Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5361
Themen:   89679
Momentan online:
432 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzprosa
Der Mann aus Lehm
Eingestellt am 21. 03. 2017 00:37


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Gertules
Hobbydichter
Registriert: Mar 2017

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Gertules eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Der Mann aus Lehm

quote:
Die H├Âlle, das sind wir selbst. ÔÇô T.S. Eliot


Da war er wieder. Der Mann aus Lehm.

Sa├č in seinem steinernen Stuhl wie festgemauert und r├╝hrte sich nicht. Nur eine leichte Bewegung der eingefallenen Brust, eine gelegentliche Neigung oder Drehung des Kopfes verrieten, dass ├╝berhaupt Leben in ihm war. ÔÇ×In ihm ist noch Leh┬┤mÔÇť dachte K. und schnaubte abf├Ąllig. Der Mann aus Lehm verriet mit keiner Regung, dass er es geh├Ârt hatte.

Er wirkte gleichzeitig ausgebeult und ausgemergelt, wie eine Wasserflasche, die zu oft wieder aufgef├╝llt und zuletzt nur noch geleert worden war. Seine Augen, die klein und leicht zugekniffen in seinem Gesicht sa├čen, blickten meist geradeaus, zuckten nur selten einmal kurz im Raum umher.

Der Raum. Ihn ÔÇ×ZimmerÔÇť zu nennen verbot sich K., denn er war v├Âllig leer. Heruntergekommen dazu, nicht mehr als vier W├Ąnde, ratlos um ihn und den Mann versammelt. Sie waren feucht und bedrohlich bauf├Ąllig, mit abgefallenem Putz und langen Rissen im entbl├Â├čten Mauerwerk, doch das schien den Mann nicht zu st├Âren. Er nahm es wohl nicht einmal wahr, hielt nur den Blick auf die Wand direkt vor ihm gerichtet.

K. hatte sich schon oft gefragt, was er dort sehen mochte. Er erhob sich, trat n├Ąher an den Mann heran und versp├╝rte dabei eine seltsame Scheu, die er wohl nie ganz w├╝rde absch├╝tteln k├Ânnen, obwohl der Mann aus Lehm ihm niemals etwas getan hatte. Da war er sich eigentlich ganz sicher. Etwa einen halben Meter zur Rechten des Steinsessels setzte er sich im Schneidersitz auf den Boden, den Blick in die selbe Richtung gewandt wie der Mann aus Lehm. So sahen sie beide eine Weile stumm vor sich hin. K. bildete sich gerne ein, dass der Mann aus Lehm sich seiner Anwesenheit bewusst war und sie, da er sie tolerierte, eventuell guthie├č, sogar sch├Ątzte. Dadurch, dass sie die gleiche Sicht teilten, hatten sie etwas gemeinsam, und das war genug.

Mit geschlossenen Augen, ganz in diesem warmen Gef├╝hl versunken, lie├č K. einige Zeit verstreichen. Bald muss es schon hell werden, dachte er schlie├člich, und stellte ├╝berrascht fest, dass ihm vor dem Morgen graute. Er hatte das Gef├╝hl, dass der Tagesanbruch dem Mann aus Lehm nichts Gutes verhei├čen konnte. Doch tats├Ąchlich schien es um sie bereits ganz langsam, fast unmerklich heller geworden zu sein. Tastete sich da nicht schon der erste Sonnenstrahl durch die einzige, rechteckige ├ľffnung in der Wand, die, l├Ąngst vernagelt inzwischen, einst ein Ausweg gewesen sein mochte? Langsam, unendlich langsam kroch er ├╝ber den Boden.

K. lie├č ihn nicht aus den Augen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er den Mann aus Lehm erreichen w├╝rde, der unbeirrt mitten im Zimmer sa├č. Wenn er von der Sonne getroffen wird, wird er austrocknen und verderben, fuhr es K. pl├Âtzlich durch den Kopf. Sollte, musste er ihn nicht warnen? Aber ein Mann aus Lehm musste doch wissen, was es bedeutete, ins Licht zu gehen. Es war doch genug Zeit, selbst jetzt noch, um dem Verh├Ąngnis auszuweichen. Ein Leichtes sogar, er musste nur aufstehen, sich nur bewegen. Doch er tat es nicht, und die Zeit verstrich.

Immer mehr der wei├čgl├╝henden Finger tasteten sich durch den Raum und auf den steinernen Stuhl zu. K. zitterte leicht, er begann zu schwitzen. Der Wunsch, den Mann aus Lehm aufmerksam zu machen, ihn wachzur├╝tteln, ihn wenn n├Âtig aus dem Stuhl zu zerren, wurde allm├Ąhlich unertr├Ąglich. Aber er wagte es nicht, auf ihn zuzugehen; festgemauert sa├čen sie beide da, nur einen halben Meter entfernt, un├╝berbr├╝ckbar, viel zu weit.

Der Mann aus Lehm musste jetzt bald, jetzt, jetzt aber wirklich aufstehen, die ersten Lichtkrallen schlugen sich schon in seine Schultern, trockneten, d├Ârrten und versengten. Falls sie ihm Schmerzen bereiteten, zeigte er es nicht. Er sa├č weiterhin einfach nur da, sa├č und sah ins Nichts. Bald war er fast vollst├Ąndig in Sonnenlicht eingeschlossen, seine Lehmhaut wurde stetig heller, spannte sich knarzend, br├Âselte und riss schon an einigen Stellen.

