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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Der Lokalreporter
Eingestellt am 17. 10. 2002 15:58


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Hannes Nygaard
Autorenanwärter
Registriert: Sep 2002

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Reuter hatte schlechte Laune. Missmutig schaute er aus seinen kleinen wieselflinken Schweinsäuglein in den Spiegel. Sein Blick traf auf ein rundes Gesicht mit dicken Hamsterbacken, eine etwas zu fleischige Nase, wulstige Lippen und dunkle Bartstoppeln, die von grauen Flecken durchsetzt waren.

Die Haare hingen dort, wo sie noch vorhanden waren, in fettigen Str√§hnen seitlich √ľber die Ohren herab.

Reuter roch auch. Aus dem Mund, unter den Achseln, eigentlich √ľberall.

Auch wenn man jede Selbstkritik missen ließ, wirkte das, was er dort im Spiegel sah, nur ungepflegt, ja fast schmierig.

Das störte ihn aber wenig. Im Laufe der Jahre war in Reuter die Überzeugung gewachsen, dass sein Erscheinungsbild eher als herb maskulin zu bezeichnen wäre.

So etwas mochten die Frauen Рmeinte er. Sein behaarter Körper hatte rundherum Fett angesetzt und gab ihm eher die Figur eines kleinen Mastschweinchens als die eines bodybuilding gestählten Musterathleten.

Er hatte Kopfschmerzen. Das kam vom √ľberm√§√üigen Alkoholgenuss und den zahlreichen filterlosen Zigaretten, die er sich im Laufe des gestrigen Abends zugef√ľhrt hatte.

Schuld daran waren nur die Weiber. Eigentlich war er nach Feierabend losgezogen, um eine der nach seiner Meinung herumstreuenden Katzen anzugraben, aber irgendwie war es ihm nicht gelungen. Trotz seiner nach eigener Anschauung √ľberzeugenden m√§nnlichen und direkten Art hatte er keine Frau √ľberzeugen k√∂nnen, dass er ihr nur etwas Gutes tun wollte, sich dazu herabgelassen h√§tte, ihre geheimen W√ľnsche zu erf√ľllen.

So war sein Streifzug durch das nächtliche Schwabing kontinuierlich im Alkohol ertränkt worden.

Er verfluchte die Frauen, die sich n√§chtens in Kneipen produzierten, dann aber jedem seiner Abschleppversuche wiederstanden, sah noch einmal in den Spiegel und schloss den mannhaften Kompromiss, auf Dusche und Rasur zu verzichten. Ein wenig Wasser in die Achselh√∂hlen, etwas Spray √ľber den affenartig behaarten Oberk√∂rper verteilt und eine handvoll Wasser durch das Gesicht gezogen. Die Z√§hne – dabei zog er die Lippen auseinander und besah sich kritisch die gelben Zahnreihen – konnten durch intensives Putzen farblich nicht mehr ver√§ndert werden. Also sparte er sich diese M√ľhe.

Er zog aus dem ungeordneten W√§schestapel in seinem Einraumappartement ein Hemd heraus, von dem er vermutete, dass er es bisher nur einmal getragen hatte, st√ľlpte die Socken √ľber, zog Hose und Jeansjacke an und schl√ľpfte in die ausgetretenen Joggingschuhe.

Als er durch die Haust√ľr auf die Strasse trat, kniff er die Augenbrauen zusammen. Jeder andere h√§tte sich √ľber den herrlichen Fr√ľhsommertag gefreut, der ihn auf der lebhaften Strasse im Herzen Schwabings empfing, in der er seit siebzehn Jahren wohnte. Reuter fluchte stattdessen. Das grelle Licht tat seinen Augen weh.

In Berlin war er gro√ü geworden, hatte sich in den Hinterh√∂fen des Weddings herumgepr√ľgelt, gelernt , sich durchzusetzen. Z√§h und mit eiserner Energie hatte er die Schule √ľberstanden, das Abitur erreicht.

Dann hatte er studiert, Germanistik. War das ein Leben. Sie alle, die Clique, in der er verkehrte, haben n√§chtelang √ľber die Zukunft der Gesellschaft die K√∂pfe hei√ü diskutiert, und wenn sie nicht irgendwann vom Alkohol oder dem Drogenkonsum, der einfach dazugeh√∂rte, umgefallen w√§ren, h√§tten die unterschiedlichen Auffassungen sicher oft zu handfesten Auseinandersetzungen gef√ľhrt.

So hatte er Jahr um Jahr mit dem Studium zugebracht, bis er eines Tages feststellte, dass alle seine Kommilitonen nach und nach erfolgreich die Universit√§t verlassen hatten und sich einem √ľberaus b√ľrgerlich gepr√§gten Leben zuwandten.

Es war niemand mehr da, der mit ihm revolution√§re Ideen diskutierte, neue Ideale konzipierte, der die studentische Streitkultur seiner fr√ľhen Jahre beherrschte.

Nach seinem Abschluss musste er dann feststellen, dass er f√ľr einen erfolgreichen Start in eine berufliche Zukunft die falsche Universit√§t besucht hatte, zu lange studierte, das falsche Fach gew√§hlt und sich mit der verkehrten Clique geschm√ľckt hat. Niemand wollte ihn haben.

So hatte er Berlin den R√ľcken gekehrt, alle Zelte hinter sich abgebrochen und war nach M√ľnchen gezogen. Hier arbeitete er jetzt als Journalist. Seit siebzehn Jahren.

Reuter lachte säuerlich in sich hinein.

Journalist.

Zweitklassiker Reporter f√ľr den Lokalteil eines ber√ľchtigten Boulevardblattes war er.

Er r√ľlpste kr√§ftig vor sich hin und streckte einer √§lteren Frau, die ihm entgegenkam und ihm ob seines Verhaltens einen vorwurfsvollen Blick zuwarf, die Zunge aus.

Ohne dem Verkehr besondere Beachtung zu schenken, querte er die Strasse und schlängelte sich durch die träge vorwärts kriechende Fahrzeugkolonne hindurch auf die andere Straßenseite.

Auf seinem Weg in die Redaktion wollte er sich noch schnell eine Wurstsemmel besorgen, die ihm Fr√ľhst√ľck und Mittag zugleich ersetzen sollte. Ihm wurde bewusst, dass er auf dem besten Wege dazu war, zu degenerieren. Er nutzte jetzt auch schon die einheimischen Ausdr√ľcke. Wurstsemmel statt Schrippe oder Br√∂tchen. Der revolution√§re Drang studentischer Tage, in dem er gegen alles und jeden protestierte, war schon lange verflogen.

