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Leselupe.de > Science Fiction
Der Minute-Mann
Eingestellt am 02. 07. 2006 19:33


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Fugalee Page
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Ein Ereignis, das seit dem Tage unserer Geburt auf uns zusteuert, das wir nicht verhindern, und dem wir auch nicht entrinnen können. Wir Menschen sprechen in so einem Fall gerne von – Schicksal.


Ich erinnere mich noch genau, als ich meine seltsame Gabe das erste Mal entdeckte. FĂŒr einen schĂŒchternen Jungen wie mich konnte es nichts Schlimmeres geben, als vor versammelter Mannschaft ein Referat zu halten. Freies Sprechen vor der Klasse kam fĂŒr mich einer globalen Katastrophe gleich. Besonders erschwert wurde dies durch den Umstand, dass Melanie in der ersten Reihe saß. Die Klassensprecherin war spindeldĂŒrr und groß, doch damals fĂŒr mich das schönste MĂ€dchen der Welt gewesen. Allerdings hĂ€tte ich es nie gewagt, ihr meine Zuneigung zu gestehen. Schon gar nicht, da sie mit Torsten zusammen war, und Torsten war bestimmt einen Kopf grĂ¶ĂŸer als ich.
Ich hatte mich immer wieder erfolgreich vor der anstehenden Aufgabe gedrĂŒckt, und erst die anderen MitschĂŒler ihren Vortrag halten lassen. Doch am Schluß, lag es dann an mir, da ich der letzte noch fehlende Referent war.
Nie vergesse ich den Moment, als ich verloren vor der Klasse stand. Das Blut schoss mir in den Kopf, rauschte in den Ohren, pochte in den SchlĂ€fen. Meine HĂ€nde, eiskalt und feucht, und eine unsichtbare Kraft schnĂŒrte mir die Kehle zu. Ich wollte etwas sagen, doch statt meiner Stimme klang nur ein Ă€chzender Laut aus mir heraus. Ich suchte nach Worten, dem passenden Einstieg. Doch so sehr ich mich mĂŒhte, desto schlimmer wurde mein Zustand. Meine Gedanken, ein einziges Chaos. Teile des Referats huschten schemenhaft an mir vorbei. So stand ich da und in jeder Sekunde die verging, kam ich dem Abgrund der Blamage ein kleines StĂŒck nĂ€her.
Da sah ich, wie „meine“ Melanie leise zu kichern anfing und mir war, als mĂŒsste ich vor Scham im tiefsten Erdloch versinken. Als nĂ€chstes ging ein Raunen durch die Klasse und einzelne SchĂŒler begannen miteinander zu tuscheln. Kein gutes Zeichen, ging es mir durch den Kopf. Die Lehrerin blickte mich mitleidig an und versuchte mich mit einem aufmunternden Kopfnicken in meinem Vorhaben zu bestĂ€rken, die richtigen Worte, den Einstig zu finden.
So nahm ich denn meinen letzten Mut zusammen und fing an zu reden.
Reden? LĂ€cherlich! Ich stotterte dermaßen, verhaspelte mich, gab solchen Unsinn von mir, dass weder Text noch Sinn zu erkennen war.
Nur einen Moment spĂ€ter brĂŒllte die Klasse laut los vor lachen. Ich blickte in die verzerrten Fratzen, die mich anstierten. Ich sah den verhaßten Torsten, der mit dem Finger auf mich zeigte und mich verhöhnte, und als auch noch Melanie die Hand vor den Mund hielt und laut losprustete, da war es dann geschehen.

