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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Lokalreporter
Eingestellt am 17. 10. 2002 15:58


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Hannes Nygaard
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2002

Werke: 7
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Reuter hatte schlechte Laune. Missmutig schaute er aus seinen kleinen wieselflinken Schweins├Ąuglein in den Spiegel. Sein Blick traf auf ein rundes Gesicht mit dicken Hamsterbacken, eine etwas zu fleischige Nase, wulstige Lippen und dunkle Bartstoppeln, die von grauen Flecken durchsetzt waren.

Die Haare hingen dort, wo sie noch vorhanden waren, in fettigen Str├Ąhnen seitlich ├╝ber die Ohren herab.

Reuter roch auch. Aus dem Mund, unter den Achseln, eigentlich ├╝berall.

Auch wenn man jede Selbstkritik missen lie├č, wirkte das, was er dort im Spiegel sah, nur ungepflegt, ja fast schmierig.

Das st├Ârte ihn aber wenig. Im Laufe der Jahre war in Reuter die ├ťberzeugung gewachsen, dass sein Erscheinungsbild eher als herb maskulin zu bezeichnen w├Ąre.

So etwas mochten die Frauen – meinte er. Sein behaarter K├Ârper hatte rundherum Fett angesetzt und gab ihm eher die Figur eines kleinen Mastschweinchens als die eines bodybuilding gest├Ąhlten Musterathleten.

Er hatte Kopfschmerzen. Das kam vom ├╝berm├Ą├čigen Alkoholgenuss und den zahlreichen filterlosen Zigaretten, die er sich im Laufe des gestrigen Abends zugef├╝hrt hatte.

Schuld daran waren nur die Weiber. Eigentlich war er nach Feierabend losgezogen, um eine der nach seiner Meinung herumstreuenden Katzen anzugraben, aber irgendwie war es ihm nicht gelungen. Trotz seiner nach eigener Anschauung ├╝berzeugenden m├Ąnnlichen und direkten Art hatte er keine Frau ├╝berzeugen k├Ânnen, dass er ihr nur etwas Gutes tun wollte, sich dazu herabgelassen h├Ątte, ihre geheimen W├╝nsche zu erf├╝llen.

So war sein Streifzug durch das n├Ąchtliche Schwabing kontinuierlich im Alkohol ertr├Ąnkt worden.

Er verfluchte die Frauen, die sich n├Ąchtens in Kneipen produzierten, dann aber jedem seiner Abschleppversuche wiederstanden, sah noch einmal in den Spiegel und schloss den mannhaften Kompromiss, auf Dusche und Rasur zu verzichten. Ein wenig Wasser in die Achselh├Âhlen, etwas Spray ├╝ber den affenartig behaarten Oberk├Ârper verteilt und eine handvoll Wasser durch das Gesicht gezogen. Die Z├Ąhne – dabei zog er die Lippen auseinander und besah sich kritisch die gelben Zahnreihen – konnten durch intensives Putzen farblich nicht mehr ver├Ąndert werden. Also sparte er sich diese M├╝he.

Er zog aus dem ungeordneten W├Ąschestapel in seinem Einraumappartement ein Hemd heraus, von dem er vermutete, dass er es bisher nur einmal getragen hatte, st├╝lpte die Socken ├╝ber, zog Hose und Jeansjacke an und schl├╝pfte in die ausgetretenen Joggingschuhe.

Als er durch die Haust├╝r auf die Strasse trat, kniff er die Augenbrauen zusammen. Jeder andere h├Ątte sich ├╝ber den herrlichen Fr├╝hsommertag gefreut, der ihn auf der lebhaften Strasse im Herzen Schwabings empfing, in der er seit siebzehn Jahren wohnte. Reuter fluchte stattdessen. Das grelle Licht tat seinen Augen weh.

In Berlin war er gro├č geworden, hatte sich in den Hinterh├Âfen des Weddings herumgepr├╝gelt, gelernt , sich durchzusetzen. Z├Ąh und mit eiserner Energie hatte er die Schule ├╝berstanden, das Abitur erreicht.

Dann hatte er studiert, Germanistik. War das ein Leben. Sie alle, die Clique, in der er verkehrte, haben n├Ąchtelang ├╝ber die Zukunft der Gesellschaft die K├Âpfe hei├č diskutiert, und wenn sie nicht irgendwann vom Alkohol oder dem Drogenkonsum, der einfach dazugeh├Ârte, umgefallen w├Ąren, h├Ątten die unterschiedlichen Auffassungen sicher oft zu handfesten Auseinandersetzungen gef├╝hrt.

So hatte er Jahr um Jahr mit dem Studium zugebracht, bis er eines Tages feststellte, dass alle seine Kommilitonen nach und nach erfolgreich die Universit├Ąt verlassen hatten und sich einem ├╝beraus b├╝rgerlich gepr├Ągten Leben zuwandten.

Es war niemand mehr da, der mit ihm revolution├Ąre Ideen diskutierte, neue Ideale konzipierte, der die studentische Streitkultur seiner fr├╝hen Jahre beherrschte.

Nach seinem Abschluss musste er dann feststellen, dass er f├╝r einen erfolgreichen Start in eine berufliche Zukunft die falsche Universit├Ąt besucht hatte, zu lange studierte, das falsche Fach gew├Ąhlt und sich mit der verkehrten Clique geschm├╝ckt hat. Niemand wollte ihn haben.

So hatte er Berlin den R├╝cken gekehrt, alle Zelte hinter sich abgebrochen und war nach M├╝nchen gezogen. Hier arbeitete er jetzt als Journalist. Seit siebzehn Jahren.

Reuter lachte s├Ąuerlich in sich hinein.

Journalist.

Zweitklassiker Reporter f├╝r den Lokalteil eines ber├╝chtigten Boulevardblattes war er.

Er r├╝lpste kr├Ąftig vor sich hin und streckte einer ├Ąlteren Frau, die ihm entgegenkam und ihm ob seines Verhaltens einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, die Zunge aus.

Ohne dem Verkehr besondere Beachtung zu schenken, querte er die Strasse und schl├Ąngelte sich durch die tr├Ąge vorw├Ąrts kriechende Fahrzeugkolonne hindurch auf die andere Stra├čenseite.

Auf seinem Weg in die Redaktion wollte er sich noch schnell eine Wurstsemmel besorgen, die ihm Fr├╝hst├╝ck und Mittag zugleich ersetzen sollte. Ihm wurde bewusst, dass er auf dem besten Wege dazu war, zu degenerieren. Er nutzte jetzt auch schon die einheimischen Ausdr├╝cke. Wurstsemmel statt Schrippe oder Br├Âtchen. Der revolution├Ąre Drang studentischer Tage, in dem er gegen alles und jeden protestierte, war schon lange verflogen.