Die Strasse strahlte eine besondere Urbanität aus. Zahlreiche kleine Geschäfte, dicht an dicht, lockten mit einem vielfältigen Angebot. Gleichzeitig waren sie von einer ausgeprägten Individualität beseelt, die sie wohltuend von der Uniformität der Geschäftsstrassen in den Stadtzentren unterschied. Mittendrin präsentierte sich in einer hausbackenen Aufmachung die Metzgerei Hölzl, seit mehr als einhundert Jahren im Familienbesitz, wie stolz ein Plakat im Schaufenster verriet.

Das alles interessierte Reuter aber herzlich wenig. Griesgr√§mig strebte er dem Eingang zu und √ľbersah dabei den kleinen grauen Mischlingshund mit dem ausgefransten Fell, der auf den Hinterbeinen vor der Eingangst√ľr sa√ü und sehns√ľchtig, sich die Schnauze leckend, in das Ladeninnere hineinblickte,

Jaulend sprang das Tier auf und sprang in einem hohen Bogen zur Seite.

„Bl√∂de T√∂le;“ entfuhr es Reuter, w√§hrend er unger√ľhrt die T√ľr zum Metzgerladen √∂ffnete.

„K√∂nnen Sie denn nicht aufpassen? Das arme Tier!“ Eine hohe Fistelstimme giftete ihn an. Sie geh√∂rte einer alten Frau, die mit einem eigenartigen Monstrum von Hut vor ihm auftauchte.

„Was sitzt der bl√∂de K√∂ter auch direkt vor der T√ľr,“ geiferte Reuter zur√ľck und versuchte sich an ihr vorbei in Richtung des etwas antiquiert wirkenden hohen Glastresens mit den nach oben gebogenen Glasscheiben zu schieben, hinter denen Meister H√∂lzl seine Produkte pr√§sentierte.

„Unversch√§mt,“ keifte die Alte zur√ľck. „Erst tritt dieser unversch√§mte Mensch meinen Hund, dann will er sich auch noch vordr√§ngeln. Zu meiner Zeit besa√üen die Leute noch Anstand. Die wussten noch, was sich geh√∂rt. Das scheint heute anders zu sein.“ Dabei warf sie Reuter einen w√ľtenden Blick zu.

„Es w√§re f√ľr die Menschheit nicht schade, wenn wir auf solche Leute wie Sie verzichten k√∂nnten.“

Reuter lie√ü eine Art Grunzlaut h√∂ren, um dann zu erg√§nzen: „Gottlob ist die Aussicht, dass Sie vor mir von diesem Erdenrund verschwinden, ja gr√∂√üer als umgekehrt. Darin lege ich meine ganze Hoffnung.“

Die alte Dame schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Sie....Sie....“ hechelte sie.

„Nun h√∂rt schon auf damit an einem solchen herrlichen Sommertag,“ mischte sich Metzgermeister H√∂lzl ein, der gro√ü und rotgesichtig hinter seinem Verkaufstresen thronte. Der kr√§ftig gebaute vierschr√∂tige Mann wandte sich an die Frau.

„Was darf es denn heute sein?“

Sie griff noch einmal kampfeslustig an ihren Hut, warf Reuter einen todbringenden Blick zu, und drehte sich abrupt zum Geschäftsinhaber um.

„Haben Sie zuf√§llig etwas von Ihrem Hundefutter in Dosen? Mein Teddy liebt es √ľber alles. Er ist ganz gierig danach. Leider bekomme ich es immer nur sehr selten bei Ihnen.“

H√∂lzl griff in ein Regal hinter seinem R√ľcken.

„Sie haben Gl√ľck. Wir haben gerade eine neue Charge fertiggemacht. Wie viel darf es denn sein?“

„Zwei Dosen bitte.“

Der Metzgermeister entnahm dem Stapel aus dem Regal zwei runde goldfarbene Blechdosen ohne Aufschrift oder Etikett. Lediglich auf dem Dosendeckel, der eine wei√üe Beschichtung aufwies, stand mit schwarzem Stift geschrieben: H√∂lzl¬īs Hundedelikatesse.

„Das machen wir selbst,“ erkl√§rte der Meister voller Stolz. „Leider haben wir nicht immer die Zeit dazu, obwohl es bei unseren Stammkunden f√ľr ihre vierbeinigen Lieblinge sehr begehrt ist.“

„Wie ich schon sagte, mein kleiner Teddy ist ganz versessen darauf. Da k√∂nnen die in der Fernsehwerbung hoch gepriesenen Produkte nicht mithalten.“

„Soll das Vieh doch daran verrecken,“ knurrte Reuter dazwischen.

„“Was meinen Sie?“ keifte die alte Dame zur√ľck. Gottlob hatte sie die Anmerkung nicht verstanden.

Reuter winkte ab, ohne einen weiteren Ton zu sagen.

Endlich hatte die Frau ihren Einkauf abgeschlossen. Umständlich kramte sie in ihrer altmodischen Handtasche nach dem Portemonnaie, suchte geduldig das Kleingeld heraus und raffte schließlich ihren Einkauf zusammen. Mit einem letzten giftigen Blick auf Reuter verließ sie den Laden.

„Solche alten Weiber mit ihren bl√∂den K√∂tern sollte man verbieten,“ maulte Reuter und orderte schlie√ülich zwei Semmel mit Hackepeter und vielen Zwiebeln.

Meister H√∂lzl versuchte ihn zu beschwichtigen: „Die ist doch harmlos. Da finde ich andere Dinge viel skandal√∂ser. Haben Sie heute schon in die Zeitung gesehen?“

Reuter winkte ab: „Glauben Sie ja nicht an das, was dort steht. Das ist alles erstunken und erlogen.“

H√∂lzl holte tief Luft: „Da stehen Sie aber alleine mit Ihrer Meinung. Ich glaube schon, dass die Zeitungsmenschen sauber recherchieren. Die k√∂nnen es sich gar nicht leisten, Unwahrheiten in die Welt zu setzen. Was glauben Sie, was passiert, wenn die einen Artikel wie die heutige Schlagzeile ver√∂ffentlichen, ohne dass es wahr w√§re?“

Reuter zog geräuschvoll die Nase hoch.

„So? Was steht denn dort?“

Der Metzgermeister griff hinter sich und las vor: „Autok√∂nig auf der Flucht. Er hinterl√§sst Millionen Steuerschulden.“

Er legte die Zeitung wieder fort.

„Und uns Kleine jagen die vom Finanzamt bis zum Gehtnichtmehr. Das ist reine Schikane. Nehmen Sie mich zum Beispiel, ein kleiner Handwerksmeister, der sich nur mit M√ľhe gegen die Konkurrenz der Superm√§rkte und gro√üen Ketten halten kann.