Ich hatte fĂŒr einen Moment die Augen geschlossen, und als ich sie wieder öffnete, war Ruhe eingekehrt. Es bot sich mir eine unglaubliche Szene, die mein Leben fĂŒr immer verĂ€ndern sollte. Die ganze Klasse schien wie eingefroren. Kein Laut, keine Bewegung, völlige Regungslosigkeit. Melanie hielt immer noch die Hand vor den Mund und hatte das Gesicht zu einem Grinsen verzogen. Peter, der Klassenclown, zog eine fiese Grimasse und streckte mir die Zunge heraus. Michael hatte einen Papierflieger auf die Reise zu David geschickt. Doch auch dieser Flieger stand wie festgetackert in der Luft und rĂŒhrte sich nicht. Und selbst die Lehrerin war in ihrer Bewegung verharrt. Wie man an ihrer Gestik und Mimik erkennen konnte, wollte sie die Klasse zur Ordnung rufen.
Mit vor Erstaunen weit geöffneten Mund blickte ich in die Runde und fragte mich, was hier wohl geschehen war. Seltsamerweise empfand ich keine Angst, sondern war eher darĂŒber amĂŒsiert, dass Ruhe eingekehrt war. Diese verlieh mir auf kuriose Art und Weise eine Auszeit von meiner Blamage. Da kam mir plötzlich ein Gedanke. Ich drehte mich um und schaute hoch zur Uhr an der Wand. Der Sekundenzeiger bewegte sich nicht. Und wĂ€hrend ich mich wunderte und mir klarzumachen versuchte, dass aus irgendeinem Grund die Zeit stillstand, kam auch schon wieder Leben in die Klasse.
Die SchĂŒler brĂŒllten erneut los und ein bis dahin ruhender Papierflieger setzte zur Landung an. Die ĂŒberforderte Lehrerin war sichtlich um AutoritĂ€t bemĂŒht und schimpfte wie ein Rohrspatz.
Als endlich wieder Ruhe eingekehrt war, hielt ich zum Erstaunen aller ein tadelloses, fehlerfreies Referat. Ein nie fĂŒr möglich gehaltenes Selbstvertrauen war ĂŒber mich gekommen, da ich mir schließlich bewusst geworden war, dass ich es ausgelöst hatte, dieses ZeitphĂ€nomen. Und jemand, der die Zeit anhalten konnte, dieser Jemand war bestimmt ein ganz besonderer Junge, mit dem das Schicksal noch viel vorhatte. So ein Junge, der musste vor nichts Angst haben.

Durch mein gesteigertes Selbstvertrauen verĂ€nderte sich auch meine Persönlichkeit. In der folgenden Zeit wurde ich immer beliebter und konnte mich ĂŒber mangelnde Freundschaften nicht mehr beklagen. Ich begann meine Gabe genauer zu untersuchen und stellte fest, dass es mir möglich war, die Zeit genau fĂŒr eine Minute anzuhalten. Denn, wĂ€hrend alles um mich herum stillstand, tickerte meine Armbanduhr munter weiter. Doch selbstverstĂ€ndlich behielt ich mein kleines Geheimnis fĂŒr mich.
Die neue Gabe hatte viele positive Nebeneffekte. So verbesserte sich mein Notendurchschnitt wie durch Zauberhand, da nun das Abschreiben kein Thema mehr war. Allerdings war ich auch schlau genug, um nicht zu plötzlich zum MusterschĂŒler zu reifen. Ich durfte schließlich keinen Verdacht erregen.
Nach der Schule und den anstehenden Hausaufgaben trieb ich allerlei Schabernack mit den Bewohnern der anliegenden HĂ€user. WĂ€hrend die Zeit stillstand, schlich ich mich in deren Wohnungen und versteckte die unterschiedlichsten Sachen. Allerdings musste ich mich vorsehen, denn, wĂ€hrend eine Minute, in der man die Luft anhalten soll, einem verdammt lange vorkommt, erweist sich die gleiche Zeitspanne fĂŒr gewisse Streiche doch als recht knapp. Ich hatte natĂŒrlich auch schon versucht die Zeit fortwĂ€hrend anzuhalten. Doch stellte ich fest, dass von einem Zeitstop bis zum nĂ€chsten mindestens fĂŒnf Minuten vergehen mussten. Erst dann war es mir wieder möglich, die Gabe erneut einzusetzen. Doch störte mich dieser Umstand nicht besonders, denn es blieb noch genĂŒgend Zeit und Raum fĂŒr allerlei Blödsinn.