Die Strasse strahlte eine besondere Urbanit├Ąt aus. Zahlreiche kleine Gesch├Ąfte, dicht an dicht, lockten mit einem vielf├Ąltigen Angebot. Gleichzeitig waren sie von einer ausgepr├Ągten Individualit├Ąt beseelt, die sie wohltuend von der Uniformit├Ąt der Gesch├Ąftsstrassen in den Stadtzentren unterschied. Mittendrin pr├Ąsentierte sich in einer hausbackenen Aufmachung die Metzgerei H├Âlzl, seit mehr als einhundert Jahren im Familienbesitz, wie stolz ein Plakat im Schaufenster verriet.

Das alles interessierte Reuter aber herzlich wenig. Griesgr├Ąmig strebte er dem Eingang zu und ├╝bersah dabei den kleinen grauen Mischlingshund mit dem ausgefransten Fell, der auf den Hinterbeinen vor der Eingangst├╝r sa├č und sehns├╝chtig, sich die Schnauze leckend, in das Ladeninnere hineinblickte,

Jaulend sprang das Tier auf und sprang in einem hohen Bogen zur Seite.

„Bl├Âde T├Âle;“ entfuhr es Reuter, w├Ąhrend er unger├╝hrt die T├╝r zum Metzgerladen ├Âffnete.

„K├Ânnen Sie denn nicht aufpassen? Das arme Tier!“ Eine hohe Fistelstimme giftete ihn an. Sie geh├Ârte einer alten Frau, die mit einem eigenartigen Monstrum von Hut vor ihm auftauchte.

„Was sitzt der bl├Âde K├Âter auch direkt vor der T├╝r,“ geiferte Reuter zur├╝ck und versuchte sich an ihr vorbei in Richtung des etwas antiquiert wirkenden hohen Glastresens mit den nach oben gebogenen Glasscheiben zu schieben, hinter denen Meister H├Âlzl seine Produkte pr├Ąsentierte.

„Unversch├Ąmt,“ keifte die Alte zur├╝ck. „Erst tritt dieser unversch├Ąmte Mensch meinen Hund, dann will er sich auch noch vordr├Ąngeln. Zu meiner Zeit besa├čen die Leute noch Anstand. Die wussten noch, was sich geh├Ârt. Das scheint heute anders zu sein.“ Dabei warf sie Reuter einen w├╝tenden Blick zu.

„Es w├Ąre f├╝r die Menschheit nicht schade, wenn wir auf solche Leute wie Sie verzichten k├Ânnten.“

Reuter lie├č eine Art Grunzlaut h├Âren, um dann zu erg├Ąnzen: „Gottlob ist die Aussicht, dass Sie vor mir von diesem Erdenrund verschwinden, ja gr├Â├čer als umgekehrt. Darin lege ich meine ganze Hoffnung.“

Die alte Dame schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Sie....Sie....“ hechelte sie.

„Nun h├Ârt schon auf damit an einem solchen herrlichen Sommertag,“ mischte sich Metzgermeister H├Âlzl ein, der gro├č und rotgesichtig hinter seinem Verkaufstresen thronte. Der kr├Ąftig gebaute vierschr├Âtige Mann wandte sich an die Frau.

„Was darf es denn heute sein?“

Sie griff noch einmal kampfeslustig an ihren Hut, warf Reuter einen todbringenden Blick zu, und drehte sich abrupt zum Gesch├Ąftsinhaber um.

„Haben Sie zuf├Ąllig etwas von Ihrem Hundefutter in Dosen? Mein Teddy liebt es ├╝ber alles. Er ist ganz gierig danach. Leider bekomme ich es immer nur sehr selten bei Ihnen.“

H├Âlzl griff in ein Regal hinter seinem R├╝cken.

„Sie haben Gl├╝ck. Wir haben gerade eine neue Charge fertiggemacht. Wie viel darf es denn sein?“

„Zwei Dosen bitte.“

Der Metzgermeister entnahm dem Stapel aus dem Regal zwei runde goldfarbene Blechdosen ohne Aufschrift oder Etikett. Lediglich auf dem Dosendeckel, der eine wei├če Beschichtung aufwies, stand mit schwarzem Stift geschrieben: H├Âlzl┬┤s Hundedelikatesse.

„Das machen wir selbst,“ erkl├Ąrte der Meister voller Stolz. „Leider haben wir nicht immer die Zeit dazu, obwohl es bei unseren Stammkunden f├╝r ihre vierbeinigen Lieblinge sehr begehrt ist.“

„Wie ich schon sagte, mein kleiner Teddy ist ganz versessen darauf. Da k├Ânnen die in der Fernsehwerbung hoch gepriesenen Produkte nicht mithalten.“

„Soll das Vieh doch daran verrecken,“ knurrte Reuter dazwischen.

„“Was meinen Sie?“ keifte die alte Dame zur├╝ck. Gottlob hatte sie die Anmerkung nicht verstanden.

Reuter winkte ab, ohne einen weiteren Ton zu sagen.

Endlich hatte die Frau ihren Einkauf abgeschlossen. Umst├Ąndlich kramte sie in ihrer altmodischen Handtasche nach dem Portemonnaie, suchte geduldig das Kleingeld heraus und raffte schlie├člich ihren Einkauf zusammen. Mit einem letzten giftigen Blick auf Reuter verlie├č sie den Laden.

„Solche alten Weiber mit ihren bl├Âden K├Âtern sollte man verbieten,“ maulte Reuter und orderte schlie├člich zwei Semmel mit Hackepeter und vielen Zwiebeln.

Meister H├Âlzl versuchte ihn zu beschwichtigen: „Die ist doch harmlos. Da finde ich andere Dinge viel skandal├Âser. Haben Sie heute schon in die Zeitung gesehen?“

Reuter winkte ab: „Glauben Sie ja nicht an das, was dort steht. Das ist alles erstunken und erlogen.“

H├Âlzl holte tief Luft: „Da stehen Sie aber alleine mit Ihrer Meinung. Ich glaube schon, dass die Zeitungsmenschen sauber recherchieren. Die k├Ânnen es sich gar nicht leisten, Unwahrheiten in die Welt zu setzen. Was glauben Sie, was passiert, wenn die einen Artikel wie die heutige Schlagzeile ver├Âffentlichen, ohne dass es wahr w├Ąre?“

Reuter zog ger├Ąuschvoll die Nase hoch.

„So? Was steht denn dort?“

Der Metzgermeister griff hinter sich und las vor: „Autok├Ânig auf der Flucht. Er hinterl├Ąsst Millionen Steuerschulden.“

Er legte die Zeitung wieder fort.

„Und uns Kleine jagen die vom Finanzamt bis zum Gehtnichtmehr. Das ist reine Schikane. Nehmen Sie mich zum Beispiel, ein kleiner Handwerksmeister, der sich nur mit M├╝he gegen die Konkurrenz der Superm├Ąrkte und gro├čen Ketten halten kann.