Letztes Jahr hatte ich hier eine Betriebspr√ľfung. Ein ekelhafter Kerl vom Finanzamt. Eine ganze Woche hat der in meinen B√ľchern herumgeschn√ľffelt. Dann hat er mir unterstellt, ich h√§tte eine wesentlich h√∂here Gewinnspanne als ich deklariert habe. Pure Schikane.“

Hölzl hatte sich jetzt in Rage gebracht.

„Der hat einfach unterstellt, ich h√§tte zuwenig Eink√ľnfte deklariert und mir mit einer willk√ľrlichen Sch√§tzung eines wesentlich h√∂heren Gewinnes gedroht. So einfach geht das. Da kommt ein B√ľrokrat daher, der als Beamter auf Lebenszeit sich nicht dem t√§glichen Wettbewerb aussetzen muss, der nicht die Ungewissheit kennt, ob der Betrieb nicht n√§chsten Jahr von einem Gro√üen gefressen wird. Oder ob ich die Ladenmiete nicht mehr zahlen kann, weil eine Boutique dem Hausbesitzer ein attraktiveres Angebot unterbreitet hat.“

Dem Metzgermeister waren die Zornesadern angeschwollen.

„Und Sie sind als kleiner B√ľrger machtlos dagegen. Sicher, Sie k√∂nnen gegen die Entscheidung des Finanzamtes klagen. Aber bis Ihr Prozess durch ist, sind Sie lange pleite. Aus. Vorbei Ende. Da steht dann auf Ihrem Grabstein: Hier ruht im Recht. Und der Mensch vom Finanzamt kann diese Willk√ľr ohne jedes pers√∂nliche Risiko betreiben. Aber Ihre Existenz ist unwiederbringlich verloren.“

Reuter war neugierig geworden: „Und, wie ist die Sache ausgegangen?“

Der große Mann hinter dem Tresen wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Das ist merkw√ľrdig,“ antwortete er schlie√ülich. „Ich muss wohl einen Schutzengel gehabt haben. Pl√∂tzlich habe ich nie wieder etwas vom Finanzamt geh√∂rt. Nichts. Funkstille. Bis zur letzten Woche. Da ist ein anderer gekommen und hat mir erkl√§rt, dass die ganze Geschichte von vorne beginnt. Die wollen noch einmal mit der Pr√ľfung meiner B√ľcher beginnen.“

„Und weshalb das?“

H√∂lzl zuckte die Schultern: „Keine Ahnung,“

Inzwischen hatten weitere Kunden den Laden betreten, so dass sie ihr Gespräch abbrechen mussten.

Reuter war dann in die Redaktion seiner Zeitung gefahren. Der Lokalredakteur war mit einem w√ľtenden Wortschwall √ľber ihn hergefallen, hatte ihn beschimpft, einen desorganisierten Chaoten genannt, seinen verbalen √úberfall kurz unterbrochen und die Nase schnuppernd in die Luft gehalten, und dann geflucht:
„Reuter, Du stinkst wie ein tibetanischer Lastenesel.“

Der reagierte, in dem er dem kleinen kahlgeschorenen Mann den ausgestreckten Mittelfinger zeigte, sich wortlos umdrehte und zu seinem Schreibtisch marschierte.

Der Platz sah aus wie eine M√ľllhalde. Papierberge, angebrochene Zigarettenschachteln, leere Pappbecher lagen wild durcheinander, verziert von losem Bonbonpapier.

Reuter verschaffte sich ein wenig freien Raum, indem er mit dem √Ąrmel die Ansammlung kurzerhand zur Seite schob.

Tastend klopfte er √ľber den Papierhaufen, zog ein mit einem Kaffeefleck verunziertes Blatt hervor, warf einen kurzen Blick darauf, drehte es um und machte sich einige Notizen auf der R√ľckseite.

Die Sache mit dem Finanzamt interessierte ihn.

Ein kurzes Telefonat mit dem Kollegen, der den Wirtschaftsteil betreute, darunter mit dem besonderes Schwerpunkt der lokalen Wirtschaft, brachte keine neuen Erkenntnisse. Auf gut Gl√ľck rief er das zust√§ndige Finanzamt direkt an, wurde dort aber ziemlich r√ľde abgewiesen.

So kam er nicht weiter. Er blickte noch einmal auf seine Notizen. Ein Artikel, der die Ohnmacht der kleinen Leute gegen die Allmacht des Staates und seines abscheulichsten Vertreters, der Finanzverwaltung, zum Inhalt hatte, kam immer gut an.

Vielleicht konnte Beppo weiterhelfen. Das kleine verhutzelte M√§nnchen mit der altert√ľmlichen Hornbrille und dem grauen Haarkranz war schon so lange dabei, dass niemand zu sagen wagte, ob er nicht bereits vor Gr√ľndung des Blattes dort t√§tig gewesen war. Beppo ersetzte in kritischen Situationen die gesamte Computeranlage und das Zentralarchiv gleichzeitig.

Wie gewohnt zog der kleine Mann die Nase kraus und kl√§rte Reuter genussvoll auf, dass die jungen Leute – und damit meinte er den atemlos schnaufenden Reporter – einfach am Leben vorbeigehen und √ľberhaupt nichts mehr von ihrer Umgebung mitbekommen. Dann, auch dieses entsprach seiner Gewohnheit, lie√ü er h√∂ren, dass heutzutage keiner mehr in der Lage war, vernunftbegabt eine Zeitung zu machen. Schlie√ülich lie√ü er sich aber doch dazu herab, Reuter eine Erkl√§rung zu geben:

„Da war einmal ein merkw√ľrdiges Ding. Zu wenig, um eine Story daraus zu stricken. Aber √ľber Nacht war ein Finanzbeamter verschwunden. Einfach weg. Wie vom Erdboden. Man hat nie wieder etwas von ihm geh√∂rt. Die Kameraden vom Finanzamt halten ja dicht wie die Eunuchen, die gemeinsam des Sultans Lieblingsfrau vergewaltigt haben. Trotzdem ist da nie etwas durchgedrungen von Unregelm√§√üigkeiten. Einfach unerkl√§rlich. Auch die Vermisstenanzeige hat nichts gebracht. Der Typ hat sich in Luft aufgel√∂st.“.

„Hast Du eine Idee, was dahinter stecken k√∂nnte?“ wollte Reuter wissen.

Beppo ließ die schmalen Greisenschultern vibrieren. Das sollte eine Verneinung bedeuten.

„Ob der Kerl von irgendjemanden geschmiert worden ist? Der hat eine ordentliche Stange Geld in die Hand bekommen, damit er etwas √ľbersieht, und dann – ab in die Sonne. Das k√∂nnte mir auch besser gefallen, irgendwo in der Karibik oder der S√ľdsee hocken, die Weiber tanzen lassen. Das ist doch etwas anderes als hier in M√ľnchen Fleischermeister pr√ľfen.“.

