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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Literat
Eingestellt am 26. 11. 2015 19:10


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TaugeniX
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Der Literat

Seine sinnlichen Exzesse ließen eine triebhafte Natur vermuten, doch in Wahrheit war er ein disziplinierter, bis zur Zwanghaftigkeit auf ein Ziel ausgerichteter Mensch. Die Ausschließlichkeit, mit der er sich der Literatur verschrieb, offenbarte sich nach der Orgie: die Suche nach verwertbarem Material war fĂŒr mehrere Wochen, oft Monate abgeschlossen, er verharrte in seinem Kabinett - Tag und Nacht bei zugezogenen schweren VorhĂ€ngen und neumodischer GlĂŒhlampe, die er dem Gaslicht vorzog, – und sezierte seine Erinnerung. Er legte einzelne GemĂŒtsregungen frei, seine und die des Opfers, ordnete sie systematisch, suchte nach prĂ€zisen und prĂ€genden Begriffen. Erst dann, als die RealitĂ€t in Worte gesetzt war, ließ er der Phantasie freien Lauf und begann an einer Geschichte zu arbeiten. Immer wieder glaubte er, dass sein Vorrat des Erlebten nun endlos weiterreichen könne, und verabschiedete sich innerlich von der RealitĂ€t. Doch immer wieder versiegte der Schreibstrom und er musste erneut auf die Jagd.

Die Ehegattin hat sich mit seinem Lebenswandel abgefunden. Sie war eine kluge Frau und begriff, dass es schlicht lĂ€cherlich wĂ€re, auf den Rohstoff seiner Geschichten eifersĂŒchtig zu werden, auch wenn es lebende Kreaturen waren, aus Fleisch und Blut, mit festen BrĂŒsten und pfirsichfrischer Haut. Sie lernte es, ihn niemals am Arbeiten zu stören, - auch wenn sie ihm Tee brachte oder beim Abtippen ein schwer verstĂ€ndliches KĂŒrzel in seinem Manuskript vorfand.

Er schrak auf von Zugluft und jĂ€hem Kreischen seiner Frau. Sie schrie rum und hielt ihm ein Blatt seines Manuskriptes vor die Nase. „Was will sie bloß?“ Dachte er und versuchte sich mĂŒhsam auf ihre Worte zu konzentrieren. „Reichen dir deine verdammten Models nicht? Wie konntest du mich! – Unser verborgenes, unser ganz intimes Leben hier nach außen drehen wie einen Handschuh! Ist dir denn nichts mehr heilig, wenn du deinen Text schmĂŒcken musst?“

Der Autor staunte: er hat das „Intime und Verborgene“ seiner Frau nur als Muster benutzt und verpackte es in ein exotisches Sujet, - er dachte gar nicht daran, dass sie sich erkennt und noch weniger, dass sie sich echauffiert. Inzwischen heulte sie aber: „Du bist so leer, du bist so schrecklich leer. Was bist du selber? Ein Nichts, - kein Freund, kein Liebhaber; nicht mal ein böser Mensch, - kein wirklicher Ehebrecher, kein echter BetrĂŒger. Du kannst nur sammeln und niederschreiben, sammeln und niederschreiben. Nicht mal unsere LiebesnĂ€chte hast du verschont
 Wie soll ich bloß weiter neben dir leben?“

„Nun, ich bin eben ein Schriftsteller“, wollte er entgegnen, doch plötzlich beschlich ihn ein seltsamer Gedanke, sie könne Recht haben. Er empfand ein stechend schmerzhaftes Mitleid fĂŒr sich selber, - einen so leeren und unwirklichen hilflosen Parasiten am Seelenleben der Anderen. Diese Empfindung war neu und durchaus interessant. Er konzentrierte sich darauf, das Klagen der Frau verschwamm zu einer störenden GerĂ€uschkulisse.