Letztes Jahr hatte ich hier eine Betriebspr├╝fung. Ein ekelhafter Kerl vom Finanzamt. Eine ganze Woche hat der in meinen B├╝chern herumgeschn├╝ffelt. Dann hat er mir unterstellt, ich h├Ątte eine wesentlich h├Âhere Gewinnspanne als ich deklariert habe. Pure Schikane.“

H├Âlzl hatte sich jetzt in Rage gebracht.

„Der hat einfach unterstellt, ich h├Ątte zuwenig Eink├╝nfte deklariert und mir mit einer willk├╝rlichen Sch├Ątzung eines wesentlich h├Âheren Gewinnes gedroht. So einfach geht das. Da kommt ein B├╝rokrat daher, der als Beamter auf Lebenszeit sich nicht dem t├Ąglichen Wettbewerb aussetzen muss, der nicht die Ungewissheit kennt, ob der Betrieb nicht n├Ąchsten Jahr von einem Gro├čen gefressen wird. Oder ob ich die Ladenmiete nicht mehr zahlen kann, weil eine Boutique dem Hausbesitzer ein attraktiveres Angebot unterbreitet hat.“

Dem Metzgermeister waren die Zornesadern angeschwollen.

„Und Sie sind als kleiner B├╝rger machtlos dagegen. Sicher, Sie k├Ânnen gegen die Entscheidung des Finanzamtes klagen. Aber bis Ihr Prozess durch ist, sind Sie lange pleite. Aus. Vorbei Ende. Da steht dann auf Ihrem Grabstein: Hier ruht im Recht. Und der Mensch vom Finanzamt kann diese Willk├╝r ohne jedes pers├Ânliche Risiko betreiben. Aber Ihre Existenz ist unwiederbringlich verloren.“

Reuter war neugierig geworden: „Und, wie ist die Sache ausgegangen?“

Der gro├če Mann hinter dem Tresen wischte sich den Schwei├č von der Stirn.

„Das ist merkw├╝rdig,“ antwortete er schlie├člich. „Ich muss wohl einen Schutzengel gehabt haben. Pl├Âtzlich habe ich nie wieder etwas vom Finanzamt geh├Ârt. Nichts. Funkstille. Bis zur letzten Woche. Da ist ein anderer gekommen und hat mir erkl├Ąrt, dass die ganze Geschichte von vorne beginnt. Die wollen noch einmal mit der Pr├╝fung meiner B├╝cher beginnen.“

„Und weshalb das?“

H├Âlzl zuckte die Schultern: „Keine Ahnung,“

Inzwischen hatten weitere Kunden den Laden betreten, so dass sie ihr Gespr├Ąch abbrechen mussten.

Reuter war dann in die Redaktion seiner Zeitung gefahren. Der Lokalredakteur war mit einem w├╝tenden Wortschwall ├╝ber ihn hergefallen, hatte ihn beschimpft, einen desorganisierten Chaoten genannt, seinen verbalen ├ťberfall kurz unterbrochen und die Nase schnuppernd in die Luft gehalten, und dann geflucht:
„Reuter, Du stinkst wie ein tibetanischer Lastenesel.“

Der reagierte, in dem er dem kleinen kahlgeschorenen Mann den ausgestreckten Mittelfinger zeigte, sich wortlos umdrehte und zu seinem Schreibtisch marschierte.

Der Platz sah aus wie eine M├╝llhalde. Papierberge, angebrochene Zigarettenschachteln, leere Pappbecher lagen wild durcheinander, verziert von losem Bonbonpapier.

Reuter verschaffte sich ein wenig freien Raum, indem er mit dem Ärmel die Ansammlung kurzerhand zur Seite schob.

Tastend klopfte er ├╝ber den Papierhaufen, zog ein mit einem Kaffeefleck verunziertes Blatt hervor, warf einen kurzen Blick darauf, drehte es um und machte sich einige Notizen auf der R├╝ckseite.

Die Sache mit dem Finanzamt interessierte ihn.

Ein kurzes Telefonat mit dem Kollegen, der den Wirtschaftsteil betreute, darunter mit dem besonderes Schwerpunkt der lokalen Wirtschaft, brachte keine neuen Erkenntnisse. Auf gut Gl├╝ck rief er das zust├Ąndige Finanzamt direkt an, wurde dort aber ziemlich r├╝de abgewiesen.

So kam er nicht weiter. Er blickte noch einmal auf seine Notizen. Ein Artikel, der die Ohnmacht der kleinen Leute gegen die Allmacht des Staates und seines abscheulichsten Vertreters, der Finanzverwaltung, zum Inhalt hatte, kam immer gut an.

Vielleicht konnte Beppo weiterhelfen. Das kleine verhutzelte M├Ąnnchen mit der altert├╝mlichen Hornbrille und dem grauen Haarkranz war schon so lange dabei, dass niemand zu sagen wagte, ob er nicht bereits vor Gr├╝ndung des Blattes dort t├Ątig gewesen war. Beppo ersetzte in kritischen Situationen die gesamte Computeranlage und das Zentralarchiv gleichzeitig.

Wie gewohnt zog der kleine Mann die Nase kraus und kl├Ąrte Reuter genussvoll auf, dass die jungen Leute – und damit meinte er den atemlos schnaufenden Reporter – einfach am Leben vorbeigehen und ├╝berhaupt nichts mehr von ihrer Umgebung mitbekommen. Dann, auch dieses entsprach seiner Gewohnheit, lie├č er h├Âren, dass heutzutage keiner mehr in der Lage war, vernunftbegabt eine Zeitung zu machen. Schlie├člich lie├č er sich aber doch dazu herab, Reuter eine Erkl├Ąrung zu geben:

„Da war einmal ein merkw├╝rdiges Ding. Zu wenig, um eine Story daraus zu stricken. Aber ├╝ber Nacht war ein Finanzbeamter verschwunden. Einfach weg. Wie vom Erdboden. Man hat nie wieder etwas von ihm geh├Ârt. Die Kameraden vom Finanzamt halten ja dicht wie die Eunuchen, die gemeinsam des Sultans Lieblingsfrau vergewaltigt haben. Trotzdem ist da nie etwas durchgedrungen von Unregelm├Ą├čigkeiten. Einfach unerkl├Ąrlich. Auch die Vermisstenanzeige hat nichts gebracht. Der Typ hat sich in Luft aufgel├Âst.“.

„Hast Du eine Idee, was dahinter stecken k├Ânnte?“ wollte Reuter wissen.

Beppo lie├č die schmalen Greisenschultern vibrieren. Das sollte eine Verneinung bedeuten.

„Ob der Kerl von irgendjemanden geschmiert worden ist? Der hat eine ordentliche Stange Geld in die Hand bekommen, damit er etwas ├╝bersieht, und dann – ab in die Sonne. Das k├Ânnte mir auch besser gefallen, irgendwo in der Karibik oder der S├╝dsee hocken, die Weiber tanzen lassen. Das ist doch etwas anderes als hier in M├╝nchen Fleischermeister pr├╝fen.“.