Beppo nahm seine Hornbrille ab, blies kurz den nicht vorhandenen Staub von den Gl√§sern, setzte das schwere Gestell wieder auf die spitze Nase und meinte trocken zu seinem Gegen√ľber:

„Wei√üt Du, Reuter, so wie Du heute stinkst, da l√§sst Dich noch nicht einmal eine Ziege ran, geschweige denn ein weibliches Wesen.“

Reuter machte eine wegwerfende Handbewegung. Im Umdrehen begriffen, warf er dem alten Mann √ľber die Schulter zu: „Beppo, Du kannst mich mal...“

„Ne,“ gab dieser trocken zur√ľck, „daf√ľr bist Du mir zu dreckig.“

Jeder Reporter hat seine eigenen Quellen, √ľber die er nicht gerne spricht. Auf Umwegen und mit einiger M√ľhe gelang es Reuter schlie√ülich, die Adresse des Finanzbeamten ausfindig zu machen.

Er hatte seinen F√ľhrerschein schon vor langer Zeit abgeben m√ľssen. Das st√∂rte aber nur wenig, denn in einer Stadt wie M√ľnchen, in der aus einem unerkl√§rlichen Grund die Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit und allen Pl√§tzen nur in Massen auftreten, kann man sich ohnehin nur mit dem Taxi oder mit √∂ffentlichen Verkehrsmitteln vorw√§rts bewegen.

Reuter hatte keine Parkplatzsorgen, er konnte ungehindert Alkohol trinken, wann immer er es f√ľr richtig hielt, ohne an eine m√∂gliche Heimfahrt hinter dem Steuer denken zu m√ľssen, und preiswerter war es auch noch.

So hatte er den entg√ľltigen Verlust seines F√ľhrerscheines auch nie als Belastung empfunden.

Mit der U-Bahn fuhr er in den S√ľden der Stadt und durchquerte nach dem Aussteigen rasch das kleine Einkaufszentrum in Neuperlach. Nach wenigen Metern durch den dahinterliegenden Gr√ľng√ľrtel steuerte er eines der uniformen Hochh√§user an, die das Gesicht dieses Stadtteil pr√§gten.

Nachdem er sein Kommen an der Gegensprechanlage angek√ľndigt hatte, empfing ihn eine Frau mittleren Alters im sechsten Obergeschoss.

Sie mag wohl etwa Ende Dreißig gewesen sein, war schlicht, aber sauber gekleidet und wirkte wie eine graue Maus, eines jener weiblichen Wesen, denen man begegnet und sofort wieder vergessen hat, wie sie aussehen.

Als Reuter den Fahrstuhl verlie√ü, verschwand sie bei seinem Anblick fast vollst√§ndig hinter ihrer Haust√ľr, lie√ü diese nur einen winzigen Spalt ge√∂ffnet und fragte mit leiser Stimme: „Ja, bitte?“.

Reuter erinnerte daran, dass sie miteinander telefoniert hatten. Er hielt ihren seinen abgegriffenen Presseausweis vor den schmalen T√ľrspalt. Nur z√∂gernd gab sie die T√ľr√∂ffnung frei und bat ihn herein.

Sie f√ľhrte ihn in ein freundliches, aufger√§umtes Wohnzimmer. Die Wohnung, zumindest was Reuter davon mitbekommen hatte, war skandinavisch eingerichtet, alle M√∂bel schienen aus einem beliebten Gro√ümarkt aus Europas Norden zu stammen.

Unaufgefordert lie√ü sich Reuter in einen Sessel fallen. Die Frau sah aus, als w√ľrde sie viel lieber mit einem Desinfektionsmittel hinter dem ihr offensichtlich unsympathischen Besucher hinterher jagen, notgedrungen nahm sie aber auf der am weitesten entfernten Sitzgelegenheit Platz.

Der Reporter kramte eine Zigarettenpackung hervor, doch bevor er umst√§ndlich eine der filterlosen Glimmstengel herausklopfen konnte, bat sie ihn mit ihrer d√ľnnen Stimme: „Bitte nicht rauchen!“.

Die zerkn√ľllte gelbe Packung verschwand mit einem begleitenden Brummlaut wieder in der Hosentasche.

Ohne lange Vorrede kam Reuter auf sein Anliegen zu sprechen. Er schob vor, eine Artikelserie √ľber verschwundene Menschen schreiben zu wollen und interessiere sich besonders f√ľr die Gef√ľhle und das Leben der Angeh√∂rigen.

Die graue Maus schluckte schwer. Sie hatte sich offensichtlich immer noch nicht mit der Situation abgefunden. Zaghaft fing sie an zu erzählen:

„Helmut, das ist mein Mann, hat sich an dem Tag, an dem er das letzte Mal unser Heim verlie√ü, wie immer verhalten. Ich kann mich noch genau an diesen Morgen erinnern. Es war ein Tag wie jeder andere. Nichts unterschied sich von den Wochen und Monaten zuvor.

Wir hatten am Abend zuvor gemeinsam mit unserer Tochter gegessen, sie ist jetzt dreizehn Jahre,“ schob sie ein, „dann haben wir ein wenig fern gesehen, wie immer.“

Sie hatte ein Taschentuch in die Hand genommen und zerkn√ľllte es nerv√∂s zwischen den H√§nden.

„Am darauf folgenden Morgen ist Helmut wie immer aufgestanden, hat seine Morgentoilette erledigt, das Fr√ľhst√ľck vorbereitet und seine Pausenbrote geschmiert. Sie m√ľssen n√§mlich wissen, dass Helmut sehr korrekt war. Er ist oft zum Essen eingeladen worden, hat es aber immer dankend abgelehnt. Er war Finanzbeamter aus √úberzeugung, unbestechlich.“

Dieses Stichwort raubte Reute einen Teil seiner Illusionen. Nachdenklich sah er die graue Maus an. Bei der Frau und dem Mief, den dieses Leben hier ausstrahlte, w√§re ich auch irgendwann gefl√ľchtet, dachte er bei sich. Im n√§chsten Moment aber nahm er sich vor, bei passender Gelegenheit das unscheinbare weibliche Wesen anzugraben. Reuter lebte in dem Glauben, Frauen ohne offensichtliche feste Bindung w√§ren dankbar, wenn sich gelegentlich ein Mann wie er ihrer Bed√ľrfnisse annehmen w√ľrde.

Er stellte noch eine Reihe ergänzender Fragen, konnte der Frau aber keine weiteren spektakulären Informationen entlocken.

