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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Mann der einen Vogel bekam
Eingestellt am 10. 06. 2006 22:57


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Jan Werner
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Apr 2006

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Michael hat keinen Job mehr. Seit gestern. Acht Wochen nach seiner komischen Begegnung mit diesem Vogel. ├ťberhaupt fing von da an alles aus dem Ruder zu laufen und nichts in seinem Leben war wie zuvor.
Dieser Vogel.
Michael hatte keine Ahnung von V├Âgeln und konnte deshalb nicht sagen, was es f├╝r einer war. Nur, dass er ein s├╝├čer kleiner Kerl war. Oder vielleicht war es ja sogar ein Vogelweibchen. Aber das spielte im Grunde keine Rolle. Jetzt hatte er ihn nun mal und musste damit Leben. Mit dem Vogel. Er wurde auch nicht gefragt, er tauchte einfach auf und wollte fortan nicht mehr von seiner Seite.
Es geschah auf dem Weg zu seiner Arbeit. Michael fuhr jeden Morgen mit dem Bus. Nur drei Stationen. Als er ausgestiegen war, verweilte er kurz an der Haltestelle, weil gerade die Sonne aufgegangen war und er die w├Ąrmenden Strahlen genie├čen wollte, die ihn erw├Ąrmten. Da zwitscherte es pl├Âtzlich hell von dem Papierkorb neben ihm und Michael sah hin. Da sa├č er. Der Vogel. Pelzig klein und kunterbunt gefiedert. Mit offenem Schnabel machte er sich lauthals bemerkbar und betrachtete Michael aus kleinen schwarzen Augen, die wie gl├Ąnzende Stecknadelk├Âpfe aussahen. Er hatte das Gef├╝hl, als s├Ąhe ihm der vorlaute Piepmatz direkt in die Augen. Wie konnte das sein?!
Als Michael mit faszinierter Neugierde einen Schritt zum Papierkorb tat, blieb der Vogel ruhig sitzen und starrte ihn noch immer an. Sein Herz f├╝llte sich mit watteweicher W├Ąrme, die sich von dort aus in seinem ganzen K├Ârper ausbreitete.
Der kleine Vogel flog nicht weg. Auch nicht als Michael sich b├╝ckte, um den kleinen gefiederten Freund n├Ąher zu betrachten. Und auch der Vogel nutzte die Gelegenheit und besah sich den interessierten Menschen genauer. Zwitschernd setzte er sich dann ohne Vorwarnung auf Michaels rechte Schulter, wo er fortan verweilte.
Das war sie, die erste Begegnung mit dem Vogel.
Und es war wirklich so gewesen, sagt Michael, der noch immer diesen Vogel auf seiner rechten Schulter sitzen hat. Gemeinsam gehen sie ├╝berall hin, wo man halt so hin geht. Auch in seiner Wohnung ist der Piepmatz immer dabei. Au├čer nachts nat├╝rlich, wenn er sich zudecken muss. Oder in der Dusche. Dann sitzt der Vogel irgendwo in der N├Ąhe und scheint ihn zu bewachen. ├ťberhaupt glaubt Michael, dass er von dem gefierten Tierchen bewacht wird. Es ist sein ganz pers├Ânlicher kleiner Schutzengel. Und hei├čt es nicht immer das Engel Fl├╝gel haben? Seiner hat ganz besonders Sch├Âne, Bunte.
Der Vogel besch├╝tzt Michael nicht nur vor Gefahren, sondern auch vor all den falschen Freunden und schlechten Menschen dieser Welt. Das hatte er zum ersten Mal bemerkt, als er an diesem besonderen Morgen mit dem Vogel bei seiner Arbeitsstelle erschien. Stolz, und in der Erwartung, sein zugeflogener Freund w├╝rde auf gro├čes Interesse sto├čen, zeigte er ihn seinen Kollegen. Sie h├Ątten ihn doch auch s├╝├č finden m├╝ssen. Oder zumindest mutig ÔÇô fliegen sie den Menschen doch normalerweise davon. Aber niemand fand den Vogel s├╝├č oder mutig, sie tippten sich alle nur an die Stirn und zeigten ihm einen Vogel. Keiner wollte wissen, woher er ihn hatte, wie er hie├č oder warum er immer auf seiner rechten Schulter sa├č.
