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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Mann des Schweigens
Eingestellt am 31. 07. 2001 12:14


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georgemueller
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Der Mann des Schweigens

Der Junge zog sich die rauhe, sich wie eine KratzbĂŒrste anfĂŒhlende Bettdecke ĂŒber den vom Schweiss dieses Tages verklebten Körper, gestattete seiner Phantasie mit einigem Widerwillen das Entstehen schrecklicher Bilder in seinem Kopf, die das Krabbeln von Milliarden ekliger Milben zeigte, wie sie in einem zuckenden Gewirr ĂŒber seine Haut jagten und mit ihren kleinen, spitzen ZĂ€hnen einem Schwarm Piranhas gleich an ihm zu knabbern begannen; und er betrachtete die schattenhaften, sich auf- und niedersenkenden Körperberge seiner in den Welten des Schlafes weilenden Schulkameraden. Ein lauer, periodisch auftretender Windstoss von spĂ€t sommerlichem Charakter, vermischt mit einer nördlichen Brise der jurassischen GebirgszĂŒge drĂ€ngte sich durch die Leere des offenstehenden Fensters, streifte ĂŒber sein zierlich gekrĂ€useltes Haarkleid und verschwand in der tiefschwarzen Dunkelheit des Saales, wo er ĂŒber die spröden Lippen schlafender SchĂŒler strich, ihre schnarchenden Töne in unbedeutenden Luftwirbeln mit sich trug und zu einem sanften Pfeiffkonzert erklingen liess, dessen sich der Junge nun, als er die schweren Augenlieder ihrer Last entledigte, ganz widmete. Seltsame Ruhe beherrschte den Saal, abgesehen vom leisen Surren des vibrierenden AufladegerĂ€tes, das dem Klassenkameraden mit den langen Haaren gehörte, der wĂ€hrend eines vollen Tages ein Quantum an Wörter verlauten liess, wie in einer glasklaren Nacht verliebte Paare Sterne am Himmel funkeln sehen.

***

Es war nicht die ungewisse, Gefahren zu bergen scheinende Finsternis der Nacht. Nicht die einsamen, aber undurchdringlichen und beharrlichen Nebelschwaden, die dem Jungen die Sicht auf die Wipfel der Nadelhölzer raubten und so gespenstisch bedingte AngstgefĂŒhle, die dem innersten, ursprĂŒnglichsten Kern des Menschen entstammten, provozierten. Nicht das Vernehmen von fernem Glockengebimmel weidendem Viehs, das ihm sich unendlich weit erstreckende Felder vor Augen fĂŒhrte, die von dichtem Waldrand gesĂ€umt wurden, hinter welchem sich glĂŒhende, bedrohliche Augen versteckten und einer perfiden Spinne gleich in der Mitte ihres klebrigen Netzes auf ein Opfer warteten, das sie hinterhĂ€ltig ĂŒberfallen und daraufhin in ihre Höhle verschleppen konnten. Es war auch nicht eine blasse Vision, eine seltene Erleuchtung oder eine zweifelhafte Vermutung, sondern reine Gewissheit, unwiderlegbare Überzeugung, die ihm versicherte, dass der Mann unten im schwach beleuchteten Vorhof, vor der Fassade des gerĂ€umigen Mietshauses Stellung bezogen hatte und mit dem starrem Blick lebloser Augen nach oben zu dem Fenster schaute, auf welcher Kehrseite der Junge sich zur Ruhe gelegt hatte.

Dies war der Mann, auf den der Junge seit langer Zeit gewartet hatte und der nun gekommen war, um ihn mit sich zunehmen.

Nur wenige Gliedmassen der Gestalt des schweigenden Mannes traten aus der SchwĂ€rze der Finsternis hervor, und der Junge erkannte mit pochendem Herzen einen breiten Hut, dessen Vorderseite dem Mann tief ins Gesicht fiel und es verbarg, und die groben Konturen eines schweren Mantels, der schlaff am hochgewachsenen, von StĂ€rke und Macht zeugenden Korpus des Mannes herabhing. Obschon der Junge Kenntnis davon gehabt hatte, dass der Mann eines Nachts erscheinen wĂŒrde, und im Innern seiner Seele hatte er dem Augenblick ungeduldig zugewartet, ĂŒberschwemmte ihn in diesem gĂ€nzlich ĂŒberraschenden Moment eine gigantische Woge des Entsetzens, als er einsam und schweigend auf die unten im Vorhof weilende Gestalt blickte, die mit der Standhaftigkeit einer antiken Statue in der Dunkelheit verharrte und ihn mit leblosen Augen anstarrte; und einen kurzen Augenblick lang nahm das Gesicht des Jungen die verzweifelten ZĂŒge eines Kindes an, das mit weinerlicher Stimme nach seiner Mutter ruft, die es aus den Augen verloren hat.