Das Bild, das sich ihm vom verschwundenen Finanzbeamten bot, war das eines korrekten, unbestechlichen Beamten, der seinen Ausgleich im beschaulichen Leben im Kreise seiner Familie fand, keine Laster hatte, nie den Versuch eines Ausbruchs unternommen hatte.

Der Mann muss das Denkmal eines Tugendboldes gewesen sein. Er rauchte nicht, er ging nie alleine aus, er ließ sich von seinen Kunden nicht einmal zum Essen einladen.
Mit Akribie war er seiner Arbeit nachgegangen und, so ergänzte seine Frau noch mit einem kleinen stolzen Glanz in ihren Augen, auch erfolgreich. Es war ihm wohl des öfteren gelungen, Recht und Gesetz durchzusetzen.

Reuter dachte sich seinen Teil. Er stellte sich einen b√ľrokratischen Schn√ľffler vor, der pedantisch Zeile um Zeile in den Buchhaltungsunterlagen der gepr√ľften B√ľrger abhakte und die Dinge kleinlich zu Ungunsten des Steuerzahlers auslegte. Mit einer solchen Kleinkariertheit war nat√ľrlich der Unmut der von ihm heimgesuchten kleinen Selbst√§ndigen wie dem Metzgermeister H√∂lzl vorprogrammiert.

Es ging sicher nicht um gro√üe Betr√§ge, um Steuerverschiebungen gewaltigen Ausma√ües, sondern um Posten in der Steuererkl√§rung, die interpretationsw√ľrdig waren, und die dieser Beamte allzu engstirnig zugunsten des Finanzamtes auslegte.

Aber das alles konnte nicht Grund genug sein, pl√∂tzlich und ohne jede Vorank√ľndigung ins Nirwana zu verschwinden, abzutauchen ohne jedes Lebenszeichen zu hinterlassen. Solche Kleingeister tauchen nicht einfach ab, ohne ordnungsgem√§√ü mit mehreren Durchschl√§gen der Nachwelt zu hinterlassen, wohin sie sich abgewandt haben und aus welchem Grunde.

Reuter warf einen m√ľrrischen Blick in die Runde. Selbst, wenn der au√üergew√∂hnliche Fall eingetreten war, dass dieser Mensch einer Bestechung erlegen ist, so h√§tte er seiner Restfamilie ganz sicher Teile des Geldes zukommen lassen.

Die Frau war offensichtlich froh, als er sich verabschiedete und ging.

Reuter fuhr zur√ľck in die Redaktion.

Der Lokalredakteur empfing ihn mit einem Schwall w√ľster Beschimpfungen, die ihn aber unger√ľhrt lie√üen.

Reuter zitierte den G√∂tz von Berlichingen und registrierte interessiert, dass ihn sein Gegen√ľber zwar ansah, mit ihm sprach, aber √ľberhaupt nicht zuh√∂rte.

Es war kein Gespräch zwischen den Beiden, sondern das Aufeinanderprallen zweier Monologe.

„....und dann sage ich Dir, Du sollst nicht soviel saufen....“ f√ľhlte sich Reuter beschimpft.

„Ich habe einen bayerischen Arzt,“ entgegnete er dem Lokalredakteur, „der l√§sst bei seinen Generaluntersuchungen grunds√§tzlich die Leber au√üen vor.“

Von einem Augenblick zum nächsten war der Mann aber die geballte Aufmerksamkeit, als Reuter von seinem Besuch bei der Frau des verschwundenen Finanzbeamten berichtete.

In die Ausf√ľhrungen hinein sch√ľttelte er seinen unbehaarten Kopf und knurrte:

„Das ist zu wenig f√ľr eine Story. Niemand interessiert es, wenn eine traurige kleine Gestalt aus dem Finanzamt √ľber Nacht spurlos verschwindet. Wenn Du dar√ľber einen Artikel bringst, dann nur in der Spalte Kurioses und Vermischtes. Sicher bekommst Du dann viele Leserbriefe, die dazu auffordern, auch noch den Rest der Truppe in der Versenkung verschwinden zu lassen. Au√üerdem ist das Thema √∂de, abgehakt, ausgelutscht. Hast Du eine Ahnung, wie viele Menschen allein in M√ľnchen j√§hrlich spurlos verschwinden, abtauchen, und nach einiger Zeit, manchmal aber auch nie wieder in Erscheinung treten? Daf√ľr interessiert sich heute keiner mehr. Nimm doch einfach einmal die Obdachlosenszene. Die sind einfach weg, verreist, ins Loch gefallen, und kein Schwein k√ľmmert sich darum. Manchmal sind sie einfach nur verjagt, oder hast Du schon einmal Bettler in Deiner Strasse in Schwabing gesehen?“

Damit drehte sich der Lokalredakteur um und wollte ohne weitere Anmerkungen entschwinden.

Reuter hielt ihn am √Ąrmel fest.

„Was ist mit den Bettlern?“

Der Glatzköpfige winkte ab, bequemte sich aber doch zu einer kurzen Erklärung:

„Wenn dort jemand auftaucht, wird er von den Gesch√§ftsinhabern davongejagt, manchmal auch etwas handfester. Dein komischer Metzger hat sich da besonders hervorgetan. Gelegentlich hat er auch schon einmal eine Anzeige wegen K√∂rperverletzung erhalten, weil er einen hartn√§ckigen Obdachlosen, der nicht schnurstracks diesen Teil der Stadt verlassen wollte, verpr√ľgelt hat. Aber alle Anzeigen sind im Sande verlaufen, die Opfer, eben Penner, waren sp√§ter nicht mehr da, aus Angst weitergezogen, volltrunken unter der n√§chsten Br√ľcke √ľbernachtet, was wei√ü ich.... Eine Adresse, unter der man sie sp√§ter noch einmal f√ľr ihre Zeugenaussagen h√§tte besuchen k√∂nnen, hat diese Landplage ja nicht.“

Damit war f√ľr den Lokalredakteur das Gespr√§ch entg√ľltig abgeschlossen.

Reuter bohrte sich gedankenverloren im Ohr und betrachtete anschließend minutenlang das Ergebnis, das er vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger zerrieb.

Merkw√ľrdig, dachte er, der joviale Herr H√∂lzl, immer freundlich, nett, wei√üt im Verborgenen eine ganz andere Ader auf, wenn es wahr ist, was er eben geh√∂rt hatte. Pr√ľgelt auf Menschen ein, die aus welchem Grunde auch immer au√üerhalb der b√ľrgerlichen Gesellschaft lebten.

Reuter zuckte f√ľr sich selbst die Schultern.