Erst spĂ€ter, als ich selbst einmal einen Gegenstand vermisste, von dem ich sicher war, ihn an einem bestimmten Ort abgelegt zu haben, dachte ich wieder an meine Kinderstreiche. Ich ĂŒberlegte, ob es vielleicht noch mehr Menschen gab, welche die Zeit anhalten konnten, und diese einem dann vermutlich Ă€hnliche Streiche spielten. Doch musste ich mir eingestehen, dass ich hiervon ja nichts mitbekĂ€me, da in diesem Fall die Zeit ja auch fĂŒr mich stillstĂŒnde.
Auch stellte sich mir die Frage, was fĂŒr Dimensionen meine Macht annehmen konnte. War es mir lediglich möglich, die Menschen in unmittelbarer NĂ€he zur Tatenlosigkeit zu verdammen, oder reichte meine Kraft gar viel weiter? Leider funktionierten in der Zeit des Stillstands auch keine GerĂ€te mehr. So konnte ich nirgendwo anrufen, um meinen Wirkungskreis zu testen. Auch Fernsehbilder lieferten keinen sinnvollen Aufschluss. Ich konnte ja nicht abschĂ€tzen, ob nur das ankommende Bild eingefroren war, oder die tatsĂ€chliche Szenerie vor Ort. Doch gelangte ich zu dem Schluss, dass mein Talent globale Auswirkungen haben musste. WĂ€re dem nicht so gewesen, hĂ€tte ja eine Zone des Übergangs existieren mĂŒssen. Irgendeine gedachte Linie, auf deren einen Seite die Zeit stillstand, wĂ€hrend auf der anderen die Dinge ihren Lauf nahmen. Und so ein kleines ZeitphĂ€nomen wĂ€re dann den Menschen nicht verborgen und der Weltpresse sicher eine Schlagzeile wert gewesen.
Doch konnte ein kleines Menschlein wirklich die Naturgesetze außer Kraft setzen? Und wie weit reichte meine Kraft nun eigentlich?
Ein Blick in den nĂ€chtlichen Sternenhimmel belehrte mich damals dann darĂŒber, dass wenigstens die Sterne recht gelassen auf meine Zeitstopps reagierten. Denn wĂ€hrend einer besonderen Minute, die irdisch einzig fĂŒr mich vergangen war, hatten die Sterne am Firmament Ă€ußerst lebendig gefunkelt.
Als ich damals zum Himmel aufgeschaut hatte, fragte ich mich, ob ich nicht auch von irgendwo dort oben herstammte. Schließlich hatten mich meine Eltern adoptiert. Von wem und wie hatten sie mir bis zu ihrem frĂŒhen Tode nie verraten.
Egal, irgendwann hatte ich dann beschlossen, die Fragen nach dem wieso und warum aufzugeben und gelernt, meine herausragende Position zu akzeptieren. Bald trat auch etwas viel Aufregenderes in mein Leben, das meine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Als das Interesse fĂŒr MĂ€dchen nicht mehr nur rein platonisch war, konnte mir meine Gabe auch hier wertvolle Dienste leisten. FĂŒr Doktorspiele und ausfĂŒhrliche gynĂ€kologische Untersuchungen waren 60 Sekunden natĂŒrlich zu kurz, doch um einen Blick unter den Rock einer Angebeteten zu werfen, und so das Geheimnis weiblicher Scham zu ergrĂŒnden, reichte die Zeit durchaus. Zwar hatte ich schon ein klein wenig ein schlechtes Gewissen bei der Sache, doch der Reiz war fĂŒr ein pubertierendes Pickelgesicht einfach zu groß. Allerdings, so viel sah man da nun auch wieder nicht, und mein Charakter, der damals noch als rechtschaffen bezeichnet werden konnte, verbot mir dann weiteres Vorgehen. SpĂ€ter, als der Sex lĂ€ngst Einzug in mein Leben gehalten hatte, kam es nur noch sporadisch zu intimen Entgleisungen. Ich erinnere mich an eine Situation in der FußgĂ€ngerzone. Ich hatte einer kĂŒhlen Blonden ein LĂ€cheln geschenkt und als Antwort nur einen dieser arroganten „Wie kannst du es bloß wagen, ein so tolles MĂ€dchen wie mich ĂŒberhaupt nur anzusehen“-Blicke erhalten.
Da hatte ich nicht widerstehen können. Ich hielt die Zeit an, zog ihr das Unterhöschen aus, was innerhalb einer Minute gar nicht so einfach war, und steckte es in ihr HandtĂ€schchen. Dann entfernte ich mich schnell. Gerade noch rechtzeitig, als auch schon wieder Leben in die Menschen kam. Aus einiger Entfernung konnte ich beobachten, wie die Blonde erst ein paar Schritte ging. Nun, mich wunderte das nicht. Wer kommt schon auf die Idee, dass einem mitten in der FußgĂ€ngerzone plötzlich das Höschen fehlt.
Dann plötzlich blieb sie stehen. Fasste sich mit einer Hand an den Rock und schrie los. Ein paar Passanten blickten zwar recht ratlos drein, doch wirklich stehen blieb niemand. Schließlich braucht der Mensch beim Einkaufen nicht noch zusĂ€tzlichen Stress.
Dann beobachtete ich, wie die Blonde zwischen zwei VerkaufshĂ€usern in einer kleinen Nische verschwand und dort einige Zeit blieb. Vermutlich wollte sie nachsehen, ob ihr die Sinne einen Streich gespielt hatten oder ob das Unwahrscheinliche wirklich eingetreten war. Ich ĂŒberlegte. Sie wĂŒrde schließlich der RealitĂ€t ins Auge sehen mĂŒssen, sich fragen, wie so etwas hatte geschehen können. Sie wĂŒrde vermutlich einen Griff in ihre Handtasche tun, weil Frauen, wenn sie nicht weiter wissen, immer einen Griff in ihre Handtasche tun, und dann 

