Werk auf, sucht erneut, wirft mir einen kurzen Blick zu und liest laut:
„Sie räkelten sich an den Stränden von Las Vegas, schauten aufs offene Meer hinaus, zählten die pittoresken Fischerboote, und die Sonne spiegelte sich auf ihrer glänzenden, nackten Haut.“
Gebannt lausche ich meinem eigenen Roman. Wie einst Mozart seiner Musik. Noch niemals habe ich gehört, wie ihn ein Fremder vorgelesen hat. Es klingt phantastisch. Mein Selbstwertgefühl erhebt sich. Ich starre ihn erwartungsvoll an. Was hat er gegen eine solch plastische Eröffnung? Hoffentlich liest er weiter…
„Sehen Sie, Herr ... Streber“, sagt er, „man liegt am Strand von Waikiki, in Ipanema, man geht spazieren in Acapulco. Aber doch nicht am Strand von Las Vegas!“
„Was nimmt Sie gegen Las Vegas ein?“ frage ich lauernd. „Daß dort ein Spielerparadies ist, weiß schließlich jeder. Diese ungewöhnlichen Orte sind es ja gerade, die mich - unter anderem - von Hemingway unterscheiden! Nicht nur unsere Vornamen. Seine Strände sind die berühmt – berüchtigten, meine die etwas weniger bekannten, deshalb aber nicht weniger interessanten. Seine Themen sind die Fische, meine die Liebe. Er heißt Erwin, ich heiße - Tobias.“
„Das ist es nicht, was ich meine, Herr Streber“, versucht Dr. Ungemach mir klar zu machen, was ihm an Las Vegas explizit mißfällt. „Aber Las Vegas liegt in Nevada!“
„Da sehen Sie’s!“ kontere ich schlagfertig. „Nicht nur Western können in Nevada spielen, sondern auch Liebesgeschichten.“
Das nimmt ihm den Wind aus den ohnehin schlaffen Segeln, dessen bin ich mir gewiß.
„Sie verstehen mich nicht, Herr Streber. Nevada hat eigentlich nicht so viele Strände. Nevada liegt überhaupt nicht am Meer! Es liegt mitten in der Wüste ...“
Wo er recht hat, hat er recht. Auch mir kamen anfangs Bedenken bezüglich der Örtlichkeiten. Im Nachhinein wäre es wohl doch besser gewesen, ich hätte auf meine Frau gehört und das Ganze an die Meeresstrände Boliviens verlagert. Das kann ich noch immer nachholen. Aber muß man deswegen ein Buch ablehnen? Das ist geradezu lächerlich. Er verkauft den Bären, bevor er … das Fell erschossen hat.
„Im übrigen hieß er Ernest.“
Mein leerer Blick streift ihn.
„Hemingway. Sein Name war Ernest, nicht Erwin.“
„War?“ frage ich erschrocken. „Ist er tot?“
Dr. Ungemach nickt nur traurig und blättert weiter.
„Das tut mir leid“ versuche ich ein wenig Mitgefühl für den soeben Verblichenen zu heucheln.
„Wenn Sie Ihren Protagonisten selbst erzählen lassen“, schiebt der Lektor nach, „schreiben Sie Ich immer groß. Z.B. hier: ...sagte Ich ihr, daß Ich auf keinen Fall zu ihr zurückkäme, und Ich wäre fest dazu entschlossen. Warum?“
„Das ist Mir auch aufgefallen!“
„Oder da“, fährt Dr. Ungemach unbeeindruckt fort. „Sie schreiben: Darüber war er so erzürnt, daß er dem Papst glatt eine Audienz verweigerte.“
„Mein Romanheld ist Atheist. Das war einer meiner genialsten Einfälle“, erwidere ich stolz. „Es bedarf in der Tat einer gehörigen Portion Selbstvertrauen, einen solchen Gedanken zu Papier zu bringen. Wann, ich frage wann hat ein Schriftsteller es je gewagt, die über alles erhabene Religion zum Thema zu machen? Sich gar mit dem Vatikan anzulegen? Weil den meisten dazu der Mut fehlt! Mir nicht, wie Sie unschwer erkennen.“
„Herr Streber“, holt Dr. Ungemach aus, „noch nie hat jemand einem Papst eine Audienz verweigert!“
„Weil sich bisher keiner getraut hat! Ich schon, wie Sie sehen.“
Angriffslustig trommeln meine Finger auf seinem Schreibtisch. Gegen dieses Argument ist selbst ein Lektor seines Kalibers machtlos. Und auch seine großen Hände helfen ihm da überhaupt nicht weiter. Dennoch gibt er sich noch nicht ganz geschlagen.
„Es ist der Papst, der die Audienzen gewährt! Die anderen kommen oder sie lassen es.“
Ich bin der Ansicht, daß mein Gegenüber jetzt kleinlich wird. Das ist schlichte Haarspalterei. Ob er mir oder ich ihm oder wer mit wem oder was weiß ich. Was spielt denn das für eine Rolle in einem Roman, der vor Spannung nur so knistert?