Ein soziales Gewissen war ihm fremd, Mitleid empfand er keines. F√ľr ihn war es eventuell nur der Aufh√§nger f√ľr eine Story. Das war sicher ein interessanter Ansatz, um einen zumindest im Stadtbezirk bekannten Gesch√§ftsmann blo√ü zu stellen. Das lesen die Leute gern. Die Folgen w√§ren zudem spannend zu beobachten. Mit etwas Gl√ľck w√ľrde sich ein solcher Artikel negativ auf das Gesch√§ft des Mannes auswirken. Das w√ľrde Stoff f√ľr einen Fortsetzungsteil bieten.

Reuter empfand kein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken, dass er wom√∂glich an der Existenzgrundlage des Metzgermeisters kratzen w√ľrde. Ihm kam √ľberhaupt nicht in den Sinn, dass er in diesem Punkt nicht einen Deut besser war als der kleingeistige Finanzbeamte, der ohne jedes Augenma√ü zur vermeidlichen Durchsetzung seiner Auslegung von Steuergerechtigkeit die Lebensgrundlage eines Menschen angreift.

Unter dem Vorwand, dass ihn das Thema der ungerechtfertigten Steuerschätzung interessiere, vereinbarte Reuter einen Termin mit Metzgermeister Hölzl in den Abendstunden.

Er verf√ľgte zwar √ľber keinen besonders ausgepr√§gten Geruchssinn, aber die Penetranz, die von ihm selbst ausging, st√∂rte jetzt doch. Deshalb beschloss er, seine Wohnung aufzusuchen und die am Morgen unterlassenen hygienischen Ma√ünahmen einzuleiten.

Die Gesch√§fte hatten bereits geschlossen; auf den Stra√üen waren die letzten Passanten noch mit ihren Einkaufst√ľten auf den Weg gen heimischen Herd, um dort die Beute ihrer Streifz√ľge durch die Superm√§rkte und Boutiquen zu sichern.

Reuter √ľberwand rasch die kurze Distanz zwischen seiner Wohnung und dem Laden von Meister H√∂lzl. Er fand den Namen des Metzgers an der Klingelleiste des Hauseinganges, der direkt neben dem Gesch√§ft war. Kurz darauf sah er den massigen Mann durch den Laden kommen und die T√ľr √∂ffnen.

Er lie√ü ihn hinein, verschloss sorgf√§ltig wieder die T√ľr der Metzgerei und schl√ľrfte in die hinteren R√§ume. Reuter folgte ihm.

Gleich hinter der Durchgangst√ľr, die den Verkaufsbereich von den anderen R√§umlichkeiten trennte, fand sich eine schmale, steile Treppe, die nach oben f√ľhrte.

„Ich wohne direkt √ľber dem Laden und habe eine direkte Verbindung von der Wohnung zum Gesch√§ft“ erkl√§rte H√∂lzl und erklomm schwer atmend die Stiege. Das altersschwache Holz knirschte kr√§ftig unter dem Gewicht der beiden M√§nner.

Sie erreichten einen mit Linoleum ausgelegten schummrigen Flur, in dem es muffig roch.

H√∂lzl steuerte eine T√ľr an, durch deren Milchglasscheibe ein schwacher Lichtschein in den Flur drang. Es war das Wohnzimmer, das mit M√∂beln im Stile der Drei√üiger Jahre eingerichtet war. Es wirkte so auf Reuter, als w√ľrde jeden Moment Heinz R√ľhmann zu ihnen treten und behaupten, sein Name w√§re Pfeiffer mit drei „f“.

Reuter nahm am runden Tisch platz, auf dem eine Spitzentischdecke lag. In der Mitte stand eine verzierte Vase mit einem Strauss Fr√ľhlingsblumen.

Etwas fehlte, bis Reuter einfiel, was es war. Es fehlte die Frau mit der akkuraten wei√üen Sch√ľrze und dem im Nacken geknoteten Dutt.

Folgerichtig fragte Reuter, noch bevor er Platz nahm: „Sie leben alleine?“

Hölzl nickte.

„Das habe ich mir nie angetan, das Heiraten. Wenn ich einmal das Bed√ľrfnis nach einer Frau hatte, so wusste ich immer, was ich zu tun hatte.“ Dabei grinste er breit, warb im Gespr√§ch unter M√§nnern f√ľr Verst√§ndnis.

Reuter ließ es unbeantwortet im Raum stehen, nahm aber dankend das Angebot an, Bier und Obstler zu Verbesserung der Atmosphäre auf den Tisch zu stellen.

Sie tranken den Schnaps und zogen anschließend einen großen Schluck Weißbier in sich hinein.

H√∂lzl begann unaufgefordert √ľber das Finanzamt zu schimpfen. Reuter lie√ü ihn gew√§hren.

Der Metzgermeister hatte soviel Munition gegen die Willk√ľr der Beh√∂rde im Bauch, dass sie bei der dritten Flasche Wei√übier und einigen Obstlern angekommen waren, als Reuter das Thema vorsichtig auf das Verschwinden des Finanzbeamten lenkte.

Hölzl nahm noch einen kräftigen Zug aus seinem Bierglas, wischte sich mit dem Hemdsärmel den Mund ab, und grinste Reuter an:

„Der Typ ist einfach nicht wiedergekommen. Ich habe ein ganzes Jahr nichts, absolut nichts, vom Finanzamt geh√∂rt. Nat√ľrlich bin ich nicht so bescheuert, selbst nachzufragen. Und jetzt ist ein anderer aufgetaucht und f√§ngt ganz von vorne an.“

Das verstand Reuter nicht.

„Selbst wenn der vorherige Pr√ľfer spurlos verschwunden ist, so gibt es doch eine Steuerakte.“

Der Mann im weißen Kittel machte eine wegwerfende Handbewegung und grinste schadenfroh.

„Die hatte er dabei, als er das letzte Mal hier war. Und dann hat ihn keiner mehr zu Gesicht bekommen. Inklusive der bl√∂den Steuerakte....“ schob er grinsend hinterher.

Sie tranken noch eine Flasche Wei√übier. Inzwischen wurde das Gespr√§ch in einer alkoholgeschw√§ngerten Lockerheit gef√ľhrt.

Reuter lobte seinen Zechkumpanen ob der konsequenten Haltung und leitete die Unterhaltung vorsichtig auf das Thema Bettler und Hausierer √ľber.

Der Metzger redete sich in Rage. Er beschimpfte die Leute als gesch√§ftssch√§digendes asoziales Pack, das in seinen Augen jegliche Existenzberechtigung in dieser b√ľrgerlichen Wohngegend verloren habe. Und da sich die Verantwortlichen au√üer der gro√üen Worte nicht um die Belange der kleinen Leute k√ľmmern w√ľrden, h√§tte er die Sache selbst in die Hand genommen.