Beppo nahm seine Hornbrille ab, blies kurz den nicht vorhandenen Staub von den Gl├Ąsern, setzte das schwere Gestell wieder auf die spitze Nase und meinte trocken zu seinem Gegen├╝ber:

„Wei├čt Du, Reuter, so wie Du heute stinkst, da l├Ąsst Dich noch nicht einmal eine Ziege ran, geschweige denn ein weibliches Wesen.“

Reuter machte eine wegwerfende Handbewegung. Im Umdrehen begriffen, warf er dem alten Mann ├╝ber die Schulter zu: „Beppo, Du kannst mich mal...“

„Ne,“ gab dieser trocken zur├╝ck, „daf├╝r bist Du mir zu dreckig.“

Jeder Reporter hat seine eigenen Quellen, ├╝ber die er nicht gerne spricht. Auf Umwegen und mit einiger M├╝he gelang es Reuter schlie├člich, die Adresse des Finanzbeamten ausfindig zu machen.

Er hatte seinen F├╝hrerschein schon vor langer Zeit abgeben m├╝ssen. Das st├Ârte aber nur wenig, denn in einer Stadt wie M├╝nchen, in der aus einem unerkl├Ąrlichen Grund die Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit und allen Pl├Ątzen nur in Massen auftreten, kann man sich ohnehin nur mit dem Taxi oder mit ├Âffentlichen Verkehrsmitteln vorw├Ąrts bewegen.

Reuter hatte keine Parkplatzsorgen, er konnte ungehindert Alkohol trinken, wann immer er es f├╝r richtig hielt, ohne an eine m├Âgliche Heimfahrt hinter dem Steuer denken zu m├╝ssen, und preiswerter war es auch noch.

So hatte er den entg├╝ltigen Verlust seines F├╝hrerscheines auch nie als Belastung empfunden.

Mit der U-Bahn fuhr er in den S├╝den der Stadt und durchquerte nach dem Aussteigen rasch das kleine Einkaufszentrum in Neuperlach. Nach wenigen Metern durch den dahinterliegenden Gr├╝ng├╝rtel steuerte er eines der uniformen Hochh├Ąuser an, die das Gesicht dieses Stadtteil pr├Ągten.

Nachdem er sein Kommen an der Gegensprechanlage angek├╝ndigt hatte, empfing ihn eine Frau mittleren Alters im sechsten Obergeschoss.

Sie mag wohl etwa Ende Drei├čig gewesen sein, war schlicht, aber sauber gekleidet und wirkte wie eine graue Maus, eines jener weiblichen Wesen, denen man begegnet und sofort wieder vergessen hat, wie sie aussehen.

Als Reuter den Fahrstuhl verlie├č, verschwand sie bei seinem Anblick fast vollst├Ąndig hinter ihrer Haust├╝r, lie├č diese nur einen winzigen Spalt ge├Âffnet und fragte mit leiser Stimme: „Ja, bitte?“.

Reuter erinnerte daran, dass sie miteinander telefoniert hatten. Er hielt ihren seinen abgegriffenen Presseausweis vor den schmalen T├╝rspalt. Nur z├Âgernd gab sie die T├╝r├Âffnung frei und bat ihn herein.

Sie f├╝hrte ihn in ein freundliches, aufger├Ąumtes Wohnzimmer. Die Wohnung, zumindest was Reuter davon mitbekommen hatte, war skandinavisch eingerichtet, alle M├Âbel schienen aus einem beliebten Gro├čmarkt aus Europas Norden zu stammen.

Unaufgefordert lie├č sich Reuter in einen Sessel fallen. Die Frau sah aus, als w├╝rde sie viel lieber mit einem Desinfektionsmittel hinter dem ihr offensichtlich unsympathischen Besucher hinterher jagen, notgedrungen nahm sie aber auf der am weitesten entfernten Sitzgelegenheit Platz.

Der Reporter kramte eine Zigarettenpackung hervor, doch bevor er umst├Ąndlich eine der filterlosen Glimmstengel herausklopfen konnte, bat sie ihn mit ihrer d├╝nnen Stimme: „Bitte nicht rauchen!“.

Die zerkn├╝llte gelbe Packung verschwand mit einem begleitenden Brummlaut wieder in der Hosentasche.

Ohne lange Vorrede kam Reuter auf sein Anliegen zu sprechen. Er schob vor, eine Artikelserie ├╝ber verschwundene Menschen schreiben zu wollen und interessiere sich besonders f├╝r die Gef├╝hle und das Leben der Angeh├Ârigen.

Die graue Maus schluckte schwer. Sie hatte sich offensichtlich immer noch nicht mit der Situation abgefunden. Zaghaft fing sie an zu erz├Ąhlen:

„Helmut, das ist mein Mann, hat sich an dem Tag, an dem er das letzte Mal unser Heim verlie├č, wie immer verhalten. Ich kann mich noch genau an diesen Morgen erinnern. Es war ein Tag wie jeder andere. Nichts unterschied sich von den Wochen und Monaten zuvor.

Wir hatten am Abend zuvor gemeinsam mit unserer Tochter gegessen, sie ist jetzt dreizehn Jahre,“ schob sie ein, „dann haben wir ein wenig fern gesehen, wie immer.“

Sie hatte ein Taschentuch in die Hand genommen und zerkn├╝llte es nerv├Âs zwischen den H├Ąnden.

„Am darauf folgenden Morgen ist Helmut wie immer aufgestanden, hat seine Morgentoilette erledigt, das Fr├╝hst├╝ck vorbereitet und seine Pausenbrote geschmiert. Sie m├╝ssen n├Ąmlich wissen, dass Helmut sehr korrekt war. Er ist oft zum Essen eingeladen worden, hat es aber immer dankend abgelehnt. Er war Finanzbeamter aus ├ťberzeugung, unbestechlich.“

Dieses Stichwort raubte Reute einen Teil seiner Illusionen. Nachdenklich sah er die graue Maus an. Bei der Frau und dem Mief, den dieses Leben hier ausstrahlte, w├Ąre ich auch irgendwann gefl├╝chtet, dachte er bei sich. Im n├Ąchsten Moment aber nahm er sich vor, bei passender Gelegenheit das unscheinbare weibliche Wesen anzugraben. Reuter lebte in dem Glauben, Frauen ohne offensichtliche feste Bindung w├Ąren dankbar, wenn sich gelegentlich ein Mann wie er ihrer Bed├╝rfnisse annehmen w├╝rde.

Er stellte noch eine Reihe erg├Ąnzender Fragen, konnte der Frau aber keine weiteren spektakul├Ąren Informationen entlocken.