***

Der Junge schob nun die von Milben ĂŒbersĂ€te Bettdecke beiseite, ignorierte schmerzhaftes Prickeln in den Fingerspitzen und in der Magengrube und machte sich auf jenen ungewissen Weg, den Jungen seiner Art zu beschreiten hatten. Wie ein Blinder tastete er sich, nachdem er in Hemd und Hosen gestiegen war, Schritt fĂŒr Schritt durch die undurchdringliche SchwĂ€rze des Saales, fĂŒhlte nach der kalten Klinke der TĂŒre und trat mit einer GĂ€nsehaut auf den von flimmernden Neonlampen beleuchteten Korridor hinaus. EigentĂŒmliches Schweigen fand der Junge auch an diesem Ort. Wo noch vor Stunden das jauchzende Gekreische vor Jungen mit nackten Oberkörpern fliehender MĂ€dchen den sich weitlĂ€ufig erstreckenden Korridor erfĂŒllt hatten, weilte nun die Lautlosigkeit mit der Kraft eines allmĂ€chtigen Gottes, die niemand zu durchbrechen in der Lage schien; und nur noch ein lĂ€cherlicher Wasserspritzer, den der Junge mit dem muskulösen Körperbau aus seiner Wasserpistole abgeschossen und versehentlich die Tapete anstelle des MĂ€dchens mit den langen Beinen getroffen hatte, erinnerte an die quirligen GemĂŒter, die sich hier einmal getummelt hatten.

Das Schweigen war wie Grabesstille und der Junge verspĂŒrte keine Lust, zu sterben.

***

Er löste die letzte Fessel, die massive, aus Eichen gefertigte EingangstĂŒre, blickte von plötzlich zurĂŒckgekehrter UnschlĂŒssigkeit noch einmal in die verschwindende Dunkelheit des Hauses und trat dann, freilich von Bangigkeit erfĂŒllt, aber seiner Absicht ĂŒberzeugt, in die Tiefe der Nacht hinaus. Heulende Windmassen tĂ€nzelten um seine erbĂ€rmliche Gestalt und versuchten ihn zu erfassen. Seine zögerlichen, auf den schattenhaften Mann zusteuernden Tritte knirschten auf dem Untergrund, den Kieselsteine bildeten. In weniger Entfernung blieb der Junge vor dem Mann stehen, ohne es indessen zu wagen, ihm direkt in sein Antlitz zu blicken. Der Mann verharrte regungslos, ohne dem Jungen Beachtung zu schenken, bis ihn ein undurchsichtiger Blitz durchzuckte, der den Jungen innerlich erschreckte und den er gegen aussen nur schlecht zu kaschieren wusste; dann setzte sich der Mann schweigend in Bewegung; durch die Kornfelder des Bauern mit dem bösen Hund geradewegs auf den Waldrand zu, von wo aus er gekommen war.

***

Im blassen Mondschein verschwamm das Lagerhaus mit seinen schlafenden Seelen allmĂ€hlich hinter trĂ€gen Nebelschleiern, und der Junge blieb fortwĂ€hrend ein knappes, aber sicheres StĂŒck hinter dem voranschreitenden Mann zurĂŒck. Beide schwiegen sie, und nur der rasselnde Atem des Jungen und das Knacken der unter der Last der beiden Körper zerbrechenden Astzweige erfĂŒllte die Luft mit seltenen GerĂ€uschen. Tief in den Gefilden des Waldes, als des Jungen KrĂ€fte sich dem Ende neigten, kam der Mann endlich zum Stehen, hielt kurz inne und machte sich dann schweigend daran Holzmaterial zu sammeln, um ein Feuer zu entfachen. Der Junge half ihm trotz seiner Erschöpfung. Als der Keim des Feuers gelegt war, liess sich der Mann auf den feuchten, mit erstem Herbstlaub bedeckten Boden nieder und sah mit einem Blick, der einerseits trĂ€umerisch, andererseits aber auch tief melancholisch erschien, in das Gewirr der zĂŒngelnden Flammenreigen. Der Junge, von Ratlosigkeit erfĂŒllt, tat dem Manne gleich und harrte dem Folgenden. Als er es von unwiderstehlicher Neugierde ergriffen wagte, von den sich wie Schlangen aufbĂ€umenden FlammensĂ€ulen aufzusehen und dem Mann in sein Antlitz zu blicken, brach der Mann das Schweigen.