„Und wie?“ wollte Reuter wissen.

„Ich habe die Typen verjagt – ich habe denen unmissverst√§ndlich klar gemacht, dass hier kein Platz f√ľr Schnorrer und Herumtreiber ist.“

Er senkte die Stimme, als w√ľrde er zu einem Mitverschw√∂rer reden.

„Und wenn einer renitent war, habe ich schon einmal handfest nachgeholfen.“

„Verpr√ľgelt?“

Der kräftige Mann trank erneut einen großen Schluck, bevor er antwortet.

„Da geh√∂rt nicht viel zu. Die Burschen haben ja keine Substanz mehr. Die musst Du nur leicht anpusten, dann fallen die von alleine um.“

„Und das hat bei diesen Leuten solchen Eindruck hinterlassen, dass sie es nicht ein zweites Mal versucht haben?“

In H√∂lzl¬īs Augen funkelte es b√∂se.

„Nat√ľrlich gab es einige, die sich im Recht glaubten, die es erneut versucht haben. Wenn ich es gewahr geworden bin, dass sie trotz meiner mahnenden Worte nicht begreifen wollten, habe ich es denen sehr konkret vermittelt.“

Bei Reuter stellte sich langsam eine schwere Zunge ein.

„Und das war so nachhaltig, dass diese M√§nner dann nie wieder aufgetaucht sind?“

Trotz des nicht unerheblichen Alkohols, den beide mittlerweile genossen hatten, ging ein Ruck durch den massigen Körper des Metzgermeisters.

„Was soll das hei√üen?“ fragte er.

Reuter winkte scheinbar belanglos ab. „Nur so.“

„Ich habe nur f√ľr Recht und Ordnung gesorgt. Ich habe sauber gemacht.“

Reuter wurde mutig, er wollte jetzt konkreter auf sein eigentliches Thema hinaus, auf das merkw√ľrdige Verschwinden von Menschen.

„Es ist eigent√ľmlich, dass der Name H√∂lzl h√§ufiger im Zusammenhang mit Menschen steht, die ab einen bestimmten Zeitpunkt einfach von der Bildfl√§che verschwunden sind.“

Der Metzgermeister war aufgesprungen. W√ľtend fuhr er mit den Armen in der Luft herum. Er erweckte den Eindruck, als w√ľrde er sich im n√§chsten Moment auf Reuter st√ľrzen.

„Niemand wagt es, solche Unterstellungen in den Raum zu stellen.“

„Ich spreche nur von Tatsachen, von Fakten, die es durch schl√ľssige Erkl√§rungen zu untermauern gilt. Da gibt es zwei L√∂sungen, entweder haben Sie mit dem Verschwinden dieser Menschen zu tun oder nicht. Und das m√∂chte ich gerne herausfinden.“ gab Reuter nahezu unger√ľhrt als Erkl√§rung ab.

Hölzl stand jetzt vor ihm, packte ihn am Revers, zog ihn aus dem Sessel hoch, und schrie ihn an:

„Komm einmal mit, ich werde Dir etwas zeigen.....“




Es war wieder ein herrlicher Fr√ľhsommertag. Mit dem ersten zarten Lichtschimmer hatten die V√∂gel angefangen zu tirilieren, die Menschen bewegten sich leichtf√ľ√üiger als sonst durch die Strassen, der Himmel zeigte ein kr√§ftiges Blau, keine Wolke war am Firmament zu sehen. Mit einem leuchtenden Farbfeuerwerk begr√ľ√üten die Fr√ľhjahrsbl√ľher den neuen Tag.

Nur der Lokalredakteur lief wie angestochen durch die R√§ume der Zeitung. Er br√ľllte wie ein Stier, tobte, schrie und stampfte jeden, der ihm auf Sichtweite zu nahe kam, in den Erdboden.

„Wo bleibt dieser verdammte Idiot von Reuter?“ bl√∂kte er eine junge Mitarbeiterin an, der es nicht gelungen war, rechtzeitig einen ausreichend gro√üen Bogen um den explodierenden Choleriker zu machen.

Hilflos zuckte das eingesch√ľchterte M√§dchen die Schultern.

„Keine Ahnung. Wir haben ihn seit √ľber einer Woche nicht mehr gesehen. Er ist telefonisch weder zu Hause noch per Handy erreichbar. Wie vom Erdboden verschluckt. Einfach abgetaucht.“

Der Lokalredakteur stapfte zornbebend weiter. „Wenn ich den Kerl erwische, der ist gefeuert, der kann sehen, wo der bleibt, den jage ich dorthin, wo der Pfeffer w√§chst.....“

Mehr bekam das junge Mädchen von der Schimpftirade des Lokalredakteurs nicht mehr mit, weil dieser um die nächste Flurecke entschwunden war.

Es war wirklich ein wundersch√∂ner Fr√ľhsommertag.

Metzgermeister H√∂lzl hielt mit einem freundlichen L√§cheln der alten Dame die T√ľr auf, als diese das Gesch√§ft verlie√ü.

Freudig mit dem Schwanz wedelnd kam der kleine Mischling auf sie zu und wedelte heftig mit dem Stummelschwänzchen.

Sie beugte sich zu ihm nieder, streichelte ihm √ľber den Kopf und sagte mit zarter Stimme zu ihrem Hund:

„Da wird sich mein Teddy aber freuen. Der nette Meister H√∂lzl hat wieder eine neue Partie deiner Lieblingsmahlzeit zubereitet. Ich habe dir auch zwei neue Dosen mitgebracht. Das wird ein Festmahl f√ľr meinen kleinen Liebling.....“

__________________
Hannes Nygaard

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Phantom
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Hi Hannes,
freu mich mal wieder ein neues Gesicht bzw. Nick im Krimi-Forum zu sehen... :-)

Meine Kritik/Anmerkungen/Verbesserungsvorschläge

-Ich find es toll, wenn man seine Protagonisten gut beschreibt, doch mu√ü es gleich so viel am Anfang sein??? Gib dem Leser doch "h√§ppchenweise" Brocken, auf die er sich st√ľrzen kann...

-Am Anfang fehlte irgendwie "Suspence", Spannung, einfach die Motivation, weiterzulesen...

-Irgendwie erinnert mich dein Protagonist an Wallander, der ist auch ein Relikt aus längstvergessener Zeit, aus einer Zeit, in der man noch "Socken stopfte".

-In der Folgezeit machst du wiederholt Ausdrucksfehler:

"in den Hinterhöfen des Weddings ", ich bin selbst Börrlinna, es passt besser, wenn du "des", weglässt.