Das Bild, das sich ihm vom verschwundenen Finanzbeamten bot, war das eines korrekten, unbestechlichen Beamten, der seinen Ausgleich im beschaulichen Leben im Kreise seiner Familie fand, keine Laster hatte, nie den Versuch eines Ausbruchs unternommen hatte.

Der Mann muss das Denkmal eines Tugendboldes gewesen sein. Er rauchte nicht, er ging nie alleine aus, er lie├č sich von seinen Kunden nicht einmal zum Essen einladen.
Mit Akribie war er seiner Arbeit nachgegangen und, so erg├Ąnzte seine Frau noch mit einem kleinen stolzen Glanz in ihren Augen, auch erfolgreich. Es war ihm wohl des ├Âfteren gelungen, Recht und Gesetz durchzusetzen.

Reuter dachte sich seinen Teil. Er stellte sich einen b├╝rokratischen Schn├╝ffler vor, der pedantisch Zeile um Zeile in den Buchhaltungsunterlagen der gepr├╝ften B├╝rger abhakte und die Dinge kleinlich zu Ungunsten des Steuerzahlers auslegte. Mit einer solchen Kleinkariertheit war nat├╝rlich der Unmut der von ihm heimgesuchten kleinen Selbst├Ąndigen wie dem Metzgermeister H├Âlzl vorprogrammiert.

Es ging sicher nicht um gro├če Betr├Ąge, um Steuerverschiebungen gewaltigen Ausma├čes, sondern um Posten in der Steuererkl├Ąrung, die interpretationsw├╝rdig waren, und die dieser Beamte allzu engstirnig zugunsten des Finanzamtes auslegte.

Aber das alles konnte nicht Grund genug sein, pl├Âtzlich und ohne jede Vorank├╝ndigung ins Nirwana zu verschwinden, abzutauchen ohne jedes Lebenszeichen zu hinterlassen. Solche Kleingeister tauchen nicht einfach ab, ohne ordnungsgem├Ą├č mit mehreren Durchschl├Ągen der Nachwelt zu hinterlassen, wohin sie sich abgewandt haben und aus welchem Grunde.

Reuter warf einen m├╝rrischen Blick in die Runde. Selbst, wenn der au├čergew├Âhnliche Fall eingetreten war, dass dieser Mensch einer Bestechung erlegen ist, so h├Ątte er seiner Restfamilie ganz sicher Teile des Geldes zukommen lassen.

Die Frau war offensichtlich froh, als er sich verabschiedete und ging.

Reuter fuhr zur├╝ck in die Redaktion.

Der Lokalredakteur empfing ihn mit einem Schwall w├╝ster Beschimpfungen, die ihn aber unger├╝hrt lie├čen.

Reuter zitierte den G├Âtz von Berlichingen und registrierte interessiert, dass ihn sein Gegen├╝ber zwar ansah, mit ihm sprach, aber ├╝berhaupt nicht zuh├Ârte.

Es war kein Gespr├Ąch zwischen den Beiden, sondern das Aufeinanderprallen zweier Monologe.

„....und dann sage ich Dir, Du sollst nicht soviel saufen....“ f├╝hlte sich Reuter beschimpft.

„Ich habe einen bayerischen Arzt,“ entgegnete er dem Lokalredakteur, „der l├Ąsst bei seinen Generaluntersuchungen grunds├Ątzlich die Leber au├čen vor.“

Von einem Augenblick zum n├Ąchsten war der Mann aber die geballte Aufmerksamkeit, als Reuter von seinem Besuch bei der Frau des verschwundenen Finanzbeamten berichtete.

In die Ausf├╝hrungen hinein sch├╝ttelte er seinen unbehaarten Kopf und knurrte:

„Das ist zu wenig f├╝r eine Story. Niemand interessiert es, wenn eine traurige kleine Gestalt aus dem Finanzamt ├╝ber Nacht spurlos verschwindet. Wenn Du dar├╝ber einen Artikel bringst, dann nur in der Spalte Kurioses und Vermischtes. Sicher bekommst Du dann viele Leserbriefe, die dazu auffordern, auch noch den Rest der Truppe in der Versenkung verschwinden zu lassen. Au├čerdem ist das Thema ├Âde, abgehakt, ausgelutscht. Hast Du eine Ahnung, wie viele Menschen allein in M├╝nchen j├Ąhrlich spurlos verschwinden, abtauchen, und nach einiger Zeit, manchmal aber auch nie wieder in Erscheinung treten? Daf├╝r interessiert sich heute keiner mehr. Nimm doch einfach einmal die Obdachlosenszene. Die sind einfach weg, verreist, ins Loch gefallen, und kein Schwein k├╝mmert sich darum. Manchmal sind sie einfach nur verjagt, oder hast Du schon einmal Bettler in Deiner Strasse in Schwabing gesehen?“

Damit drehte sich der Lokalredakteur um und wollte ohne weitere Anmerkungen entschwinden.

Reuter hielt ihn am Ärmel fest.

„Was ist mit den Bettlern?“

Der Glatzk├Âpfige winkte ab, bequemte sich aber doch zu einer kurzen Erkl├Ąrung:

„Wenn dort jemand auftaucht, wird er von den Gesch├Ąftsinhabern davongejagt, manchmal auch etwas handfester. Dein komischer Metzger hat sich da besonders hervorgetan. Gelegentlich hat er auch schon einmal eine Anzeige wegen K├Ârperverletzung erhalten, weil er einen hartn├Ąckigen Obdachlosen, der nicht schnurstracks diesen Teil der Stadt verlassen wollte, verpr├╝gelt hat. Aber alle Anzeigen sind im Sande verlaufen, die Opfer, eben Penner, waren sp├Ąter nicht mehr da, aus Angst weitergezogen, volltrunken unter der n├Ąchsten Br├╝cke ├╝bernachtet, was wei├č ich.... Eine Adresse, unter der man sie sp├Ąter noch einmal f├╝r ihre Zeugenaussagen h├Ątte besuchen k├Ânnen, hat diese Landplage ja nicht.“

Damit war f├╝r den Lokalredakteur das Gespr├Ąch entg├╝ltig abgeschlossen.

Reuter bohrte sich gedankenverloren im Ohr und betrachtete anschlie├čend minutenlang das Ergebnis, das er vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieb.

Merkw├╝rdig, dachte er, der joviale Herr H├Âlzl, immer freundlich, nett, wei├čt im Verborgenen eine ganz andere Ader auf, wenn es wahr ist, was er eben geh├Ârt hatte. Pr├╝gelt auf Menschen ein, die aus welchem Grunde auch immer au├čerhalb der b├╝rgerlichen Gesellschaft lebten.

Reuter zuckte f├╝r sich selbst die Schultern.

