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Leselupe.de > Humor und Satire
Der Mann mit der Perücke trinkt jetzt woanders
Eingestellt am 09. 10. 2002 11:51


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Leovinus
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Letzten Mittwoch wurde Perücken-Erich zum ersten Mal in »Manfred’s Bier Pub«, der Kneipe mit Wendeltreppe, gesichtet. Solange er hier lebte, hatte Erich immer im Billard-Eck von Reimund getrunken. Das war logisch, denn vor fünfundzwanzig Jahren, als Erich in die Straße zog, gab es »Manfred’s Bier Pub« noch gar nicht. Etwa fünf Jahre später erst hatte Schnippel-Volker sein Friseur-Geschäft eröffnet und der CD-Laden, dessen Inhaber Platten-Dieter im Rollstuhl saß, feierte demnächst Siebenjähriges. Manfred war der Letzte im Bunde gewesen. Im Grunde fand es jeder im Kiez eine Frechheit, dass er hier eine Kneipe eröffnete, wo es doch schon das Billard-Eck gab.

Über die Geschichte von Erichs Perücke gab es viele Gerüchte. Es hieß, er hätte seine Haare verloren, als er von dem schrecklichen Unfall hörte, in dessen Ergebnis Platten-Dieter im Rollstuhl gelandet war. Andere meinten, Schnippel-Volker hätte ihn versehentlich mit einer Spezial-Tinktur behandelt. Erich selbst schwieg sich zu diesem Thema aus. Fragte man ihn, murmelte er etwas von Straßenmusikern, die verboten gehörten. Aber das tat er sowieso öfter.

Denn Erich konnte Straßenmusiker nicht leiden. Auf dem Bahnhof intonierte ein bärtiger Flötist jedes Mal, wenn Erich vorüber kam, »An der Schönen Blauen Donau«. Erich rechnete in stillen Stunden, wie weit sich die Querflöte wohl in den Hals des Bärtigen schieben ließe.

Vor zwei Monaten musste jedoch etwas Eigenartiges geschehen sein. Erich war agressiver, aber auch schweigsamer geworden. Manchmal fasste er unter seine Perücke, um danach wütend mit dem Bierglas auf den Tisch zu schlagen. Nur Schnippel-Volker schien Genaueres zu wissen. Doch der hüllte sich, ganz Friseur, in Schweigen.

»Ich sag nur, aber sagen Sie es nicht weiter«, begann er, wenn er seinen Kunden davon berichtete. »Ich sag nur Zither. – Noch ein bisschen Kopfmassage? Nein, muss ja nicht, wenn Sie nicht wollen. – Ich hatte Erich gerade die Haare gewaschen. Doch-doch, natürlich hat Erich Haare, nicht viele, aber ein paar sind da. Hat er auch noch nicht lange. War selber überrascht, als er vor acht Wochen zu mir kam und sagte: ›Volker‹, hat er gesagt, ›Volker, ich brauch wieder eine Frisur.‹ – Noch kürzer hinten? Gut, wenn’s gewünscht wird. – Also ich frage den Erich, ob er eine Perücke meint, wie immer. Bin schließlich seit zwanzig Jahren sein Haus- und Hof-Lieferant, was Perücken angeht. Erich antwortet jedenfalls: ›Nein, Volker, ich mein‘ eine echte Frisur.‹ Und dann lüftet der seine Perücke, wo so ein leichter Haarflaum drunter ist. Wie ein Schnurrbart von ’nem Siebtklässler. – Die Koteletten so lassen oder etwas schräg? Schräg. Machen wir, Meister. – Na ja, ich hab dem Erich die Haare gewaschen und plötzlich kommt ein Typ mit einer Zither rein. So ein Straßenmusiker. – Dann schauen Sie mal. Alles recht so? Zu schräg, die Koteletten? Hm, tut mir Leid, aber... – Und fängt an zu spielen. Erichs Hände krampfen sich in der Armlehne fest, er läuft rot an, und ich wundere mich, dass ich ein Haarbüschel in der Hand halte. Daraufhin flucht Erich mörderisch und stürzt mitsamt Umhang aus dem Laden. Unterwegs haut er dem Zither-Spieler noch eins auf die Nase. – Macht achtzehn-achtzig, der Herr. Darf ich Ihnen in die Jacke helfen? – Der Musiker blutet und kann natürlich nicht weiter spielen. – Teurer geworden? Na ja, ich mach die Preise nicht, wissen Sie. – Erich hat den Laden seitdem nicht betreten. – Sie haben ja keine Ahnung, was ich hier an Miete zahle. – Würde mich schon interessieren, was mit seinen Haaren ist. – Das lohnt sich doch alles gar nicht. – Dem Musiker hab ich kalte Umschläge gemacht, dann ist er wieder abgezogen. – Oh, 20 Cent Trinkgeld! Das ist ja großzügig. – Besonders gut spielen konnte er wirklich nicht. Aber deshalb gleich schlagen? Ich bin ja gegen Gewalt. Prinzipiell. Es sei denn, einer hat ’ne schlechte Frisur, hahaha. – Ja, dann schönen Tag noch, bis demnächst! ... Oller meckernder Geizkragen.«