Doch da war sie auch schon wieder aus dem Schatten zwischen den HĂ€usern hervorgekommen. In ihrem Blick war etwas, das ich bislang noch bei keinem Menschen gesehen hatte. Da verspĂŒrte ich fĂŒr einen Moment lang fast ein schlechtes Gewissen. Doch, mir ihre Arroganz in Erinnerung rufend, war dieses schnell wieder beruhigt.

Auch erinnere ich mich noch gut an mein erstes BewerbungsgesprĂ€ch. Mein Gott, war ich vielleicht so was von aufgeregt. Meine Eltern hatten mir fĂŒr diesen Anlass extra neue Klamotten gekauft und mich zum Frisör geschickt. So zurechtgetrimmt saß ich dann ziemlich kleinlaut diesem hochnĂ€sigen Personalchef gegenĂŒber. Er behandelte mich nicht nur von oben herab, sondern stellte mir auch lauter unsinnige Fragen ĂŒber Politik und Geschichte. Ich fĂŒhlte mich völlig ungerecht behandelt, da ich doch nur einen ruhigen Job haben wollte, mit dem ich meinen Lebensunterhalt bestreiten konnte. Schnell war mir klar, dass ich hier keine Chance hĂ€tte, einen Job zu bekommen. Es kam mir so vor, als machte sich der Kerl nur einen Spaß daraus, mich mit seinen dĂ€mlichen Fragen zu quĂ€len. So ĂŒberlegte ich angestrengt, wie ich mich fĂŒr diese Schikane bei ihm rĂ€chen konnte. Da kam mir plötzlich ein lustiger Gedanke. Ich hielt wieder einmal die Zeit an, knöpfte mir die neu gekaufte Hose auf und urinierte in seine Kaffeetasse. Nicht viel, nur ein klein wenig, um das Aroma zu verstĂ€rken.

Nie vergesse ich sein blödes Gesicht, als die Dinge wieder ihren Lauf nahmen. Nach einem Schluck des GetrĂ€nks verzog der arrogante Fatzke nur kurz das Gesicht. Er hatte natĂŒrlich keinen blassen Schimmer, was ihm soeben widerfahren war. Ich jedoch hatte die grĂ¶ĂŸte MĂŒhe, einen teilnahmslosen Eindruck zu machen und nicht in schallendes GelĂ€chter auszubrechen.
Als ich an diesem Tag nach Hause gekommen war, ging mir dann plötzlich ein Licht auf. Weshalb ich erst jetzt darauf kam, bestÀtigte mir, dass ich nicht zu den hellsten Köpfen zÀhlte. Meine Schummeleien in der Schule rÀchten sich nun spÀter im Leben.
Ich fragte mich, weshalb ich meine Gabe bisher noch gar nicht gewinnbringend eingesetzt hatte. Warum sollte ich mich das halbe Leben in ein langweiliges BĂŒro setzten, wenn sich die Sache auch angenehmer gestalten ließ?
Mein erster Besuch in Baden-Baden verlief dann auch sehr erfreulich, und nachdem ich mich mit den einzelnen Spielen vertraut gemacht hatte, sollte der große Coup folgen.
Ich bin wohl einer der wenigen Menschen, der von sich behaupten kann, dass Las Vegas ihn zu einem reichen Mann gemacht hat. Gekonnt platziere Roulettekugeln, ein gezielter Blick ins gegnerische Kartenspiel und andere ScharmĂŒtzel zĂ€hlten lĂ€ngst zu meinen SpezialitĂ€ten.