„Unsere Lektoren sind beim Lesen übrigens pausenlos eingeschlafen“, bemerkt er nebenbei. „Alle! Sie schreiben auf Seite 229, gleich nach dem Sie die Einleitung des Romans beendet haben, ich zitiere: ... fielen taubengroße Hagelkörner vom unheilschwangeren Himmel ...“
„Nicht wahr“, greife ich den Faden auf, „diese Schilderung ist präzise. Der Leser weiß das Szenarium sogleich einzuordnen.“
Es gibt Momente, da bin ich von mir selbst begeistert. Da fühle ich, wie die Literatur sich meiner bemächtigt. Wie die Muse mich berührt, mich küßt, umgarnt, umarmt. Vergewaltigt gar. Und in solchen Augenblicken fließt es aus mir heraus, wie aus einem speienden Vulkan. Da spüre ich die latente Genialität in mir brodeln. Da verblassen Schiller und Goethe zu bloßen Papierbeschmutzern.
„Hagelkörner von Taubengröße sind ja nun eher die Ausnahme, Herr Streber“, gibt Dr. Ungemach nicht auf. „Eine Taube wiegt mehrere hundert Gramm. Was Sie meinten, war vielleicht: Tauben-Ei-Größe, oder?“
Die meiste Zeit im Leben muß sich ein begnadeter Schriftsteller mit derartigen Nichtigkeiten herumschlagen. Wie kann man nur so pedantisch sein? Aber der Lektor ist noch immer nicht fertig.
„Im 43. Kapitel packt Ihr Held ein Cembalo in seine Hülle ein und legt es in den Kofferraum seines Cabrios. Sie wissen, was ein ... Cembalo ist?“
„Natürlich, schließlich habe ich den Roman geschrieben! Er heißt zufällig: Das Cembalo.“
„Ich weiß, Herr Streber, ich weiß. Wann haben Sie zuletzt ein Cembalo getragen?“
„Es hat Saiten.“
„Wann?“
„Meine Frau besitzt eins.“
„Wann? Ich bitte Sie, Herr Streber.“
„Das trage ich ihr immer ins Auto ...“
„Sie meinen nicht zufällig ein …Cello?“
„Ja, wenn Sie mich jetzt so fragen ... es ist eine ziemlich kräftige Geige ...“
Dieser Kerl geht mir auf die Nerven mit seiner Besserwisserei. Soll er doch selbst ein Buch schreiben. Cembalo oder Cello, was macht das für einen Unterschied, frage ich? Die Hauptsache, es kommt Musik heraus.
„Ein Cembalo, mein lieber Autor, ist ein Musikinstrument, welches einem Flügel sehr ähnlich sieht und als dessen Vorläufer zu betrachten ist. Kein Mensch trägt ein Cembalo so einfach weg, packt es ein und legt es in einen Kofferraum!“
Warum wird er denn plötzlich so laut? Schreie ich vielleicht? Nein. Jedenfalls nicht viel lauter als er. Dazu besteht auch kein Anlaß. Der Lektor fährt unbeirrt fort:
„Auf Seite 763 lese ich: ... fiel mit lautem Krachen jene Renaissancestatue vom Sockel, die einst Magellan wohldosiert mit Dynamit aus den berühmten Marmorsteinbrüchen Norditaliens gesprengt hat. Welcher Teufel hat Sie denn da geritten?“
„Sie haben das richtige Wort gewählt!“ reagiere ich blitzschnell. „Wenn der Literaturteufel mich packt, läßt er mich zuweilen gar nicht mehr los. Mit dem Zerbersten dieser Statue bringe ich die ganze Zerrissenheit der Gesellschaft zum Ausdruck. Erkennen Sie das nicht?“
„Dynamit, mein Lieber, wurde erst Mitte des Neunzehnten Jahrhunderts von dem Schweden Alfred Nobel erfunden. Und Magellan war Seefahrer. Sie meinen wahrscheinlich Michelangelo. Und dem wäre es nicht im Traum eingefallen, Dynamit, selbst wenn er es gehabt hätte, zu benutzen, um seine Kunstwerke aus dem Fels zu sprengen.“
Man erkennt eines sogleich: Dieser Mensch weiß meine Wortgewalt nicht richtig zu schätzen. Soll ich mich überhaupt weiter mit ihm verbal auseinandersetzen oder ihn bloß ein bißchen würgen?
„Ich will nicht noch einmal das gesamte Buch durchsehen“, bereitet er das Ende dieser Unterhaltung vor, „aber ich erinnere mich, daß Ihr Protagonist einmal, das war noch ziemlich am Anfang, plötzlich wütend ein Fenster aufreißt, den Abschiedsbrief seiner Verlobten zerfetzt und hinaus wirft.“
„Sehen Sie“, entgegne ich verträumt, „diese Szene hat selbst Sie mitgenommen.“
„Herr Streber. Der Mann saß zu dem Zeitpunkt in einem U-Boot!“
„Ich liebe U-Boote. Wie sie in den weiten Tiefen der Ozeane versinken, in der Stille der ewigen Nacht.“
„U-Boote haben gewöhnlich keine Fenster, Herr Streber.“
„Dieses schon!“
Dr. Ungemach wirft mir einen Blick zu, den ich nicht zu deuten vermag, bevor er stumm weiter liest. Plötzlich hebt er die Augen und starrt mich an.
