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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Liebesbrief
Eingestellt am 09. 09. 2007 13:13


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Daunelt
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Der Liebesbrief

Er war schon in der Schule oft fĂŒr seine schöne Handschrift gelobt worden und hatte die Angewohnheit auch spĂ€ter beibehalten, langsam und akkurat zu schreiben. Die Bundeswehr, bei der er lustlos seinen Wehrdienst ableistete, bedurfte dieser Dienste nicht. Hier wurde, wenn ĂŒberhaupt, schnell eine Meldung mit Bleistift hingekritzelt. Nur manchmal, wenn der Kommandeur eine Einladung oder Ă€hnliches zu schreiben hatte, durfte er in dessen BĂŒro Platz nehmen und bei einer Tasse Kaffee seine KĂŒnste zeigen. „Sie wissen ja, daß sie einen solchen Befehl nicht befolgen mĂŒssen. Es ist nichts dienstliches, nur ein Gefallen“, sagte sein Vorgesetzter gönnerhaft, „wenn sie nicht wollen...“ Er ließ den Satz dann offen und schaute bedeutungsvoll auf den Kasernenhof, wo sich eine Abteilung Rekruten gerade fĂŒr den obligatorischen GepĂ€ckmarsch bereit machte.

Ansonsten war der Dienst im Fernmeldezug des Panzerbataillons sterbenslangweilig, die Abende einsam, die Kameradschaft oberflĂ€chlich. Fast alle Soldaten auf seiner Stube hatten eine feste Freundin. Wenn diese nicht in der Garnisonsstadt wohnten und ihren Helden an jedem freien Abend Gesellschaft leisteten, schrieben sie regelmĂ€ĂŸig Briefe, zartrosa oder cremefarbene UmschlĂ€ge, die nach ParfĂŒm und Puder verheißungsvoll dufteten und aus denen viele engbeschriebene Seiten und freizĂŒgige Fotos fĂŒr den Spind fielen. Er hatte niemanden; die jungen Frauen schĂ€tzten andere Eigenschaften als Schönschrift. Schneidige Autofahrer, flotte TĂ€nzer, dunkelgelockte Liebhaber, athletische Sportler – all das, was er nicht war. Das grenzte ihn aus, nie konnte er richtig mithalten, wenn seine Kameraden sich die neuesten Ergebnisse vom Hockenheimring austauschten oder ĂŒber die Bundesliga fachsimpelten und die ungerechte Behandlung, die der Trainer vom FC Was-weiß-ich-wo erleiden mußte. Auch wieviel PS der neue Flitzer vom Feldwebel Hinz hatte und ob man das Fahrgestell tiefer liegen könne oder nicht, interessierte ihn einen Scheiß. Vor allem aber konnte er nicht mit Eroberungen prahlen, nicht die ausgeschmĂŒckten Wochenenderlebnisse breit treten. Meist schwieg er, hörte zu. In den Augen der anderen war er kein ebenbĂŒrtiger Teil der Gemeinschaft, kein richtiger Mann, vielleicht sogar schlimmeres, möglicherweise – igitt – ein Schwuler ? Seine leise Art, die schmalen HĂ€nde, diese weibische Schönschreiberei, daß paßte doch.

FĂŒnfzehn Monate Wehrdienst, fĂŒnfzehn lange Monate FunkgerĂ€te pflegen, in der Kantine anstehen, mit acht Mann in einem Zimmer schlafen. „Schon wieder letzter Platz“, stellte der GruppenfĂŒhrer kopfschĂŒttelnd beim FrĂŒhsport fest, „reißen sie sich mal zusammen, so eine Flasche.“ Die HĂ€nseleien, die kleinen Gemeinheiten nahmen zu. Mal die Ärmel vom Schlafanzug zugenĂ€ht, dann die SchnĂŒrsenkel aus den Stiefeln geklaut und niemand, der sich beim Essen neben einen setzte. So vergingen die Tage, die Wochen. Irgendwann gab es ein verlĂ€ngertes, dienstfreies Wochenende. Er fuhr nach Hause, mit der Bahn immerhin zwei Stunden und kaufte in einem SchreibwarengeschĂ€ft einen schönen, gefĂŒtterten, hellrosa Briefumschlag aus BĂŒttenpapier.

Er legte zwei leere BlĂ€tter Papier ein, klebte sorgfĂ€ltig zu und beschriftete das Kuvert. Selbst mit einer schönen Handschrift war das nicht einfach. Er ĂŒbte lange, bis er glaubte, in etwa die romantischen SchwĂŒnge und bescheidenen Bögen getroffen zu haben, die seiner Meinung nach die Schrift junger Frauen auszeichneten. Er erfand einen Absender mit einem schönen Vornamen und adressierte den leeren Brief an seine Adresse in der Kaserne, nicht ohne ihn vorher mit einem DamenparfĂŒm zu besprenkeln.

Am folgenden Dienstag kam der Brief an. Der arrogante Obergefreite aus dem GeschĂ€ftszimmer verteilte die Post, indem er mit schmetternder Stimme auf dem unteren Flur die Namen der EmpfĂ€nger ausrief. Seine SchĂŒtzenschnur, fĂŒr die er bestimmt die notwendigen guten Ergebnisse selbst unterschrieben hatte, blinkte aufreizend, als er das fingierte Schreiben ĂŒberreichte. Die anderen Soldaten starrten neugierig, der Umschlag lag wie beilĂ€ufig auf dem Tisch. Anerkennung, VerblĂŒffung, Verwunderung, spiegelten sich in ihren Gesichtern. Was fĂŒr ein herrlicher Brief, er duftete noch immer leicht – und diese schöne Schrift ! Man konnte sich die Schreiberin lebhaft vorstellen, blauĂ€ugig und blond, wie sie in ihrem lichten Schlafzimmer an einem Kirschbaumtischchen schrieb, schnurrende Katzen und weiße Nelken um sich. Und sie hatte ihm geschrieben, dem Außenseiter, dem Versager. Neidisch standen seine Kameraden um ihn herum. Beinahe hĂ€tte er den Umschlag geöffnet, um zu lesen, was seine imaginĂ€re Freundin ihm schrieb.





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