So hatte ich binnen kurzer Zeit ein stattliches SĂŒmmchen auf der Seite und genoss das Leben in vollen ZĂŒgen. Ich ließ keine Party aus und gönnte mir den Luxus eines unbeschwerten Lebens. Immer wenn ich dachte, dass mein Kontostand einen Nachschlag verkraften könnte, flog ich ins nĂ€chste Spielerparadies und beschenkte mich mit ganz besonderen 60 Sekunden.
In diesen Jahren verÀnderte sich dann auch mein Charakter.
Dinge, die ich frĂŒher nie getan hĂ€tte, grenzte ich nun nicht mehr aus und gab mich allen sĂŒndhaften Verlockungen hin. Manche Dinge so abscheulich, dass ich mich heute frage, ob es der gleiche Mensch ist, der hier sitzt oder ob es sich doch um einen außerirdischen DĂ€monen handelte, der sich damals meines Körpers bemĂ€chtigte.
Wohl zur Strafe zeigte mir das Schicksal dann die Grenzen meiner Macht auf. Schon als Kind hatte ich mir immer ein Pferd gewĂŒnscht. Jetzt besaß ich ein kleines GestĂŒt. Sich im Alkohol und Drogenrausch noch auf ein Tier zu setzen, dass ĂŒber ein sensibles GemĂŒt verfĂŒgt, kann nur als schwachsinnig bezeichnet werden. Kein Hindernis wird einem da zu hoch. An den Abwurf kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Wohl aber an mein Erwachen im Krankenhaus und an die Stimme des Arztes, der mir im Tonfall der Anteilnahme eröffnete, dass ich mein restliches Leben im Rollstuhl werde verbringen mĂŒssen.
Ich ließ mein Haus behindertengerecht umbauen und gönnte mir einen persönlichen Pfleger. Diesen missbrauchte ich dann auch mehr und mehr als eine Art Diener, den ich mit meinen Kapriolen oftmals bis zur Weißglut trieb. Ein Ă€ußerst großzĂŒgiges Gehalt ließen ihn jedoch meine strapaziösen Launen immer wieder vergessen machen.
Meine Partyfreunde hatten lĂ€ngst das Weite gesucht. Es bestand offenbar kein Interesse, sich die gute Laune von einem Mann im Rollstuhl vermiesen zu lassen. Am Geld konnte ich nun auch keine Freude mehr empfinden. Was nĂŒtzt einem aller Reichtum, wenn einem die schönsten Frauen nur noch mitleidige Blicke schenken.
Aber ich wollte dieses Partyvolk auch nicht mehr um mich haben. Ich erkannte, dass diese oberflÀchliche Schickeria nur gesund zu ertragen war. Wenn man zuviel Zeit zum Nachdenken hatte, musste man zu der Erkenntnis gelangen, dass es besser war, sich nach anderer Gesellschaft umzusehen. Ich wollte wieder unter ganz normalen Leuten sein.
Ich wollte nicht mit Neureichen oder Geldadligen zusammentreffen, denen man in regelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden auf Kreuzfahrten oder an LuxusstrĂ€nden begegnete.
Ich entschied, mich unter Hinz und Kunz zu mischen. Den GesprĂ€chen von Otto Normalverbraucher zu lauschen, die sich ĂŒber die Kleinigkeiten und Unwegsamkeiten des Alltags ausließen. Liebenswerte SpießbĂŒrgerlichkeit, die ich lange nicht mehr erlebt hatte. Als ich eines Tages in der Zeitung blĂ€tterte und eine Reiseannonce erblickte, da hatte ich das Passende gefunden.
Meine erste Busreise fĂŒhrte mich nach Venedig. Es war, wie ich es mir erhofft hatte. Die Gesellschaft der einfachen Leute tat mir gut. Das Prozedere war jedes Mal das gleiche. Die hintersten PlĂ€tze hatte ich immer fĂŒr mich und meinen Pfleger reserviert. Mein Rollstuhl fand im Laderaum der klimatisierten Reisebusse Platz, und der krĂ€ftige Jean-Paul trug mich dann zu meinen Fensterplatz. So hĂ€tte ich wohl weiter LĂ€nder und StĂ€dte bereist, wenn das Schicksal nicht noch weit Kurioseres mit mir vorgehabt hĂ€tte.