„Sie muss auf jeden Fall hier weg“, beschloss er. Seine Augen fĂŒllten sich mit TrĂ€nen. „Es tut mir so leid, meine Liebe! Es schmerzt mich so sehr, dir weh getan zu haben! Glaube mir, ich leide in diesem Augenblick mehr als du! Siehe her, - ich weine! Und hast du mich oft weinen gesehen? Ich leide wirklich. Ich muss jetzt ein wenig allein sein, - bitte, nur eine kleine Stunde, dann komme ich ins Salon und wir werden ĂŒber alles reden. Bitte!“

ErschĂŒttert von seinem GefĂŒhlsausbruch, schlich sich die Frau aus dem Kabinett. Er warf hinter ihr die TĂŒr zu und hetzte zum Schreibtisch. „Welches Wunder“, dachte er zĂ€rtlich, „so aus dem nichtigen Anlass heraus entsteht gerade eine Novelle.“ Sie war schon da, er brauchte bloß niederschreiben. Er setzte sich hin, nahm einen fetten schwarzen Bleistift und setzte die Überschrift:

Der Literat

__________________
Was uns obliegt, ist nicht die Lust des Lebens, auch nicht einmal die Liebe, die wirkliche, sondern lediglich die Pflicht. Th. Fontane

Version vom 26. 11. 2015 19:10
Version vom 01. 12. 2015 06:04
Version vom 02. 12. 2015 20:22

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Wipfel
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Eine unerhörte Begebenheit also. Gut geschrieben. Mir gefĂ€llt das StĂŒck - und wer hĂ€tte das nicht so oder so Ă€hnlich schon erlebt?

Respekt.

GrĂŒĂŸe von wipfel

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TaugeniX
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Ich hoffe, dass es nicht unumgĂ€nglich ist fĂŒr einen Schreibenden. Aber AnsĂ€tze fĂŒr diese Lebenshaltung spĂŒre ich sogar bei mir selbst, obwohl fĂŒr mich das Scheiben nur eine in engen Zeitrahmen gepresste FreizeitbeschĂ€ftigung ist.
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Maribu
???
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Der Literat

Hallo TaugeniX,

interessanter Text!
Die Einsicht des Mannes, wie ein Parasit das Seelenleben der eigenen Frau schriftstellerisch verarbeitet zu haben.

Sie tat ihm aber nicht wirklich leid; er hat auch noch ein
schauspielerisches Talent! Es waren keine TrÀnen, das preisgegeben zu haben, es waren FreudentrÀnen, weil damit die Novelle im Kopf fertig war!

L.G. Maribu

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TaugeniX
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Selbstmitleid hat er echt gespĂŒrt. Aber auch Selbstmitleid ist fĂŒr ihn nur ein Rohmaterial fĂŒr seine Texte. Er behandelt eigene GefĂŒhle nicht anders als die der Anderen. Das "Sammeln und Niederschreiben" ist die Maxime seines Lebens.
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steky
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Hallo, TaugeniX!

Wenn Du wirklich einen zeitgemĂ€ĂŸen Text schreiben willst, streich erstmal Wörter wie "Literat", "Salon", Kabinett". Die "neumodische Lampe" ist zu ostentativ und unprĂ€zise.

Du kannst Deine VerÀnderung zuerst als Kommentar posten, denn sonst hast Du unter Deinem Text zehn verschiedene Versionen.

Mach Dir Gedanken darĂŒber, in welchem Umfeld Dein Protagonist lebt. Ist er reich und befriedigt seine dekadenten GelĂŒste mit BanalitĂ€ten? Oder ist er arm und sĂ€uft sich jeden Abend die Birne weg? Puschkin oder Dostojewski? Das ist insofern wichtig, weil es zwei verschiedene Gesellschaftskreise sind. Du kannst auch einen fĂŒrsorglichen Vater nehmen, der jeden Abend seiner Tochter einen Gutenachtkuss gibt. Kurzum: Überlege, wer Dein Autor ĂŒberhaupt ist; gib ihm ein Gesicht.

Ich hoffe, ich konnte Dir vorerst helfen.

Morgen mehr, wenn Du magst.

LG
Steky

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