Mehr war aus Schnippel-Volker nicht herauszukriegen.

Am Dienstagvormittag saß Erich mutterseelenallein im Billard-Eck und glotzte auf die Lichter der Spielautomaten. Nur Reimund putzte hinter der Bar Gläser, schaute auf die Uhr und fluchte leise.

Erich hatte sein Bier vor sich und freute sich, dass er nichts zu tun hatte. Erich hatte gerne nichts zu tun. Seine Lieblingstätigkeit war Herumsitzen und warten, dass die Zeit vergeht. Das Glas war halb leer, da kam Reimund zu ihm.

»Hör mal, Erich, du sitzt doch hier eh bloß rum. Ich muss mal zum Finanzamt. Kannst du nicht für eine Stunde auf den Laden aufpassen? Kriegst dein Bier heute auch umsonst.«

Erich tat, als denke er darüber nach und meinte: »Okay.«

Reimund gab ihm Schlüssel und Handynummer für den Notfall und verließ die Kneipe.

Erich saß da.

Als sein Glas leer war, ging er hinter den Tresen und hielt es unter den Zapfhahn.

Schnippel-Volker erschein auf der Türschwelle. »Hallo, Erich. Machst du heute den Chef? Wo ist denn Reimund?«

»Finanzamt.« Dann schwieg Erich wieder. Schnippel-Volker versuchte erfolglos am Spielautomaten sein Glück.

Die Tür schwang erneut auf und Platten-Dieter rollte herein. »Taaaaag, Männer. Was denn? Freibier für alle?«

Der Friseur übernahm die Erklärung. »Ach was, der Erich passt für den Reimund auf die Schnäpse auf. Schade eigentlich. Wollt ihn gerade zu mir einladen. Ist ’ne neue Perückenkollektion eingetroffen. Im Moment ist mein Laden leer.« Er wandte sich an Erich: »Da könnt ich dir ’n günstiges Angebot unterbreiten. Oder brauchste keine Perücke mehr?«

Erich brummte: »Ist ja alles hin und weg seit letztens.« Seine Faust segelte auf den Tresen. »Wenn Platten-Dieter für ‘nen Moment aufpasst, komm ich mit rüber.«

Platten-Dieter war einverstanden. Nachdem Schnippel-Volker und Erich das Billard-Eck verlassen hatten, rollte er hinter die Theke und trank das Bier, das Erich sich gezapft hatte.

An der Tür rumpelte etwas. Olaf kam herein.

Olaf war zweiunddreißig Jahre alt und arbeitslos. Er hatte vor vier Jahren bei einer Kaffeefahrt den Hauptgewinn der Reisetombola erobert: Eine echte Harfe plus Probestunde. Die Veranstalter hatten nicht damit gerechnet, dass jemand die Harfe wirklich abholen würde, aber Olaf war ein Typ, der sich nichts entgehen ließ. Er fuhr zweihundertfünfundsiebzig Kilometer mit dem Zug, um das Instrument bei einem greisen Instrumentenbauer abzuholen, der ihm auch die Probestunde erteilte.

