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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Maler und das unvollkommene Modell
Eingestellt am 14. 11. 2015 20:43


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Pattip
AutorenanwÀrter
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Der Maler und das unvollkommene Modell

Kaum hatte er das verabredete Zeichen gegeben, sprang sie ihm ungestĂŒm auf den Schoß. Der dreibeinige Hocker zerbarst unter ihrer beider Gewicht, der Pinsel flog quer durch das verstaubte Dachatelier und hinterließ einen skurrilen Fleck an der Wand. Ein kurzer Schrei, dann wĂ€lzten sie sich lachend am Boden. Nackte Beine umschlangen seine HĂŒften unter dem bunt getupften Malerkittel. Barbusig an seine Nase gedrĂŒckt jauchzte sie: „Na endlich! Alle Gliedmaßen waren mir schon eingeschlafen und mir ist grausig kalt.“ Lange umarmte der Maler sein Modell, rieb und rubbelte ihre Haut mit seinen HĂ€nden warm. Dann nahm er den Kopf vom weichen Fleisch, kĂŒsste flĂŒchtig den blumig riechenden Brustansatz. „DĂ©solĂ©, ma chĂ©rie, es hat wirklich lange gedauert bis ich zufrieden war. Doch nun lass uns sehen ob es sich auch gelohnt hat.“ Er erhob sich und half ihr auf. Seine HĂ€nde zitterten, wĂ€hrend er eine wollene Decke um ihre Schultern legte. „Warte einen Moment, dreh dich noch nicht um.“
Ein letztes Mal wollte er allein den Anblick seines Werkes auskosten, in das er mehr Zeit investiert hatte, als in jedes zuvor. Auch mehr Kraft, spĂŒrte er. Ihm schwindelte. Ob es ihm gelungen war? Ob er diesmal die Leinwand optimal grundiert hatte, um die Farben genau mit der gewĂŒnschten Leuchtkraft erstrahlen zu lassen? Ob die Komposition jene prĂ€zise Ausgewogenheit des goldenen Schnitts besaß, diese schwebende Balance zwischen Spannung und Harmonie, die Blicke zu fesseln versteht? Ob die feinschichtig lasierten Konturen jene vibrierenden und dennoch klaren Linien und Winkel aufwiesen, die ihm so lange schon vor seinem inneren Auge vorgeschwebt hatten? Sein Herz pochte laut. Noch bevor er den Blick hob, mahnte er sich zu Sachlichkeit und kritischer Distanz. Dann betrachtete er die Leinwand. Sein Kiefer senkte sich abrupt, die Augenbrauen wölbten sich in hohem Bogen. Er war tief beeindruckt. Hier war es: das vollkommene Kunstwerk! Die erhoffte Glanzleistung, die seine HĂ€nde ganz nach der Sehnsucht seiner Seele geschaffen hatten! Heiß wie Magma pulsierte das Blut in seinen Adern.
„Kann ich mich endlich umdrehen?“ Maries Stimme erklang wie aus weiter Ferne und seine rau vor GlĂŒck. „Cherie, komm an meine Seite. Sieh dir das Bild an, das dich berĂŒhmt und mich reich machen wird.“ Maries LĂ€cheln erhellte die Dachkammer. Sie strich eine brĂŒnette Haarlocke hinter das rechte Ohr, trat neben ihn und heftete ihren Blick auf die Staffelei. Gebannt beobachtete er ihre Reaktion, sah, wie ihr Mund ein sprachloses O formte, spĂŒrte ihre NĂ€gel in seinen Handballen, glaubte Überraschung in der aufsteigenden BlĂ€sse ihrer Wangen zu verstehen; doch er sah sich getrogen. Maries Augen, verengt zu Schlitzen, schleuderten Pfeile, das liebliche Antlitz glich einer Masse entgleister GesichtszĂŒge. „Das soll ich sein? FĂŒr dieses Ungeheuer habe ich tagelang bei EiseskĂ€lte Modell gestanden? Wie kannst du es wagen!“ wĂŒtete sie. „Du willst ein Maler sein? Ein Kasten mein Kopf, ein Trapez meine Nase, meine herrlichen BrĂŒste nichts als spitze Dreiecke und meine schwungvollen Lippen ein KnĂ€uel wilder Linien! Du bist kein Maler, du bist eine Bestie, ein Monstren darstellender Unhold! Niedrige Instinkte hausen in deinem Kopf. Du bist verwirrt, ein Irrer! “ Er traute seinen Ohren nicht, stand da wie gelĂ€hmt. Hilflos und unglĂŒcklich. Ausgelöscht war der brodelnde Vulkan in seinem Innern, Gletscherblut mĂ€anderte durch seine Adern. Wieso nur erkannte sich seine Geliebte auf der Leinwand nicht? Warum empfand sie sich als GrĂ€uel? Er fand keine Antwort und stolperte, weil Marie jetzt mit FĂ€usten gegen seinen RĂŒcken hĂ€mmerte. Er wehrte ihre SchlĂ€ge nicht ab, drehte sich nur langsam zu ihr um. Die Wolldecke war von ihren Schultern gefallen. Wogende BrĂŒste tanzten einen wilden Reigen vor seinen Augen. Ein unkontrollierter Fausthieb traf seine Unterlippe. Etwas Feuchtes sprudelte heraus und rann ĂŒber sein Kinn. Egal, sollte sie ihn nur prĂŒgeln: Heute hatte er die Vollendung erreicht.
Endlich erschlafften Maries Arme und ihr Körper sackte wimmernd zu Boden. Traurig fixierte er eine Zeit lang ihren zuckenden Scheitel; dann durchfuhr es ihn schaudernd: Diese Vollkommenheit des Kontrastes zwischen der hellen Zickzacklinie ihrer Kopfhaut gegenĂŒber der Haarfarbe! Erneut durchströmte es brodelnd seine Adern, sein Blick glitt durch das mittlerweile von DĂ€mmerlicht durchzogene Zimmer und blieb an der Staffelei haften, auf der sein Meisterwerk stand. Da war es. Die gleiche Vibration ihres Scheitels, gerade so, wie er ihn dargestellt hatte. Hin und her zwischen der am Boden kauernden Marie und der auf dem Bild, wanderten seine Augen, mehr und mehr Beweise fĂŒr Gemeinsamkeiten findend. Die Perfektion war bestechend.
Doch was war das? Eine leichte Abweichung der Rundung ihrer Schulter brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Erneut kontrollierte er die Linie, maß mit langgestrecktem Arm, den Daumen in die Höhe gerichtet, Original und Abbild nach. Keine Frage: das Bild war prĂ€zise, die Unvollkommenheit lag am Modell! Schnell, jetzt musste er schnell handeln, es blieb wenig Zeit. Bald wĂŒrden seine Malerkollegen eintreffen, denen er fĂŒr den heutigen Abend versprochen hatte sein Werk vorzufĂŒhren. Er sah sich um, erblickte das Beil, das zum spalten der Holzscheite am Ofen stand. Marie lag immer noch wimmernd am Boden. Er wĂŒrde sich MĂŒhe geben. Schließlich waren nur wenige VerĂ€nderungen vorzunehmen. Und Marie wĂŒrde sich endlich wiedererkennen. Er hob das Beil ĂŒber den Kopf und begann.
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Du wirst keine neuen Meere entdecken, solange du nicht den Mut hast die KĂŒste aus den Augen zu verlieren!

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