Ein soziales Gewissen war ihm fremd, Mitleid empfand er keines. F├╝r ihn war es eventuell nur der Aufh├Ąnger f├╝r eine Story. Das war sicher ein interessanter Ansatz, um einen zumindest im Stadtbezirk bekannten Gesch├Ąftsmann blo├č zu stellen. Das lesen die Leute gern. Die Folgen w├Ąren zudem spannend zu beobachten. Mit etwas Gl├╝ck w├╝rde sich ein solcher Artikel negativ auf das Gesch├Ąft des Mannes auswirken. Das w├╝rde Stoff f├╝r einen Fortsetzungsteil bieten.

Reuter empfand kein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, dass er wom├Âglich an der Existenzgrundlage des Metzgermeisters kratzen w├╝rde. Ihm kam ├╝berhaupt nicht in den Sinn, dass er in diesem Punkt nicht einen Deut besser war als der kleingeistige Finanzbeamte, der ohne jedes Augenma├č zur vermeidlichen Durchsetzung seiner Auslegung von Steuergerechtigkeit die Lebensgrundlage eines Menschen angreift.

Unter dem Vorwand, dass ihn das Thema der ungerechtfertigten Steuersch├Ątzung interessiere, vereinbarte Reuter einen Termin mit Metzgermeister H├Âlzl in den Abendstunden.

Er verf├╝gte zwar ├╝ber keinen besonders ausgepr├Ągten Geruchssinn, aber die Penetranz, die von ihm selbst ausging, st├Ârte jetzt doch. Deshalb beschloss er, seine Wohnung aufzusuchen und die am Morgen unterlassenen hygienischen Ma├čnahmen einzuleiten.

Die Gesch├Ąfte hatten bereits geschlossen; auf den Stra├čen waren die letzten Passanten noch mit ihren Einkaufst├╝ten auf den Weg gen heimischen Herd, um dort die Beute ihrer Streifz├╝ge durch die Superm├Ąrkte und Boutiquen zu sichern.

Reuter ├╝berwand rasch die kurze Distanz zwischen seiner Wohnung und dem Laden von Meister H├Âlzl. Er fand den Namen des Metzgers an der Klingelleiste des Hauseinganges, der direkt neben dem Gesch├Ąft war. Kurz darauf sah er den massigen Mann durch den Laden kommen und die T├╝r ├Âffnen.

Er lie├č ihn hinein, verschloss sorgf├Ąltig wieder die T├╝r der Metzgerei und schl├╝rfte in die hinteren R├Ąume. Reuter folgte ihm.

Gleich hinter der Durchgangst├╝r, die den Verkaufsbereich von den anderen R├Ąumlichkeiten trennte, fand sich eine schmale, steile Treppe, die nach oben f├╝hrte.

„Ich wohne direkt ├╝ber dem Laden und habe eine direkte Verbindung von der Wohnung zum Gesch├Ąft“ erkl├Ąrte H├Âlzl und erklomm schwer atmend die Stiege. Das altersschwache Holz knirschte kr├Ąftig unter dem Gewicht der beiden M├Ąnner.

Sie erreichten einen mit Linoleum ausgelegten schummrigen Flur, in dem es muffig roch.

H├Âlzl steuerte eine T├╝r an, durch deren Milchglasscheibe ein schwacher Lichtschein in den Flur drang. Es war das Wohnzimmer, das mit M├Âbeln im Stile der Drei├čiger Jahre eingerichtet war. Es wirkte so auf Reuter, als w├╝rde jeden Moment Heinz R├╝hmann zu ihnen treten und behaupten, sein Name w├Ąre Pfeiffer mit drei „f“.

Reuter nahm am runden Tisch platz, auf dem eine Spitzentischdecke lag. In der Mitte stand eine verzierte Vase mit einem Strauss Fr├╝hlingsblumen.

Etwas fehlte, bis Reuter einfiel, was es war. Es fehlte die Frau mit der akkuraten wei├čen Sch├╝rze und dem im Nacken geknoteten Dutt.

Folgerichtig fragte Reuter, noch bevor er Platz nahm: „Sie leben alleine?“

H├Âlzl nickte.

„Das habe ich mir nie angetan, das Heiraten. Wenn ich einmal das Bed├╝rfnis nach einer Frau hatte, so wusste ich immer, was ich zu tun hatte.“ Dabei grinste er breit, warb im Gespr├Ąch unter M├Ąnnern f├╝r Verst├Ąndnis.

Reuter lie├č es unbeantwortet im Raum stehen, nahm aber dankend das Angebot an, Bier und Obstler zu Verbesserung der Atmosph├Ąre auf den Tisch zu stellen.

Sie tranken den Schnaps und zogen anschlie├čend einen gro├čen Schluck Wei├čbier in sich hinein.

H├Âlzl begann unaufgefordert ├╝ber das Finanzamt zu schimpfen. Reuter lie├č ihn gew├Ąhren.

Der Metzgermeister hatte soviel Munition gegen die Willk├╝r der Beh├Ârde im Bauch, dass sie bei der dritten Flasche Wei├čbier und einigen Obstlern angekommen waren, als Reuter das Thema vorsichtig auf das Verschwinden des Finanzbeamten lenkte.

H├Âlzl nahm noch einen kr├Ąftigen Zug aus seinem Bierglas, wischte sich mit dem Hemds├Ąrmel den Mund ab, und grinste Reuter an:

„Der Typ ist einfach nicht wiedergekommen. Ich habe ein ganzes Jahr nichts, absolut nichts, vom Finanzamt geh├Ârt. Nat├╝rlich bin ich nicht so bescheuert, selbst nachzufragen. Und jetzt ist ein anderer aufgetaucht und f├Ąngt ganz von vorne an.“

Das verstand Reuter nicht.

„Selbst wenn der vorherige Pr├╝fer spurlos verschwunden ist, so gibt es doch eine Steuerakte.“

Der Mann im wei├čen Kittel machte eine wegwerfende Handbewegung und grinste schadenfroh.

„Die hatte er dabei, als er das letzte Mal hier war. Und dann hat ihn keiner mehr zu Gesicht bekommen. Inklusive der bl├Âden Steuerakte....“ schob er grinsend hinterher.

Sie tranken noch eine Flasche Wei├čbier. Inzwischen wurde das Gespr├Ąch in einer alkoholgeschw├Ąngerten Lockerheit gef├╝hrt.

Reuter lobte seinen Zechkumpanen ob der konsequenten Haltung und leitete die Unterhaltung vorsichtig auf das Thema Bettler und Hausierer ├╝ber.

Der Metzger redete sich in Rage. Er beschimpfte die Leute als gesch├Ąftssch├Ądigendes asoziales Pack, das in seinen Augen jegliche Existenzberechtigung in dieser b├╝rgerlichen Wohngegend verloren habe. Und da sich die Verantwortlichen au├čer der gro├čen Worte nicht um die Belange der kleinen Leute k├╝mmern w├╝rden, h├Ątte er die Sache selbst in die Hand genommen.