Während der Heimfahrt teilte Olaf das Zugabteil mit sieben schwerhörigen Franziskaner-Mönchen, die in einer Fernsehshow gerade zweitausend Euro gewonnen hatten. Ihnen spielte er seine Improvisationen vor und erntete außer Applaus ganze 250 Euro. Seitdem zog er mit der Harfe durch die Stadt.

Als er sich durch die Tür des Billard-Eck gequält hatte, lehnte er das Instrument an die Wand und fragte Platten-Dieter: »Was dagegen, wenn ich hier spiele?«

Platten-Dieter rollte hinter dem Tresen hervor, schaute sich um und meinte: »Wenn’s dich nicht stört, dass keiner zuhört.«

»Bin zwar schon ziemlich gut, aber üben hat noch nie geschadet. Vielleicht kommt ja noch einer. Muss nur noch schnell mein Fahrrad anschließen.« Er verließ die Kneipe wieder.

Platten-Dieters Handy klingelte. Er hatte sich gerade den Hörer ans Ohr gedrückt, als Erich von seinem Besuch bei Schnippel-Volker zurückkehrte. Er zog eine saure Miene, denn der Friseur hatte die Kataloge verbummelt. Platten-Dieter rollte vor die Tür, denn seine Internet-Liebste war am Telefon. Da musste nicht jeder zuhören. Er nickte Erich kurz zu und machte ein Zeichen, das er gleich wieder da sei.

Erich nahm ein Glas aus dem Regal und begann mit dem Zapfen eines neuen Bieres. Dann sah er die Harfe. Er konnte sich nur kurz darüber wundern, denn jetzt betrat Olaf das Billard-Eck. Erich entfuhr ein leises »Nein«, da begann Olaf auch schon zu spielen. Erich ließ sein Bierglas fallen und presste die Hände gegen die Ohren. Was nun folgte, war das Schlimmste, was das Billard-Eck je erlebt hatte. Olafs Harfenmusik klang wie Zwölfton-Freejazz.

Erich versuchte, tapfer zu sein, denn Reimund hatte ihm die Verantwortung für die Kneipe übertragen. Außerdem hätte er bei dem Versuch mit dem Harfenspieler zu reden, seine Ohren frei machen müssen. Zitternd starrte er Olaf an, doch je mehr er sich die Ohren zuhielt, um so mehr kribbelte seine Kopfhaut.

Dann begann Olaf zu singen. Seine Lieder schienen für Sopran geschrieben worden, während Olafs Stimme eine Art gebrochener Bariton war. Erichs Schläfen sahen aus wie Vulkane vor der Eruption.

Platten-Dieter hatte sein kurzes, fern-erotische Abenteuer versprechendes Telefonat beendet und erschien wieder im Billard-Eck. Dort wagte Olaf sich an Tonkonstellationen, die der CD-Verkäufer nie für möglich gehalten hätte. Als er erkannte, dass es sich um »Bridge over troubled Water« und »Sound of Silence« und andere alte Simon-&-Garfunkel-Hits handelte, spürte auch er ein leichtes Kribbeln unter der Kopfhaut. Er schaute zu Erich hinüber, der zu einer knallroten Skulptur erstarrt war.

Von alledem bemerkte Olaf nichts. Er war in seinem Element. »Und jetzt«, meinte er schließlich stolz, »meine erste eigene Komposition.«

Er kam über die ersten vier Takte nicht hinaus. Erich verlor die Beherrschung und schrie aus Leibeskräften: »Aufhören, du Höllenklimperer! Ich jage dich aus der Stadt!« Erich flog auf Olaf zu, der Deckung hinter seiner Harfe suchte, was ihm allerdings nicht viel nutzte. Erich fasste durch die Saiten und griff ihm an die Kehle.