Vielleicht muss ich nun fĂŒr die Taten bĂŒĂŸen, die ich lieber nicht begangen hĂ€tte. Ja, ich gebe es zu. Ich habe gelogen und betrogen. Habe Menschen verletzt und enttĂ€uscht. War ĂŒber alle Maßen dekadent und rĂŒcksichtslos. Ich hĂ€tte meine Gabe auch zum Wohle anderer einsetzen können, statt nur an mich zu denken. Aber muss mir nun das Schicksal wirklich auf diese dramatische Weise meine Hilflosigkeit vor Augen fĂŒhren? Gleicht diese absurde Situation nicht einer Farce fĂŒr einen Menschen, der Macht ĂŒber die Zeit hat?
Wieder einmal sitze ich in einem dieser feudalen Reisebusse. Jean-Paul, der links von mir sitzt, ist in ein Buch vertieft und offensichtlich ganz in die Fantasiewelt des Autors abgetaucht. Etwas weiter vorne vertreibt sich ein Ă€lteres Paar die Zeit. Die Frau gießt ihrem Mann den Kaffee aus der Thermoskanne ein. Die braune FlĂŒssigkeit ist jedoch fĂŒr den Moment zur SalzsĂ€ule erstarrt. Eine Reihe davor schiebt sich ein Kind den von der Mutter gereichten Kuchen in den Mund. Eine Wespe schickt sich an, etwas von der sĂŒĂŸen Köstlichkeit abzubekommen. Auch dieses lĂ€stige Insekt wird sich die vollen 60 Sekunden gedulden mĂŒssen.
Doch die geschenkte Minute muss nun bald vorĂŒber sein. LĂ€nger kann ich die Gesetze der Physik nicht außer Kraft setzen. Ich hatte gleich erkannt, dass mir die Zeit nicht reichen wĂŒrde, den Bus ohne fremde Hilfe zu verlassen. Es stimmt demnach, dass in den letzten Sekunden bis zum Tod, Teile des Lebens noch einmal an einem vorĂŒberziehen. Als kleiner Trost erscheint es, dass wir wohl nicht lange werden leiden mĂŒssen. Ich lasse mich erschöpft zurĂŒck auf meinen Sitzplatz fallen. Ich blicke noch einmal nach rechts, dann wende ich mich ab von dem Monster. Ich lehne mich zurĂŒck, schließe die Augen und erwarte die fĂŒrchterliche Kollision. Der Aufprall mit dem nur noch zwei Meter entfernten Schnellzug muss gigantisch sein.


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jon
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Sehr schöne Idee, die leider durch die gewÀhlte ErzÀhlweise viel an Kraft verliert. Das ist ein Stoff, den man "mit der Kamera" (also nicht als Ich-ErzÀhler) darstellen sollte. Vielleicht sogar wirklich Film-Stoff. Meiner Meinung nach.

Ich ĂŒberlege gerade an der BegrĂŒndung dafĂŒr herum 

Ich vermute mal, dass mich die "dahergesagten Wertungen" (ĂŒber die "Moralische QualitĂ€t" der Lebensabschnitte) stören, vielleicht auch, dass ich zwar mit dem Kopf verstehe, was er macht und dass es naheliegt, dies zu tun, aber nicht sehe/fĂŒhle wie und warum es ihm passiert.
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Fugalee Page
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Hallo jon,

auch hier erst mal vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar.

quote:
Sehr schöne Idee, die leider durch die gewÀhlte ErzÀhlweise viel an Kraft verliert. Das ist ein Stoff, den man "mit der Kamera" (also nicht als Ich-ErzÀhler) darstellen sollte. Vielleicht sogar wirklich Film-Stoff. Meiner Meinung nach.
Also, das ist jetzt wirklich eine verrĂŒckte Kiste. Denn gerade die Kamera schwirrte mir im Kopf herum. In meiner Phantasie sieht man zuerst das Gesicht eines alten Mannes in Nahaufnahme. Die Kamera fĂ€hrt langsam zurĂŒck, wĂ€hrend der Mann sich an der RĂŒckenlehne seines Vordermannes hochzieht. Man kann erkennen, dass sich der Alte in einem Bus befindet. Etwas stimmt nicht. Der Alte wirkt sehr aufgeregt. Die Art, wie er sich aufstĂŒtzt. Er muss ein Gebrechen haben. Aber da ist noch etwas anderes.
Und wĂ€hrend der Alte sich noch zitternd aufgestĂŒtzt hĂ€lt, fĂ€hrt die Kamera wieder nahe an ihn heran und eine RĂŒckblende tut sich auf.
Hier beginnt dann der erzÀhlende Text.
Doch jetzt kommt der entscheidende Unterschied. WĂ€hrend im Film, nach einer kurzen ErklĂ€rung des Alten, dann die Handlung inmitten der SchĂŒler im Klassenzimmer, in „wörtlicher Rede“ beginnen wĂŒrde, muss beim Leser hier gleich das Kopfkino einsetzen. Der Alte ist nur der ErzĂ€hler. Der eigentliche Film muss selbst zusammengebastelt werden.
quote:
Ich ĂŒberlege gerade an der BegrĂŒndung dafĂŒr herum 