„Und wie?“ wollte Reuter wissen.

„Ich habe die Typen verjagt – ich habe denen unmissverst├Ąndlich klar gemacht, dass hier kein Platz f├╝r Schnorrer und Herumtreiber ist.“

Er senkte die Stimme, als w├╝rde er zu einem Mitverschw├Ârer reden.

„Und wenn einer renitent war, habe ich schon einmal handfest nachgeholfen.“

„Verpr├╝gelt?“

Der kr├Ąftige Mann trank erneut einen gro├čen Schluck, bevor er antwortet.

„Da geh├Ârt nicht viel zu. Die Burschen haben ja keine Substanz mehr. Die musst Du nur leicht anpusten, dann fallen die von alleine um.“

„Und das hat bei diesen Leuten solchen Eindruck hinterlassen, dass sie es nicht ein zweites Mal versucht haben?“

In H├Âlzl┬┤s Augen funkelte es b├Âse.

„Nat├╝rlich gab es einige, die sich im Recht glaubten, die es erneut versucht haben. Wenn ich es gewahr geworden bin, dass sie trotz meiner mahnenden Worte nicht begreifen wollten, habe ich es denen sehr konkret vermittelt.“

Bei Reuter stellte sich langsam eine schwere Zunge ein.

„Und das war so nachhaltig, dass diese M├Ąnner dann nie wieder aufgetaucht sind?“

Trotz des nicht unerheblichen Alkohols, den beide mittlerweile genossen hatten, ging ein Ruck durch den massigen K├Ârper des Metzgermeisters.

„Was soll das hei├čen?“ fragte er.

Reuter winkte scheinbar belanglos ab. „Nur so.“

„Ich habe nur f├╝r Recht und Ordnung gesorgt. Ich habe sauber gemacht.“

Reuter wurde mutig, er wollte jetzt konkreter auf sein eigentliches Thema hinaus, auf das merkw├╝rdige Verschwinden von Menschen.

„Es ist eigent├╝mlich, dass der Name H├Âlzl h├Ąufiger im Zusammenhang mit Menschen steht, die ab einen bestimmten Zeitpunkt einfach von der Bildfl├Ąche verschwunden sind.“

Der Metzgermeister war aufgesprungen. W├╝tend fuhr er mit den Armen in der Luft herum. Er erweckte den Eindruck, als w├╝rde er sich im n├Ąchsten Moment auf Reuter st├╝rzen.

„Niemand wagt es, solche Unterstellungen in den Raum zu stellen.“

„Ich spreche nur von Tatsachen, von Fakten, die es durch schl├╝ssige Erkl├Ąrungen zu untermauern gilt. Da gibt es zwei L├Âsungen, entweder haben Sie mit dem Verschwinden dieser Menschen zu tun oder nicht. Und das m├Âchte ich gerne herausfinden.“ gab Reuter nahezu unger├╝hrt als Erkl├Ąrung ab.

H├Âlzl stand jetzt vor ihm, packte ihn am Revers, zog ihn aus dem Sessel hoch, und schrie ihn an:

„Komm einmal mit, ich werde Dir etwas zeigen.....“




Es war wieder ein herrlicher Fr├╝hsommertag. Mit dem ersten zarten Lichtschimmer hatten die V├Âgel angefangen zu tirilieren, die Menschen bewegten sich leichtf├╝├čiger als sonst durch die Strassen, der Himmel zeigte ein kr├Ąftiges Blau, keine Wolke war am Firmament zu sehen. Mit einem leuchtenden Farbfeuerwerk begr├╝├čten die Fr├╝hjahrsbl├╝her den neuen Tag.

Nur der Lokalredakteur lief wie angestochen durch die R├Ąume der Zeitung. Er br├╝llte wie ein Stier, tobte, schrie und stampfte jeden, der ihm auf Sichtweite zu nahe kam, in den Erdboden.

„Wo bleibt dieser verdammte Idiot von Reuter?“ bl├Âkte er eine junge Mitarbeiterin an, der es nicht gelungen war, rechtzeitig einen ausreichend gro├čen Bogen um den explodierenden Choleriker zu machen.

Hilflos zuckte das eingesch├╝chterte M├Ądchen die Schultern.

„Keine Ahnung. Wir haben ihn seit ├╝ber einer Woche nicht mehr gesehen. Er ist telefonisch weder zu Hause noch per Handy erreichbar. Wie vom Erdboden verschluckt. Einfach abgetaucht.“

Der Lokalredakteur stapfte zornbebend weiter. „Wenn ich den Kerl erwische, der ist gefeuert, der kann sehen, wo der bleibt, den jage ich dorthin, wo der Pfeffer w├Ąchst.....“

Mehr bekam das junge M├Ądchen von der Schimpftirade des Lokalredakteurs nicht mehr mit, weil dieser um die n├Ąchste Flurecke entschwunden war.

Es war wirklich ein wundersch├Âner Fr├╝hsommertag.

Metzgermeister H├Âlzl hielt mit einem freundlichen L├Ącheln der alten Dame die T├╝r auf, als diese das Gesch├Ąft verlie├č.

Freudig mit dem Schwanz wedelnd kam der kleine Mischling auf sie zu und wedelte heftig mit dem Stummelschw├Ąnzchen.

Sie beugte sich zu ihm nieder, streichelte ihm ├╝ber den Kopf und sagte mit zarter Stimme zu ihrem Hund:

„Da wird sich mein Teddy aber freuen. Der nette Meister H├Âlzl hat wieder eine neue Partie deiner Lieblingsmahlzeit zubereitet. Ich habe dir auch zwei neue Dosen mitgebracht. Das wird ein Festmahl f├╝r meinen kleinen Liebling.....“

__________________
Hannes Nygaard

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Phantom
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Hi Hannes,
freu mich mal wieder ein neues Gesicht bzw. Nick im Krimi-Forum zu sehen... :-)

Meine Kritik/Anmerkungen/Verbesserungsvorschl├Ąge

-Ich find es toll, wenn man seine Protagonisten gut beschreibt, doch mu├č es gleich so viel am Anfang sein??? Gib dem Leser doch "h├Ąppchenweise" Brocken, auf die er sich st├╝rzen kann...

-Am Anfang fehlte irgendwie "Suspence", Spannung, einfach die Motivation, weiterzulesen...

-Irgendwie erinnert mich dein Protagonist an Wallander, der ist auch ein Relikt aus l├Ąngstvergessener Zeit, aus einer Zeit, in der man noch "Socken stopfte".

-In der Folgezeit machst du wiederholt Ausdrucksfehler:

"in den Hinterh├Âfen des Weddings ", ich bin selbst B├Ârrlinna, es passt besser, wenn du "des", wegl├Ąsst.

"... vorwurfsvollen Blick zuwarf, die Zunge aus. " Die Zunge heraus.