Jetzt spazierte Schnippel-Volker mit den gefundenen Perückenkatalogen in den Laden, überblickte blitzschnell die Situation und versuchte sofort, Erich aus der Harfe zu ziehen. Mit Gedröhn fiel das Instrument um. Inmitten gerissener Saiten keuchte Erich, der noch immer Olaf würgte: »Ich mach dich alle! Achtundzwanzig Jahre Glatze! Jetzt musst du zahlen!«

Endlich gelang es Schnippel-Volker, Erich fort zu zerren. Olaf rappelte sich auf und versuchte, seinerseits auf Erich loszugehen. Er stolperte aber über sein Instrument, fiel auf den Kopf und blieb regungslos am Boden liegen.

In diesem Moment kam Reimund vom Finanzamt zurück.

Platten-Dieter schilderte kurz, was geschehen war. Olaf lag weiter auf der Erde. Erich suchte sich aus Schnippel-Volkers Klammergriff zu befreien. Doch der hielt ihn fest und wunderte sich: »Das ist doch ein harmloser Straßenmusiker!«

Erich aber hechelte: »Harmlos! Ha! Vor achtundzwanzig Jahren war ich Musiklehrer. Ich war beliebt und wollte hoch hinaus! Da begegnete mir in der Straßenbahn ein durchgeknallter Posaunist. Er packte sein Instrument aus und begann, Variationen auf Rolling-Stones-Songs spielen. Oh, diese grausamen Töne! Es gelang mir zwar rechtzeitig, mein empfindliches Gehör zu schützen, doch die Klänge erhitzten meine Kopfhaut und mir fielen die Haare aus. Meine Schüler verspotteten mich, die Kollegen tuschelten. Ich war nie wieder derselbe. Achtundzwanzig Jahre Glatze! Achtundzwanzig Jahre voller Demütigungen! Als meine Haare dann vor zwei Monaten – welch Wunder! – doch noch einmal sprossen, kreuzt wieder so ein Violinschlüssel-Bastard, so ein Notenvergewaltiger, auf und macht mir die letzte Hoffnung zunichte! Und den da bringe ich jetzt um!«

Erich zappelte wieder, doch Schnippel-Volkers Griff war erstaunlich stark. Aus der Harfe erklang ein Ton, noch scheußlicher als das, was Olaf gespielt hatte. Der Musiker rappelte sich mit blutender Stirn auf. Olaf hatte seine Sinne überraschend schnell wieder beieinander. Er stürzte sich sofort auf Erich und versuchte, seine Fäuste in dessen Bauch zu rammen. Doch mit Erich im Griff drehte Schnippel-Volker sich blitzschnell auf die Seite, sodass der Schlag ins Leere ging. Erich spürte, dass sich sowohl der Griff des Friseurs als auch die Perücke lockerte. Er riss sich los, verlor das Haarteil und prügelte auf Olaf ein.

Sofort gingen Schnippel-Volker und Reimund dazwischen und im Nu brach eine wilde Schlägerei im Billard-Eck aus, in deren Verlauf die Perücke verwüstet wurde, mehrere Stühle und zwei Tische zersplitterten und diverse Biergläser zu Bruch gingen. Der Tresen behielt eine riesige Schramme von einem umstürzenden Barhocker zurück. Dieters Rollstuhl trug eine Acht im linken Hinterrad davon, als er im Kampfgetümmel einen Spielautomaten rammte. Am Ende warf Reimund Erich und den Harfenisten aus seiner Kneipe.

So kam es, dass Erich, der Mann mit der Perücke, nun woanders trinkt.

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Dieser Text erschien in meinem kostenlosen Literaturpapier »Blaupause«. Wer dieses alle zwei Monate geschenkt haben möchte, kann es gern auf Hier klicken abonnieren.

- Leovinus -

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flammarion
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hm,

deine liebe zum detail ist bewundernswert. amüsante geschichte. ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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