Ich vermute mal, dass mich die "dahergesagten Wertungen" (ĂŒber die "Moralische QualitĂ€t" der Lebensabschnitte) stören,
Hier handelt es sich ja lediglich um die Lebensweisheiten des Alten, als er seinen Werdegang im Geiste noch einmal durchging.
quote:
vielleicht auch, dass ich zwar mit dem Kopf verstehe, was er macht und dass es naheliegt, dies zu tun, aber nicht sehe/fĂŒhle wie und warum es ihm passiert.
Siehe ganz oben. Zumindest diese Anmerkung wĂŒrde zu meiner Vermutung passen, dass dein Kopfkino durch die reine ErzĂ€hlstruktur nicht einwandfrei funktioniert hat.

Schade, wenn man doch nur mal fĂŒr einen Moment in die Erlebniswelt eines anderen hineinschlĂŒpfen könnte. Das mĂŒsste ein irres GefĂŒhl sein. Man wĂŒrde seine eigenen Geschichten plötzlich mit völlig anderen Augen sehen.
Dann könnte man die Geschichte mit dem fremden Ich umschreiben und danach mit sich selbst vergleichen. Aber vielleicht ist das sogar Material fĂŒr eine neue Story.

Und noch'n Gruß von F. P.

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GabiSils
???
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Du könntest dich vielleicht noch entscheiden, ob Melanie nun doch lieber Sabine heißt; das wĂŒrde zur Entwirrung beitragen

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jon
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 genau sowas wie dein "Eingangsbild" meine ich! Warum schreibst du das nicht? Wieso hast du diese Szene denn ĂŒberhaupt weggelassen? Sie ist doch eigentlich nicht ganz unerheblich fĂŒr den Spannungsbogen 


"Kopfkino" ist immer gut, das Problem ist, dass man dem Leser ein paar Details der Bilder mitgeben muss, die er sich dann "fertig spinnt". Wenn du dem Leser alles ĂŒberlĂ€sst – also das gesamte BĂŒhnenbild, die gesamte Mimik und Gestik der Darsteller, ja sogar das konkrete GefĂŒhl im konkreten Moment (die Close ups sozusagen) – wenn du nichts lieferst außer Plot (mal ganz extrem gesagt, so ist es hier ja doch nicht), dann wird es "irgendein Film". Und kaum etwas ist so schĂ€dlich fĂŒr's Eintauchen in die Geschichte wie Beliebigkeit.


Ich muss an dieser Stelle mal kurz abschweifen. Mir ist klar, dass mein Rezept "mach Film!" nicht universell fĂŒr's erzĂ€hlende Schreiben gilt, ich versteh nur nicht, warum sich viele so schwer damit tun. Mal ehrlich: Neben guten BĂŒchern sind es doch vor allem wirkende Filme (eine Hollywoodschnulze kann da absolut dazugehören), die Lust auf "Stories" machen, oder? Die Geschichten mögen sicher oft genug reichlich platt sein, aber die Typen wissen, wie man erzĂ€hlt (meistens jedenfalls, wenn sie nicht gerade denken, sepcial effects wĂŒrden als Story reichen). Was ist so schlimm daran, sich dieses GefĂŒhl fĂŒr/Wissen ĂŒber ErzĂ€hltechnik einzuverleiben? Zumal man es stĂ€ndig gratis vorgefĂŒhrt bekommt 
 (Aber das nur mal so als Statement.)

-----
Sbaine und Melanie 
 also fĂŒr mich sind das zwei MĂ€dels. Melanie will er, Sabine "hat" er (Kicher: In der 7. Klasse oder so hatten unsere Jungs die MĂ€dels unter sich "aufgeteilt" – vielleicht ist er so an Sabine geraten.)
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GabiSils
???
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Ich war mir erst auch nicht sicher, aber

quote:
und als auch noch Melanie die Hand vor den Mund hielt und laut losprustete,
und spÀter

quote:
Sabine hielt immer noch die Hand vor den Mund

- also wenn es zwei sind, sollte man das schon genauer darstellen oder eben doch eine daraus machen, denn fĂŒr die Geschichte spielt es keine Rolle.