"Zweitklassiker Reporter" - Zweitklassiger Reporter

"...Ohne dem Verkehr besondere Beachtung zu schenken, querte er die Strasse "... ├╝berquerte!

"...in Richtung des etwas antiquiert wirkenden hohen Glastresens " in Richtung der ... hohen Glastresen...!

-Erst ab Mitte deiner Story, wurde ich hellh├Ârig, als ich vom verschwundenen Beamten h├Ârte... doch dann hast du es nicht geschafft den Bogen weiterzuspannen... das F├╝nkchen Spannung verschwand wieder...

-Erst beim Gespr├Ąch zwischen Reuter und dem Metzger h├Ârt' ich wieder genauer zu, da war ich dann doch gespannt wo der Beamte steckt... bzw. die Penner...

Das Ende erinnerte mich irgendwie an die Horror-/Krimikurzgeschichten von Robert Dahl, da war ich ehrlich gesagt irgendwie "baff"... aber ich habe es deinen Lokalreporter geg├Ânnt, mich wundert's das der Redakteur sich noch nach Reuter erkundigt hat... ich w├Ąre froh gewesen, Reuter nicht mehr als Kollegen zu haben... einen Antihelden zum Protagonisten zu erkl├Ąren ist ja nicht falsch, aber mu├čten diese ganzen ekligen Details sein, besonders die Popelszene wahhhhhh...

Mein Fazit:

eine gute Idee, ein guter Schluss wenn man ├╝berhaupt bis dahin kommt... ehrlich gesagt mu├čte ich mich sehr ├╝berwinden, weiterzulesen. Am besten du k├╝rzt deine Geschichte... und arbeitest noch ein paar mehr Spannungsmomente ein.

Gru├č Phantom



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Hannes Nygaard
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Hallo Phantom,

vielen Dank f├╝r die ausf├╝hrliche Kritik und die damit verbundene M├╝he.

Wenn man auf die Ausdrucksfehler aufmerksam gemacht wird, ist man sehr irritiert. Ich h├Ątte mein eigenes Werk noch einige weitere Male Korrektur lesen k├Ânnen, ohne sie selbst zu bemerken. Allerdings w├Ąre mir die Berliner Besonderheit "des" Weddings immer noch verschlossen geblieben.

Der Protagonist ist eine negative Figur, die durch ├Ąu├čeres Erscheinungsbild und Auftreten Antipathie erzeugt. Je nach pers├Ânlicher Anschauung gibt es sicher einige Passagen, an denen Normals schlucken und laut "iiih" sagen. Dazu geh├Ârt sicher auch das Popeln im Ohr. Deshalb, so glaube ich, ist auch niemand entr├╝stet ├╝ber das Ende. Und wenn dann gleichzeitig auch noch ein Finanzbeamter "eingemacht" wird, erh├Âht das nicht unsere Trauer.

Mich hat ├╝brigens auch die Kenntnis um das Geheimnis von Meister H├Âlzl nicht daran gehindert, w├Ąhrend meiner M├╝nchener Zeit meine Fleisch- und Wurtswaren weiterhin aus diesem Fachgesch├Ąft zu beziehen...

Eine etwas l├Ąngere Geschichte hat es nat├╝rlich schwerer, sich gegen kurze und knackige Stories zu behaupten. So werde ich Deine Anregung zum K├╝rzen aufgreifen und mich einmal im gerechteren Verteilen der Spannungsmomente ├╝ben.

Mir bleibt zu guter Letzt die Selbsterkenntnis, dass es noch ein sehr langer Weg bis zum Niveau einer Agatha Christie ist und auf dieser Strecke noch sehr, sehr viele Schuhe zu besohlen sind.

Mit einem fr├Âhlichen Danke
Hannes


__________________
Hannes Nygaard

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Phantom
Guest
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na ja, Agatha Christie w├╝rde ich wohl nicht als "Ziel" anstreben, die hat ja vor vierzig Jahren gute Krimis geschrieben, doch ihre gleichen sich auf's Haar... eher die Norweger, Schweden (Mankell, Fossum, Holt, Nesser, Marklund, Lindell...), Deutschland mu├č sich mal wieder als "Krimiland" hervortun... wir m├╝ssen uns den Titel von den Nordischen L├Ąndern zur├╝ckholen!!! :-)

Gru├č Phantom

P.S.: Lies doch mal bei Bedarf "Das L├Ącheln" von mir... da hab ich auch einen "Antihelden" geschaffen, ihn aber auf ganz andere Weise negativ dargestellt... Die Story wurde sogar von einer anderen Literaturhomepage abgelehnt, "aus naheliegenden Gr├╝nden"... so "brisant" war sie ...

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Tekky
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ich meine schon mal einen Krimi gelesen zu haben, in der ein Mann verschwand und es sich sp├Ąter herausstellte, da├č er zu Lammbraten o.├Ą. verarbeitet worden war. Insofern fand ich das Ende etwas entt├Ąuschend und irgendwie auch hervorsehbar. Aber Deine Story lebt von der bilfhaften Darstellung der Charaktere - ich konnte beim Lesen diesen Reuter fast schon riechen . Und Dein Schreibstil gef├Ąllt mir gut.

Abgesehen von den kleinen 'Versehen', die Phantom aufgef├╝hrt hat, ist mir noch folgender Satz aufgefallen:

quote:
Freudig mit dem Schwanz wedelnd kam der kleine Mischling auf sie zu und wedelte heftig mit dem Stummelschw├Ąnzchen

Gruss

__________________
Wenn es Sinn hat, etwas zu machen, dann hat es auch Sinn, es schlecht zu machen.(Gilbert Keith Chesterton)

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Hannes Nygaard
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Against Scandinavia

Hallo Phantom,

na, dann wollen wir einmal anfangen, den Nordm├Ąnnern das
F├╝rchten beizubringen...

Ved venligst hilsen fra den gamle tysk
Hannes (Nygaard)




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Hannes Nygaard

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Hannes Nygaard
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Hi Tekky,

leider ist es nicht auszuschlie├čen, dass "irgendwo" "irgendwer" schon einmal etwas geschrieben hat... Es w├Ąre nat├╝rlich sch├Ân, wenn man auf etwas wirklich Neues k├Ąme. Aber, das soll uns nicht die Freude am Fabulieren nehmen.

Tja, und wenn Du den Reuter riechen konntest, so hoffe ich , dass Du wenigstens bei leicht ge├Âffnetem Fenster gelesen hast. Etwas anderes h├Ątte ich Dir nicht antun wollen.

Vielen Dank auch f├╝r Deinen Hinweis zu der einen Formulierung. Das klingt ja wirklich so, als w├╝rde der Hund versuchen, sich selbst in den Schwanz zu beissen.

Mit einem fr├Âhlichen Gru├č aus M├╝nster
Hannes


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Hannes Nygaard

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