„Weisst du, wer ich bin?“, fragte er den Jungen.

Die Stille des Waldes zerriss wie auf Steinboden in Tausend winzige StĂŒcke splitterndes Porzellan. Es verging eine Weile, ehe der Junge dem Mann erwiderte.

„Ja. Du bist der Mann des Schweigens. Und du bist gekommen, um mich mit dir zu nehmen. In jenes Land, wo es nur Schweigen gibt. In das Land der Schweigenden.“

Der Mann erhob sich und verschwand stumm im angrenzenden GestrĂŒpp. Erst nach einer Weile kehrte er zurĂŒck, kniete sich nieder und warf gesammelte HolzspĂ€ne ins Feuer, um die hungrigen Flammenkinder zu nĂ€hren.

„Und, wirst du mit mir kommen?“, fragte der Mann den Jungen.

Gierig machten sich die Flammen ĂŒber das frisch hinzugekommene Material her. Auf der Stirne des Jungen hatten sich Falten breitgemacht, die von der Weisheit eines Greisen zeugten. Der Junge rĂ€usperte sich, und diesmal kam ihm die Rolle zuteil, die unheimliche Ruhe des Waldes zu durchbrechen.

„Habe ich denn eine Wahl?“, fragte der Junge den Mann und sich selbst, wĂŒhlte im Laubboden und bekam ein spitzes HolzstĂŒck zu fassen.

„Was habe ich in einer Welt zu suchen, in der alle Menschen sprechen und ich nur schweigen kann?“

Der Junge schwieg wieder. Er sammelte seine Gedanken und siebte den ĂŒberflutenden Strom an GedankengĂ€ngen. Nachdem er die richtige Wortwahl gefunden hatte, fuhr er fort:

„Wie soll ich dem Jungen mit dem muskulösen Oberkörper bedeuten, dass seine Muskeln ihn nicht zu einem besseren Menschen machen? Wie soll ich dem MĂ€dchen mit den langen Beinen erklĂ€ren, dass das Innere eines Menschen mehr zĂ€hlt als das Äussere? Mit welchen Mitteln soll es mir gelingen, dem MĂ€dchen mit dem falschen LĂ€cheln zu erklĂ€ren, dass das Verleumden von Kameraden hinter deren RĂŒcken zwar kurzfristig Freunde schafft, am Ende jedoch viel UnglĂŒck bringt?“

Der Junge wollte nicht weinen. Und er wollte sich auch nicht in einen unsinnigen Wutanfall hineinsteigern. Deshalb schluckte er das viele TrÀnenwasser und den mÀchtigen Frust der Jahre in einem ehrenhaften Zug hinunter.

„Und wie um alles in der Welt soll ich dem sĂŒssen MĂ€dchen mit der Brille erklĂ€ren, dass ich mich in sie verliebt habe?“

Der Junge ersuchte den Mann mit verzweifelter Miene nach Antworten, und ein ergreifendes Stöhnen, das seinen Schwermut zum Ausdruck brachte, entwich seinem erschöpften Körper.

„TĂ€glich begegne ich kleinen Ungerechtigkeiten und Bosheiten, die ich schweigend erdulden muss. Gemeinheiten ziehen ungesĂŒhnt vorbei, und je lĂ€nger je weniger ertrage ich sie. Die Zeit zu gehen ist gekommen. Ich bin bereit.“

Gespanntes Schweigen kehrte ein, nur leise knisterndes Holz vernahm der Junge. Der Mann rÀusperte sich.