„Herr Streber. Sie haben Germanistik studiert?“
„Ja! Wochenlang.“
„Wo?“
„An der Universität.“
„Das hatte ich mir gedacht. Ich meine, an welcher Universität?“
„An der ...na, wie sagt man? Es war ganz im Norden ...“
„In Lübeck?“
„Sie sind dicht dran. - In Garmisch!“
Dr. Ungemach schüttelt den Kopf, wischt sich die Stirn ab und sagt:
„Hier schreiben Sie nämlich: Die Champinjon – Suppe war vergiftet. Herr Streber! Wie schreiben Sie denn Champignon?“
Möchte er mich jetzt auf meine Deutschkenntnisse prüfen? Dieser literarische Wicht? Mich, der ich als eine der Hoffnungen der Szene gelte?
„Wie man es spricht“, entgegne ich dem Ignoranten. „Mit Sch, wie Spinat, dann folgt ampinjon. Nichts leichter als das. Wenn Sie allerdings diese alberne Neue Deutsche Rechtschreibung bevorzugen ...“
Dr. Ungemach winkt müde ab, blättert weiter. Plötzlich sagt er:
„Diese Stelle hat uns besonders irritiert: Sie wendete sich ab mit Krause.“
„Das ist eine Redensart!“ entgegne ich ungeduldig.
„Mit Grausen, meinen Sie.“
„Mit wem?
Der Mann schüttelt pausenlos sein Haupt, während er weiter mein Werk durchwühlt.
„Auf Seite 1340 lassen Sie zum ersten Mal durchsickern, daß Ihr Held 31 Jahre alt ist und eine neunzehnjährige Tochter hat.“
„Meiner Ansicht nach wird das Verhältnis zwischen Vätern und Töchtern um so inniger, je geringer der Altersunterschied ist. Sie leben in der gleichen Zeit, hören dieselbe Musik, tragen die gleichen Pullis ...“
Er unterbricht mich jäh, indem er das Buch hörbar zuklappt.
„Herr Streber, dieses Buch ist voller Fehler! Wenn der Vater 31 ist und die Tochter 19, dann hätte er sie mit 11 Jahren gezeugt. Wie soll das gehen?“
„Frühreif? Damals waren die Menschen ...“
Dr. Ungemach läßt nicht locker und öffnet mein Werk erneut:
„Oder an dieser Stelle: ...während der tagelangen Zugfahrt nach Tahiti verführte sie ihn 25 Mal ... und anschließend hier ... packte er sie, hob sie mit beiden Händen hoch und setzte sie grob auf den Barhocker.“
Was hat dieser Mann gegen Barhocker? Barhocker sind stabil, jeder kennt sie, und Frauen machen sich gut darauf.
„Wie lange dauert wohl so eine Zugfahrt?“ bohrt er weiter. „Außerdem ist Tahiti eine Insel. Dorthin gelangt man mit dem Schiff!“
„Das habe ich nicht geschrieben!“
„Doch! Da steht es. Aber 200 Seiten vorher hat Ihr Held bei einer Explosion den linken Arm verloren. Wie, glauben Sie wohl, hat er die Dame auf den Hocker gehoben?“
„… Er ist sehr kräftig ...“.
„Und hier“, versucht er mich erneut aufs Glatteis zu führen, „schreiben Sie, der Vater Ihres Helden sei 67, und seinen Hund Mufty besitzt er seit seinem 15. Lebensjahr. Das bedeutet, das Tier ist mindestens 52. Hunde werden im allgemeinen 12 oder 14 Jahre. Dieses Tier ist viermal so alt. Wie erklären Sie das?“
„Er bekam immer feinstes Dosenfutter ...“
„Außerdem finden wir“, unterbricht er meine fruchtbaren Gedankengänge, „daß Ihr Buch mit knapp 3000 Seiten und 400 Kapiteln etwas zu umfangreich ist, um es zu publizieren. Zudem schlafen einige unserer Lektoren noch immer. Dem Leser würde es nicht anders ergehen. Es tut uns leid. Am besten, Sie streichen 399 Kapitel und machen eine Kurzgeschichte daraus. Meine Sekretärin wird Ihnen einige passende Verlage nennen.“
Ich erhebe mich, ergreife das Manuskript mit beiden Händen, schaue ihm noch einmal voller Verachtung ins Gesicht und verzichte. Ja, ich verzichte darauf, ihn zu würgen. Er ist es nicht wert. Haben Schiller und Goethe ihre Verleger gewürgt? Nein! Soll ich mich über die beiden stellen? Nein.

Obwohl ...

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!