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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Der Mann mit dem Koffer
Eingestellt am 19. 12. 2001 21:08


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Causemann
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Registriert: Dec 2001

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Der Mann mit dem Koffer kam durch die Tür. Es bimmelte. Stephen sprang erschrocken in die Luft. Als er wieder auf dem Boden aufgekommen war, holte er einmal tief Luft und nickte dem Mann freundlich zu. Der Mann mit dem Koffer, der auch der Mann mit dem Hut hätte heißen können, denn er trug einen, lüftete diesen kurz und ging zu dem Regal gleich rechts neben dem Eingang. Eigentlich gab es nur dieses eine Regal. Und die Auslage im Schaufenster.

„Einen schönen Koffer haben Sie da."
„Und Sie einen schönen Laden." sagte der Mann mit dem Koffer ohne sich vom Regal abzuwenden.
„Danke schön. Vielen Dank. Schauen Sie sich nur um. Bei S. Flemming und Partner bekommen Sie nicht alles, aber genau das, was Sie suchen."

Stephen grinste in die Richtung des Mannes und hüpfte verlegen von einem Bein auf das andere. Dann nahm er den Bleistift, der hinter seinem Ohr klemmte und schrieb mit kurzen, zuckenden Bewegungen auf die Rückseite eines alten Kassenbons das Wort „Koffer". Er klemmte den Bleistift wieder hinters Ohr und schaute einen Moment konzentriert an die Decke, als rechnete er etwas nach. Dann steckte er den Kassenbon in seine Hosentasche und sah wieder auf den Rücken des Mannes.

„Das „S" bedeutet übrigens Stephen."
„Das „S"?"
„S. Flemming und Partner - das „S" steht für Stephen."
„So?"

Der Mann hatte inzwischen den Koffer neben sich abgestellt, nahm nun eine Spieldose vom Regal herunter und betrachtete sie von allen Seiten.

„Machen Sie sie nur auf."
„Nein."
„Sie spielt Jingle Bells. Wollen Sie es sich anhören?"
„Nein danke."

Der Mann stellte die Dose wieder an seinen Platz und nahm seinen Koffer. Er schaute noch einmal ĂĽber das Regal, dann wandte er sich zur TĂĽr.

„Oh, wollen Sie schon gehen?"
Der Mann mit dem Koffer blieb stehen.
„Sie wollen doch noch nicht gehen. Wir haben noch mehr Spieldosen. Mit anderen Liedern."
„Sind Sie Stephen?"
„Oh, ja, ich bin Stephen, Stephen Flemming. Bei uns bekommen Sie nicht alles, aber genau ..."
„Bei uns? Wo sind denn Ihre Partner, Stephen?"

Stephen drehte sich einmal um die eigene Achse. Weil er nicht wusste, wo er hinschauen sollte, blickte er wieder an die Decke.
„Naja, es gibt keine Partner. Eigentlich bin ich ganz alleine. Aber Sie verstehen, Partner, das ... das hört sich einfach größer an."
„Verstehe."
„Wirklich?"
„Aber ja."

Stephen versuchte eine besonders ernste Miene aufzusetzen. Er nahm den Bleistift in die Hand und tippte damit gegen sein Kinn.
„Was suchen Sie denn? Ein kleines aber feines Geschenk vielleicht - für einen Freund oder eine Freundin?"

Der Mann mit dem Koffer sah Stephen eine Weile forschend an.
„Haben Sie Schlösser?"
„Schlösser? Was für eine Art von Schlössern?"
„Robuste Schlösser. Schlösser, die man auf keinen Fall aufbekommt. Solche Schlösser."
„Oh, warten Sie, wir haben Schlösser ... ich meine, ICH habe Schlösser. Sehr gute Schlösser, die besten. Ein Freund besorgt sie mir aus Tunesien. Die bekommen Sie sonst nirgends."
„Tunesische Schlösser?"
„Oh ja, echte tunesische Schlösser."

Stephen beugte sich hinter den Tresen. Nach einigem Rumpeln, Klirren und sogar Quietschen kam er wieder zum Vorschein - in jeder Hand ein groĂźes goldenes Schloss.
„Die beiden letzten, die ich noch habe."

Der Mann nahm seinen Hut ab und legte ihn auf den Tresen. Stephen reichte ihm die Schlösser. Er nahm sie entgegen, betrachtete sie eingehend, wiegte sie, mal in der einen, mal in der anderen Hand, und zog an ihnen, so feste es ging.
„Wirklich ausgezeichnete Schlösser."
„Danke."

Stephen beobachtete, wie der Mann den riesigen goldenen Schlüssel an ihnen ausprobierte. Dabei trommelte er mit dem Bleistift gegen seine Schläfe.
„Darf ich fragen, wofür Sie sie brauchen?"
„Die Schlösser?"
Der Mann ĂĽberlegte einen Moment.
„Für meinen Koffer."

Stephen beugte sich ruckartig nach vorne, um noch einmal einen Blick auf den Koffer zu werfen.
„Was ist denn in dem Koffer? Nur wenn Sie es erzählen wollen ... nur dann -natürlich."

Wieder ĂĽberlegte der Mann.
„Ich weiß es nicht."

Der Bleistift plumpste auf den Tresen und rollte von da auf den Boden.
„Hoppla ... Entschuldigung. Sie wissen nicht ... ich meine, Sie wissen nicht, was in dem Koffer ist?"
„Nein."
„Ist es nicht Ihr Koffer?"
„Doch, natürlich."

Stephen versuchte angestrengt nachzudenken.
„Ich habe ihn noch nie geöffnet," sagte der Mann, „deshalb weiß ich nicht, was drin ist."
„Warum ..."
„Hören Sie, ich nehme Ihre Schlösser."
„Oh ... ja, bitte, danke ... Das macht ..."
Stephen tippte ein paar Zahlen in die Registrierkasse, die sich daraufhin öffnete und Pling machte.
„... 27 Dollar."

Der Mann reichte ihm das Geld und steckte die Schlösser in seine Manteltasche. Dann nahm er Hut und Koffer und ging zur Tür. An der Tür blieb er stehen und drehte sich noch einmal um. „Der Koffer gehörte meiner Frau. Sie starb vor 3 Jahren."

Der Mann mit dem Koffer öffnete die Tür und ging hinaus. Die Türglocke bimmelte.

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