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Fugalee Page
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Hallo GabiSils, Hallo jon,

puh, dann wollen wir mal loslegen.
Der Fall Sabine ist recht schnell geklĂ€rt, schwieriger wird’s dann beim Thema ErzĂ€hlstruktur.
Aber zuerst die Namen.
Hier hat GabiSils richtig vermutet. Ich hab Mist gebaut. Anfangs war Melanie eine Sabine. Und aus Klaus wurde erst JĂŒrgen und dann Torsten. Weshalb? Auch wenn ihr mir das Fell ĂŒber die Ohren zieht. Ich weiß es nicht. Ich war jedenfalls noch nie in eine Melanie verliebt und einen Arsch wie Torsten kenn ich auch nicht. Aber was soll’s? Ich hab (bis jetzt) auch noch nie einer Frau in der FußgĂ€ngerzone das Unterhöschen runtergezogen.

@jon
Ok, dann wird’s schon komplizierter. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, mich richtig zu erklĂ€ren. Das „Eingangsbild“ ist nĂ€mlich kein „Eingangs“ – Bild.
Die Geschichte ist anders gedacht gewesen.
Dem Leser wird recht schnell klar, dass hier jemand aus seinem Leben erzĂ€hlt. Das erste Bild entsteht im Klassenzimmer. Durch die Beschreibungen setzt dann ein kleines Kopfkino ein. Nacheinander erlebt der Leser dann einzelne „Episoden“ im Leben des ErzĂ€hlers mit. Ich denke, auch da kann man sich durch die Beschreibungen Szenen zurechtbasteln. Der Leser spĂŒrt jedoch, dass die Geschichte auf irgendetwas zusteuert. Bereits durch den kursiven Einleitungssatz wird klar, dass ein Ereignis eintreten muss, dem der ErzĂ€hler wohl nicht entrinnen kann.

Als dann die Sequenz mit dem Absturz vom Pferd folgt, ist erst einmal die Luft ein wenig raus. Denn dies kann durchaus als Schicksalsschlag bezeichnet werden. Doch dadurch, dass die Geschichte noch weitergeht, soll eine neue Erwartungshaltung geweckt werden. Kommt da noch was? Dann steuert die Geschichte direkt aufs Ziel zu. Obwohl vorher im Text schon einmal kurz erwÀhnt wurde, dass der ErzÀhler irgendwo sitzt, wird erst jetzt klar, wo er sich befindet. Als nÀchstes erkennt der Leser, dass auch hier die Zeit angehalten wurde. Und am Ende erfÀhrt er auch weshalb.

Und hier liegt unser kleines Problemchen. Du hast vollkommen Recht, dass eine Geschichte sich nach dem Lesen fĂŒr den Leser aufklĂ€ren muss. Das fĂŒhrt uns nun zum „Eingangsbild“. Wenn die Geschichte so beim Leser ankommt, wie ich es mir vorgestellt habe, entsteht dieses „Eingangsbild“ erst nach dem letzten Satz.
WĂŒrde ich diese Eingangssequenz schon vorher erwĂ€hnen, wĂŒrde die Story nicht funktionieren.

Noch mal kurz zusammengefasst: Mir, als Autor, schwirrte natĂŒrlich schon zu Beginn das „Anfangsbild“ im Kopf herum, der Leser sollte dieses Bild erst am Schluss vor Augen haben. In diesen Sekunden, als der alte Mann im Bus saß, kurz bevor er sich beim Vordermann abstĂŒtzte, erlebt der Leser mit dem Alten zusammen, einzelne Stationen aus dessen Leben mit.
Und als der alte Mann sich schließlich in den Sitz zurĂŒckfallen lĂ€sst, sind wir im PrĂ€sens bis zum bitteren Ende dann bei ihm.

Na ja, so schwebte mir’s vor. Ich hoff, ich konnte meine wirren Gedanken einigermaßen zu Papier ÀÀÀh 
 zu Bildschirm bringen. Mal sehen, wie das andere noch sehen.

Vorerst aber mal recht vielen Dank fĂŒr die ganzen EindrĂŒcke. Alles sehr interessant.

F. P.

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