Nun ist es ohnehin zu sp├Ąt, dachte K., der mittlerweile an die Wand zur├╝ckgewichen war. Jeder Versuch, den Mann aus Lehm zu bewegen, w├╝rde ihm wahrscheinlich noch mehr schaden als die Glut, die ├╝ber seinen K├Ârper wanderte. Wahrscheinlich w├╝rde er es auch gar nicht wollen, er hatte schlie├člich keinen Versuch unternommen, seinem Schicksal aus dem Weg zu gehen. So war es ihm denn also recht, oder was wohl wahrscheinlicher war, es war ihm gleichg├╝ltig.

Aber just in dem Moment, in dem er diesen Gedanken zu Ende gebrachte hatte, drehte der Mann aus Lehm langsam, sehr langsam den Kopf in seine Richtung und sah ihn schlie├člich direkt an. Sah ihn unverwandt an, wie er dort in seinem Stuhl sa├č, eher thronte, ganz von Licht umh├╝llt, sah ihn an wie ein kranker K├Ânig, lautlos lichterloh brennend auf seinem einsamen Thron. Und in der Sekunde, als K. den Blick in seinen Augen sah, stie├č er sich mit einem gequ├Ąlten Schrei vom Boden ab und hechtete zu ihm hin├╝ber. Er packte ihn bei den Schultern und wollte ihn mit einem verzweifelten Ruck von seinem steinernen Sessel rei├čen, weg von der Sonne, hin zu den Schatten, in die Dunkelheit, in Sicherheit.

Doch als seine H├Ąnde die Haut des Mannes aus Lehm ber├╝hrten, zerbrach dessen K├Ârper wie ein durchgekohltes St├╝ck Holz, das, nun schon erkaltend, zuvor lange in der Glut gelegen hatte. Lehmbrocken polterten vom Steinsitz, rollten ├╝ber den Boden und durch den Raum. In der darauffolgenden Stille hob K. langsam die H├Ąnde und ├Âffnete sie. Feiner Staub rieselte daraus hervor, tanzte herum in den Sonnenstrahlen, die in den Raum fluteten, und legte sich endlich behutsam auf sein Gesicht.

Einen Moment alles regungslos.

Dann sackte K. ├╝ber dem Sitz aus Stein zusammen und begann zu wimmern. Immer mehr Tr├Ąnen str├Âmten ihm ├╝ber die Wangen und verschmierten den Staub, der einst der Mann aus Lehm gewesen war.

So verharrte er, w├Ąhrend die Sonne wanderte.

Sie hatte den Raum schon eine Weile verlassen, als der inzwischen leergeweinte K. sich mit taubem Gesicht vom Stuhl erhob, in eine Ecke schlurfte und sich auf den Boden niedersinken lie├č. Bleierne Ersch├Âpfung ergriff von ihm Besitz.

Ein n├Ąchstes Mal, war sein letzter Gedanke, als er die rotgeweinten, m├╝den Augen schloss, ein n├Ąchstes Mal wird es anders sein. Ein n├Ąchstes Mal will ich ihn retten. Dann sank er in Schlaf, der, anfangs unruhig, endlich aber tief und traumlos andauerte.

K. erwachte einige Stunden sp├Ąter. Um ihn herum war es stockfinster, und zun├Ąchst wusste er nicht, wo er da lag, hing noch halb in einem schlimmen Traum, den er gehabt zu haben glaubte. Doch allm├Ąhlich durchdrangen seine Augen die Dunkelheit, und bald erkannte er, wo er sich befand. Er blickte zur Mitte des Zimmers. Im steinernen Stuhl sa├č eine dunkle, fast regungslose Silhouette.

Da war er wieder. Der Mann aus Lehm.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Franka
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Feb 2006

Werke: 208
Kommentare: 2370
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Franka eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Gertules, herzlich Willkommen in der Leselupe!

Sch├Ân, dass Du den Weg zu uns gefunden hast. Wir sind gespannt auf Deine weiteren Werke und freuen uns auf einen konstruktiven Austausch mit Dir.

Um Dir den Einstieg zu erleichtern, haben wir im 'Forum Lupanum' (unsere Plauderecke) einen Beitrag eingestellt, der sich in besonderem Ma├če an neue Mitglieder richtet. Hier klicken

Ganz besonders wollen wir Dir auch die Seite mit den h├Ąufig gestellten Fragen ans Herz legen. Hier klicken


Viele Gr├╝├če von Franka

Redakteur in diesem Forum

Bearbeiten/Löschen    


Hyazinthe
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2015

Werke: 38
Kommentare: 468
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hyazinthe eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Gertules!

Eine merkw├╝rdige, geheimnisvolle Geschichte, die auf mich klaustrophobisch und albtraumhaft wirkt. Steht hier ein Mensch seinem alter ego gegen├╝ber, das er zu retten versucht, jeden Tag aufs Neue? Oder begegnet dem Protagonisten in dem Gef├Ąngnis, an das der Raum mich erinnert, ein anderer Mensch, der aber kaum noch menschliche Eigenschaften besitzt: der Mann aus Lehm?

Du schreibst in einer Bildsprache, die ebenso anschaulich wie r├Ątselhaft ist. Dein Stil ist anspruchsvoll, dabei gut lesbar.

Mir hat deine Geschichte gefallen, obwohl ich eingestehen muss, dass ich sie nicht ganz verstehe.

Gru├č, Hyazinthe
__________________
Immer neugierig bleiben

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzprosa Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!