Das hatte Michael sehr weh getan.
In den folgenden Tagen vernachl├Ąssigte Michael seine Arbeit, da er sich immer mehr um seinen Vogel k├╝mmerte, der ihn auch bei seiner Lagert├Ątigkeit nicht alleine lie├č. Die Kollegen sch├╝ttelten verwundert den Kopf und redeten ├╝ber ihn.
Auch seine wenigen Freunde die er hatte, nahmen Abstand, da Michael nur noch den Vogel im Kopf hatte, den er liebevoll umsorgte. Er f├╝tterte ihn, gab ihm Wasser, spielte mit ihm und erz├Ąhlte ihm viel. Manchmal h├Ârte Michael ihm einfach nur zu. Stundenlang. Dann sang der Vogel in den sch├Ânsten T├Ânen und wollte gar nicht mehr aufh├Âren.
Auch Michaels Vermieter fand das bedenklich. Seine Verwandten sowieso. Und als er gestern bei der Arbeit erschien, da hatte ihm der Chef einfach gek├╝ndigt, da sein Verhalten nicht mehr hinzunehmen war. Michael zeigte nur auf seinen Vogel und entschuldigte sich damit, dass er einen pers├Ânlichen Begleiter habe, um den er sich k├╝mmern m├╝sse. Das hatte er auch seinem Vermieter gesagt, der sich ├╝ber die zunehmende Verwahrlosung von Michaels Wohnung sorgte. Aber sie hatten alle kein Verst├Ąndnis f├╝r ihn und seinen Vogel. Auch nicht sein Vater, der ihn sogar mal angeschrieen hatte, so verzweifelt war er wegen seinem Sohn. Den Vogel hatte das nicht gest├Ârt. Er blieb auf Michaels rechter Schulter sitzen. Michael erkannte, dass all die Leute um ihn herum nicht wollten, dass er gl├╝cklich war ÔÇô jetzt, wo er einen richtigen Freund hatte, der ihn einfach so nahm wie er war. Dem er nichts erkl├Ąren musste, dem er nichts schuldete. Noch nie war ihm ein Freund so treu wie der bunt gefiederte Vogel, der so sch├Ân singen konnte.
Michael hielt sich von den Menschen fern, die ihn nicht verstanden. Er wollte nicht, dass man ihn verspottete. Er wollte nur seine Ruhe.
Die bekam er in einem Haus, wo er mit vielen anderen Menschen untergebracht war. Sein Vermieter hatte ihm die Wohnung gek├╝ndigt. Sein Vater hatte ihn dann zu diesem Haus gebracht, wo er wohnen k├Ânne und sich um nichts mehr sorgen m├╝sse.
Zum ersten Mal hatte sein Vater recht. Hier musste er sich wirklich um nichts mehr k├╝mmern. Er hatte den ganzen Tag Zeit f├╝r sich und seinen Vogel.
Manchmal durfte er mit einem Mann reden, der immer in einen wei├čen Kittel geh├╝llt war und einen Doktortitel trug. Das waren interessante Gespr├Ąche, denn Michael glaubte, dass der Mann ihn verstand. Er freute sich sogar, wenn Michael ├╝ber seinen Vogel redete und machte sich dabei viele Notizen. Einmal sagte der wei├č gekleidete Mann zu ihm, dass viele Menschen einen Vogel h├Ątten - man w├╝rde sie nur nicht immer sehen. Er brauche sich deshalb nicht zu wundern, wenn andere seinen nicht erkennen w├╝rden.
Das hatte Michael sehr beruhigt. Denn manchmal kam er an einem Spiegel oder einem Fenster vorbei, in dem er sich fl├╝chtig betrachtete. Dann war der Vogel auf seiner Schulter pl├Âtzlich weg. Aber wenn er dann zu seiner Schulter sah, sa├č da noch immer der kleine, bunt gefiederte Vogel, der ihm so viel bedeutete.
Michael liebte seinen Vogel und es erf├╝llte ihn mit Freude, zu wissen, dass viele Menschen einen haben.




(01.11.03)

__________________
Jan Werner

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