"... vorwurfsvollen Blick zuwarf, die Zunge aus. " Die Zunge heraus.

"Zweitklassiker Reporter" - Zweitklassiger Reporter

"...Ohne dem Verkehr besondere Beachtung zu schenken, querte er die Strasse "... √ľberquerte!

"...in Richtung des etwas antiquiert wirkenden hohen Glastresens " in Richtung der ... hohen Glastresen...!

-Erst ab Mitte deiner Story, wurde ich hellh√∂rig, als ich vom verschwundenen Beamten h√∂rte... doch dann hast du es nicht geschafft den Bogen weiterzuspannen... das F√ľnkchen Spannung verschwand wieder...

-Erst beim Gespräch zwischen Reuter und dem Metzger hört' ich wieder genauer zu, da war ich dann doch gespannt wo der Beamte steckt... bzw. die Penner...

Das Ende erinnerte mich irgendwie an die Horror-/Krimikurzgeschichten von Robert Dahl, da war ich ehrlich gesagt irgendwie "baff"... aber ich habe es deinen Lokalreporter gegönnt, mich wundert's das der Redakteur sich noch nach Reuter erkundigt hat... ich wäre froh gewesen, Reuter nicht mehr als Kollegen zu haben... einen Antihelden zum Protagonisten zu erklären ist ja nicht falsch, aber mußten diese ganzen ekligen Details sein, besonders die Popelszene wahhhhhh...

Mein Fazit:

eine gute Idee, ein guter Schluss wenn man √ľberhaupt bis dahin kommt... ehrlich gesagt mu√üte ich mich sehr √ľberwinden, weiterzulesen. Am besten du k√ľrzt deine Geschichte... und arbeitest noch ein paar mehr Spannungsmomente ein.

Gruß Phantom



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Hannes Nygaard
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Hallo Phantom,

vielen Dank f√ľr die ausf√ľhrliche Kritik und die damit verbundene M√ľhe.

Wenn man auf die Ausdrucksfehler aufmerksam gemacht wird, ist man sehr irritiert. Ich hätte mein eigenes Werk noch einige weitere Male Korrektur lesen können, ohne sie selbst zu bemerken. Allerdings wäre mir die Berliner Besonderheit "des" Weddings immer noch verschlossen geblieben.

Der Protagonist ist eine negative Figur, die durch √§u√üeres Erscheinungsbild und Auftreten Antipathie erzeugt. Je nach pers√∂nlicher Anschauung gibt es sicher einige Passagen, an denen Normals schlucken und laut "iiih" sagen. Dazu geh√∂rt sicher auch das Popeln im Ohr. Deshalb, so glaube ich, ist auch niemand entr√ľstet √ľber das Ende. Und wenn dann gleichzeitig auch noch ein Finanzbeamter "eingemacht" wird, erh√∂ht das nicht unsere Trauer.

Mich hat √ľbrigens auch die Kenntnis um das Geheimnis von Meister H√∂lzl nicht daran gehindert, w√§hrend meiner M√ľnchener Zeit meine Fleisch- und Wurtswaren weiterhin aus diesem Fachgesch√§ft zu beziehen...

Eine etwas l√§ngere Geschichte hat es nat√ľrlich schwerer, sich gegen kurze und knackige Stories zu behaupten. So werde ich Deine Anregung zum K√ľrzen aufgreifen und mich einmal im gerechteren Verteilen der Spannungsmomente √ľben.

Mir bleibt zu guter Letzt die Selbsterkenntnis, dass es noch ein sehr langer Weg bis zum Niveau einer Agatha Christie ist und auf dieser Strecke noch sehr, sehr viele Schuhe zu besohlen sind.

Mit einem fröhlichen Danke
Hannes


__________________
Hannes Nygaard

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Phantom
Guest
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na ja, Agatha Christie w√ľrde ich wohl nicht als "Ziel" anstreben, die hat ja vor vierzig Jahren gute Krimis geschrieben, doch ihre gleichen sich auf's Haar... eher die Norweger, Schweden (Mankell, Fossum, Holt, Nesser, Marklund, Lindell...), Deutschland mu√ü sich mal wieder als "Krimiland" hervortun... wir m√ľssen uns den Titel von den Nordischen L√§ndern zur√ľckholen!!! :-)

Gruß Phantom

P.S.: Lies doch mal bei Bedarf "Das L√§cheln" von mir... da hab ich auch einen "Antihelden" geschaffen, ihn aber auf ganz andere Weise negativ dargestellt... Die Story wurde sogar von einer anderen Literaturhomepage abgelehnt, "aus naheliegenden Gr√ľnden"... so "brisant" war sie ...

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Tekky
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ich meine schon mal einen Krimi gelesen zu haben, in der ein Mann verschwand und es sich später herausstellte, daß er zu Lammbraten o.ä. verarbeitet worden war. Insofern fand ich das Ende etwas enttäuschend und irgendwie auch hervorsehbar. Aber Deine Story lebt von der bilfhaften Darstellung der Charaktere - ich konnte beim Lesen diesen Reuter fast schon riechen . Und Dein Schreibstil gefällt mir gut.

Abgesehen von den kleinen 'Versehen', die Phantom aufgef√ľhrt hat, ist mir noch folgender Satz aufgefallen:

quote:
Freudig mit dem Schwanz wedelnd kam der kleine Mischling auf sie zu und wedelte heftig mit dem Stummelschwänzchen

Gruss

__________________
Wenn es Sinn hat, etwas zu machen, dann hat es auch Sinn, es schlecht zu machen.(Gilbert Keith Chesterton)

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Hannes Nygaard
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Against Scandinavia

Hallo Phantom,

na, dann wollen wir einmal anfangen, den Nordmännern das
F√ľrchten beizubringen...

Ved venligst hilsen fra den gamle tysk
Hannes (Nygaard)




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Hannes Nygaard

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Hannes Nygaard
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Hi Tekky,

leider ist es nicht auszuschlie√üen, dass "irgendwo" "irgendwer" schon einmal etwas geschrieben hat... Es w√§re nat√ľrlich sch√∂n, wenn man auf etwas wirklich Neues k√§me. Aber, das soll uns nicht die Freude am Fabulieren nehmen.

Tja, und wenn Du den Reuter riechen konntest, so hoffe ich , dass Du wenigstens bei leicht geöffnetem Fenster gelesen hast. Etwas anderes hätte ich Dir nicht antun wollen.

Vielen Dank auch f√ľr Deinen Hinweis zu der einen Formulierung. Das klingt ja wirklich so, als w√ľrde der Hund versuchen, sich selbst in den Schwanz zu beissen.

Mit einem fr√∂hlichen Gru√ü aus M√ľnster
Hannes


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Hannes Nygaard

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