„Du gibst dich zu voreilig, zu ungestĂŒm, mein Junge. Der wahre Grund, warum du dich ganze NĂ€chte lang schlaflos im Bette wĂ€lzt, ist ein anderer. Er ist es, weshalb ich aus den WĂ€ldern gekommen bin. Stell sie mir, jene Frage, die dich seit dem Tag, an dem du zu schweigen begonnen hast, nicht ruhen lĂ€sst.“

Und der Junge kam der Aufforderung des Mannes nach. Danach fĂŒhlte er sich wie eine eingegangene Blume, deren ehemalige BlĂŒte ihr verlorengegangen war. Der Mann hĂŒllte sich lange Zeit in Schweigen, die der Junge als Unendlichkeit erlebte. Dann endlich bewegten sich die Lippen des Mannes und er sagte:

„WĂ€rst du bereit, fĂŒr die Antwort dein Leben zu lassen?“

***

Bei Tagesanbruch kehrte der Junge aus dem Wald zum Mietshaus zurĂŒck. Goldene Sonnenstrahlen wĂ€rmten des Jungen entkrĂ€fteten Leib, und als er in der Ferne das Gekreische des MĂ€dchens mit den langen Beinen hörte, huschte ein Grinsen ĂŒber sein Gesicht. Der Junge trat durch die EichentĂŒre in das Mietshaus, ging in die KĂŒche und blieb bis zu seinem Lebensende ein schweigsamer Mensch. SpĂ€ter verglichen ihn die Menschen oft mit einer Schildkröte, weil er obschon seiner Schweigsamkeit den Eindruck vermittelte, ein tiefes Geheimnis ĂŒber die Menschen in sich zu tragen. Und jedes Mal, wenn der Junge diesen Vergleich zu hören bekam, huschte ein Grinsen ĂŒber sein Gesicht.



BASEL, IM MAI 2001


__________________
George MĂŒller

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hero-freak
Guest
Registriert: Not Yet

bewertung

ich glaube, ich bin der erste, der das zu ende gelesen hat, es hat echt einige gute ansĂ€tze, es ist zu lang, inkonsiquent in schreibstil (satzlĂ€nge, satzstrucktur, aufbau, wortwahl ...) ... das ganze soll dich nicht venichten sondern ermunterung zur verĂ€nderung sein, denn die metapher ist sehr gut, aber der mann des schweigens sollte ausgefragt werden und nur kurze antworten geben, sonst verliert die geschichte an glaubwĂŒrdigkeit ...

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flammarion
Foren-Redakteur
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Registriert: Jan 2001

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sehr

tief beeindruckt vergebe ich fĂŒr dieses - allerdings ein klein wenig zu lang geratene werk - 10 punkte. es stimmt, die meisten schweigen lieber bis an ihr lebensende, anstatt eine unbequeme wahrheit zu erfahren oder offen auszusprechen. und jene, die die wahrheit sagen, werden schnell als lĂŒgner hingestellt. deine geschichte regt sehr zum nachdenken an. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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gladiator
Manchmal gelesener Autor
Registriert: May 2001

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Profil
Schweigen...

Mir gefĂ€llt die Geschichte an sich sehr gut. Ich finde sie auch ĂŒberhaupt nicht zu lang, sondern grade richtig. Allerdings habe ich mit der Sprache einige Probleme. Der exzessive Gebrauch des Partizip PrĂ€sens wirkt schnell gestelzt, zumal du ja hier aus der Sicht eines Jungen schreibst, da wĂ€re eine griffigere, eher junge Sprache angebrachter.

Andere Formulierungen fand ich wiederum etwas unglĂŒcklich.

Bsp.:

1. Ein lauer, periodisch auftretender Windstoss von spĂ€t sommerlichem Charakter - Ein Windstoß kann meiner Meinung nach nicht lau sein und periodisch auftreten. Er stĂ¶ĂŸt und fertig.

2. Nur wenige Gliedmassen der Gestalt des schweigenden Mannes traten aus der SchwĂ€rze der Finsternis hervor - Wenn, dann "einige", aber ich wĂŒrde es ganz umformulieren, vielleicht "Arme und Beine" oder was anderes.

3. In weniger Entfernung blieb der Junge vor dem Mann stehen, ohne es indessen zu wagen - in "einiger" oder "geringer", aber nicht "weniger".

Es gÀbe noch mehr, aber vielleicht fÀllt es Dir beim neuerlichen Durchlesen ja von selbst auf.

Das ganze Motiv und die Handlung erinnert mich stark an Roland, den Revolvermann aus Stephen Kings Geschichte um den "Dunklen Turm"...

Gruß
Gladiator
__________________
Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

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