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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Leser
Eingestellt am 21. 10. 2008 22:19


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sak
Hobbydichter
Registriert: Oct 2008

Werke: 1
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Am Anfang da habe ich mir immer eingeredet: das ist nur das Studium, du hast das unter Kontrolle. Germanisten müssen nun mal alles lesen. Und ich las und las.

„Der Därmer Wust reist durch die Haut /
So von den Maden gantz durchbissen;“

Ja, Gryphius, überhaupt die Barocklyrik, das waren meine ersten Highs gewesen... – Es war zu einem Lebensgefühl geworden: mich mit einem Buch irgendwo zu verkriechen und zu lesen, zu lesen bis gar nichts mehr ging: das ganze Universum in Watte. Aber schleichend war es immer mehr und mehr zu einer Notwendigkeit geworden. Aus dem Vergnügen wurde ein Muss. Die Bibliotheken reichten nicht mehr. Ich fing an, mir den Stoff zu kaufen. Das machte alles noch schlimmer.
Jenseits der Buchstaben, so empfand ich zunehmend, begannen feindliche Linien. Diese Welt mit ihren so unglaubwürdig erscheinenden Figuren, ihrem an den Haaren herbeigezogenem Plot – da verkroch ich mich lieber in eine Welt aus Papier.
In der Früh brauchte ich nun, noch bevor ich überhaupt aufstehen konnte, erstmal ein Gutenmorgengedicht.

„Ich schau die Därmer / (ach mir graut!)
In Eiter / Blutt und Wasser fliessen!“

Ich las, wenn ich über den Flur ging; im Bad, die Zahnbürste schlaff im Mundwinkel; vor dem Herd, in Gedanken versunken eine Hand in der Suppe; in Vorlesungen, Dozenten-Hintergrundgeräusche. Und in den Nächten quälten mich Alpträume von brennenden Bücherbergen und Reißwölfen mit silbernen Zähnen.
Immer wieder musste ich die Dosis steigern, die normale Ration kickte nicht mehr. Die verdammte Sehnsucht nach dem ersten Schuss.
Der Mann unten im Antiquariat wusste ganz genau, was mit mir los war. Breit grinsend gab er mir Empfehlungen, und schwärmte beredet vom härtesten Stoff

„Das Fleisch / das nicht die Zeit verletzt
Wird unter schlangen-blauem Schimmel“

und wenn ich mit zittrigen Händen ins Durcheinander der Bücherstapel griff, zwischen den Regalen mit Schweiß auf der Stirn Kleingeld abzählte, verführte er mich mit Sonderangeboten und Rabatt.

Am Ende dann stand ich in meinem Schlafzimmer vor dem Bücherregal, und begann mit beiden Armen Reihe um Reihe Bücher in große Umzugkartons zu wischen. Ich ging hinunter in den Hof und schmiss alles in den Altpapiercontainer.
Im Supermarkt kaufte ich Nudeln, Kartoffeln, Reis, Soßen in Gläsern, Vitamintabletten und eine Krankenhausmenge an Baldrian. Über der Spüle löste ich die Etiketten mit heißem Wasser, schüttete die Nudeln und den Reis in unbeschriftete Dosen, schnitt alle Schildchen aus meinen Klamotten. Alles, wo Buchstaben drauf waren warf ich weg.
Als ich fertig war, klopfte ich an die Tür meines Nachbarn. Mit nackten Füßen stand ich im Hausflur und stotterte, ihm meinen Wohnungsschlüssel hinhaltend, etwas von Notfall und kaltem Entzug, ja, dass ich unbedingt eingesperrt werden müsste. Er, ganz in gelblichem Feinripp, sah mich skeptisch an.

Jetzt sitze ich auf dem Laminat in meinem Schlafzimmer. An der Wand wie ein Skelett das leere Bücherregal. Stoßweise immer wieder der Brechreiz. In Wellen krampft die Sucht durch meinen Körper. Irgendwann meine ich, zu sterben und schreie ein barockes Gedicht gegen die Wand.

„Von unersätlichem Gewimmel
Vielfalter Würmer abgefretzt.“

Ich „me – mä“ ... merke, wie ich mehr und mehr die Kontrolle verliere, wie sich das „diedada“ alles um mich verschriftet: „aus der Ferne das Summen von Autos – die Vögel im Hof – oben das Weiß der Decke – mein unwirklich pfeifender Atem ...“ – Die Augen zu schließen, und mir die Ohren zuzuhalten bringt gar nichts. Zumindest „die Dunkelheit – der Boden in meinem Rücken – das Du“ bleibt immer zurück.

Dann kommen Gedanken wie, dass alles Außen nur eine Allegorie meines Innenlebens ist, die Welt ein Sinngefüge und ich ihr Mittelpunkt. Aber vor allem diese stechende Sehnsucht, diese Sehnsucht: ein Wesen zu sein, eins mit Anfang und Ende – wie eine Geschichte ...

Als der Nachbar Wochen später, nach minutenlangem Sturmklingeln, die Wohnungstür öffnet, misstrauisch in alle Zimmer späht, findet er nichts als ein Buch, das aufgeschlagen vor dem leeren Bücherregal liegt. Misstrauisch beugt er sich hinunter. Seine zusammengekniffenen Augen zucken über die Schrift:

„Der Leser

Am Anfang habe ich mir immer eingeredet: das ist nur das Studium, du hast das unter Kontrolle. Germanisten müssen nun mal alles lesen, und ich las und las. (...)“


Version vom 21. 10. 2008 22:19

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